Kurt Theodor Oehler

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Kurt Theodor Oehler

Von Gastkommentar, 15.02.2012

Warum vermittelt Europa kein Heimatgefühl? Von Kurt Theodor Oehler Es ist erstaunlich, die Deutschen, Franzosen, Engländer und im Weiteren auch die übrigen EU-Staaten empfinden die Europäische Union nicht als ihre Heimat. Sie sind in erster Linie Deutsche, Franzosen, Engländer usw. Deutschland, Frankreich usw. sind ihre Heimatländer.

Es gibt in dieser Hinsicht nur eine rudimentäre Identifikation mit dem für sie künstlich zusammengefügten „Konstrukt Europa“. Das gilt insbesondere auch für die Schweiz. Die Schweizerinnen beziehungsweise Schweizer denken bei Europa eher an das Gegenteil von Heimat. Europa ist für viele eher „Feindesland“, das von „Fremden Fürsten“ beherrscht wird.

Die Vielfalt Europas

Was auf der Ebene „Europa“ nicht möglich erscheint, funktioniert auf nationaler Ebene bestens. Die Schweiz hat sich als Nationalstaat gut konsolidiert. Die Schweizer fühlen sich heute in erster Linie als Schweizer und erst in zweiter Linie als Zürcher, Basler oder Berner. Das war vor einigen Jahrzehnten noch anders. Und in Deutschland haben sich sowohl die Bayern als auch die Preussen sehr gut in die Bundesrepublik eingefügt.

Die Europäische Union ist ein vielsprachiger, polyvalenter, multiethnischer, multireligiöser und supranationaler Zusammenschluss, der sich sowohl strukturell als auch politisch schwer tut, alles unter einen Hut zu bringen. Liegt es möglicherweise an dieser Vielfalt, dass bis heute kein integratives Heimatgefühl aufgekommen ist? Vermutlich nicht, denn es gibt Staaten, die ebenfalls multikulturell, vielsprachig, multiethisch usw. sind wie Europa und trotzdem von aussen oder innen gefühlsmässig eher als Ganzes erlebt werden beziehungsweis wurden.

Der Mythos verbindet

Das gilt zum Beispiel für die USA, China, in Grenzen auch für die ehemalige Sowjetunion. Die Amerikaner sind in erster Linie Amerikaner, und dann erst Texaner, Kalifornier oder Ostküstenbewohner. Das zeigt sich auch an den Olympischen Spielen. Auch China wird mindestens von aussen überwiegend als China und nicht als Sichuan, Yunnan, Hunan oder Anhui wahrgenommen.

Das gilt mit Einschränkung auch für die ehemalige Sowjetunion. Obwohl diese gerade wegen ihres starren Regimes und wegen der ethnischen Unterschiedlichkeiten schliesslich zerbrach, wirkte sie in der Welt als politische Einheit. Das hatte vermutlich mit dem völkerverbindenden Mythos zu tun. Diese Staaten haben ihre Volkshelden und überragenden Identifikationsfiguren. Die USA blickt auf einen verheerenden Bürgerkrieg, aber auch auf überragende Präsidenten zurück. Und China kann auf Mao und den „Langen Marsch“ verweisen. Und auch die Sowjetunion hatte ihren bestimmenden Mythos: „Väterchen Stalin“, der sein Volk mittels des „Vaterländischen Krieges“ zum historischen Sieg führte.

Diese Mythen sind für die Entstehung eines Heimatgefühls wichtig. Sie sind aber nicht die einzigen Beweggründe. Es braucht noch andere Faktoren, damit sich die Menschen positiv mit ihrem Staat identifizieren können.

Das Beispiel Gruppendynamik

In der Kleingruppendynamik kann der Mechanismus der Identitätsfindung genau studiert werden: Eine neu zusammengestellte Gruppe ist noch keine „Gruppe“. Sie hat keine Struktur und keine Identität. Diese bilden sich erst nach und nach. Die Identität entsteht über den Aufbau von Beziehungen und über die Bildung von Strukturen. Dabei müssen mindestens zwei Bedingungen erfüllt sein. Erstens muss die sogenannte „Gesundheitspartei“ stärker sein als die „Krankheitspartei“. Sonst fällt die Gruppe auseinander. Zweitens muss die entscheidende Frage beantwortet sein: die Vertrauensfrage!

Das heisst mit anderen Worten, dass jedes Gruppenmitglied das Gefühl haben muss, dass es von der Gruppe als Ganzes geschützt, in seiner Einzigartigkeit erkannt und in seiner eigenen Identitätsentwicklung unterstützt wird. Wenn alle Gruppenmitglieder in dieser Weise integriert sind, kann die Gruppe ihre Identität feiern. Dann fühlt sich jedes Gruppenmitglied gefühlsmässig gebunden. Erst jetzt ist die Gruppe eine „richtige“ Gruppe geworden.

Diese naturgesetzlich bedingten Mechanismen lassen sich in jeder Gruppe, sei sie klein oder gross, nachweisen, und sie können entsprechend auch auf grosse und grösste Gruppen übertragen werden.

Die Entwicklung des Heimatgefühls

Für die Entstehung des Heimatgefühls braucht es wie in der Kleingruppe vor allem eine eigene Geschichte, die zur Einigung des Ganzen führt (Geschichtsaspekt). Zu dieser Geschichte gehören zum Beispiel Beziehungen und Verbindungswege, epochale Ereignisse, berühmte Anführer, erfolgreiche Generäle, fantastische Heldentaten und nicht zuletzt siegreiche Kriege, die im Nachhinein glorifiziert werden. Hier wäre zum Beispiel auf die Französische Revolution und Napoleon, wiederum auf den „Vaterländischen Krieg“ und auf den „Langen Marsch“ hinzuweisen. Mit solchen Mythen kann man selbst „Massenmördern“ ein humanes Mäntelchen verpassen.

Im Hinblick auf die Entwicklung der Schweiz kann man neben dem Tell-Mythos auch die Schlachten der alten Eidgenossen, zum Beispiel am Morgarten, in Sempach oder bei Murten, anführen. Als weiteres sind übergreifende Beziehungen (Beziehungsaspekt) und integrierende Strukturen (Strukturaspekt) nötig. Schliesslich muss jede Region oder jeder Teilstaat das Gefühl haben, dass er seinen Bedürfnissen entsprechend einen sicheren Platz beanspruchen und Hilfe beziehungsweise spezifische Förderung erfahren darf (Vertrauensaspekt)!

Europa zeigt Flagge

Im Hinblick auf Europa können nun folgende Faktoren, die zu einem europäischen Heimatgefühl beitragen können, aufgezählt werden: Geschichtsaspekt: Europa hat bereits eine eigene Geschichte. Es hat sich ausgehend vom historischen Handschlag zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle langsam zu einer überregionalen Suprastruktur entwickelt. Es hat sich eine eigene Fahne, eine eigene Währung und auch spezielle Gesetze gegeben.

Beziehungsaspekt: Mit dem gemeinsamen Wirtschaftsraum und durch das Freizügigkeits- beziehungsweise Schengenabkommen wurde im Hinblick auf den Beziehungsaspekt vieles eingeleitet, was die Kontakte beziehungsweise Beziehungen untereinander langsam verstärken wird.

Ministerrat, aber kein Regierungschef

Strukturaspekt: Im Rahmen des „supranationalen Zusammenschlusses souveräner Staaten“ sind im Laufe der Jahre zahlreiche Strukturen entstanden: Es gibt eine gemeinsame Verwaltung und zahlreiche Normen. Als legislative Gremien fungieren der „Rat der Europäischen Union“, auch „Ministerrat“ genannt, das „Europäische Parlament“ und die „Europäische Kommission“, während die exekutiven Funktionen sowohl von der „Europäischen Kommission“ als auch vom „Ministerrat“ erfüllt werden. Zudem wurde eine unabhängige Judikative geschaffen.

Das höchste Entscheidungsgremium ist der sogenannte „Ministerrat“, der sich aus den Staatschefs der siebenundzwanzig Mitgliedsländer zusammensetzt. Es gibt aber noch keinen europäischen Regierungschef und keinen speziellen Aussenminister. In beschränktem Umfang werden diese Funktionen vom Vorsitzenden des „Europäischen Rates“, Herman Van Rompuy, und von der „Hohen Vertreterin für Aussen- und Sicherheitspolitik“, Catherine Ashton, übernommen.

Wächst das Vertrauen?

Vertrauensaspekt: Dem Vertrauensaspekt kommt eine überragende Bedeutung zu. Tatsächlich ist die Europäische Union der Sicherheit und Solidarität verpflichtet. Insbesondere Spanien, Portugal und Griechenland, später die Baltischen Staaten und nach der Wende die Osteuropäischen Länder, haben von der Solidarität der wirtschaftlich stärkeren Länder sowohl finanziell als auch infrastrukturell profitiert. Erstere haben in der Folge grosse Fortschritte erzielt. Und im Hinblick auf die Befriedigung des Balkans hat die EU nach anfänglichem Zögern Entscheidendes beigetragen. Dieser Beitrag wird nicht ohne Wirkung bleiben.

Wichtig ist ebenso, dass vor allem die kleineren Staaten immer wieder die Erfahrung machen, dass sie für Europa wichtig sind und in ihrem speziellen Charakter ernst genommen werden. Die Europäische Einigung kann schliesslich nur dann gedeihen, wenn die Mitgliedsländer eine konstruktive Zusammenarbeit miteinander pflegen.

Noch gibt es gefühlsmässig kein geeintes Europa

Die Europäische Union zeigt zwar international „Flagge“ und hat eine eigene Hauptstadt. Sie hat sogar mehr oder weniger erfolgreich eine eigene Währung eingeführt. Trotz der Wappen und Symbole können sich sowohl die Menschen in der Europäischen Union als auch diejenigen in der Schweiz nicht mit Europa identifizieren. Noch ist Europa keine wirkliche „Heimat“ geworden. Warum nicht?

Nach wie vor gibt es keine europäische Regierung, mit der man sich identifizieren könnte. Es fehlt insbesondere ein mit allen Insignien der Macht ausgestatteter Präsident beziehungsweise eine Präsidentin, die das Bedürfnis nach Mystifikation hinreichend befriedigen könnten. Das hört sich zwar recht „unschweizerisch“ an. Es sind aber gerade diese Dinge, die die Gefühle der Menschen zutiefst bewegen.

Demokratiedefizit

Und es gibt keine überzeugenden europäischen Helden, ausgenommen vielleicht die Staatsmänner Konrad Adenauer, Charles de Gaulle und Winston Churchill. Das Europäische Parlament ist zwar durch eine allgemeine, freie und geheime Wahl demokratisch legitimiert. Das gilt aber nicht für die anderen Gremien. Insbesondere der „Ministerrat“, der als höchste Entscheidungsinstanz fungiert, wird durch die Regierungen der Mitgliedsländer bestimmt.

Zudem gibt es in den politischen Entscheidungsprozessen keine direktdemokratischen Sachentscheide, wie sie in der Schweiz allgemein üblich sind. Dieses sogenannte Demokratiedefizit wird immer wieder als negativer Punkt angeführt. In diesem Sinne fehlt Europa eine überzeugende demokratische Vision, auf die die Mitgliedsländer stolz sein könnten. Die Europäische Union hat auch keine eigene Armee, und somit auch keinen gemeinsam zu absolvierenden Militärdienst, der in der Regel völkerverbindend wirkt.

Schulbücher und Sport

Auch kulturell gibt es keine europäischen Identifikationsfiguren. Die Deutschen haben ihren Goethe beziehungsweise Schiller, die Engländer ihren Shakespeare, die Franzosen lieben ihre Impressionisten beziehungsweise ihre Philosophen und die Österreicher ihre Komponisten. Es gibt aber nach wie vor keine Künstler, die speziell europäisch firmieren würden.

Und auch die Schulbücher, Lehrmittel und andere Medien werden regional hergestellt und fast ausschliesslich regional eingesetzt. Es gibt kaum Presseerzeugnisse, die ein speziell europäisches Publikum ansprechen würden. Beim Sport, der für die Identifikation äusserst wichtig ist, ist es nicht anders. Es gibt noch kein europäisches Fussball- beziehungsweise Eishockeyteam und keine europäische Olympiamannschaft. Es gibt nicht einmal eine europäische Fussballliga, die entsprechend den nationalen Ligen europäisch organisiert wird. Das gilt auch für andere Sportarten, zum Beispiel für Handball, Eishockey, Tennis usw. Diese sind durchwegs national und nicht europäisch organisiert.

Der Faktor Zeit

Es gibt aber noch einen entscheidenden Punkt, der noch nicht diskutiert wurde. Der Faktor „Zeit“. Während sich das Identitätsgefühl in kleinen Gruppen in wenigen Tagen entwickelt, kann das im Hinblick auf die Europäische Union mit einer beinahe halben Milliarde Menschen nicht über Nacht geschehen. Der Prozess, wie er beispielhaft in der Kleingruppe beobachtet werden kann, dauert im Rahmen eines ganzen Kontinents möglicherweise mehrere Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Dieser Prozess lässt sich kaum beschleunigen. Europa wird deswegen noch lange kein emotional besetztes „Heimatland“ sein!

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Kommentare

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Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen.Eine einheitliche Definition existiert nicht. So ist für viele Heimat eine räumlich-soziale Einheit mittlerer Reichweite, in welcher der Mensch ein Sicherheit und Verlässlichkeit seines Daseins erfahren kann sowie ein Ort tieferen Vertrauens: „Heimat als Nahwelt, die verständlich und durchschaubar ist....Quelle:Wikipedia:"Heimat" Dass sich Amerikaner als ganzes und hauptsächlich als Amerikaner fühlen liegt daran, dass sie fast alle mehrheitlich Europäer sind. z.B.Die Texaner leben seit dem Völkermord an den Indianern auf getohlenem Gebiet. Solche Vergangenheiten sind immer mit schlechtem Gewissen verbunden.....darum fühlt man sich lieber als Amerikaner ( Die Stämme der Kulturen waren bei Ankunft der Spanier in zahlreiche ethnische Gruppen von verschiedener Zusammensetzung gegliedert). Zu ihnen gehörten die Alabama, Apachen, Atakapan, Bidai, Caddo, Coahuiltecan, Comanche, Cherokee, usw. Diese lebten vor dem Völkermord schon tausende Jahre dort. In Europa ist das umgekehrt. Zuerst fühlt man sich als Spanier und erst dann als Europäer. Das macht aber nichts weil auch in der Physik immer die Tendenz herrscht dass kleineres sich in ein grösses ganzes einfügen möchte. Grosse Gemeinschaften werden stärker und auch gewisse Rivalitäten ergeben sich daraus, das ist normal. Europäer zu sein kann trotz der unsäglichen Vergangenheit ( die fast alle "Anderen" auch haben ) heute vielen Menschen das Selbstwertgefühl stärken......PAX EUROPäen fordern,das wäre richtig! Und das mit Nachdruck!

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