Nordkorea einfach!

Peter Achten's picture

Nordkorea einfach!

Von Peter Achten, 25.01.2018

Darf man nach einem Vierteljahrhundert Staatsfernsehen im Fernen Osten – China, Nordkorea, Vietnam – eine Meinung zu „No Billag“ haben? Man darf, man soll, man muss.

Als Asien- und China-Korrespondent reichte der Blick hin und wieder über den asiatischen Tellerrand hinaus. Zumal für einen Schweizer. Auffallend dabei: In den letzten Jahren war in den helvetischen, meist deutschschweizerischen Gazetten und lokalen elektronischen Medien im Zusammenhang mit der SRG fast durchwegs vom „Staatsfernsehen“ und etwas weniger von „Staatsradio“ die Rede.

Kampfbegriff

Redaktoren, Nachrichten-Journalisten und Kommentatoren, welche die Grundregeln des Handwerks beherrschen sollten, verwendeten mir nichts dir nichts bewusst oder – schlimmer noch – unreflektiert den Kampfbegriff „Staatsfernsehen“. Darauf erhielten sie jeweils von Ihrem Korrespondenten eine freundliche E-Mail. „Liebe Kollegin, lieber Kollege“, hiess es da, „in Nordkorea, China, Vietnam gibt es Staatsmedien. In der Schweiz gibt es öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen – ein kleiner, entscheidender Unterschied – mit freundlichen Grüssen.“

In der aktuellen No-Billag-Diskussion feiert der Kampfbegriff Staatsfernsehen wieder fröhlich Urständ, vor allem unter Politikern und libertär angehauchten Ökonomen. Der Markt allein soll es richten, alles andere ist staatlich und mithin des Teufels. In der „sozialistischen Marktwirtschaft mit chinesischen Besonderheiten“ oder der illegalen kleinen Marktwirtschaft Nordkoreas würde die unsichtbare Hand vielleicht funktionieren, weil dort die Märkte im Unterschied zur kleinräumigen Schweiz gross, ja riesengross sind. Schliesslich kennen Chinas Xi Jinping und Nordkoreas Kim Jong-un sehr wohl ihren Adam Smith, Keanes, Hayek, Schumpeter und dergleichen. In Ostasien darf jedoch der Markt nur in der Wirtschaft spielen, nicht aber in den Medien – da seien Marx, Engels Lenin, Stalin, Mao und Kim Il-sung vor. In Nordkorea, China oder Vietnam gibt es auf diese Weise echtes Staatsfernsehen, genuines Staatsradio vom Feinsten und anstatt Zwangsgebühren wirksamen Zwang auf allen Ebenen.

Demagogisch abstrus

Den fetten Titel, „Die Schweiz braucht keine Staatsmedien“, klatschte das selbsternannte Leitmedium der Schweiz von der Zürcher Falkenstrasse 11 auf die Frontseite einer Samstagsausgabe. Geschrieben hat es herablassend im Elfenbeinturm Eric Gujer, Chefredaktor. Die demagogischen Zeilen kommen ohne jede Recherche aus, sind jenseits aller offensichtlichen Fakten, voller unbelegter Behauptungen und medienwirtschaftlich abstrus.

Und wiederum: Im neuen Zeitalter kann es nur der Markt richten. Der Text ist, um es zurückhaltend höflich zu formulieren, flach und unredlich. Dabei hätte der Chefredaktor nur im Büro seines kompetenten Medienredaktors Rainer Stadler – auch er ein SRG-Kritiker – vorbeischauen müssen, um sich kundig zu machen. Besser macht es Kurt W. Zimmermann, Medienkolumnist bei der Weltwoche. Er macht gleich Vorschläge, wie die SRG auf dem Schweizer Markt dank Werbung überleben könnte. Wie Zimmermann, selbst auch Verleger, die Märkte Deutschschweiz, Romandie, Ticino derart schräg analysieren kann, bleibt sein Geheimnis.

Plan B

Immerhin hat einer bei Zimmi – wie er unter Kollegen heisst – vermutlich abgekupfert. Es ist ein studierter Ökonom und Politiker einer staatstragenden Partei. FDP-Nationalrat Hans-Ulrich Bigler, Direktor des einflussreichen Schweizerischen Gewerbeverbandes, liess nach eigenem Bekunden einen Plan B für die SRG ausarbeiten. Ein Plan B, fast wie in der Weltwoche von Zimmermann skizziert. Sei’s drum. Der kleine, zersplitterte Markt Schweiz jedenfalls soll es da richten. Die SRG, so Ökonom Bigler, werde „No Billag“ überleben Mit Abos, Pay-TV und weiteren Schmonzetten der Unsichtbaren Hand.

Voodoo-Economics

Das sind nur drei Beispiele von Voodoo-Economics gegen den „Staatssender“ SRG. „Zwangsgebühren“ füttern den ineffizienten Staatsmoloch, beklagen sich die No-Billag-Befürworter. Man muss jetzt nicht gerade in den Ton des seligen Angedenkens an den Kalten Krieg verfallen und ausrufen: Moskau einfach! Auch „Nordkorea einfach!“ wäre in Staatssender-Zusammenhang wohl übertrieben. Doch ein „Nordkorea retour!“ mag durchaus angebracht sein. In Pjöngjang nämlich – oder wahlweise in Peking oder Hanoi – liesse sich trefflich der Unterschied zwischen einem Staatssender und einer öffentlich-rechtlichen Anstalt recherchieren.

Danach könnte endlich die längst überfällige Diskussion über den Service Public und die nötige Kritik an der SRG beginnen.

PS: Der Autor hat jahrzehntelang fürs Schweizerische Farbfernsehen und das Schweizerische Schwarz-Weiss-Radio gearbeitet und dafür natürlich horrend überrissene Honorare bezogen. Während der gelegentlichen Ferienreisen in die Schweiz hat er in den letzten Jahrzehnten nie die Billag-Zwangsgebühr entrichten müssen. Politisch tarnte sich der Autor wie so viele SRG-Journalisten als parteilos, war aber tatsächlich links bis extrem links, was Mitte der 1970er Jahre bereits der Hoferclub und Mitte der 1980er Jahre auch das Leitblatt von der Zürcher Falkenstrasse festgestellt haben.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Mit meinem Geld kämpft die SRG gegen meine Meinung!

Ohne mein Einverständnis wurde mir vor einiger Zeit eine weitere Steuer auferlegt (rund 20% meiner AHV für einen Monat), die u.a. dazu benützt wird, um den Parteien Gratis-Werbung an Propagandasendern zu ermöglichen. Da die leitenden Gremien, wie von der NZZ aufgezeigt, zum grossen Teil von Mitgliedern der CVP, an zweiter Stelle der SPS besetzt sind, setzen sie dort subtil ihre Sicht durch. Deshalb konnten bei den von Bundesrat und Parlament getroffenen Massnahmen zur Zerschlagung der Armee (WEA) nur ausnahmesweise Befürworter einer verfassungsmässigen, d.h. kriegsverhindernden Armee zu Wort kommen.
Was dem Verfasser schon aufgefallen war, bestätigt nun ein Artikel in der Basler Zeitung vom 6.01.02.2018: Grosszügig entlöhnte Mitglieder der Generaldirektion der SRG bekämpfen aktiv die Meinung der Befürworter der Initiative, also auch meine. Ihre Kosten und Arbeitszeit werden mit dem mir gegen meinen und den Willen vieler anderer unfreiwilliger Zwangssteuerzahler abgenommen Geld bezahlt.
Das ist die praktische Anwendung der im Abstimmungskampf beschworenen, unersetzlichen Rolle der SRG als Verteidiger der Demokratie.

Lieber Peter Achten, Ob links bis extrem links oder whatever - ich geniesse es immer wieder Ihre Artikel zu lesen, auch wenn ich persönlich eher in der Mitte mit leichtem Rechtsdrang stehe.
Alles Gute wünscht herzlich - R.Müller

Noch immer höre oder lese ich gerne was P.Achten von sich gibt. Seit 40 Jahren...

Voll ins Schwarze getroffen! Zudem: Ich lese seit vierzig Jahren die NZZ und hoffe, das weiterhin tun zu können. Das machen mir der derzeitige Chefredaktor und die da und dort auftauchenden Texte aus doch etwas spezieller politischer und philosophischer Ecke zunehmend schwerer. Jedenfalls auch diesbezüglich eine sehr treffende Charakterisierung. Vielen Dank, Peter Achten.

Ein hervorragender Kommentar von Herrn Peter Achten. Sachlich gehalten mit einer leichten Brise Ironie. So würde ich mir Politiker wünschen: mehr Fakten, mehr kritische Distanz und keine populistischen Fake News. Und ich staune, dass ein studierter Ökonom wie Herr Bigler so unrealistische Voodoo-Economics verzapft.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren