Lehrer ohne Eigenschaften?

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Lehrer ohne Eigenschaften?

Von Carl Bossard, 18.10.2018

Lehrer dürfen kaum mehr erklären, kaum mehr vital präsent sein; so will es die Theorie. Wer Musils Roman „Mann ohne Eigenschaften“ liest, dem drängen sich irritierende Fragen auf.

Neue Leitsterne sind am Pädagogenhimmel aufgetaucht: flexibel und innovativ lauten zwei Stichworte; coachend müsse der Lehrer sein und selbstorientiert das Lernen der Kinder, moniert man mantramässig. Kritisch befragt oder reflektiert und auf ihre Effektwerte überprüft werden sie darum kaum, diese Glaubenssätze, nur nachgebetet. Verfallenheit an das Man äussere sich im „Gerede“, bemerkte der Literat Peter von Matt einmal träf. [1] Dabei legt uns das Aufklärungsvertrauen anderes nahe.

Die Sprache spiegelt das Bewusstsein

Sprache ist nicht nur Ausdrucksmittel. Sprache spiegelt das gesellschaftliche Bewusstsein. Eine wahre Fundgrube bewusstseinsverändernder Wortkreationen bietet die aktuelle Schuldidaktik: Aus Lehrerinnen werden Lernbegleiterinnen, aus Schülern Lernpartner, aus Unterricht wird autonomes Lernen im Flipped Classroom, aus dem gemeinsamen Lehrgespräch und dialogischen Beziehungsgeschehen selbstgesteuertes Arbeiten, aus Erziehung Coaching. Wissen, Können und Haltungen werden auf Kompetenzen reduziert, aus Bildung messbare Tests, aus Schule Ziffern und Zahlen, zitiert in üppigen Statistiken. [2] Pädagogen und Bildungswissenschaftler verwandeln sich in empirische Bildungsforscher. Das alles klingt besser. Keine Frage.

Wer das pädagogische Geschehen betrachtet und dabei die exponentielle Zunahme der Bildungsbürokratie beobachtet, ist unweigerlich an einen der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts erinnert, an Robert Musils Epochen- und Gesellschaftsanalyse „Mann ohne Eigenschaften“. [3]

Bürokratie über alles

Wir schreiben das Jahr 1913. In Musils Hauptwerk wollen die Protagonisten 1918 eine „Parallelaktion“ ins Leben rufen: 70 Jahre Regentschaft des österreichisch-ungarischen Monarchen Franz Joseph in Wien und 30 Jahre Kaiser Wilhelm II. in Berlin. Das Doppeljubiläum soll eine grosse, ja grandiose „weltösterreichische“ Sache werden, bei der das kleine Österreich es dem grossen Deutschland und damit auch Preussen mal zeigen will, was es alles so kann. Was genau allerdings diese Sache werden soll, bleibt stets vage und unklar: Eine Friedenskonferenz? Ein Friedrich Nietzsche-Jahr? Ein österreichisches Jahr? Die eine und leitende symbolfähige Idee fehlt.

Stattdessen werden Gruppen, Zirkel, Ausschüsse, Unterausschüsse, Nebenausschüsse, leitende Ausschüsse der Ausschüsse gegründet. Sie halten massenhaft Sitzungen ab, prüfen Eingaben und schubladisieren sie, halten neue Treffen ab, verifizieren wiederum Eingaben und archivieren sie. So setzen die Protagonisten eine Riesenadministration in Gang; sie führt zu nichts: „Statt Handlungen gab es nur Abhandlungen.“ Entscheide fallen keine. Dafür stapeln sich die abgelegten Eingaben, schön ordentlich sortiert nach den Merkmalen: „Assortiert“, das muss noch entschieden werden; „vorläufig definitiv“, ist auch noch nicht fix usw. Die Bürokratie wuchert und wächst und genügt sich selber. Alles so ganz ohne Eigenschaft(en).

Die unpersönliche Logik der Systeme

Held in Musils Roman ist der 32-jährige Ulrich, ein Mann ohne Eigenschaften. Der Sekretär des Planungskomitees „Parallelaktion“ glaubt nicht an den Charakter als Schlüssel zum Verständnis der Dinge; er vertraut der unpersönlichen Logik der Systeme.

Bürokratische Leerlaufmonster und unkritischer Systemglaube damals. Die Analogien zu heute sind nicht weit. Wer an das Projekt Lehrplan 21 denkt, wird schnell fündig. Ähnliches erlebt, wer heutige Inspektoren-Berichte liest. Schulen werden alle drei bis vier Jahre als Systemganzes von externen Evaluatoren-Teams überprüft und bewertet – dies während mehrerer Tage. Minuziös kontrolliert wird das Einhalten von Vorschriften und Vorgaben, akribisch begutachtet die Existenz von Plänen und Papieren. Die einzelne Lehrperson interessiert kaum – ebenso wenig das Geschehen im Klassenzimmer. Die Evaluatoren „hörten kaum zu. Stattdessen stürzten sie sich […] auf die Schülerberichte und Schülerarbeiten, die ich aufgelegt hatte. Während der ganzen Lektion schrieben sie wie besessen ab und achteten überhaupt nicht auf meinen Unterricht. Als wir am Schluss ein Spiel machten, lud ich sie ein mitzuspielen. Doch sie lehnten dankend ab und verabschiedeten sich.“ So erlebte ein erfahrener Lehrer die Evaluation. Er war zutiefst frustriert.

Feedback als Differenz zwischen Sein und Sollen

Zurückgekoppelt werden Feedbacksätze wie: „Ein abgesprochener und über die Stufen hinweg aufbauender Prozess zur Förderung der Lern- und Selbstreflexionskompetenz ist anzustreben und mit passenden Instrumenten zu ergänzen. Dadurch würden die Lernenden in ihrer Kompetenzförderung gezielt gefördert [sic!] und unterstützt.“ Belangloser Wortschwulst, Leerlauf, statt Inhalte. Weder Schulleitung noch Lehrpersonen können mit solchen hohlen Parolen etwas anfangen. Hilfreich wäre ein Feedback, das die Differenz zwischen Sein und Sollen analysiert.

Zwei Beispiele. Sie mögen willkürlich sein; sie sind aber symptomatisch. Als konkrete Einzelfälle zeigen sie die unpersönliche Logik des Systems.

Pädagogisches Wirken kommt aus der Person, nicht aus Kompetenzen

Logisch und konsequent ist auch das leise Verschwinden der Lehrerpersönlichkeit. Das Wort ist aus den Pädagogischen Hochschulen ausgewandert. Im Ausbildungsmodell professioneller Handlungskompetenz CAOCTIV [4] kommt die Person in ihrer ganzen geheimnisvollen Dimension nicht mehr vor. Nur verschiedene Kompetenzbereiche und zahlreiche Kompetenzfacetten.

Die Lehrerin, ein Cocktail von Kompetenzen, der Lehrer als Inhaber eines Kompetenzen-Portfolios?, fragt der Philosoph Ludwig Hasler vieldeutig . [5] Natürlich muss ein Lehrer ganz viel können und professionell sein. Zweifelsohne. Doch selbst die modernste Applikation der multimedialen Methoden wirkt langweilig, wenn nicht eine engagierte Person dahintersteht. Wer zurückdenkt an seine eigene Schulzeit, weiss, dass Lehrerinnen und Lehrer mit ihrer Person wirken, mit ihrer Leidenschaft zur Sache, mit ihrer Begeisterungsfähigkeit und ihrem Humor, mit ihrem Ermutigen und geduldigen Erklären. So etwas kommt aus der glaubhaften, originellen Person, nicht aus Kompetenzen.

Pädagogen, nicht Coach

Lehrer als „Menschen mit Eigenschaften“ fordert darum der Arzt und Neurobiologe Joachim Bauer. [6] Doch wer genauer hinschaut, dem fällt eines auf: Heutigen Lehrern werden kaum noch Eigenschaften zugeordnet, die unternehmerische und persönliche, pädagogische und empathische Qualitäten betonen. Auch das engagierte Führen einer Klasse wird ungern thematisiert; Coaching ist kaum kompatibel mit mutigem „paid-agogein“, dem Führen von Kindern.

Moderne Lehrer werden, so die verkappte Intention der Bildungsbürokratie, durch detaillierte Lehrpläne und genormte Checks geleitet, degradiert zu Ausführenden von papierenen Programmen und engen operativen Vorgaben. Sie haben zudem, wie es der Zürcher Berufsauftrag vorsieht, ihre Arbeitszeiten exakt zu belegen, sofern es nicht den standardisierten Lektionsaufwand betrifft. Schulbürokratische Massnahmen dieser Art führen dazu, dass Lehrpersonen ihre persönliche Eigenart und Identität abstreifen. Doch „Menschen ohne Eigenschaften“ sind, so Bauer, die Totengräber jeglicher Bildung und Erziehung. [7]

Als Person vital auftreten

Darum müssten Bildungspolitik und Ausbildung neben den Kompetenzen auch die Persönlichkeit der Lehrperson betonen. Ausstrahlung entwickeln und eine pädagogische Vorbildfunktion erfüllen kann als Erwachsener nur, wer als Person vital auftritt, sich begeistern kann und so ein pädagogisches Feu sacré versprüht.

„Wenn sie von Formen und Zahlen sprach, glühten ihr die Wangen und funkelten ihr die Augen, wie wenn Kinder von Schokolade-Glace reden.“ [8] So erinnert sich eine Berufsfrau an ihre Primarlehrerin Dora L.; und noch Jahre später sieht sie ihre Augen, fühlt die Atmosphäre und spürt die Freude am Lernen. Dora L. wirkte als Person, als Lehrerin mit Eigenschaften. Ulrich dagegen, der „Mann ohne Eigenschaften“, taugt nicht fürs Klassenzimmer.

[1] Peter von Matt (1989): Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur. München: Carl Hanser Verlag, S. 259.

[2] SKBF (2018): Bildungsbericht Schweiz 2018. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung.

[3] Auf die Parallelen zwischen Musils Roman und der Pädagogik aufmerksam gemacht hat mich Dr. Urs Jecker, Dozent Hochschule Luzern.

[4] Kompetenzmodell von COACTIV: Jürgen Baumert & und Mareike Kunter (2011), Das Kompetenzmodell von COACTIV, in: Mareike Kunter, Jürgen Baumert, Werner Blum, Uta Klusmann, Stefan Kraus & Michael Neubrand (Hrsg.), Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Ergebnisse des Forschungsprogramms COACTIV (S. 29-53). Münster: Waxmann.

[5] Ludwig Hasler (2005): Die Erotik der Tapete. Verführung zum Denken. Frauenfeld: Verlag Huber, S. 70f.

[6] Joachim Bauer (2007): Lob der Schule. Sieben Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, S. 27.

[7] Ebda., S. 28.

[8] Stephan Ellinger, Johannes Brunner (2015): Alp-Traumlehrer. Von flüchtigen Fledermäusen und multikulturellen Frohnaturen. Studierende erinnern sich. Teilheim, Gemma-Verlag, S. 75. Der Name ist fiktiv.

Kommentare

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Ach - hätte ich doch damals als _Lernpartner_ die Schulbank gedrückt - ich hätte sicher viel mehr davon profitiert ...

Gerade die links-grünen Studenten, die nach einer Angabe immer für Meinungsfreiheit und Weltoffenheit eintreten, sehen es gar nicht gerne, wenn jemand eine Meinung vertritt, die von ihrer eigenen Ideologie abweicht. Deshalb betätigten sich die Neu-68er in Oldenburg nun als Zensoren, indem sie einen Vortag des Ökonomen Hans-Werner Sinn verhindern wollten, weil dieser kein Verfechter der Überfremdungspolitik ist.

Lange kann es nicht mehr dauern, bis kommunistische Studentengruppen wieder Hörsäle besetzen, um Vorträge im Namen der Weltoffenheit zu verbieten und die Meinungsfreiheit mit zahlreichen Ausnahmen zu versehen. Doch im Unterschied zu den Kommunarden der 68er treiben die Barrikadler des Jahres 2018 nicht die Regierung und die unbewältigte Vergangenheit ihrer Eltern, sondern Regierungskritiker auf die Gesinnungspalme.

Die „Carl von Ossietzky“ Universität Oldenburg besaß nämlich die Kühnheit, als Festredner zum Semesterstart ausgerechnet Professor Hans-Werner Sinn einzuladen und der AStA, diverse Gewerkschaften, die Arbeitslosenhilfe Oldenburg und wahrscheinlich auch noch die Taubenzüchter aus Buxtehude drehen vollkommen durch! Wie konnte man nur! Ausgerechnet Sinn! Ein Ökonom, der politische Entscheidungen im Licht ökonomischer Zweckmäßigkeit und Machbarkeit betrachtet – also im Grunde das tut, was seiner Profession entspricht, anstatt einer politischen Agenda das Wort zu reden – der soll an einer Universität sprechen dürfen, über welcher „der Geist Ossietzkys“ schwebt? Das hätte man doch gern verhindert, weil es der „Weltoffenheit“ der Uni Oldenburg schaden könnte. Ein Festvortrag des langjährigen Direktors des Münchner IFO-Instituts stört also die Weltoffenheit – egal wie oft man diesen Satz auch liest, die Borniertheit ist einfach nicht zu fassen!

Sehr treffender und höchst notwendiger Beitrag!

Einmal mehr ein treffender und kluger Artikel von Carl Bossard! Was der Autor schreibt, hat Hand und Fuss und ist nicht einfach aus der Luft gegriffen.

Zu der im Text erwähnten Expertenarbeit bei der Schulbeurteilung kann ich noch ein paar Gedanken hinzufügen. Im Kanton Zürich wird jede Schule nach fünf (früher vier) Jahren von einem Expertenteam evaluiert. Da geht es um die Organisation der Schule und um die pädagogische Ausrichtung der Schulteams.

Vor einer Evaluation kommen vor allem die Schulleitungen auf Hochtouren, da sie die Leistungen ihrer Schule möglichst detailliert dokumentieren wollen. Wer viel an Aktivitäten im Umgang mit Eltern und bei der Mitsprache der Schülerinnen und Schüler vorweisen kann, rückt sich bereits in ein positives Licht. Diese Chance lassen sich viele Schulen nicht entgehen.

Von der ursprünglichen Idee, dass jede Lehrperson von einer Fachstelle professionell beurteilt werden soll, merkt man kaum noch etwas. Punktuell werden beim grossen Schulbesuch einzelne Lektionen bei einigen ausgewählten Lehrern visitiert. Meist wird nach vorbestimmten Kriterien untersucht, ob im Unterricht gewisse Standards eingehalten werden. Für eine sorgfältige Beobachtung aufgrund mehrerer Besuche über einen längeren Zeitraum hinweg bleibt keine Zeit. Dabei ist ja gerade die Entwicklung der Kinder und einer ganzen Schulklasse das Spannende im ganzen pädagogischen Prozess. Dazu braucht es viele Beobachtungen und genug Zeit für Gespräche mit jeder einzelnen Lehrperson. Doch dafür ist das aktuelle Beurteilungskonzept der Fachstelle überhaupt nicht geeignet.

Die Fachstelle geht von der höchst fragwürdigen Vorstellung aus, man könne die Qualität des Unterrichts in den einzelnen Klassen durch Befragungen der Eltern und Erhebungen in Fragebögen ermitteln. Sicher vermag man so einige Einblicke ins Ganze eines Schulbetriebs erhalten, aber den lebendigen Kontakt mit der pädagogischen Realität in den einzelnen Schulklassen und ihren Lehrerinnen und Lehrern kann man dadurch nicht ersetzen.

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