Lieder in finsteren Zeiten

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Lieder in finsteren Zeiten

Von Bernard Imhasly, Mumbai - 24.01.2020

Seit bald zwei Monaten dauern die Proteste gegen die indische Regierung nun an. Junge Menschen, allen voran Frauen, sorgen dafür, dass sie in immer neuen Variationen emporschiessen.

In den finsteren Zeiten,
wird da auch gesungen werden?

Bertolt Brecht hat in einem seiner Svendborger Gedichte die Frage gestellt; und darauf auch gleich geantwortet:

Da wird auch gesungen werden,
von den finsteren Zeiten.

Es ist ein Vers, der in diesen Tagen in Indien oft zu hören ist. Denn die finsteren Zeiten sind auch hier angebrochen. Und es wird auch hier darüber gesungen. 

Die landesweiten Proteste gegen den neuen Bürgerrechtsparagrafen halten an. Ebenso gehen die brutalen Polizeieinsätze und willkürlichen Verhaftungen weiter, namentlich in den von der BJP regierten Bundesstaaten. Dennoch gibt es inzwischen bereits einen Sieger: die Poesie.

Friedliche Protestgemeinschaften

An unzähligen Versammlungen wird gesungen, getrommelt, werden Slogans skandiert, Plakate gemalt und hochgehalten, Trikoloren geschwungen, Kerzen-Apps hochgehalten; oder es wird geschwiegen – bis wiederum eine junge Frau, ein Mann, aufsteht und ein Gedicht rezitiert, von Klatschen und Pfiffen unterbrochen.

Jede Protestbewegung gegen den Staat sieht sich mit dessen wichtigster Waffe konfrontiert: dem langen Atem. Protestierende haben Familien, haben Termine, müssen Prüfungen vorbereiten, arbeiten. Der Staat kann den Aufruhr aussitzen, seine Optionen planen und auf dem Deckel sitzen, damit der Topf nicht überläuft.

Um einen friedlichen Protest am Leben zu erhalten – Hongkong ist also kein Exempel – muss eine Protestgemeinschaft geschaffen werden. Meist geschieht dies durch den verbalen oder physischen Fokus auf einen Gegner und seine Symbole der Macht. 

Aber die Proteste in Indien wollen friedlich sein. Dieser Konsens hat sich – ohne Führung, Absprachen oder Programm – fast über Nacht in Indiens Protestlandschaft ausgebreitet und bisher durchgesetzt; und dies nicht nur im Vermeiden von Gewaltschäden, sondern auch im Ton der verbalen Kritik.

Bekenntnis zur Verfassung

Vielleicht ist dies so, weil es um ein Grundrecht geht: das Selbstverständnis, im eigenen Land in Sicherheit leben zu wollen. Eine winzige Änderung in einem Randbereich des Bürgerrechtsgesetzes – die Aufnahme von Flüchtlingen – könnte dieses Recht für die indischen Muslime aushebeln. Denn die Regierung plant eine «National Registration of Citizenship» (NRC). Im NRC-Netz würden sich die Muslime verfangen, die über keine indische Geburtsurkunde verfügen. Sie könnten dann als «illegale Flüchtlinge» des Landes verwiesen werden.

Die Muslime sind die ärmste Volksgruppe Indiens, und gerade die Armen – auch Hindus – verfügen meist über keine Papiere. Hindus können sich, so das neue Bürgerrechtsgesetz, einbürgern lassen. Millionen von Muslimen dagegen droht Landesverweis oder – kaum weniger schlimm – ein rechtloser Zustand: Bürger zweiter Klasse.  

Die ersten Grossdemonstrationen mit Zehntausenden von Teilnehmern begnügten sich noch mit Slogans, Schildern, flammenden Reden. Der Staat zeigte sich taub, sprach von Volksfeinden, Landesverrätern, Ungeziefer. So wurden aus Protestzügen bald einmal Sitzstreiks, es bildeten sich feste Schauplätze, namentlich in Universitäten und Schulen, auf grossen Plätzen, aber auch am Rand von Slums. 

Das «Sloganeering» ging weiter, die Schauplätze wurden zu kleinen Plakatfabriken, mit immer neuartigen Variationen der Zielscheibe. Ein Poster, den ich vor dem Gateway in Mumbai sah, lautete: «They try to bury us. They do not know we are seeds.»

Vor allem aber geht es darum, das Bekenntnis zur Verfassung in die Mitte zu stellen: Die Präambel mit den Grundrechten wird vorgelesen und feierlich nachgesprochen, die Trikolore wird geschwungen, mit ihren drei symbolträchtigen Farben nebeneinander: Orange (Hindus), Grün (Muslime), Weiss (Christen), das blaue Rad Buddhas in der Mitte. 

Stunde der Poeten

Nach einer durchwachten Nacht begann der nächste Tag vielleicht mit einer Meditation, einem Lied aus der Sufi- und Bhakti-Tradition. Es wurde zur Stunde der Poeten. Immer öfter erheben sich nun Teilnehmer aus der Mitte der Protestierenden, rezitieren, mit oder ohne Megafon, berühmte Lieder aus einer der «Million Mutinies» Indiens. Oder sie tragen selbstgebastelte Verse vor, wie jene des Studenten Varun Grover:

Schliesse die Metro
Wir gehen zu Fuss
Blende uns mit Gas
Vergifte unser Wasser
Hebe Deine Stöcke, so oft Du willst
Das NRC werden wir verhindern
Wir haben nur dieses eine Land.

Unbeholfene Verse vielleicht. Doch als sie so nüchtern und ohne die geringste Emphase daherkamen, wurde es still, bis Applaus und Pfiffe sie beendeten. Dann tauchten sie vieltausendfach auf Handy-Displays auf, oder plötzlich auf einem Grossbildschirm, in irgendeiner Stadt.

Indien kann aus einem grossen Reservoir von Protest-Poesie schöpfen: von Bewegungen für Landrechte, dem Unabhängigkeitskampf, aus mystischen Liebesliedern von Sufis und Bettelmönchen, Protestsongs von Dalits, Kampfrufen der Sikhs, oft nur von der Dolak-Handtrommel begleitet. Dazu kommt die muslimische Tradition der «Mushaira», dem öffentlichen Vortrag von Gedichten und Balladen, nun mit einem politischen Stachel versehen.

Der Favorit unter den Lyrikern ist Faiz Ahmed Faiz, der grosse pakistanische Dichter. Als Linker in einem islamischen und militarisierten Staat verbindet er in seinem Werk die Inbrunst persischer Liebeslyrik mit dem Feuer von Kampfschriften gegen Diktatur und Fanatismus:

Wenn das Licht hoch über meiner Gefängniszelle abnimmt
Weiss dieses Herz von Deiner sternenbedeckten Stirn
Wenn meine Handschellen zu glänzen beginnen, weiss ich
Die Morgendämmerung verbreitet sich über Dein Gesicht.

Aber er schrieb auch Kampfverse:

Rede!
Deine Zunge gehört noch Dir
Dein Körper ist noch Deiner
Kerzengerade, aufrecht 
Rede!
Noch hast Du Dein Leben.

Es war fast unausweichlich, dass sich Faiz in den letzten zwei Monaten immer wieder zu Wort meldete. Der indische Staat half dabei wacker mit. Weil Pakistan für die heutigen Throninhaber ein rotes Tuch ist, wurden sogleich Rufe laut, seine Gedichte zu verbieten. Eines davon, «Wir werden sehen», verletze die religiösen Gefühle der Hindus, weil darin von Allah die Rede sei, der alle Podeste zerstört; damit seien Hindu-Tempel gemeint. Fast an jeder Veranstaltung hörte man dieses Lied.

Frauen an vorderster Front

Nicht nur die friedlich-subversive Kreativität der Proteste ist neu, auch die Zusammensetzung der Teilnehmer. Es sind die Frauen, die, wenn nicht die Überzahl, so doch die Frontlinien der Kundgebungen bevölkern. Studentinnen setzten sich den Schlagstöcken der Polizei aus, als diese im Dezember die Jamia Milliya-Universität stürmte. Und es sind Frauen, die seit bald zwei Monaten unter einem dürftigen Zeltdach in Shaheeenbagh Wache halten. 

Es ist der bisher längste Sitzstreik, und er hat den Slum in der Nähe der riesigen Müllhalden im Südosten Delhis zu einem Fanal für viele «Shaheenbaghs» gemacht. Die Protestierenden hier sind nicht in erster Linie junge Studentinnen aus der nahen Jamia, sondern einfache Hausfrauen, in Burkhas und Schleier, vereinzelt in Jeans und Saris gekleidet. Sie nehmen sich eine Auszeit von ihren Familienpflichten – ein paar Stunden, eine Nacht – und schwören, sich nicht vertreiben lassen. Bei ihnen spürt man, dass es um die blanke Existenz geht, sind sie doch, wie keine andere Volksgruppe sonst, auf den Schutz des Verfassungsstaats angewiesen.

Ein Beispiel aus Tamil Nadu zeigt die Kreativität der Protestbewegung, und wie sehr sie von Frauen inspiriert wird. In Chennai machten sich fünf junge Frauen einen alten Brauch zunutze, der Kolam heisst und zur Zeit der Winter-Sonnenwende gefeiert wird. Mit Reispulver werden vor Häusern und auf Plätzen geometrische Muster auf den Boden gezeichnet. Sie sollen die tiefe Verbindung von Mensch und Natur darstellen. 

Die Frauen zeichneten nicht nur die klassischen Kolams. In die offenen Zwischenräume fügten sie Buchstaben ein – die Abkürzungen der bekämpften Gesetze: «NO CAA», «NO NRC». Es war moderner Strassenkampf und magisches Symbol in Einem, eine Schutzformel, die vor Unheil bewahren soll. Die Formel würde im Lauf des Tags verschwinden, sei es durch Passantenfüsse oder Polizeibesen. Doch am nächsten Tag, am gleichen Ort, im nächsten Dorf oder Quartier tauchten die Kolams wieder auf, als wären sie aus dem Boden gewachsen; was sie in gewisser Weise auch waren. 

Mahatma Gandhi, der grosse Stratege des gewaltlosen Widerstands, hätte seine Freude daran gehabt. Die finsteren Zeiten zeigen viele Gesichter – es ist gut, in vielen Melodien davon zu singen.

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