Meisterwerk der Backsteingotik

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Meisterwerk der Backsteingotik

Von Georg Gerster, 29.11.2014

Copyright: Georg Gerster/Keystone Meisterwerk der Backsteingotik Die Kirche von Roskilde auf einem Geländebuckel am Ende des gleichnamigen Fjords ist der ältete Backsteindom Skandinaviens und die letzte Ruhestätte für 38 dänische Könige und Königinnen. Die Kirche auf der dänischen Insel Seeland wurde 1280 nach mehr als hundert Jahren Bauzeit vollendet. Die Kathedrale hatte am selben Standort mehrere Vorgängerkirchen aus Holz oder Stein. Der Domkirche aus Backstein gaben die bischöflichen Bauherren, die in Paris studiert und dort zeitgenössische Tendenzen im französischen Kirchenbau verinnerlicht hatten, ein gotisches Gepräge. Sie gilt heute als eine frühe Vertreterin (und in ihrer Beispielhaftigkeit Wegbereiterin) der Backsteingotik in Nordeuropa. Von aussen wirkt die Kirche, ganz aus rostroten Ziegeln gebaut, wuchtig, aber wie unerlöst. Erst wenn man sie betritt, wandelt sich Wuchtig in Erhaben. Jetzt stürmt die Kirche himmelwärts. Zu dem Eindruck erlöster Leichtigkeit in dem basilikalen Innenraum trägt viel der Umstand bei, dass weisser Verputz die ziegelroten Backsteinmauern zudeckt, aber Zier und Masswerk ausspart. Die ziegelroten Rippen, Stege, Rahmen und Einfassungen verleihen dem Dom die gotische Grafik.. Seit Anfang ist der rote Dom mit den grünspanigen Türmen und Kuppeln die Grablege des dänischen Königshauses. Die auch aus Vorgängerkirchen übernommenen Grabstätten reichen bis ins erste christliche Jahrtausend zurück. Die älteste ist diejenige des Wikingerkönigs Harald Blauzahn (910-987), der die erste Kirche an diesem Ort errichtete. Er war ein Reichseiniger - und sein Name lebt eben wegen seinem Genie des Verbindens in der elektronischen Welt von heute fort. Ein Ingenieur, der Wikingerromane verschlang, gab der Technologie kabelloser Datenübertragung zwischen zwei Geräten auf kurze Distanz den Namen Bluetooth; auch das Logo von Bluetooth, einer Kombination der Runen für H und B, bewahrt den Namen König Blauzahns. Die Kathedrale ist randvoll mit An- und Einbauten – Oratorien, Mausoleen und Grabkapellen. So voll, dass erstmals ein König, Frederik IX. (gestorben 1972), seit 1985 ausserhalb der Kirche in einem Backsteinbau beigesetzt ist. Die Grabkapellen im Innern des Doms dagegen schwelgen in Marmor (zum Teil grönländischer Herkunft), die Sarkophage sind aus Granit, aus Alabaster, aus Marmor und Basalt (von den Färöern). Architektur und Schmuck der Kapellen spiegeln den Zeitgeist und die Vorlieben des Grabherrn. Christian I. (gestorben 1481) liess seine Grabkapelle mit Wandmalereien schmücken, wurde aber mit seiner Königin unter dem Boden der Kapelle bestattet. Christian III. (gestorben 1559) und Frederik II. (gestorben 1588) bezogen später die gleiche Kapelle; ihre Renaissance-Gräber gleichen miniaturisierten antiken Tempeln. In dieser Dreikönigskapelle (benannt nach den auf einem Fresko dargestellten drei Weisen aus dem Morgenland) steht Roskildes Kuriosum: die „Königssäule“. Königliche Besucher liessen darauf ihre Körpergrösse registrieren. Der Grabherr Christian I. führt die Liste mit 219, 5 cm an – fast 10 cm mehr als der nächstfolgende Herrscher, Zar Peter der Grosse. Freilich, Christians Übermass kam entweder durch Schlamperei beim Messen oder durch königlichen Schummel zustande – in Wahrheit war Christian knapp 189 cm gross. Immerhin war er also, in nachmaliger preussischer Nomenklatur, ein Langer Kerl mit Gardemass. In der Grablege der Könige suchten auch andere ihre letzte Ruhe; Hunderte kirchliche und weltliche Notablen, die es sich leisten konnten, sind in der Kathedrale beigesetzt, meist unter dem Boden des Kirchenschiffs. Der Boden ist eine einzige Sammlung von reliefierten Grabplatten. Sie mit Absperrungen zu schützen, ist unmöglich, die Mobilität in der Kirche würde unterbunden. So stapfen und stiefeln, trampeln und trippeln denn in diesem steinernen Friedhof die Pilger und Touristen über die Gräber und Toten. Wo bleibt da die Totenruhe? Oder auch nur die denkmalpflegerische Besorgnis: ist nicht der Abrieb der Reliefs auf den Grabplatten durch das Schuhwerk der Besucher zu befürchten? Die Unesco, die den Dom zu Roskilde 1995 auf die Liste der Welterbestätten setzte, über deren Schutz sie pingelig wacht, hatte keine Einwände. Und der diensttuende Kustos zerstreute bei einem Besuch vor einigen Wochen meine Bedenken. „Diese Grabplatten haben Pilgerfüsse, barfuss oder beschuht, tausend Jahre lang schadlos ausgehalten – und sie werden in nochmals tausend Jahren keinen Schaden nehmen.“ Die Nekropole Roskilde ist offenbar auch ein Ort der Hoffnung und Zuversicht... Jahr des Flugbilds: 1971. (Copyright Georg Gerster/Keystone)
Die Kirche von Roskilde auf einem Geländebuckel am Ende des gleichnamigen Fjords ist der ältete Backsteindom Skandinaviens und die letzte Ruhestätte für 38 dänische Könige und Königinnen.

Die Kirche auf der dänischen Insel Seeland wurde 1280 nach mehr als hundert Jahren Bauzeit vollendet. Die Kathedrale hatte am selben Standort mehrere Vorgängerkirchen aus Holz oder Stein. Der Domkirche aus Backstein gaben die bischöflichen Bauherren, die in Paris studiert und dort zeitgenössische Tendenzen im französischen Kirchenbau verinnerlicht hatten, ein gotisches Gepräge. Sie gilt heute als eine frühe Vertreterin (und in ihrer Beispielhaftigkeit Wegbereiterin) der Backsteingotik in Nordeuropa. Von aussen wirkt die Kirche, ganz aus rostroten Ziegeln gebaut, wuchtig, aber wie  unerlöst. Erst wenn man sie betritt, wandelt sich Wuchtig in Erhaben. Jetzt stürmt die Kirche himmelwärts. Zu dem Eindruck erlöster Leichtigkeit in dem basilikalen Innenraum trägt viel der Umstand bei, dass weisser Verputz die ziegelroten Backsteinmauern zudeckt, aber Zier und Masswerk ausspart. Die ziegelroten Rippen, Stege, Rahmen und Einfassungen verleihen dem Dom die gotische Grafik..

Seit Anfang ist der rote Dom mit den grünspanigen Türmen und Kuppeln die Grablege des dänischen Königshauses. Die auch aus Vorgängerkirchen übernommenen Grabstätten reichen bis ins erste christliche Jahrtausend zurück. Die älteste ist diejenige des Wikingerkönigs Harald Blauzahn (910-987), der die erste Kirche an diesem Ort errichtete. Er war ein Reichseiniger - und sein Name lebt eben wegen seinem Genie des Verbindens in der elektronischen Welt von heute fort. Ein Ingenieur, der Wikingerromane verschlang, gab der Technologie kabelloser Datenübertragung zwischen zwei Geräten auf kurze Distanz den Namen Bluetooth; auch das Logo von Bluetooth, eine Kombination der Runen für H und B, bewahrt den Namen  König Blauzahns.

Die Kathedrale ist randvoll mit An- und Einbauten – Oratorien, Mausoleen und Grabkapellen. So voll, dass erstmals ein König, Frederik IX. (gestorben 1972), seit 1985 ausserhalb der Kirche in einem Backsteinbau beigesetzt ist. Die Grabkapellen im Innern des Doms dagegen schwelgen in Marmor (zum Teil  grönländischer Herkunft), die Sarkophage sind aus Granit, aus Alabaster, aus Marmor und Basalt (von den Färöern). Architektur und Schmuck der Kapellen spiegeln den Zeitgeist und die Vorlieben des Grabherrn. Christian I. (gestorben 1481) liess seine Grabkapelle mit Wandmalereien schmücken, wurde aber mit seiner Königin unter dem Boden der Kapelle bestattet. Christian III. (gestorben 1559) und Frederik II. (gestorben 1588) bezogen später die gleiche Kapelle; ihre Renaissance-Gräber gleichen miniaturisierten antiken Tempeln. In dieser Dreikönigskapelle (benannt nach den auf einem Fresko dargestellten drei Weisen aus dem Morgenland) steht Roskildes Kuriosum: die „Königssäule“. Königliche Besucher liessen darauf ihre Körpergrösse registrieren. Der Grabherr Christian I. führt die Liste mit 219, 5 cm an – fast 10 cm mehr als der nächstfolgende Herrscher, Zar Peter der Grosse. Freilich, Christians Übermass kam entweder durch Schlamperei beim Messen oder durch königlichen Schummel zustande – in Wahrheit war Christian knapp 189 cm gross. Immerhin war er also,  in nachmaliger preussischer Nomenklatur, ein Langer Kerl mit Gardemass.

In der Grablege der Könige suchten auch andere ihre letzte Ruhe; Hunderte kirchliche und weltliche Notablen, die es sich leisten konnten, sind in der Kathedrale beigesetzt, meist unter dem Boden des Kirchenschiffs. Der Boden ist eine einzige Sammlung von reliefierten Grabplatten. Sie mit Absperrungen zu schützen, ist unmöglich, die Mobilität in der Kirche würde unterbunden. So stapfen und stiefeln, trampeln und trippeln denn in diesem steinernen Friedhof die Pilger und Touristen über die Gräber und Toten. Wo bleibt da die Totenruhe? Oder auch nur die denkmalpflegerische Besorgnis: ist nicht der Abrieb der Reliefs auf den Grabplatten durch das Schuhwerk der Besucher zu befürchten? Die Unesco, die den Dom zu Roskilde 1995 auf die Liste der Welterbestätten setzte, über deren Schutz sie pingelig wacht, hatte keine Einwände. Und der diensttuende Kustos zerstreute bei einem Besuch vor einigen Wochen meine Bedenken. „Diese Grabplatten haben Pilgerfüsse, barfuss oder beschuht, tausend Jahre lang schadlos ausgehalten – und sie werden in nochmals tausend Jahren keinen Schaden nehmen.“ Die Nekropole Roskilde ist offenbar auch ein Ort der Hoffnung und Zuversicht... Jahr des Flugbilds: 1971. (Copyright Georg Gerster/Keystone)

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