Kleinkrieg im Schatten grosser Konflikte

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Kleinkrieg im Schatten grosser Konflikte

Von Arnold Hottinger, 09.04.2018

Unter den Augen Moskaus: Israel attackiert Iran und Syrien.

Israel hat am frühen Morgen des vergangenen Montags einen Schlag gegen die syrische Luftwaffenbasis T4 geführt, der offenbar bis zu vierzehn Todesopfer kostete. Die Einzelheiten wurden zuerst vom russischen Verteidigungsministerium bekannt gegeben.

Israel folgte seiner herkömmlichen Informationspolitik in derartigen Fällen. Es gab keine offizielle Information von Seiten der israelischen Behörden, jedoch wurden die Informationen aus dem Ausland – in diesem Falle aus Moskau – in den israelischen Zeitungen und Medien veröffentlicht und diskutiert, ohne von den Behörden bestätigt oder dementiert zu werden.

Drei von acht Raketen erreichten ihr Ziel

Das russische Verteidigungsministerium gab die folgenden Details bekannt: Zwei israelische F15-Kampfflugzeuge seien in den libanesischen Luftraum eingedrungen und hätten von dort aus acht Raketen auf die syrische Luftbasis T4 abgefeuert. Fünf der Raketen seien von der syrischen Luftabwehr abgeschossen worden. Doch drei hätten den westlichen Teil der Luftwaffenbasis erreicht. Dies habe Tote und Verwundete verursacht.

T4 liegt ungefähr zwischen Homs und Palmyra in der Wüste. Die Bezeichnung kommt von dem nächst gelegenen Ort, der Tyass heisst. Die Basis war schon im Februar dieses Jahres Ziel eines israelischen Angriffs gewesen. Damals waren die Israeli gegen sie vorgegangen, weil eine ihrer Einschätzung nach iranische Drohne, die von dort aus gesteuert wurde, in den israelischen Luftraum eingedrungen und dort abgeschossen worden war.

Israel war überzeugt, dass iranische Truppen von der syrischen Basis aus operierten. Israel hat Iran in Syrien den Kampf angesagt, weil es befürchtet, die Iraner könnten ihre guten Beziehungen zum Asad-Regime dazu benützen, um sich in Syrien militärische Stützpunkte zu verschaffen sowie möglicherweise Anlagen zur Produktion von hochentwickelten Waffen. Was Iran dazu dienen werde, Israel von Syrien aus zu bedrohen, ähnlich wie es dies mit der Hilfe Hizbullahs von Libanon aus seit geraumer Zeit tut. T4 gilt in Israels Augen als einer der Ausgangspunkte dieser vermuteten iranischen Politik.

Russland spielt sich in den Vordergrund

Neu an der gegenwärtigen Lage ist nur, dass die Informationen über das Geschehen diesmal zuerst aus Moskau kamen. Bisher hatte Moskau es vorgezogen, zunächst zu schweigen und anderen Informanten den Vorrang zu überlassen, obwohl man annehmen musste, dass die Russen, die den Luftraum über Syrien kontrollieren, genau und zeitgleich darüber Bescheid wussten, was geschah.

Ihre informative Zurückhaltung war ein Zeichen dafür gewesen, dass sie die Verantwortung für die Sicherheit des syrischen Luftraums gegenüber Eingriffen aus Israel nicht übernehmen wollten. Wenn sie nun die ersten sind, die sich zu Wort melden, deutet das an, dass sie nicht mehr gewillt sind, die Israeli in Syrien handeln zu lassen, ohne dagegen zu reagieren.

Richtigstellung in Damaskus

Die syrische Information hatte als erste – noch vor den Russen – von dem Angriff auf T4 gesprochen. Doch sie hatte erklärt, es handle sich „wahrscheinlich“ um einen amerikanischen Eingriff. Später war dies korrigiert worden und auch Damaskus sprach von einer israelischen Aktion, die von Libanon aus ausgelöst worden sei. Was die Opfer angeht, so wurde später die Zahl von 14 Todesopfern genannt. Dies war auch die Zahl, welche die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London angab. Mehrere unter den 14 seien Iraner und Angehörige der iranischen Hilfsmilizen gewesen.

Die libanesische Regierung gab bekannt, die israelischen Flugzeuge seien über Jounié vom Mittelmeer aus eingeflogen und hätten ihren Weg quer über Libanon hinweg in Richtung Baalbek fortgesetzt. Aus Israel war zu hören, dass die Russen nicht im Voraus über den bevorstehenden Angriff auf den syrischen Militärflugplatz informiert worden seien.

Eine erste Warnung

Der Umstand, dass das russische Verteidigungsministerium sich diesmal als erstes zu Wort meldete, ist ein kleiner, jedoch kaum unbedeutender Schritt in Richtung auf eine russisch-israelische Konfrontation im Zusammenhang mit Syrien. Er ist als ein Zeichen zu werten, das Moskau setzt, um zu unterstreichen, dass es die möglichen israelischen Massnahmen gegen Iran nicht mehr zu ignorieren gedenkt.

Israel wird auf dieses bislang noch verhaltene Zeichen seine Iran-Politik kaum aufgeben. Die Gefahren, die Israel für sich in einer möglichen Festsetzung iranischer Militärinteressen im syrischen Nachbarland erblickt, gelten als dermassen schwerwiegend, dass die dortige Regierung ihren gegenwärtigen Kurs einer Konfrontation mit Iran auf dem syrischen Schauplatz schwerlich ändern wird. Was erwarten lässt, dass die Spannungen zwischen Russland und Israel anwachsen werden.

Und was macht Amerika?

Ob derartige zu erwartende Gegensätze zwischen Israel und Russland dazu führen könnten, dass die Amerikaner ihr Engagement in Syrien entgegen ihren Ankündigungen zuletzt doch nicht aufgeben, um sich, wenn nötig, zugunsten Israels einsetzen zu können, ist eine Frage, die Israel natürlich brennend interessiert. Doch diese Frage dürfte angesichts der Sprunghaftigkeit der amerikanischen Syrienpolitik zur Zeit nicht wirklich beantwortbar sein.

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Kommentare

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Ein sehr guter, willkommener Bericht. Warum sind solch kompetente Einschätzungen und Informationen nicht in den schweizerischen Leitmedien zu lesen?
Danke und weiter so Herr Hottinger - ihre Berichte sind mehr als wertvoll.

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