„Les Misérables“ – Das Gesetz der Strasse

Michael Lang's picture

„Les Misérables“ – Das Gesetz der Strasse

Von Michael Lang, 14.01.2020

Der Oscar-nominierte französische Thriller katapultiert das Publikum furios ins wunde Herz der soziokulturellen und religiösen Parallelwelt in Montfermeil bei Paris.

Fussball-Weltmeisterschaft 2018. Frankreich holt den Titel. In Paris feiern siegestrunkene Fans aller Ethnien rund um die Sehenswürdigkeiten der Metropole den Triumph der „équipe tricolore“. Mit Bildern dieses Ereignisses beginnt der Film „Les Misérables“, das famose Kinodebüt des Franzosen Ladj Ly (40). Die ausgelassene Szenerie ist der Prolog für ein völlig anders kalibriertes, ernstes Drama. Sein eigentlicher Schauplatz befindet sich dort, wo vom plakativen Grande-Nation-Chauvinismus selten etwas zu spüren ist. Im Département Seine-Saint-Denis, in der Gemeinde Montfermeil, wo auch ein Stück Weltliteratur spielt: Victor Hugos sozialkritischer Roman „Les Misérables“ (1862).

In der autonomen Republik Montfermeil

Ladj Lys Film ist allerdings keine weitere Victor-Hugo-Adaption. Die Handlung ist originär, spiegelt die gegenwärtig herrschenden Verhältnisse. Doch der Regisseur ist in Montfermeil aufgewachsen, die Kleinstadt ist sein Homeland, die Mentalität der Menschen, ihre Nöte und Anliegen sind Teil seiner DNA. Was damit gemeint ist, wird knapp und mit schwarzhumorigen Episoden vermittelt. Man surft dabei durch das tägliche Leben in einer anonymen, ja wie entmenschlicht anmutenden Betonblock-Landschaft von Montfermeil. Kaum vorstellbar, dass man hier touristische Selfie-Fotografen, alternative Aussteiger, Hipster-Kommunarden, idealistische Start-Up-Unternehmer oder sogar unerschütterliche Weltverbesser antreffen könnte.

«Jung, streetwise, digital»
«Jung, streetwise, digital»

Montfermeil erscheint auf der Leinwand als Parallelwelt. Als Labyrinth aus Sozialwohnungen, stereotypen Läden, Strassenbazars, dubiosen Spiel- und Wetthallen, luschen Rotlicht-Etablissements. In diesem Milieu wird an den Behörden und auch am Gesetz vorbei gewirtschaftet, wobei die Organisation des Ganzen so getrübt erscheint wie der Blick durch eine Milchglasscheibe. Und wer in diesem Quartier lebt, misstraut Zuzüglern generell; denn wenn man schon in der autonomen Republik Montfermeil am Rand der Wohlstandsgesellschaft zuhause ist, bleibt man lieber unter sich.

Jung, streetwise, digital

Doch Ladi Ly skizziert seinen Heimatort nicht durchwegs wie von Düsternis umflort. Er lenkt den Blick auf eine Handvoll Leute, denen es gelungen ist, eine halbwegs funktionierende Zweckgemeinschaft zu entwickeln. Dass dem so ist, ist natürlich nicht der staatlichen Fürsorge geschuldet. Eher dem Instinkt, der Schlauheit einiger „Platzhirsche“ vor Ort, welche die Gesetze der Strasse verinnerlicht haben. Wachsam und pragmatisch bilden sie immer wieder andere, unerwartete Koalitionen und organisieren das soziale Zusammenleben auf ihre Weise. Davon wird flashartig berichtet, bald wähnt man sich als Partikel dieses faszinierenden Mikrokosmos. Und realisiert, dass er geografisch nur unweit vom Neo-Vorzeige-Prunk der Mächtigen im Élysée-Palast entfernt liegt, mit dem umtriebigen Staats-Präsidenten Emmanuel Macron am Dirigentenpult.

Mit präsidialer Fanfaren-Schalmeierei hat der Sound in Montfermeil indessen nichts gemein. Hier tanzt man zu Beats. Besonders die smarte junge Generation. Sie ist streetwise, nutzt die Digitalisierung zu ihren Gunsten, setzt auf Internet und Social Media. Und weiss genau, wie und wo und zu welchem Preis man sich die neuesten High-Tech-Gadgets beschaffen kann und das Knowhow für deren effiziente Anwendung auch. Und so erstaunt es nicht, dass gerade in diesen Grauzonen – haarscharf entlang der bürgerlichen Normen und der Legalität – spannende Kommunikations- und Überlebensstrategien entstanden sind.

Friedliche Koexistenz und hemdsärmeliges Schlichten

Handlungsmässig nimmt „Les Misérables“ eine Minigruppe von kernigen, jungen, speziell ausgebildeten Polizisten ins Visier: Eine „Brigade anti-criminalité“, die mit privaten Personenwagen auf Streife ist und keine Uniform trägt. Man kennt sich im Geviert sowieso. Oder besser gesagt, man muss sich kennen: Das „Brigade“ ist auf eine locker gehandhabte, friedliche Koexistenz mit der potenziellen „Kundschaft“ bedacht. Also setzt man vor allem dann, wenn aus Spannungen offener Streit wird, voll auf hemdsärmelige Schlichtungsmethoden. Gerne unter Umgehung des Dienstwegs.

Steve Tientcheu (Le Maire)
Steve Tientcheu (Le Maire)

Falsch ist diese Methode nicht, wenn sich alle Beteiligte an Abmachungen und Verhaltenskodexe halten. Und wenn auch das feingesponnene Spitzelsystem intakt ist, braucht man den ohnehin überbürokratisierten, unterfinanzierten öffentlich-rechtlichen Verwaltungsapparat nicht zu bemühen. „Les Misérables“ zeigt nun auf, was passieren könnte, wenn der Courant normal arg gestört wird: Bei einem Lausbuben-Streich wird aus einem Kleinzirkus ein putziges Löwenbaby entwendet. Für die Schausteller ist das ein Super-Gau. Denn sie verlieren so ihre Manege-Attraktion und ihre Haupteinnahmequelle. Subito wird die Suche nach der Täterschaft angekurbelt und da das System wie geschmiert läuft, wird man umgehend fündig. Doch weil beim überzogenen Polizeieinsatz ein Bub schwer verletzt wird, droht die lokale Angelegenheit medienmässig aus dem Ruder zu laufen. Jetzt brennt es an allen Ecken und Enden, und bis zur Selbstjustiz ist es nur noch ein Katzensprung. Was nun, Montfermeil?

Mathieu Kassovitz, Spike Lee, Ladj Ly

In „Les Misérables“ wird handlungsmässig ein brisantes gesellschaftspolitisches „Klimapaket“ geschnürt und gekonnt aufgelöst. Weil in diesem Produktionsteam viel Talent und Wissen zusammengekommen ist. Offensichtlich ist, dass die Realisatoren sich in der jüngeren Filmgeschichte bestens auskennen und sich von den Schlüsselwerken zu ihrem Thema inspirieren liessen. Etwa von den modellhaften Kultfilmen „La Haine“ (1995) des Franzosen Mathieu Kassovitz. Oder von der Tragikomödie „Do the Right Thing“ (1989) von Spike Lee, dem Frontmann des New-Black-Cinema in den USA. Im „Les Misérables“-Plot ist etwas von der französischen Bidonville-Ambiance wie von der Aufbruchs-Energie im Brooklyn, NYC der 1990er Jahre enthalten. Alles zusammen ergibt dann einen explosiven, zuweilen verstörenden Sozial-Thriller, der den Grundtenor der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts punktgenau trifft.

Passt schon, denn so geht couragiertes, formal pointiertes, umsichtig besetztes, elektrisierendes Kino. Ganz ohne spekulative Zeigefinger-Moralität und platte Emotionalität. Aber mit dem Flair für das erträgliche Mass an anarchistischer Provokation sowie der überzeugenden Legierung aus Fiktion und Realität. „Les Misérables“ ist ein universell gültiger, packender Beitrag zur Debatte über gefährdete humanitäre Werte; natürlich weit über das globalisierte Euro-Frankreich hinaus.

„Les Misérables“ von Ladj Ly – Jetzt im Kino

Spielorte und Zeiten: https://www.movies.ch/de/film/miserables2019/

Trailer: https://youtu.be/LeYMipqNZbM

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren