Mit Flammenwerfern gegen Aufständische

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Mit Flammenwerfern gegen Aufständische

Von Heiner Hug, 31.07.2019

Vor 75 Jahren begann die grösste einzelne bewaffnete Revolte gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Nach 63 Tagen wurde sie niedergeschlagen.

Am 1. August 1944 erhebt sich in Warschau die polnische Heimatarmee gegen die Deutschen. Gut zwei Monate lang kämpften die Aufständischen gegen die deutsche Wehrmacht. Es war eine heroische, aber von Anfang an aussichtslose Revolte.

80 Prozent der polnischen Hauptstadt wurden zerstört. Die deutschen massakrierten nicht nur Aufständische, sondern auch weite Teile der Zivilbevölkerung. Je nach Quelle starben 200’000 bis 220’000 Zivilisten.

Bild der deutschen Propagandakompanie: In der Bildlegende hiess es: In den Strassen von Warschau nach Zerschlagen des Aufstandes. Wie ausgelöscht ist jedes Leben, jeder Verkehr. Unsagbares Unglück brachten diese von London und Moskau aufgehetzten Aufständischen über die bis dahin friedlich ihrer Beschäftigung nachgehenden Bevölkerung. Schutt und Asche bleiben als Zeugen des Verrats Moskaus an den Polen in einer entscheidenden Stunde. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, Bild 146-1973-113-23, Foto: SS-PK-Schremmer, 11. September 1944)
Bild der deutschen Propagandakompanie: In der Bildlegende hiess es: In den Strassen von Warschau nach Zerschlagen des Aufstandes. Wie ausgelöscht ist jedes Leben, jeder Verkehr. Unsagbares Unglück brachten diese von London und Moskau aufgehetzten Aufständischen über die bis dahin friedlich ihrer Beschäftigung nachgehenden Bevölkerung. Schutt und Asche bleiben als Zeugen des Verrats Moskaus an den Polen in einer entscheidenden Stunde. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, Bild 146-1973-113-23, Foto: SS-PK-Schremmer, 11. September 1944)

Am 2. Oktober kapitulierten die Aufständischen. Sie hatten vergebens auf ein Eingreifen der Stalin-Armee gehofft.

(Bild: Deutsches Bundesarchiv, Bild 183-J27793, Foto: Schremmer, September 1944)
(Bild: Deutsches Bundesarchiv, Bild 183-J27793, Foto: Schremmer, September 1944)

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Kurz nach der Eroberung Polens durch die Deutschen konstituierte sich eine polnische Exilregierung, zunächst in Paris und Angers und nach der Eroberung Frankreichs in London.

In Polen selbst entstand eine Untergrundorganisation, der sich zahlreiche Widerstandgruppen anschlossen und die Befehle der Exilregierung entgegennahm. Dieser Widerstand wurde als „Armia Krajowa“ bezeichnet: Heimatarmee. Ihm gehörten über 300’000 Mitglieder an.

Kommandant war zunächst Divisionsgeneral Stefan Rowecki, der im Sommer 1943 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet wurde. Sein Nachfolger wurde Graf Tadeusz Komorowski, der am 1. August 1944 den Befehl zum Aufstand gab. Allein in Warschau zählte die Heimatarmee etwa 40’000 Kämpfer, denen es allerdings an Waffen mangelte.

Das (gescheiterte) Attentat auf Hitler am 20. Juli und der Vormarsch der Alliierten in Frankreich bestärkte den polnischen Widerstand in der Hoffnung, dass die deutsche Armee geschwächt sei.

Am 31. Juli traf die (falsche) Meldung ein, sowjetische Truppen hätten den östlichen Warschauer Stadtteil Praga erreicht. Anschliessend gab Komorowski den Befehl zum Losschlagen am 1. August um 17.00 Uhr. Er hoffte, die Sowjets würden der Heimatarmee beistehen.

In den ersten Tagen konnten die Widerstandskämpfer einige Erfolge verbuchen. Sie eroberten Gebiete links der Weichsel und konnten gar einige KZ-Gefangene befreien. Doch bereits am ersten Tag wurden 2’000 Aufständische getötet.

Deutscher Soldat mit Karabiner K 98 (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 101I-695-0403-30, Fotograf: Möller, August 1944)
Deutscher Soldat mit Karabiner K 98 (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 101I-695-0403-30, Fotograf: Möller, August 1944)

Heinrich Himmler gab den Befehl, alle nicht-deutschen Einwohner zu töten und die Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Im Stadtteil Wola fand ein erstes Massaker statt, bei dem 50’000 Polinnen und Polen getötet wurden.

Abfeuern eines Raketenwerfers mit 28-cm-Wurfkörper (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 101I-696-0426-14, Fotogtaf Karl Leher, August/September 1944)
Abfeuern eines Raketenwerfers mit 28-cm-Wurfkörper (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 101I-696-0426-14, Fotogtaf Karl Leher, August/September 1944)

Abfeuern eines Raketenwerfers mit 28-cm-Wurfkörper (Bild: Deutsches Bundesarchiv 101I-696-0426-14, Fotograf: Karl Leher, August/September 1944)
Abfeuern eines Raketenwerfers mit 28-cm-Wurfkörper (Bild: Deutsches Bundesarchiv 101I-696-0426-14, Fotograf: Karl Leher, August/September 1944)

Inzwischen verlegten die Deutschen weitere Truppen nach Warschau. Am 13. August 1944 starteten sie mit rund 40’000 Mann eine Grossoffensive mit Panzern, Artillerie und der Luftwaffe gegen die Heimatarmee. In der Altstadt entwickelte sich ein Kampf von Haus zu Haus.

Abfeuern eines Raketenwerfers (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 101I-696-0426-19, Fotograf: Karl Leher, August/September 1944)
Abfeuern eines Raketenwerfers (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 101I-696-0426-19, Fotograf: Karl Leher, August/September 1944)

Deutsche Soldaten mit Panzerabwehrkanone (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 101I-695-0425-38, Fotograf: Karl Leher, August 1944)
Deutsche Soldaten mit Panzerabwehrkanone (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 101I-695-0425-38, Fotograf: Karl Leher, August 1944)

Warum hat die Rote Armee nicht eingegriffen? Darüber spekulieren Historiker noch heute. Eine – eher unwahrscheinliche – Deutung lautet so: Die Sowjets hätten von dem Aufstand nichts gewusst. Eher plausibel ist, dass die stockende Westoffensive der Roten Armee Grund für das passive Verhalten war. Die Deutschen hatten in den ersten Augusttagen bei Warschau einen erfolgreichen Gegenschlag gegen den sowjetischen Vormarsch gestartet. So waren die Sowjets geschwächt, heisst es, und konnten nicht auch noch in Warschau eingreifen.

Eine Frau mit Kinderwagen sucht Zuflucht in der St. Adalbert-Kirche in der Wolskastrasse (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 101I-695-0423-21, Fotograf: Karl Leher, August 1944)
Eine Frau mit Kinderwagen sucht Zuflucht in der St. Adalbert-Kirche in der Wolskastrasse (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 101I-695-0423-21, Fotograf: Karl Leher, August 1944)

Nach drei Wochen gingen die Nahrungsmittelvorräte für die Heimatarmee zu Ende. Die medizinische Versorgung brach zusammen. Es fehlte an Wasser.

Die Deutschen verhafteten zehntausende Menschen. Die meisten wurden massakriert, andere als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert.

Verhaftete polnische Zivilisten (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 101I-695-0412-15, Fotograf: Josef Gutermann, August 1944)
Verhaftete polnische Zivilisten (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 101I-695-0412-15, Fotograf: Josef Gutermann, August 1944)

Flüchtende Zivilisten, links ein Panzerjäger Marder II (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 101I-695-0423-14, Fotograf: Karl Leher, August 1944)
Flüchtende Zivilisten, links ein Panzerjäger Marder II (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 101I-695-0423-14, Fotograf: Karl Leher, August 1944)

Am 9.September griff dann doch die sowjetische Luftwaffe ein und bombardierte deutsche Stellungen. Die Rote Armee begann das östliche Weichselufer zu besetzen, verhielt sich allerdings passiv und kam der Heimatarmee nicht zu Hilfe. Neben den rund 200’000 zivilen Opfern starben auf polnischer Seite 25’000 Kämpfer.

Deutscher Propagandatext von dazumal: „Nach der Zerschlagung des Aufstandes in Warschau durch deutsche Truppen, ziehen die aus ihren Kellern wieder hervorgekommenen Einwohner in die wenigen zerstörten Stadtteile der Stadt. Unsagbares Leid und Elend brachten die Aufständischen über die arme Bevölkerung. Selbst Kranke wurden von den Aufständischen in engen, feuchten Kellern gefangen gehalten.“ (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 146-2005-0040, Fotograf: Richard Moschner, September/Oktober 1944)
Deutscher Propagandatext von dazumal: „Nach der Zerschlagung des Aufstandes in Warschau durch deutsche Truppen, ziehen die aus ihren Kellern wieder hervorgekommenen Einwohner in die wenigen zerstörten Stadtteile der Stadt. Unsagbares Leid und Elend brachten die Aufständischen über die arme Bevölkerung. Selbst Kranke wurden von den Aufständischen in engen, feuchten Kellern gefangen gehalten.“ (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 146-2005-0040, Fotograf: Richard Moschner, September/Oktober 1944)

Auf deutscher Seite kamen je nach Quelle zwischen 3’000 und 10’000 Soldaten ums Leben.

Bildlegende der deutschen Propagandakompanie: „Das erste Stück Brot nach langen Wochen. Gierig strecken sich die Hände der halbverhungerten Warschauer Zivilbevölkerung dem Brot entgegen, das die deutsche Führung durch das polnische Rote Kreuz verteilen lässt.“ (Bild: Deutsches Bundesarchiv,  146-2005-0042, Fotograf: Augustin Ahrens, September/Oktober 1944)
Bildlegende der deutschen Propagandakompanie: „Das erste Stück Brot nach langen Wochen. Gierig strecken sich die Hände der halbverhungerten Warschauer Zivilbevölkerung dem Brot entgegen, das die deutsche Führung durch das polnische Rote Kreuz verteilen lässt.“ (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 146-2005-0042, Fotograf: Augustin Ahrens, September/Oktober 1944)

Die Aufständischen versteckten und bewegten sich oft in Abwasserkanälen. Der polnische Filmregisseur Andrzej Wajda setzte diesen „Kanalratten“, wie sie genannt wurden, mit dem 1956 entstandenen Film „Der Kanal“ ein erschütterndes Denkmal.

Bildlegende der Propagandakompanie der Wehrmacht: „Warschau - das Ende einer Rebellion. Nach dem Zusammenbruch des Warschauer Aufstanden. Aus zerfallenen Kellern und feuchten Kanalisationsschächten kriechen die halbverhungerten, von Moskau und London im Stich gelassenen Aufständischen heraus und wandern in die Gefangenschaft.“ (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 146-1994-054-30, Fotograf: August Ahrens, September/Oktober 1944)
Bildlegende der Propagandakompanie der Wehrmacht: „Warschau - das Ende einer Rebellion. Nach dem Zusammenbruch des Warschauer Aufstanden. Aus zerfallenen Kellern und feuchten Kanalisationsschächten kriechen die halbverhungerten, von Moskau und London im Stich gelassenen Aufständischen heraus und wandern in die Gefangenschaft.“ (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 146-1994-054-30, Fotograf: August Ahrens, September/Oktober 1944)

Kurz vor der Kapitulation am 4. Oktober übermittelte die Heimatarmee einen deprimierenden Funkspruch nach London:

„Wir sind schlimmer behandelt worden als Hitlers Satelliten, schlimmer als Italien, Rumänien, Finnland. Mag Gott der Gerechte sein Urteil über die furchtbare Ungerechtigkeit fällen, die dem polnischen Volk widerfahren ist, und möge Er alle Schuldigen strafen.“

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Anna Artwińska, Juniorprofessorin für westslawische Literaturen und Kulturen an der Universität Leipzig, erklärt, der Aufstand polarisiere Polen extrem. *) Zwar zeuge der Kampf „von Heroismus“, doch „gleichzeitig drängt sich die Frage auf, ob der Kampfentschluss der Aufständischen nun richtig war. Denn nach dem Aufstand lag Warschau in Schutt und Asche, Tausende von Menschen sind ums Leben gekommen. Auf jeden Fall gehört der Aufstand 1944 zu den polnischen nationalen Mythen, die die kollektive Vorstellungskraft bis heute prägen.“ Es herrsche auch „das Gefühl des Verrats“. 

Der polnische Historiker Jan Jozef Kasprzyk widersprach der oft geäusserten Ansicht, die Rebellion sei nutzlos gewesen.

„Der Aufstand war kein sinnloser Kampf“, erklärte er schon vor einem Jahr dem Deutschlandfunk. „Nach Ansicht von Historikern hat er dazu beigetragen, dass Polen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht die 17. Sowjetrepublik geworden ist. Stalin hat gesehen, dass es sehr schwer werden würde, die ideologischen Muster der Sowjetunion nach Polen zu übertragen.“

PS: Der Aufstand vom 1. August 1944 ist nicht zu verwechseln mit dem ebenso heroischen Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto am 19. April 1943.

*) Informationsdienst Wissenschaft, Universtität Leipzig

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