"Lilliput und Brobdingnag oder "Terra Ausralis und Alta California"

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"Lilliput und Brobdingnag oder "Terra Ausralis und Alta California"

Von Armin Wertz, 02.04.2016

Jonathan Swifts Erzählung von den Abenteuern seines Helden Gulliver ist auch eine satirische Abrechnung mit den phantasievollen Erzählungen und nautischen Berechnungen der portugiesischen, spanischen oder französischen Entdecker.

"Auf unserer Fahrt nach Ostindien wurden wir durch einen heftigen Sturm nordwestlich von Van Diemens Land verschlagen", berichtet Jonathan Swifts Lemuel Gulliver über "Eine Reise nach Lilliput" im Ersten Teil seiner "Reisen in einige entfernte Länder der Welt": "Nach einer Berechnung befanden wir uns zwei Minuten südlich des 30. Breitengrads." Dort zerschellte die "Antilope", auf der Gulliver als  Schiffsarzt Dienst tat, an einem Felsen. Der Doktor und fünf weitere Besatzungsmitglieder konnten sich in das Beiboot retten und ruderten, "bis wir nicht mehr konnten." Das Boot kenterte "durch eine Bö aus nördlicher Richtung". Gulliver allein konnte sich schwimmend auf einen breiten Sandstrand retten.

Swift war weder Geograph noch Entdeckungsfahrer oder Navigator; tatsächlich beschränkten sich seine Erfahrungen mit der See auf Fahrten zwischen England und Irland, die ihn zu seinen Pfarreien in Kilroot, Laracor und Dublin brachten oder nach London, wo der "irische Patriot" mit den urenglischen Wurzeln die irische Sache vertrat. Doch die Reisebeschreibungen zeigen, dass der geniale Satiriker  zahlreiche Veröffentlichungen über Entdeckungen neuer Länder, Kulturen, Tiere und Pflanzen sehr genau studiert und sich über diese oft reichlich konfusen Berichte köstlich amüsiert hatte. Da hatten seefahrende Angeber in Patagonien Menschen mit überdimensionalen Füßen gesehen, ein Deutscher aus Brasilien über Männer mit zwei Köpfen geprahlt, andere wussten von der Existenz seltsamer Zwitterwesen, halb Mensch, halb Tier, riesiger Greifvögel und von unersättlichen fleischfressenden Pflanzen. Immerhin hielt die Kirche an der Auffassung des heiligen Augustinus' fest, der schon Jahrhunderte zuvor erklärt hatte, dass "die Fabel von den Antipoden... Menschen, deren Füße beim Gehen unseren entgegengesetzt sind... keinesfalls glaubwürdig ist." Nur allzu oft schienen die Entdecker und Kapitäne kaum zu wissen, auf welchem Breitengrad sie gerade dahin segelten. Die Länge kannten sie eh nicht, weil ihre Uhren noch zu ungenau liefen.

Gulliver segelt in die Wüste

Auch Swift's Gulliver ging es nicht besser als all den portugiesischen, spanischen, holländischen oder englischen Kapitänen, die sich damals auf der Suche nach Gold, Perlen und Gewürzen von den Winden über die Meere treiben ließen. Den Positionsangaben entsprechend muss Lemuel Gulliver irgendwo in der Nähe des ausgetrockneten Lake Torrens mitten in Südaustralien Schiffbruch erlitten haben und anschließend im Rettungsboot auf der Salzwüste, die sich nur in äußerst seltenen Jahren heftigster Regenfälle in den Salzsee verwandelt, dem sie ihre Bezeichnung verdankt, gekentert sein, um in diesem Salzmeer nach Lilliput zu schwimmen. Alle Versuche, aus diesem Land der Zwerge eine Insel zu machen, scheitern - zumindest, solange Swift's nautisch-geographische Angaben zugrunde gelegt werden.

Die einst nach dem Generalgouverneur Holländisch Ostindiens Anton van Diemen und heute nach ihrem Entdecker, dem holländischen Seefahrer Abel Tasman benannte Insel, liegt beinahe 600 Seemeilen südöstlich der von Swift für Lilliput angebenen Position. Auf der dem Reisebericht beigegebenen Karte, auf der die Sunda Strait mit Ausnahme einiger erfundener Inseln an Sumatras Westküste erstaunlich korrekt wiedergegeben ist, liegt Lilliput plötzlich und aus unerfindlichen Gründen im Indischen Ozean, etwa auf 14° Süd und 99° Ost. Dort aber liegen die Cocos Inseln, die zu Swift's Zeiten zwar noch unbewohnt waren, heute aber immerhin auch zu Australien gehören.

Swift kannte die alten Theorien, wonach im Süden des Globus ein bislang unentdeckter Kontinent liegen müsste, "Terra Australis Incognita", da andernfalls das Gleichgewicht der Erde nicht garantiert sei. Er kannte auch die phantasievollen Karten, deren Süden Wissenschaftler in Anlehnung auf Marco Polos Berichte über Malaysia oder Indochina mit so vielversprechenden Namen wie "provincia aurifera" (Gold produzierendes Land) oder "scatans aromatibus" (von Gewürzen überschwemmt) ausgestattet hatten. Und als Geistlicher kannte er auch die Bibel: "König Salomon baute Schiffe in Ezer Geber...Sie segelten nach Ophir und brachten 420 Talente Gold zurück, die sie bei Salomon ablieferten." Und Ophir, so glaubten viele, liege irgendwo im Südpazifik, was natürlich ein praktisches Argument bei den Bemühungen war, die Gier nach Gold, mit religiös-missionarischen Zielen zu kaschieren.

Untaugliche Seekarten

Es ging stets nur um Gold und Reichtümer. So berichtete Portugals großer Kolonialgeschichtsschreiber des 16. Jahrhunderts, João de Barros, von einem Gerücht, demzufolge südöstlich von Sumatra "Inseln aus Gold" lägen. Kartographen, die keine Ahnung und kaum einmal ihre Zeichentische verlassen hatten, verlegten Marco Polos Lucach, wo "so viel Gold ist, dass es niemand, der es nicht gesehen hat, glauben könnte", kurzerhand in das "Große Südland". Und schon 1520 erhielt der portugiesische Gouverneur in Goa die königliche Order aus Lissabon, die lukrativen Inseln zu finden.

Einer der ersten, wenn nicht der erste Europäer, der die australische Küste zumindest gesehen haben musste, war der Spanier Luis Baéz de Torres. In einem 1607 aus Manila abgeschickten und an Philip III. von Spanien gerichteten Brief berichtete der Kapitän von seiner Fahrt durch die Seestraße, die Neu-Guinea von Australien trennt und heute seinen Namen trägt. Der Brief verschwand in den königlichen Archiven in Simancas, wo ihn weder die Portugiesen noch Spaniens englische oder holländische Feinde finden konnten. Doch mit ihrer Geheimniskrämerei brachten sich die Spanier selbst um die Früchte ihres Wissens. Der Brief wurde einfach vergessen und erst 175 Jahre später wieder entdeckt, zwölf Jahre nachdem ein Engländer, James Cook, das Rätsel um das Große Südland endgültig gelöst hatte - was allerdings auch für Swift zu spät war, der seinen Roman schon 1726 beendet hatte.

Doch die in Lissabon, Madrid oder Sevilla produzierten Karten, kannte Swift, der sich schon an seinem ersten Arbeitsplatz als Sekretär des angesehenen Diplomaten William Temples gerne in die Reiseliteratur der Hausbibliothek vertieft hatte. Zahlreiche Agenten vor allem aus Holland, England und Frankreich betrieben eifrig, was heute Industriespionage genannt würde. Sie durchstreiften die Zeichenstuben der spanischen und portugiesischen Kartographen, sammelten bei den Matrosen in den Hafenspelunken Lissabons oder Cádiz' Informationen und erwarben auf illegalen Wegen höchst geheime Dokumente. Ausgestattet mit solchermaßen gestohlenem Wissen verfertigten die Kartographen in London, Amsterdam oder Dieppe oft bessere Karten als ihre portugiesischen und spanischen Kollegen, welche die Originale gezeichnet hatten.

Swift mag die legendären Dauphin- und Descaliers-Karten aus Dieppe gekannt haben, auf denen unter der Legende "Java La Grande" die Nord- und Westküste Australiens vermerkt zu sein scheint. Auch die Berichte der Franzosen Raoul Parmentier und Jean Fonteneau dürften ihm nicht unbekannt geblieben sein, zumal sich sein französischer Satirikerkollege François Rabelais schon 200 Jahre zuvor über die Flunkereien und das Seemannsgarn, das da als wissenschaftliche Erkenntnis auf die Karten übertragen wurde, nicht weniger lustig gemacht hatte, als er selbst: Rabelais' Xenomanes, "der viel auf gefährlichen Routen Gereiste", der "die Route, die sie (Gargantua und Pantagruel) nehmen würden, kartographiert hat", ist niemand anders als Fonteneau.

Ein seltsamer Hinweis auf Cornelis Wytfliet's Weltkarte, die 1597 in Flandern publiziert wurde, deutet mehrere erfolgreiche, heute aber vergessene Fahrten ins angebliche Große Südland an. Entgegen der damals gültigen Auffassung, dass Neu-Guinea mit dem gesuchten Kontinent verbunden sei, zeigt diese Karte Neu-Guinea als Insel, die durch eine schmale Wasserstraße von Terra Australis getrennt ist, das als "wenig bekannt", beschrieben wird, "weil diese Route nach einer und einer anderen Reise aufgegeben wurde, und selten wird das Land aufgesucht, es sei denn, dass Seeleute von Stürmen dorthin getrieben werden."

Die Seekarten australischer Küsten

25 Jahre später schrieb König Philips III. Beichtvater Juan de Silva an Papst Urban VIII.: "Wir bitten, dass die Mission zu den Eingeborenen der australischen Länder der geistlichen Fürsorge der franziskanischen Brüder anvertraut werde, die ihre ‚Eroberung' mit geistlichen und friedlichen Mitteln durchführen würden." Inzwischen hatte der Spanier Juan Fernández angeblich den "sehr fruchtbaren und angenehmen Kontinent" gesehen. Und 1622 veröffentlichte der Holländer Hessel Gerritsz eine Karte des Pazifik, mit der Anmerkung, spanische Karten zeigten die Passage eines kleinen Schiffes aus der Flotte des Portugiesen Pedro Fernández de Quirós südlich der "Küste der Papuas" auf 10 Grad südlicher Breite: Baéz de Torres' Karavelle "San Pedro".

100 Jahre später, also etwa zu jener Zeit als Swift mit der Niederschrift von "Gullivers Reisen" begann, zeigte auch eine Karte des französischen Geographen Gilles Robert de Vaugondy die Wasserstraße zwischen "Nouvelle Hollande" (Australien) und der Insel Neu-Guinea. Die Holländer hatten sich Ende des 16. Jahrhunderts zwar als Letzte dem Rennen um die entdeckten oder noch zu entdeckenden Reichtümer neuer Welten angeschlossen. Doch schon 1605 war der gerade 19 Meter lange Dreimaster "Duyfken" (Täubchen) der "Vereenigde Ooste-Indische Compagnie" (VOC) von Banten nach Süden gesegelt und schließlich vor der Cape York Halbinsel auf 11º45' S vor Anker gegangen, etwa bei der heutigen Cowall Creek Mission Station.

Während Spanier und Portugiesen, auf ihrem Weg vom Kap der Guten Hoffnung nach Süd- und Ostasien durch den Indischen Ozean stets die Monsunwinde abwarten mussten, sollten die Holländer laut Artikel 13 der Segelanweisungen der VOC von 1617 zwischen dem 35. und 40. Breitengrad vor "Westlichen Winden für mindestens tausend mijlen Östlichen Kurs halten", um dann nördlichen Kurs auf die Sunda Strait und Batavia zu nehmen. So stießen sie zwangsläufig auf die Westküste Australiens, landeten an Orten, deren Namen heute noch von ihren Entdeckern künden: Dirk Hartog Island, Zeewyk Channel, Houtman, Pelsart Island, Vlaming Head, Cape Leuween. Stück für Stück kartographierten Kapitäne und Geographen Küsten, Buchten, Inseln, Riffe und Untiefen der West- und Nordküsten Australiens, skizzierten Zeichner Küstenlandschaften, Inselidyllen oder Sandbänke für die Seehandbücher.

Doch so sehr die calvinistisch-kapitalistischen Holländer suchten, sie fanden in den Weiten dieser neuen Welt nichts, was auf künftige Profite schließen ließ. Die Eingeborenen schienen zu den primitivsten der gesamten bekannten Welt zu gehören, schienen für den Handel völlig ungeeignet, und abgesehen von einigen seltsamen Beuteltieren fand sich nichts, das von profitabler Bedeutung hätte sein können. Also verlor sich das Interesse der VOC-Kaufleute, an dem Großen Südland, das ihre Kapitäne nur als unwirtlichen Kontinent erfahren hatten.

Pirat und Forschungsreisender

Und dann kam William Dampier. Der Engländer war schon als Seefahrer nach Neufundland, Holländisch Ostindien und in die Karibik gesegelt, hatte im Krieg 1672-73 der britischen Navy gegen Holland gedient, sich auf den westindischen Inseln als Pflanzer versucht, in Mexikos Campeche als Holzfäller malocht und sich zurück in England einfach nicht ans Eheleben gewöhnen können. Also schloss er sich erneut den Freibeutern an, lieferte sich in Panamas Porto Bello, vor Afrika und Südamerika einige Seeschlachten, ehe er sich der Mannschaft John Reads anschloss, der mit seiner "Cygnet" die philippinischen, chinesischen und ostindischen Küsten heimsuchte. Und nun, gerade 36 Jahre alt, "hielten wir auf Süden mit der Absicht, einen Blick auf Neu-Holland zu werfen, um zu sehen, was uns dieses Land zu bieten hatte." Während die Holländer immer noch glaubten, Neu-Guinea sei mit dem Großen Südland verbunden, erklärte der Freibeuter kurz und selbstbewusst: "Ich bin mir sicher, dass es weder mit Asien noch mit Afrika oder Amerika verbunden ist."

"Am 4. des Januar stießen wir auf 16°50' in Neu-Holland auf Land... Ungefähr drei Ligen östlich ist eine recht tiefe Bucht mit einer Unzahl von Inseln... Wir ankerten am 5. Januar 1688" - vermutlich im Buccaneer Archipel an Australiens Nordküste. Die Holländer hatten sich stets nur wenige Tage auf dem Kontinent aufgehalten, Dampier blieb mit seinen Männern geschlagene zwei Monate, länger als alle Europäer zuvor. Jahre nach seiner Flucht von der "Cygnet" und einem Schiffbruch veröffentlichte Dampier seinen Bericht über "Eine neue Reise um die Welt" (1697), der sofort zum Bestseller wurde. Knapp zwei Jahre später landete er erneut in Australien, diesmal im Auftrag der britischen Admiralität und an der Westküste, wo er Schwärme von Haien sah, "darum gab ich diesem Sund den Namen Shark Bay."

Während Swift Dampiers "Reise nach Neu-Holland", die nach dessen Rückkehr in zwei Bänden veröffentlicht worden war, sicherlich gelesen hat, kam James Cook's Tagebuch für ihn zu spät. Ein Jahr und sieben Monate, nachdem er mit der "Endeavour" in Plymouth ausgelaufen war, notierte Cook im März 1770 in seinem "Journal of Remarkable Occurences aboard His Majesty's Bark Endeavour, 1768-1771": "Ich glaube nicht, dass irgendein Südlicher Kontinent existiert, es sei denn in sehr hohen Breitengraden." Cooks zweite Reise schließlich bewies die Richtigkeit seiner Theorie. Das Große Südland, Terra Australis Incognita, Magallanica, zog sich immer weiter nach Süden zurück, hinter einen Ring aus Eis, wo es der letzte zu entdeckende Kontinent wurde: Antarktis.

Swifts "Lemuel Gulliver zuerst Wundarzt, danach Kapitän mehrerer Schiffe" reiste stets in kaum erforschte Regionen. Weder an den europäischen noch an den ebenfalls weitgehend kartographierten Küsten Lateinamerikas oder den seit Vasco da Gamas erster Umsegelung des Kaps der Guten Hoffnung (der Neuzeit) zunehmend bekannteren Küsten Afrikas hielt sich Gulliver lange auf. In jedem der vier Teile seiner Reisebeschreibungen ließ Swift seinen Helden an Gestade treiben, von denen bislang nur ungenaue Karten existierten, die oft auf kaum mehr als vagen Berichten vereinzelter Seefahrer basierten. Dreimal erreichte er östliche Gewässer, sowohl Lilliput als auch "das Land der Houyhnhnms" (Vierter Teil) sollen Inseln vor der Südküste Australiens sein. Die "dritte Reise" brachte ihn nach Japan. Nur das Ziel der "Reise nach Brobdingnag" lag nicht im Osten. Diese Fahrt brachte Gulliver an die Pazifikküste Nordamerikas, jene Region der westlichen Hemisphäre, die zum Zeitpunkt, als Swift sein Meisterwerk niederschrieb, noch weitgehend unerforscht war.

Gullivers Landung in Kalifornien

"Am 16. Tag des Juni 1703 entdeckte ein Schiffsjunge von der Stenge aus Land. Am 17. hatten wir eine große Insel oder einen Kontinent in voller Größe vor uns liegen (wir hatten keine Ahnung, worum es sich handelte), an dessen Südseite eine kleine Landzunge ins Meer hineinragte, und wo sich eine kleine Bucht befand, die zu seicht war, um ein Schiff von über 100 Tonnen aufzunehmen. Wir gingen eine Meile vor der Bucht vor Anker, und unser Kapitän schickte ein Dutzend seiner Leute gut bewaffnet im Langboot aus", schildert Gulliver die Ankunft in Amerika.

In einer phantasievollen Karte, die auch diesem Teil der Reisen beigefügt ist, trug Swift die markantesten Punkte ein, die in den bis dato vorliegenden Karten verzeichnet waren: die Siedlung Monterrey, die Drakes Bay, die damals legendären Cabo Blanco und Cabo San Sebastián, New Albion und sogar die Straits of Anian, eine sagenhafte Wasserstraße, die angeblich bis zum Atlantik führte und Neu-Albion von Nordamerika trennte, an dem wie ein seltsames Geschwür Brobdingnag hängt. Der damaligen Vorstellung von einer großen Landmasse im Pazifik (die wie das Große Südland das Gleichgewicht des Erdballs garantieren sollte) folgend, erstreckt sich Swift's Land der Riesen über angemessen riesige Entfernungen von der kalifornischen Küste bis zu den Marianen. Die einzige geographische Übereinstimmung mit der Realität liegt darin, dass eine Westküste dargestellt ist.

Tatsächlich waren schon 100 Jahre vergangen, seit das letzte europäische Schiff ausgelaufen war, die nördliche Westküste jenes Landes zu erforschen, das der britische See- und Kaperfahrer Francis Drake New Albion genannt hatte, das die Spanier aber unter dem Namen Alta California kannten. Zwar ging die damals vorherrschende Meinung immer noch davon aus, dass Kalifornien eine Insel sei. Swift's Weltreisender hingegen schloss sich der neueren Auffassung an, wonach die Region Teil der Neuen Welt sei: "Das Königreich ist eine Halbinsel, die im Nordosten von einer dreißig Meilen hohen Bergkette begrenzt wird."

Natürlich waren die Kapitäne und Entdecker auch in diesen Breiten hauptsächlich getrieben von der Aussicht auf sagenhafte Reichtümer. Kaum zehn Jahre nach der Zerschlagung des Aztekenreichs hielt der Eroberer Hernán Cortés schon wieder Ausschau nach neuen Ländern, ließ auf den Werften an der Pazifikküste des Isthmus' von Tehuantepec Fregatten und Schoner bauen und "entdeckte" 1535 Kalifornien. Doch weder Francisco Vásquez de Coronado's Expedition durch die modernen US-Bundesstaaten Arizona, New Mexico, Texas, Oklahoma und Kansas noch Francisco de Ulloa's oder Juan Rodríguez Cabrillos' Fahrten entlang der amerikanischen Westküste bis auf die Höhe des heutigen San Francisco brachten die Goldsucher den Smaragden oder den legendären "sieben Städten von Cibola", von denen die Kunde ging, näher. Statt "großer Städte mit sehr hohen Häusern", die auch Gulliver in Brobdingnag bewunderte, fanden sie armselige Indianerdörfer, die sie "Rancharías" nannten. Das Interesse an den nördlichen Ländern ließ erheblich nach.

Einzig im Handel mit der neuen Kolonie auf den Philippinen war die nordamerikanische Küste noch von Bedeutung. Unter Ausnutzung der Äquatorialwinde brachten die sogenannten Manila-Galeonen oder "noas de China" mexikanisches Silber nach Westen, um dort dafür Seide, Tee, Gewürze, Porzellan, Elfenbein, Perlen, Rubine oder andere wertvolle Güter zu erstehen. Schließlich segelten die beladenen Schiffe zurück, vorbei an Japan, ehe sie sich ungefähr auf dem 40. nördlichen Breitengrad  von den dort herrschenden Westwinden vor die kalifornische Küste treiben ließen. Anhand von "señas" (Zeichen) wie unter der Wasseroberfläche treibende Quallen oder Tang, erkannten sie, dass sie sich in Küstennähe befanden, also auf südöstlichen Kurs wechseln mussten. Der vor der amerikanischen Westküste stetig wehende Nordwestwind trug die Schiffe mit etwas Glück bis Weihnachten zurück in den Heimathafen Acapulco. Bei solcher Navigation brauchte niemand Karten. Freilich liefen zahlreiche der Manila-Segler vor Kalifornien auf Grund, und heute noch werden gelegentlich chinesische Porzellanscherben aus der Zeit der Ming-Dynastie an der kalifornischen Küste gefunden.

Wieder waren es englische Korsaren, die sich auf ihrer Suche nach Reichtümern in die entlegensten Regionen wagten. 1578 versetzte Francis Drake mit seinem Auftauchen im Pazifik die spanischen Garnisonen und Flotten in erhebliche Unruhe. Nachdem er mit seinen erfolgreichen Überfällen auf spanische Niederlassungen und Goldtransporte Panik unter den Iberern ausgelöst hatte, segelte er mit seiner "Golden Hind" nach Norden, "um zu prüfen", ob "die Straits of Anian, die auf 66° N liegt", tatsächlich einen Rückweg nach England boten (Hier irrte Drake: Die Nordwestpassage, nach der Seefahrer 300 Jahre lang suchten, liegt noch weitere zehn Breitengrade weiter nördlich). Sollte er den Seeweg nicht finden, so erklärte er seiner Mannschaft, "dann müssen wir via China zurückkehren." Tatsächlich brach er seine Suche schon auf der Höhe von Vancouver Island ab und nahm westlichen Kurs, um seine Weltumsegelung zu beenden.

Russische Konkurrenz

Die Gefahr, dass feindliche Kräfte die Sicherheit ihrer Handelswege bedrohten, führte zum "Königlichen Befehl" vom 17. Januar 1593, sichere Häfen entlang der Handelsroute von Manila nach Acapulco zu suchen. Zumal knapp zehn Jahre nach Drake ein anderer britischer Kaperfahrer, Thomas Cavendish, vor Kalifornien tatsächlich mehrere Manila-Galeonen angegriffen und geplündert hatte, darunter die "Santa Anna" unter dem Kommando eines gewissen Juan de Fuca, der nach seiner Befreiung behauptete, auf einer Fahrt "zwischen 47° und 48° Nord einen breiten Meeresarm" entdeckt zu haben. Der Fjord, der die Einfahrt sowohl nach Vancouver als auch nach Seattle bildet, heißt heute Strait of Juan de Fuca.

Doch nachdem Sebastián Vizcaíno, ein Veteran der Conquista und Abenteurer, im Auftrag des Vizekönigs von Mexiko mit einer Flotte von drei Schiffen die meisten wichtigeren Häfen und Buchten Kaliforniens (mit Ausnahme der hinter dem Golden Gate versteckten San Pablo Bay und San Francisco Bay) nicht nur entdeckt sondern auch erstaunlich genau kartographiert hatte, fiel dem Vizekönig plötzlich ein, dass wichtigere Aufgaben warteten. Unter der fadenscheinigen Begründung, Siedlungen in Kalifornien lockten ausländische Abenteurer und Korsaren nur an, stoppte er den bereits begonnen Bau von Monterrey. Stattdessen empfahl er die imaginären Inseln Rica de Oro (reich an Gold) und Rica de Plata (reich an Silber) als bessere Siedlungsgebiete, "auch wenn ihre exakte Lage oder ihre tatsächliche Existenz erst bestimmt werden" müssten.

Vizcaíno's Aufzeichnungen und Karten scheint Swift nicht gekannt zu haben. Zumindest lassen seine äußerst dürftigen geographischen Angaben nur den Schluss zu, dass ihm kaum neuere Unterlagen zur Verfügung gestanden haben mögen, als die 150 Jahre alten Angaben Sir Francis Drake‘s. Neuere Karten und ernsthafte Versuche, Alta California zu besiedeln, folgten erst lange nach der Veröffentlichung von "Gullivers Reisen".

Nicht die Verluste unter den Besatzungen der Manila-Galeonen oder die Piratengefahr beendeten das spanische Desinteresse an seinen nördlichen Kolonien. Berichte aus St. Petersburg, wonach russische Entdecker und Kapitäne nicht nur in der Arktis in immer höhere Breiten vorstießen, sondern im Osten bereits bis in die Chukchi-See vorgedrungen und auf einigen maritimen Expeditionen den hohen Norden der  amerikanischen Westküste erforscht hatten, zwangen Madrid und Mexiko-Stadt, ihre Indifferenz aufzugeben. 1742 waren der Däne Vitus Bering und der Russe Aleksei Chirikov von Petropavlovsk an der Südspitze Kamtschatkas nach Norden gesegelt und hatten Alaskas Küste erforscht, wobei sie bis auf 55°30'N nach Süden vordrangen.

Humboldts Irrtum

Neue spanische Expeditionen sollten den Bau von Garnisonen und franziskanischen Missionen vorbereiten. Während die erste der beiden nach dem damaligen Vizekönig benannten Bucareli-Expeditionen keine Karten und kaum brauchbare Informationen erbrachte, gelangen der folgenden Fahrt eines Geschwaders von drei Schiffen unter dem Kommando von Bruno de Hezeta y Dudagoitia spektakuläre Erfolge: Hezeta entdeckte und kartographierte das Mündungsgebiet des Columbia Rivers, fixierte die umstrittene Position des legendären Cabo Blanco. Und ausgerechnet das kleinste seiner Boote, der gerade 38 Fuß lange und nur mit zwei Masten ausgerüstete Schoner "Sonora", erreichte als erstes europäisches Schiff den Panhandle Alaskas (abgesehen von den russischen Landungen in Alaska) und entdeckte zudem auf der Rückfahrt das Golden Gate und die San Francisco Bay.

Doch obwohl die Fahrten sowohl des "Sonora" als auch der Fregatte "Santiago", die Hezeta als Flaggschiff diente, hervorragend dokumentiert sind, geriet Hezeta's Reise bald in Vergessenheit. Dabei stellt das "Tagebuch der vom Ersten Marineleutnant der Königlichen Marine, Don Bruno de Hezeta, durchgeführten Reise zur Erforschung der nördlichen Küste Kaliforniens im Jahr 1775" die erste umfassende Darstellung der nordamerikanischen Westküste und seiner Bewohner dar. Bejubelt wurde stattdessen Juan Francisco de la Bodega y Quadra, der Kapitän des "Sonora". Sogar Deutschlands gefeierter Baron Alexander von Humboldt hielt sich in seinem "Politisches Essay über das Königreich von Neu-Spanien" nicht unnötig mit Recherchen auf, sondern schrieb einfach den Unsinn aus Francisco Antonio Mourelle's "Reise des Sonora auf der Zweiten Bucareli-Expedition" ab und lobte Bodega y Quadra, der "die Mündung des Rio Columbia, genannt entrada de Heceta, entdeckte".

"Die Männer tragen keine Kleidung, nicht einmal um ihr Geschlecht zu bedecken", beschrieb Hezeta die Einheimischen in seinem Tagebuch. "Die Frauen bedecken sich von der Hüfte bis zu den Knien mit Röcken aus Gras oder Fellen... Mit Bedacht getragen bewahren sie die Sittsamkeit, die ihrer Natur entspricht." Nicht nur der Mangel an Schönheit, die Nacktheit oder "die Praxis uneingeschränkter Polygamie" waren ihm ein Dorn im Auge. Vor allem "der heidnische Glaube, dem sie folgen" verlangte nach missionarischer Tätigkeit.

Swifts weiser Rat

Weit moderner äußerste sich da Lemuel Gulliver, dessen Reisen Swift gut 50 Jahre vor Hezeta's Fahrt beschrieben hatte: "Da jedoch die Völker, die ich beschrieben habe, kein Verlangen zu haben scheinen, erobert, versklavt, ermordet oder durch Siedler vertrieben zu werden, und auch nicht reich sind an Gold, Silber, Zucker oder Tabak, habe ich mir ergebenst gedacht, dass sie keine geeigneten Objekte für unseren Glaubenseifer, unseren Mut oder unsere Anteilnahme seien."

LITERATUR

Beals, Herbert K., „For Honor & Country. The Diary of Bruno de Hazeta”, Western Imprints, Portland (Oregon), 1985
Cummings, John, „Francis Drake“, Phoenix Giant, London, 1995
Hughes, Robert, “The Fatal Shore. The epic of Australia’s founding”, Vintage Books, New York, 1988
Majors, Harry M., “The Hezeta and Bodega Voyage of 1775”, Northwest Discovery 1, 1980
Porrua Turanzas, José (ed.), “Relación del viaje hecho por los goletas Sútil y Mexicana en el año de 1792 para reconocer el Estrecho de Fuca”, Artes Gráficas Minerva, Madrid, 1958
Swift, Jonathan,  "Gullivers Reisen", Philipp Reclam jun. Stuttgart, 1987

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