Kriegsjunkie

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Kriegsjunkie

Von Alexandra Senfft, 13.01.2012

Alexandra Senfft Auf einem idyllischen Landsitz zwischen Elbe und Weser fängt alles an: Lutz Kleveman soll mit 24 Jahren das Erbe seines Vaters antreten und das herrschaftliche Gut übernehmen. Aber er macht einen ereignisreichen Umweg.

Denn anstatt sich der Familientradition mit Siegelring, Jagd und Acker zu beugen, geht er nach London, um sein Studium zu beenden und sich umzusehen – ein geregeltes Leben ist für ihn so attraktiv wie ein »Fussnagel-Sorbet«. Zehn Jahre hat die Mutter ihm gegeben, dann rufen Moor und Pflicht. Kleveman nutzt die ihm gewährte Zeit: Was der rastlose junge Mann erlebt, genügt für mehrere Menschenleben.

Journalist will er werden, und weil selbst London ihm bald zu eng wird, zieht er nach Budapest. Der Zufall will es - oder war es Fügung? -, dass er die Stelle des ausgelaugten freien Korrespondenten vom Daily Telegraph übernehmen kann. Wie man sich als freier Berichterstatter durchschlägt, hat der grosse Blonde aus dem hohen Norden schnell heraus.

Anarchische Orte

Mit einem klapprigen Citroen im Balkan unterwegs, jagt er unermüdlich dem Scoop hinterher. Der journalistische Durchbruch kommt 2001 in Sierra Leone, »dem ärmsten und kaputtesten Land der Welt... Grund genug, mir den Ort mal selbst anzusehen. Ich sollte Afrika durch die Hintertür betreten.« Er schafft es bis zu den Minen, in denen Diamanten für den Waffenkauf geborgen werden – "Sklavenarbeitslager", wo die Kinder »keine Schulbücher und Bleistifte, sondern Schaufeln und Gewehre« tragen.

Anarchische Orte ziehen Kleveman an. Er schlägt alle Warnungen vor Gefahren in den Wind, zeigt sich unerschrocken (später sagt er: leichtsinnig) und dringt so - oft als erster Reporter überhaupt - ins Innerste lebensgefährlicher Konflikte vor. Was er, der bald auch für deutsche Medien unterwegs ist, aus Afghanistan, Tschetschenien, Russland oder über die Favela-Drogengangs in Brasilien und das Kokainbusiness in Kolumbien berichtet, ist so informativ und spannend, dass man die Lektüre kaum beiseite legen mag.

Frauen, Bordelle, Alkohol und Drogen

Der Autor hat von den Engländern nicht nur das Schreiben, sondern auch den trockenen Humor und die Selbstironie gelernt. Wie er etwa als vermeintlicher tschetschenischer Terrorist mit einem Untersuchungsbeamten des russischen Staatssicherheitsdienstes um die Wette säuft, um seine Haut zu retten, dann von dessen Frau bekocht und bebügelt wird und schliesslich auf einen Flieger gesetzt wird, der ihn ausser Landes bringt, ist eine der vielen obskuren Geschichten, die Kleveman aus fremden Welten zu erzählen versteht.

Frauen, Bordelle, Alkohol und Drogen gehören zu seinem wilden Alltag – für zart besaitete Leser mitunter harter Stoff. Der Hemingway von der Niederelbe gefährdet »arglos-achtlos und selbstzerstörerisch«, wie er selbst sagt, sein eigenes Leben. »Ich war wie ein Schwamm, der sich vollsog mit den Reizen des Reporterdaseins... Irgendwann dachte ich, die Welt existiere nur für mein privates Vergnügen. Ob Not oder Krieg, für mich war das alles nur ein grosses Spiel.« Ein Schnösel und Arschloch sei er gewesen, und als sein erstes Buch über die Ölinteressen der Weltmächte am Kaspischen Meer in Deutschland herauskam, »litt ich an schlimmerer Ego-Inflation und Narzissmus als je zuvor. Wie die meisten erfolgreichen Journalisten fing ich an, mich selbst viel zu ernst zu nehmen«, so der 37-Jährige. Er habe in diesem Dauerrausch allmählich das verloren, was einen guten Journalisten ausmache: Neugier und Mitgefühl. Dabei kritisiert er nicht nur sich selbst, sondern schont auch die deutsche Journaille nicht - viele seiner Kollegen betrachtet er als selbstgefällig, weltfremd und dilettantisch.

Wonach sucht der Autor?

Parallel zu seinen Reportageberichten beschreibt Kleveman seine lange Reise mit der sibirischen Eisenbahn 2008. Hier ist er auf den Spuren seines Grossvaters unterwegs, der sich während des ersten Weltkrieges als russischer Kriegsgefangener auf dieser Route befand und Briefe in das heimatliche Gut schickte. Der Enkel notiert: »Hans-Heinrich und seine Brüder sind damals wie Deutschland an sich: Sie wollen mehr sein, als sie sind.« Vom »militaristisch-nationalistischen Virus« befallen, wird der Grossvater ein hoher Wehrmachtsoffizier, der aufs Gut heimgekehrt, über das Schicksal der umliegenden Höfe entscheidet und deren Söhne in den Krieg entsendet. Die Folgen dieser Taten sind bis heute spürbar.

Sein Grossvater sei vom Krieg fasziniert gewesen, so Kleveman, und er erkennt auf seiner Reise zu sich selbst, dass auch er »kriegsgefangen« war. Lutz hatte sich lange "Louis" genannt und als Engländer ausgegeben. Er hasste seine Identität als Deutscher, leugnete seine Vergangenheit und wollte sich neu erfinden. Er habe sich im Laufe seiner Journalistenlaufbahn immer häufiger gefragt, was er an diesen mörderischen Orten von Zerstörung eigentlich suche, und warum er seine Abende mit unmenschlichen Killern, Huren und Gangstern verbringe? Lutz Kleveman musste rund hundert Länder in acht Jahren bereisen, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass er ein Kriegsjunkie geworden war, auf der Flucht vor sich selbst.

Mittlerweile hat der Autor sein Erbe angetreten, seine Liebste geheiratet und verwaltet mit ihr gemeinsam das Familiengut. Er hat sich der schmerzhaften Familiengeschichte gestellt und einen weiten Weg der inneren Auseinandersetzung zurückgelegt. Herausgekommen ist dabei ein kultiges Buch: mutig, unterhaltsam und von grossem Erkenntnisgewinn.


Lutz Kleveman: Kriegsgefangen. Meine deutsche Spurensuche, Siedler Verlag 2011

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