Paul Klees Engel auf weihnächtlichem „Ausflug“

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Paul Klees Engel auf weihnächtlichem „Ausflug“

Von André Pfenninger, 14.12.2012

85 Engel von Paul Klee warten in Bern auf Besuch. Eine bunte Schar, vielseitig und mysteriös. Faszinierend wie ihre „Gäste“, Engel von Charlie Chaplin, Murnau, Joseph Beuys, Wim Wenders usw. Eine Welt voller Überraschungen.

Engel gehören zu den treuesten Begleitern der Menschen. Und dies nicht nur weil sie während Jahrhunderten die christliche Frömmigkeit mitprägten. Seit der Erschaffung der ersten Menschen sind sie zugegen. Und der erste Engel war alles andere als ein Schutzengel. Der göttliche Gesandte musste gemäss biblischer Überlieferung Adam und Eva aus dem Paradies entlassen und ihnen den Weg weisen in eine Welt des Schmerzes, des Leidens und des Todes. Inzwischen haben sich nicht nur die Menschen, sondern auch die Engel vermehrt und ihre Aufgaben vervielfältigt.

Gerade in der Welt der Kunst, wo die himmlischen Boten überall präsent sind, ob in Stein gehauen und majestätisch in den grossen Kathedralen, ob in bunten Glasfenstern, in Gemälden usw. Sie sind allgegenwärtig in der Kinderwelt, wir finden sie jahraus, jahrein an allen nur möglichen und unmöglichen Orten und in allen Formen bis hin zum Kitsch. „Die Zahl der Engel ist unzählig“, so überschreibt der Berner Kultur-Journalist und Kunsthistoriker Konrad Tobler seine äusserst lesenswerte „Kurze Kunstgeschichte des Engelmotivs“ im ebenso empfehlenswerten Katalog zur Ausstellung „Paul Klee – Die Engel“ im Zentrum Paul Klee (ZPK) in Bern. 2013 fliegen die Engel zu Ausstellungen in Deutschland.*

Vom Vorläufer zum Spätwerk

Meister Klee, Lehrer am Bauhaus –Titel einer gleichzeitig im ZPK stattfindenden und ebenfalls sehenswerten Ausstellung – hat die Engel in seinem Werk nicht vernachlässigt. Im Gegenteil, sie nehmen eine zentrale Stellung ein. Insgesamt hat Paul Klee (1879 – 1940) etwa 100 Engelbilder hinterlassen (60 davon im Besitze des ZPK). Erstmals sind 85 in einer Ausstellung versammelt. Die meisten Darstellungen sind zwischen 1938 und 1940 entstanden, in den letzten zwei Lebensjahren des Künstlers. Doch schon früh finden Engel vereinzelt Einzug in Klees Schaffen. Die Zeichnungen des Christkindes, die der fünfjährige Klee aufbewahrt hatte, werden als Vorstufe seiner späteren Engel angesehen. Der berühmteste Engel, Angelus novus aus dem Jahr 1920, kam zu einem befristeten Aufenthalt aus dem Israel-Museum in Jerusalem nach Bern. Es handelt sich hier sowohl um einen Einzelgänger als auch um einen Vorläufer der Engelsdarstellungen von Paul Klee. Weltberühmtheit erlangte das Bild, eine aquarellierte Ölpausezeichnung, dank dem damaligen Besitzer, dem deutschen Philosophen Walter Benjamin. Dieser erkannte im Bild philosophische, kulturpolitische Aussagen und Zukunfts-Visionen. Benjamins vielschichtige Deutungen machten Angelus novus zum „Engel der Geschichte“. Auf abenteuerlichem Weg gelangte das Bild nach Jerusalem und fand dort eine Bleibe.

In der Berner Ausstellung stehen jedoch die Engel in Klees Spätwerk im Vordergrund.

Angelus novum, 1920, einer frühen Engel von Paul Klee. Ölpause und Aquarell auf Papier und Karton, 32,8 cm x 24,2 cm. The Israel Museum, Jerusalem. Schenkung John und Paul Herring, Jo Carole und Ronald Lauder, Fania und Gershom Scholem.
Angelus novum, 1920, einer frühen Engel von Paul Klee. Ölpause und Aquarell auf Papier und Karton, 32,8 cm x 24,2 cm. The Israel Museum, Jerusalem. Schenkung John und Paul Herring, Jo Carole und Ronald Lauder, Fania und Gershom Scholem.

Klees Engel sind sehr vielseitig. Sie gehören zu den beliebtesten und populärsten Werken des Meisters. „Der geflügelte Himmelsbote wird zum Sinnbild des selbstbewussten und autonomen Künstlers als Vermittler metaphysischer Wahrheiten gegenüber dem profanen menschlichen Dasein“, schreibt im Vorwort des Katalogs Peter Fischer, der Direktor des ZPK. Klee hat seinen Engeln viele Gesichter gegeben. Er hat sie mehrheitlich zeichnerisch festgehalten. Es sind einfache, klare Linien. Darin kommt die Schlichtheit der Engel zum Ausdruck. Manchmal sind es Schutzengel. Manchmal überbringen sie Geschenke. Manchmal sind sie hässlich. Manchmal schmunzeln sie und sind verspielt oder sind vergesslich, traurig und sorgenvoll. Nicht selten stehen sie in Teufels Nachbarschaft. Oder kommen beispielsweise in der Gestalt des Chindlifrässers (Berne oblige…) oder als Schellen-Engel daher (der Schellen-Ursli ist nicht weit…). Feiner Humor verleiht den himmlischen Gestalten sympathische Züge und Lebendigkeit, was ihre Menschennähe unterstreicht. Nie schweben sie in unerreichbaren Höhen oder sind in Wolken eingehüllt. Ihre himmlische Herkunft ist nicht primär augenfällig. Eines ist unübersehbar, Klees Engel weichen von der klassischen Engelsdarstellung grundsätzlich ab. Peter Fischer präzisiert in seinem Vorwort „Und wenn die Engel in Klees Spätwerk immer deutlicher ihre ambivalente Seite hervorkehren, wenn die menschlichen Züge und die menschlichen Schwächen überhand nehmen, mag man dies zu Recht als modernen Ausdruck der Skepsis angesichts einer mehr und mehr zerrissenen Welt und als Zeichen einer gespaltenen menschlichen Befindlichkeit lesen“. In Klees Engeln widerspiegelt sich in der Tat ein Welt- und Menschenbild. Ein Bezug zur Religiosität, zur ausgesprochenen Spiritualität, ist hingegen eher schwer erkennbar, wenn überhaupt. Professor Gregor Wedekind /Mainz deutet jedoch „Klees Kunst als eine Kunst im Hinblick auf das Höhere“. Die geistigen Dimensionen sind abgesteckt. Die Engel sind Zeugen.

Wachsamer Engel, 1939. Feder und Tempera auf Grundierung auf Papier, 48,5 x 33 cm. Aus Privatsammlung Bern.
Wachsamer Engel, 1939. Feder und Tempera auf Grundierung auf Papier, 48,5 x 33 cm. Aus Privatsammlung Bern.

Die Ausstellung, nach einer Idee von Christine Hopfengart, Konservatorin am ZPK, vermittelt ein nahtloses, lückenloses Bild von Klees Engeln. Die Kuratoren, Direktor Peter Fischer und Eva Wiederkehr, haben eine intelligente Gliederung gewählt Die einzelnen Kapitel wie Frühe Engel, Trunkene Engel und Schutzengel, Engel im Werden, Engel menschlich – allzu menschlich, Zwischen Gut und Böse und Woher? Wo? Wozu? erweisen sich als aufschlussreiche Wegweiser durch Klees Engelswelt. Gerade diese drei Fragen verweisen jedoch auf die nicht nur irdische Bedeutung, die der Künstler, ein Sucher auf dem Weg in die Ewigkeit, den himmlischen Wesen beigemessen hat. Hinweis wohl auch auf den persönlichen, inneren Bezug zu seinen beflügelten Kreationen. Paul Klee wusste von seinem Gesundheitszustand, ahnte wohl auch, dass sich sein Leben dem Ende nahte. Zeichen der Verwundung, der Zerbrechlichkeit und des Leidens sind sichtbar. Ein Engel hat eine Belastungs-Probe, Engel voller Hoffnung, Engel vom Stern sind Titel und Bilder von grosser Aussagekraft, und machen deutlich, wie sehr diese himmlischen Bote in seinen letzten beiden Lebensjahren treue Gefährten waren. „Die Engelsdarstellungen Paul Klees erfahren während des letzten Schaffensjahres eine eindrückliche inhaltliche Verdichtung und werden zu berührenden Zeugnissen der Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen des Lebens“, wie Michael Baumgartner, der Leiter der Abteilung Sammlung/Ausstellungen/Forschung im ZPK (und Herausgeber des Katalogs) die Entwicklungsphase bei Klee definiert.

Und Engel von anderen

Klees Engel sind nicht allein in der Ausstellung. Peter Fischer war es ein Anliegen, in einem speziellen, separaten Teil Engel von anderen und Engel anderer Art zu präsentieren. Die sehr breit gefächerte Präsentation zeigt, wie das Engelsmotiv in der Fotografie, im Film und der Videokunst zum Teil auf spektakuläre Art und Weise aufgenommen und vermittelt wird. Es ist nicht bloss eine Ergänzung zum zeichnerischen und malerischen Werk von Paul Klee, sondern vielmehr eine Art Bindestrich, ein Zeichen einer gewissen, wenn auch manchmal fernen verwandtschaftlichen Zusammengehörigkeit, obwohl die geistigen Dimensionen doch nicht dieselben sind. Fischer ist der Ansicht, „dass gerade diese vermeintlich die Wirklichkeit wiedergebenden Medien besonders geeignet sind, im Grenzbereich von Sein und Schein bildlich zu operieren“.

Die fast unbegrenzten technischen Möglichkeiten der modernen Ausdrucksformen gestatten es, die Thematik des Mystischen und Übersinnlichen aussagestark, ja schockartig und nicht selten provozierend darzustellen. Dazu gehört sicher die Installation des chinesischen Künstlerduos Sun Yan (1972) & Peng Yu (1974): Angel (2008) Ein mehrdeutiges und zwiespältiges, ja irritierendes Werk, das einen gefallenen Engel, in einem Netz-Käfig gefangen, darstellt. Von der Verwendung von extremen Bildsprachen und ästhetischen Mitteln wird bei den zeitgenössischen Darstellungen kaum Abstand genommen(Science Fiction-Techniken, Sprache der Werbung usw.). Doch auch hier wie bei Paul Klee ist der Engel ein Grenzgänger zwischen den Welten, zwischen Realität und metaphysischer Imagination, und verliert als solcher zu keiner Zeit an Aktualität, wie die ZPK-Ausstellungsmacher betonen. Gezeigt werden Werke und Werkausschnitte von Künstlern wie Charlie Chaplin (die Traumsequenz aus The Kid/1921), Friedrich Wilhelm Murnau, Karl Valentin, Joseph Beuys, Wim Wenders, Mariko Mori, Pierre et Gilles, um nur diese paar zu nennen.


Zentrum Paul Klee, Bern. Bis 20 Januar 2013. Katalog. Museum Folkwang, Essen (1. Februar bis 14. April 2013 Kunsthalle Hamburg (26. April bis 7.Juli 2013. Beide Ausstellungen in Deutschland nur mit Klees Engel)

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