Im Krieg mit den Medien?

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Im Krieg mit den Medien?

Von Hans Durrer, 19.05.2017

Er sei im Krieg mit den Medien hat Donald J. Trump, der auf einer sehr eigenen Wahrnehmungsebene unterwegs ist, gesagt. Und wie bei fast allem, was der Mann sagt, ist auch diese Aussage allerhöchstens nur halb richtig.

Denn Trump ist nur im Krieg mit den Medien, die ihn kritisieren. Weder gegen Fox News, noch gegen Breitbart führt er Krieg, denn diese sind ihm generell wohlgesinnt, obwohl die meines Erachtens bislang witzigste Kritik vom Fox-Kommentator Charles Krauthammer stammt.  Er meinte zu Trumps Drohung in Richtung des geschassten FBI-Chefs („James Comey better hope that there are no ‚tapes‘ of our conversations before he starts leaking to the press.“), diese erinnere ihn eher an einen Mafia-Boss als an den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Keine Erschütterung unter den Trump-Wählern?

Dass die liberalen Massenmedien Donald Trump nicht nur im Visier haben, sondern aus vollen Rohren auf ihn schiessen, ist offensichtlich. Sie machen nur ihren Job? Sicher, doch ist der ja auch von Eigeninteressen geleitet – über nichts freuen sich Medieneigner nämlich mehr als über Auflagesteigerungen.

Journalismus sei kritisches Hinterfragen, habe ich einmal gelernt. In diesem Sinne macht die überwiegende Mehrheit der Massenmedien „a good job“. So viele differenzierte und gescheite Analysen sind einem US-Präsidenten in so kurzer Zeit wohl noch nie gewidmet worden. Die  kritischen Kommentare haben mittlerweile ein Ausmass erreicht, mit dem sogar Trumps Tweets nicht mehr mitzuhalten vermögen.

Gemäss Umfragen waren jedoch all diese Anstrengungen für die Katz, denn niemand scheint auch nur das Allergeringste daraus gelernt zu haben: Die weit überwiegende Mehrheit der Trump-Wähler steht weiterhin zu ihrem Mann und Hillary Clinton scheint immer noch genügend Unterstützer zu haben, um sich nach wie vor berufen zu fühlen, auf der politischen Bühne mitzuspielen.

Ein System-Fehler?

Die meines Erachtens wirklich relevanten Fragen wurden vor einigen Wochen in diversen Medien recht breit besprochen: Ist Trump ein Narzisst? Ist er geisteskrank? Wie immer waren die Antworten ganz unterschiedlich: Die einen verbaten sich solche Fragen als impertinent, andere erregten sich darüber, ob Ferndiagnosen zulässig seien und für noch andere waren das rein rhetorische Fragen.

Dass ein impulsgesteuerter 70-Jähriger (ein schon an sich eher seltenes Phänomen), der alles ausschliesslich auf sich bezieht, „en Egge ab hätt“, finde ich nicht einmal eine Diskussion wert. Dass ein ausgewiesener Chaot keine Position einnehmen sollte, für die die Fähigkeit, sein Innenleben im Griff zu haben, eine Grundvoraussetzung ist, halte ich für ebenso klar. Kurz und gut: Es braucht kein Expertenwissen, um zu erkennen, dass dieser Mann keine Führungsverantwortung innehaben sollte.

Das Problem ist jedoch nicht der von seinen Gefühlen gebeutelte Trump, das Problem ist ein System, das einen Baulöwen und Präsidenten Trump möglich macht und es offenbar nicht erlaubt, einen so eindeutig Durchgeknallten unverzüglich aus dem Amt zu entfernen. Anders gesagt: Es sind die Werte, auf die unser System – in der Praxis, nicht in  der Theorie – aufbaut (Gier und Selbstvermarktung), die immer mal wieder denkbar schlecht Geeignete, seien es Rücksichtslose, seien es Rückgratlose, in Führungspositionen hieven. Das sind Ausnahmen? Schon möglich, nur eben: Systeme, wenn sie funktionieren, tun dies meist trotz und nicht wegen der Führungskräfte.

Empfehlung an die Medien

Starke Systeme haben es so an sich, sagt man, dass sie auch Irren standhalten. Und bewährte Demokratien wie die USA (die Greg Palast einmal als „the best democracy money can buy“ beschrieben hat) sowieso. Doch vielleicht geht es ja gar nicht allen ums System und dessen Aufrechterhaltung, denn die Trump-Anhänger sind alles andere als Anhänger der herrschenden demokratischen Ordnung, die sie als einen Selbstbedienungsladen der sogenannten Eliten (eigenartigerweise scheinen die Milliardäre um Trump sie nicht zu stören) zu begreifen scheinen.

Wenn die Massenmedien einen so offenkundig Gestörten (niemand würde ein Flugzeug besteigen, das von so einem Mann gesteuert würde) behandeln, als ob er zurechnungsfähig sei (Wird das Amt ihn verändern? Macht er gerade eine steile Lernkurve durch? Ist sein Lügen eine Strategie? Hat er nicht mit vielem auch Recht? Etc. etc.), liefert das zwar interessanten, unterhaltenden und aufschlussreichen Gesprächsstoff, ist jedoch auch ziemlich besorgniserregend. Denn von einem, der nicht alle Tassen im Schrank hat, vernünftiges Verhalten zu erwarten beziehungsweise zu fordern, lässt die Tassen im eigenen Schrank nicht allzu gut aussehen.

Einem genuin Unvernünftigen seine Unvernunft vorzuwerfen ist ziemlich unvernünftig, denn die macht ihn aus und lässt sich nicht ändern. Vernünftiger wäre, wenn die Medien sich selber ändern würden und ihre Aufmerksamkeit fortan ausschliesslich auf die, die von den Handlungen der Politiker betroffen sind, richten würden. Fragt sich nur, ob das jemand lesen will.

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Sehr geehrter Herr Durrer, Ihre präzise Darstellung der Zustände in den U.S.A. - ich würde fast sagen global - hat mich beeindruckt. Gier und Selbstinszenierung - traurigerweise nicht nur bei den Politikern - bestimmen den Alltag. Eigenschaften wie gesunde Selbstkritik, Besonnenheit und auch Bescheidenheit scheinen tatsächlich überall aus der Mode gekommen zu sein. Muss es uns Menschen erst "dreckig" gehen, bevor wir wieder zur Besinnung kommen? Wie Sie sagen, Demokratie ist kein Selbstbedienungsladen, sondern vorerst Verantwortung. Information ist Bring- u n d Holschuld. Das Peter-Pan-Syndrom scheint sich unaufhaltsam zu verbreiten: Haben, haben, haben... Auswirkungen, die sich in 'Donaldismus' manifestieren.
Ihnen Dank. MfG KM

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