Mehr vom Gleichen

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Mehr vom Gleichen

Von Christoph Zollinger, 11.11.2015

Mehr staatliche Eingriffe und Regulierungen, mehr Rankings, immer mehr vom Gleichen und das alternativlos: So zu handeln macht blind für die vielfältige, sich wandelnde Realität.

„Die Zahl derer, die sich ihr eigenes Unglück nach bestem Wissen und Gewissen selbst zurechtzimmern, mag verhältnismässig gross scheinen. Unendlich grösser aber ist die Zahl derer, die auch auf diesem Gebiet auf Rat und Hilfe angewiesen sind. Deshalb darf unserer Welt, die in einer Flutwelle von Anweisungen zum Glücklichsein zu ertrinken droht, ein Rettungsring nicht länger vorenthalten werden.“

Das Zitat ist dem Büchlein „Anleitung zum Unglücklichsein“ entnommen. Diesen Millionenbestseller hat Paul Watzlawick (1921-2007) 1983 veröffentlicht. Der begnadete Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut (und vieles mehr) verstand es, uns einen Spiegel vorzuhalten, um zu zeigen, was wir jeden Tag selbst gegen unser mögliches Glück tun.

Der Betrunkene und seine Schlüssel

Besonders bekannt wurde folgendes Beispiel: „Unter einer Strassenlaterne steht ein Betrunkener und sucht und sucht. Ein Polizist kommt daher, fragt ihn, was er verloren habe und der Mann antwortet: Meinen Schlüsselbund. Nun suchen beide. Schliesslich will der Polizist wissen, ob der Mann sicher sei, den Schlüssel gerade hier verloren zu haben und jener antwortet: Nein, nicht hier, sondern dort hinten – aber dort ist es viel zu finster.

Wie brandaktuell Watzlawicks Beobachtungen auch heute sind, sollen einige Beispiele zeigen.

Die Droge Billiggeld

Seit Jahren fluten die Notenbanken der USA, Japans und Europas die Märkte mit Billiggeld. Das erklärte Ziel: Wachstum soll endlich angekurbelt werden. Hatte diese Idee einst bei der Wirtschaftskrise 2008 ihre positive Wirkung, so ist diese je länger je mehr infrage zu stellen. Obwohl in den USA der Konjunkturaufschwung Tatsache ist, getraut sich Janet Yellen vom Fed (Federal Reserve) nicht, dem Spuk ein Ende zu machen und die Zinsen endlich zu erhöhen.

In Europa lässt Mario Draghi, Chef der EZB (Europäische Zentralbank), monatlich für 60 Milliarden Euro neues Geld drucken, um Eurobonds zu kaufen. Weil aber all dieses Geld nicht in Wirtschaftsinvestitionen fliesst, droht die Droge Billiggeld ihre beruhigende Wirkung zu verlieren. Da sichere Papiere nicht rentieren, kaufen unbelehrbare Investoren auf der Jagd nach Gewinn bereits wieder Ramschpapiere, minderwertige Hypotheken zum Beispiel. Das alte Spiel beginnt von neuem: Es entstehen Blasen. Wir erinnern uns: Diese haben vor sieben Jahren die Krise ausgelöst.

Nach Griechenland fliessen die Milliarden, und auch hier war die anfängliche Idee nachvollziehbar: Dem Land sollte Zeit gegeben werden, sich zu reformieren. Das ernüchternde Resultat: zwar fliesst das Geld, doch mit den Reformen klappt es nicht. Ja, man ist versucht zu sagen, der Geldfluss hintertreibt die Reformen, die er einst bezweckte.

Der schiefe Turm von Pisa

Alles zu messen zu wollen, was messbar scheint, ist eine Zeiterscheinung. Je mehr Globalisierung, desto mehr länderübergreifende Statistiken. Der internationale Messbarkeitswahn basiert auf messbaren Facts and Figures und ignoriert weitgehend, dass es Wissen und Qualitäten gibt, die quantitativ gar nicht messbar sind.  

Die Pisa-Studien der OECD sind internationale Schulleistungsuntersuchungen, die seit dem Jahr 2000 in dreijährigem Turnus in den meisten Mitgliedstaaten der OECD und einer zunehmenden Anzahl von Partnerstaaten durchgeführt werden. Ihr Ziel ist, alltags- und berufsrelevante Kenntnisse und Fähigkeiten Fünfzehnjähriger zu messen. Das Projekt steht nicht nur in der Schweiz in Kritik.

Nun wandten sich im Sommer 2015 Prof. Hans-Dieter Meyer, State University New York, und mit ihm über hundert mitunterzeichnende Wissenschaftler, Pädagogen und Elternvertreter in einem offenen Brief an den für Pisa zuständigen OECD-Direktor. Die Absender geben ihrer tiefen Besorgnis über die verheerenden Auswirkungen des Pisa-Rankings Ausdruck.

Die Kritik ist happig. „Obwohl standardisierte Tests schon länger in vielen Ländern (trotz gravierender Vorbehalte gegenüber deren Validität und Zuverlässigkeit) gebraucht werden, hat Pisa zu einer Eskalation solcher Tests beigetragen und zu einem dramatischen Anstieg in Gebrauch und Bedeutung quantitativer Messungen geführt. […] Schliesslich und am wichtigsten: Das neue Pisa-Regime mit seinen kontinuierlichen globalen Testzyklen schadet unseren Kindern und macht unsere Klassenzimmer bildungsärmer durch gehäufte Anwendung von Multiple-Choice-Testbatterien. […] Diese Entwicklungen stehen in offenem Widerspruch zu weithin anerkannten Prinzipien guter Bildungspolitik und demokratischer Praxis.“

Schweizerischer Reglementierungswahn

Die Schweiz ist zwar noch immer ein recht liberales Land, doch seit Jahren ist eine klare Tendenz zu mehr Reglementierung, ja zur Überreglementierung zu konstatieren. Besorgte Beobachter sprechen bereits von einer eigentlichen Regulierungswut. Immer mehr vom Gleichen.

Beispiel 1: Hundekurse. Schon seit jeher konnte es mal vorkommen, dass ein Hund einen Menschen, häufig ein Kind, beisst und verletzt. Es sind Einzelfälle, doch jetzt wird das Zusammenleben von Mensch und Hund amtlich geregelt. Das Bundesamt für Veterinärwesen verpflichtet alle Hundehalter mit „grossen oder massigen Hunden, die nach dem 31.12.2010 geboren sind“ obligatorische Hundekurse zu absolvieren. Diese Reglementierung ist ein klassisches Beispiel dafür, wie sich aus bedauernswerten Einzelfällen eine ganze Reglementierungsindustrie entwickelt, mit grossen Kosten für Staat und Gesellschaft. – Kann damit verhindert werden, dass es wieder zu solchen Vorfällen kommt?

Beispiel 2: Menükarten. Der Reglementierungswahn macht auch vor Restaurants nicht Halt. Neu sollen Wirte deklarieren, welche Zutaten ihre Menüs enthalten. In der EU gilt diese Regel bereits, nun zieht die Schweiz nach, allerdings nicht ohne den absurden Vorschriften einen „Swiss Finish“ anzufügen. 27 neue Verordnungen auf 2080 Seiten, plus 200 Seiten Erläuterungen – man kann nur noch den Kopf schütteln. Vorerst sollen im Bundesamt für Lebensmittelaufsicht neun neue Stellen geschaffen werden. Und bei den Kantonen, die das überprüfen sollen? Und dann beklagen wir uns über ausufernde Verwaltungskosten. Man hat errechnet, dass diese Übung jährlich 50 Millionen Franken, die Einführung allein nochmals 250 Millionen Franken verschlingen wird. – Leben wir jetzt sicherer?

Beispiel 3: Mietwohnungen. Der Mietwohnungsmarkt wird laufend stärker staatlich geregelt. Einzelne schwarze Schafe, eine kleine Minderheit unter den Vermietern, haben den Markt in Misskredit gebracht mit exorbitanten, ungerechtfertigten Mieten. Nun führen Kantone die Formularpflicht ein, und bereits bestehen Absichten, dies auch auf Bundesebene zu tun. Die Vermieter werden verpflichtet, neuen Mietern die Miete ihres Vorgängers mitzuteilen, damit nicht unberechtigt aufgeschlagen wird.

Da seit Jahren die Referenzzinssätze sinken, werden die Vermieter verpflichtet, die   Reduktion des Hypothekarzinssatzes mit entsprechenden Reduktionen der Mieten weiterzugeben. Nun gibt es aber nicht wenige private Vermieter, die ihre Hypotheken längst abbezahlt haben. Dessen ungeachtet müssen sie auf Verlangen der Mieter den Mietzins laufend senken, obwohl ihre Unkosten steigen.

Dieser unsinnige Mechanismus führt dazu, dass es zu „Verleiderverkäufen“ kommt: die Liegenschaften werden verkauft, die neuen Besitzer können jetzt, aufgrund des bezahlten Kaufpreises, die Mieten massiv erhöhen. Der Schutz der Mieter entpuppt sich damit in diesen Fällen als klassisches Eigentor.

Alternativlos?

Angela Merkel hat mit dem Begriff „alternativlos“ ihre Politik bei der Griechenland-Rettung verteidigt. Watzlawick stellte einst fest, dass „Menschen dazu neigen, diese jeweils bestmöglichen Lösungen als die auf ewig einzig möglichen zu betrachten. Das führt zu einer zweifachen Blindheit: erstens dafür, dass im Laufe der Zeit die betreffende Lösung eben nicht mehr die bestmögliche ist und zweitens dafür, dass es neben ihr schon immer eine ganze Reihe anderer Lösungen gegeben hat oder zumindest nun gibt.“

Alle diese Fälle einer Policy des „Mehr vom Gleichen“ weisen darauf hin, dass das sture Festhalten an Massnahmen, die irgendwann einmal durchaus ausreichend, erfolgreich, oder vielleicht sogar die einzig möglichen waren, gefährlich ist. Denn inzwischen haben sich die Umstände geändert. 

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Gut gemeint und gut gemacht sind eben 2 Paar Stiefel.....

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