Nie fertig sein. Weitermachen!

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Nie fertig sein. Weitermachen!

Von Carl Bossard, 26.12.2017

Die Zeit zwischen den Jahren entzieht sich beharrlich der Eile. Sie erlaubt etwas, was im hektischen Alltag oft zu kurz kommt: Nachdenken. Eine Erinnerung an den vergessenen Philosophen Alain.

„Ein Weiser, der seinen Garten pflegt und kaum etwas sagt, rühmt sich, die gesamte Lehre vom Handeln in zwei Kapiteln zusammengefasst zu haben. Jedes der beiden Kapitel besteht aus einem einzigen Wort.

Erstes Kapitel: Weitermachen.

Zweites Kapitel: Anfangen.

Die Reihenfolge, die einen erstaunen lässt, macht fast die ganze Idee aus. Nachdenken ist besser als Diskutieren!“

Weitermachen, um etwas zu verändern

Das erste der beiden Kapitel, das vom Weitermachen, schliesst mit dem zentralen Satz: „Weitermachen, das ist das einzige Mittel, etwas zu verändern.“ Vielleicht bringt dieser Satz alle Erfahrungen einer Bildungsarbeit auf den Punkt, vielleicht sogar die wichtigste Antriebskraft unseres menschlichen Daseins.

Den überraschenden Gedanken verfasst hat Alain. Wenn sich Nietzsche den Psychologen unter den Philosophen nannte, wenn Thomas von Aquin der Theologe unter ihnen war, so gilt der Franzose Émile-Auguste Chartier (1868–1951) als der Pädagoge unter den Denkern. Unter dem Pseudonym Alain schrieb er jeden Tag einen kurzen Zeitungstext, ein sogenanntes Propos. [1] Philosophie für ganz gewöhnliche Leserinnen und Leser.

Das „Wie“ liegt in unserer Hand

Noch einmal: „Weitermachen, das ist das einzige Mittel, etwas zu verändern.“ Weitermachen bedeutet: jeden Tag in neue Situationen geraten, nicht ausweichen, hindurchwollen, vor Entscheide gestellt sein und diesen „Zwang zur Freiheit“ – wie wir Bildung vielleicht umschreiben könnten – mit Humor tragen, dies im Bewusstsein: Das „Wie“ liegt in unserer Hand. [2] So wird jeder Tag ein neuer Tag. Und so können wir weitermachen, Tag für Tag, Woche für Woche – und immer wieder anfangen. Das freie Selbst ist nie fertig. Es bildet sich weiter. Ein Leben lang bleibt es unterwegs.

Im Aufbrechen liegt das Glück

„Paris ist nichts, Basel ist nichts, Unterwegssein ist alles.“ So sah es Arnold Kübler, Gründer des Kulturmagazins DU, im Buch „Paris – Bâle à pied“. Das Unterwegssein als Metapher fürs Leben, die Pilgerreise als Bild für den Homo Viator. Nicht im Ankommen liege das Glück, nein, im Aufbrechen, rubrizierte der kluge Kolumnist Kübler, im stetigen Vorwärtsziehen und Weitermachen.

Aber stimmt das? Nie fertig? Ein Leben lang Bildungsruine bleiben – sozusagen ein moderner Sisyphos? Oben ankommen wäre bequem. Doch was sollen wir denn dort oben machen? Uns hinlegen und ausruhen? Pablo Picassos nagende Angst vor dem Fertigen wäre wohl bald zu Gast – und damit die drei Heidegger’schen Gefahren: sicher sein, fertig sein, genau wissen.

Beherzt weitermachen und schwungvoll anfangen

Weitermachen, das ist das Mittel, etwas zu verändern. Und was bedeutet nun „anfangen“? Nochmals der Philosoph Alain: „Denken Sie darüber nach, dass das Denken keine Handlung ausführen kann, die nicht schon begonnen wäre.“ Und weiter sagt er: „… es ist ganz nutzlos, nachzudenken über das, was man tun will, solange man sich nicht ans Werk begeben hat.“

In diesem Sinne gibt es für den bevorstehenden Aufbruch ins neue Jahr nur eines: beherzt weitermachen und schwungvoll anfangen. Wieder ans Werk gehen und unbedingt am Werk bleiben. Tag für Tag, Woche für Woche. Nie fertig sein. Weitermachen! Und immer wieder anfangen.

[1] Alain, Sich beobachten heisst, sich verändern. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag 2016; ders., Die Kunst, sich und andere zu erkennen. Fünfundfünzig Propos und ein Essai. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1991.

[2] Werner Hegglin, Neu werden. Unter welchen Bedingungen?, in: Jahresbericht Lehrerseminar St. Michael Zug 1995/96, S. 24-25.

Kommentare

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"Weitermachen! Und immer wieder anfangen."
Mit was? Ist das als Aufmunterung für suizidal Depressive gedacht? Ja dann ok, Augen zu und durch. Jeder Werktätige wird nicht darum herum kommen, auch nach den Feiertagen wieder in den Stollen zurück zu müssen. Das soll selbst C. G. Jung als beste Therapie nach Krisen empfohlen haben (sinngemäss): Nichts anmerken lassen, wieder zurück in die Gesellschaft, arbeiten gehen und seinen Platz ausfüllen. Selber würde ich dazu aber auch meinen (wenn es jemanden interessieren würde): Halt! Stop! Sichern! Alles einstellen! Umkehren und aufhören und zurück auf Platz 0. Dann alles tun sein lassen und nach innen gehen. (Frommer Wunsch;-) Dort ist es grösser als aussen, grenzenlos. Frag die Mönche, Nonnen und Weisen. Und das freie Selbst war schon immer makellos und angekommen. Es muss nur wieder von den angehafteten Tätigkeiten mit all ihren Verletzungen gereinigt werden. Warum tun wir uns diese Welt bloss an? Für Wachstum? Von Kriegen und Zerstörung? Alles was du tun musst, ist dich fragen: "Wer bin ich?
Der grobstoffliche Körper, welcher aus den sieben Körperflüssigkeiten (dhatus) besteht, bin ich nicht.
Die fünf erkennenden Sinnesorgane, nämlich das Gehör, der Tastsinn, der Sehsinn, der Geschmackssinn und der Geruchssinn, welche die entsprechenden
Objekte wahrnehmen, nämlich Klang, Berührung, Farbe, Geschmack und Geruch, bin ich nicht.
Die fünf handelnden Sinnesorgane, nämlich die Organe der Sprache, der Fortbewegung, des Greifens, der Ausscheidung und der Fortpflanzung, deren Funktionen das Sprechen, die Fortbewegung, das Greifen, die Ausscheidung und das sich Erfreuen sind, bin ich nicht.
Die fünf Lebensströme (prana usw.) welche die entsprechenden Funktionen (Einatmung usw.) erfüllen, bin ich nicht.
Sogar der denkende Geist bin ich nicht,
auch nicht das Unterbewusstsein, in welchem es nur die verbliebenen Eindrücke von Objekten, aber keine Funktionen und keine Objekte an sich gibt.
Wenn ich nichts davon bin, wer bin ich dann?
Nachdem man alles oben genannte als “nicht dies, nicht das” verneint hat, bleibt nur noch Gewahrsein - und DAS bin ich."
Ramana Maharshi

In diesem Sinne: Guete Rutsch und guets Neus allersiits.

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