Knapp, sehr knapp

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Knapp, sehr knapp

Von Hans Woller, 09.03.2017

Die „Nationale Front“, sechs Wochen vor der Präsidentschaftswahl. Eine Meinungsumfrage und eine Reihe von Zahlen.

Je näher der Wahltermin rückt, desto stärker schiessen weit über Frankreichs Grenzen hinaus, ja bis in die Börsensäle am anderen Ende der Welt, die Spekulationen über einen möglichen Wahlsieg der rechtsextremen Marine Le Pen ins Kraut.

Langszeitbeobachtung

Bei aller gebotenen Skepsis gegenüber Vorhersagen der Meinungsforschungsinstitute – Brexit, Trump und Primärwahlen in Frankreich lassen grüssen – gilt es doch, der einen oder anderen Umfrage die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.

Eine von ihnen ist die seit über einem Jahrzehnt alle 12 Monate erscheinende  Enquête des französischen Meinungsforschungsinstituts SOFRES, die Jahr für Jahr auslotet, wie hoch die „Nationale Front“ bei den Franzosen im Kurs steht, wie weit sich die Ideen der rechtsextremen Partei in den Köpfen der Franzosen festgesetzt haben und wie es generell um das Image der Partei von Vater und Tochter Le Pen bestellt ist.

Gerade mal ein Drittel

Relativ kurz vor der Präsidentschaftswahl gibt die jüngste Ausgabe dieser SOFRES-Umfrage ein differenziertes Bild von der relativen Stärke der Nationalen Front und kommt zu den drei wichtigen Schlüssen:

  • Das Image der Partei hat sich in jüngster Zeit nicht verbessert, im Gegenteil.
  • Gleichzeitig ist die Zustimmung zu den Ideen der Nationalen Front erneut angestiegen.
  • Erneut betrachten mehr und mehr Franzosen die „Nationale Front“ als Gefahr für die Demokratie.

32 Prozent der Franzosen haben laut dieser Untersuchung schon einmal für die „Nationale Front“ gestimmt oder werden es diesmal tun – das sind 2 Prozent weniger als vor einem Jahr.

Gefahr für die Demokratie

Gleichzeitig sind 33 Prozent der Franzosen mit den Ideen der „Nationalen Front“ vollständig oder ziemlich einverstanden. Das sind zwei Punkte mehr als vor einem Jahr – mit grossen Unterschieden in der sozialen Zuordnung: So finden die Ideen der „Nationalen Front“ unter Arbeitern fast 50 Prozent Zustimmung.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aber: Die Anzahl der Franzosen, die in der „Nationalen Front“ eine Gefahr für die Demokratie sehen, hat auch im vergangenen Jahr, wie bereits in den drei vorhergehenden Jahren, nochmals zugenommen.

Skepsis der Franzosen

Zwischen Mitte der 1980er Jahre und bis 2002, als Jean Marie Le Pen überraschend in die Stichwahl kam, lag die Zahl relativ kontinuierlich bei 70 Prozent. Seit 2002 nahm sie ab, bis es 2013, zwei Jahre, nachdem Marine Le Pen Parteichefin geworden war, nur noch 47 Prozent der Franzosen waren, die die „Front National“ als Gefahr für die Demokratie betrachteten. Inzwischen sind es wieder 58 Prozent! Und unter den Frauen und den Bürgern über 65 sowie den leitenden Angestellten sind es gar zwischen 62 und 69 Prozent.

Mit anderen Worten: Marine Le Pens jahrelanges Bestreben, ihre Partei hoffähig zu machen und zu sagen, die „Nationale Front“ sei eine Partei wie alle anderen auch, ist nicht von Erfolg gekrönt. Und: Je näher die „Nationale Front“ an die Macht heranzurücken scheint, desto skeptischer werden die Franzosen.

Obergrenzen

Alles in allem machen die Zahlen dieser neuesten Untersuchung deutlich: Irgendwo zwischen 30 und 35 Prozent scheint für Marine Le Pen Schluss zu sein. Das ist viel, aber bis zu den nötigen 50,1 Prozent wäre der Weg dann doch noch sehr weit.

30 Prozent für Marine Le Pen im ersten Durchgang bei den Präsidentschaftswahlen am 23. April wären – bei 80 Prozent Wahlbeteiligung – ca. 11 Millionen Stimmen.

Die höchste absolute Stimmenzahl, die die „Nationale Front“ bislang erzielt hat, waren 6,8 Millionen, im 2. Durchgang bei den Regionalwahlen im Dezember 2015 – allerdings bei einer Wahlbeteiligung von nur 50 Prozent.

Bei der letzten Präsidentschaftswahl 2012 hatte Marine Le Pen im ersten Durchgang 6,4 Millionen Wähler hinter sich gebracht.

Um auf 50,1 Prozent zu kommen, müssten am 7. Mai rund 18 Millionen Franzosen für die extreme Rechte stimmen.

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Wen auch immer die Franzosen wāhlen werden: EU und NATO hātten mit Sicherheit gerne Macron.

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