Höhenflug in dünner Luft

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Höhenflug in dünner Luft

Von Urs Meier, 18.09.2021

Max Bill, bekannt als Gestalter eindrucksvoller Skulpturen, wird mit einer Werkschau als Maler, Plastiker, Grafiker und Designer vorgestellt.

In ihrem Titel erklärt die Berner Ausstellung Max Bill (1908–1994) zum globalen Künstler. Man fragt sich, was das sein soll. Bill ist im schweizerischen Kontext wichtig, hat zudem zeitweise in Deutschland gewirkt und Verbindungen nach Südamerika und in die USA gepflegt. Deshalb «global»?

Als junger Mann studierte er 1927/28 kurz am Bauhaus Dessau. Ihm reichte das, um nebst wichtigen Anregungen auch entscheidende Kontakte mitzunehmen. Seine Energie und Zielstrebigkeit sind staunenswert. Ohne Architektur studiert zu haben, gewinnt er mit neunzehn Jahren einen Wettbewerbspreis für den Entwurf eines Hochhauses in Osaka. 1930 ist er in Paris und nimmt Kontakt mit avantgardistischen Künstlern auf, 1932 gehört er der dortigen Gruppe Abstraction création an – und so weiter, Schlag auf Schlag. Bill war in seiner langen Künstlerlaufbahn Netzwerker, Lehrer, Verfechter einer reinen Lehre der konkreten Kunst und erfolgreicher Selbstvermarkter. Aber globaler Künstler? 

Architekt und Designer

Am liebsten hat Bill sich selber als Architekt gesehen. Die wenigen Bauten, die er realisiert hat – die wichtigste davon ist der 1953 eröffnete Campus der Hochschule für Gestaltung HfG Ulm – können einen globalen Geltungsanspruch jedoch bei weitem nicht stützen. Spuren hinterlassen hat er viel eher als Maler, Plastiker, Grafiker und Designer. Dieser letzte Bereich ist für Bills Schaffen zentral. Seine kühn minimalistische Formensprache bei Möbeln und Uhren überzeugt nach wie vor. Auch Bills konkrete Malereien und Skulpturen atmen den Geist des Designs: Sie sind «technisch» gestaltete Ideen.

Max Bill: kern aus doppelungen, 1968, Messing, vergoldet, 50 x 60 x 50 cm; Kunstmuseum Bern, Anne-Marie und Victor Loeb-Stiftung, Bern, © 2021, ProLitteris, Zurich
Max Bill: kern aus doppelungen, 1968, Messing, vergoldet, 50 x 60 x 50 cm; Kunstmuseum Bern, Anne-Marie und Victor Loeb-Stiftung, Bern, © 2021, ProLitteris, Zurich

Die Kleinplastik «Kern aus Doppelungen» von 1968 illustriert diesen Design-Ansatz. Sieben gleiche Vierkantstäbe kreuzen sich in den drei Raumdimensionen so, dass im gemeinsamen mittigen Kreuzungspunkt sich zuerst zwei Stäbe rechtwinklig über den Stab der ersten Dimension, dann vier rechtwinklig über die zwei Stäbe der zweiten Dimension legen. 

Solches Gestalten mit definiertem Material und selbstgewählten Regeln ist kennzeichnend für konkrete Kunst. Das Material bei «Kern aus Doppelungen» sind gleiche Vierkantstäbe. Die Regel lautet: Wenn sich zwei Richtungen kreuzen, umschliessen zwei Stäbe einen anderen. Mit diesen Vorgaben ein dreidimensionales Vektormodell zu gestalten, kann auf mehrere, aber beschränkt variierende Arten geschehen – eine Aufgabe, wie sie für Architektur oder Design typisch ist.

Max Bill: magische chromographie, 1944 1946, Öl auf Leinwand, 72 x 108 cm; Kunstmuseum Winterthur, Geschenk der Frawa AG, 1969, © 2021, ProLitteris, Zurich
Max Bill: magische chromographie, 1944 1946, Öl auf Leinwand, 72 x 108 cm; Kunstmuseum Winterthur, Geschenk der Frawa AG, 1969, © 2021, ProLitteris, Zurich

Regelhafte Strukturen finden sich seit den Vierzigerjahren auch in den Bildern, die nun ganz der konkreten Kunst verpflichtet sind. In «Magische Chromographie» von 1944 ist es der Goldene Schnitt, der gleich mehrfach zur Anwendung kommt: Sowohl beim ganzen Bild wie beim violetten Rechteck stehen die Seitenlängen im Verhältnis des Goldenen Schnitts. Letzteres löst bei den vertikal und horizontal angrenzenden Rechtecken wiederum zahlreiche Goldene Schnitte aus. Bill liebte es, mit mathematischen Beziehungen zu arbeiten. Mengen, Variationen und Relationen erscheinen als steuernde Regeln für die Organisation von Bildflächen. 

Konkret und konstruktiv

Bills Arbeiten sind nicht nur «konkret» (im Gegensatz zu abbildend oder figurativ), sondern auch «konstruktiv» (im Gegensatz zu expressiv). Sie gehören damit zu jener Strömung, die nach dem holländischen De Stijl und dem russischen Suprematismus der 1910er-Jahre die Kunst vom Prinzip des Darstellens ablöste und als freie, autonome Manifestation konstituierte. 

Damit verbunden war immer die Utopie gesellschaftlicher Neuerung: weg von entfremdenden Verhältnissen, hin zu wahrem Leben. Auch bei Bill und den Konkreten seiner Tage – zwei bis vier Jahrzehnte nach den holländischen und russischen Aufbrüchen – klingen die revolutionären Implikationen nach. So wundert es denn nicht allzu sehr, dass Max Bill ein halbes Jahrhundert lang vom Schweizer Staatsschutz observiert wurde.

Mit grossen skulpturalen Arbeiten hat Bill prominente Markierungen im öffentlichen Raum gesetzt. Bekannt sind etwa die «pavillon-skulptur» an der Zürcher Bahnhofstrasse oder das Werk «kontinuität», 1947 in Zürich aufgestellt, 1948 von Vandalen zerstört, 1983–1986 für die Aufstellung vor der Deutschen Bank in Frankfurt neu ausgeführt

Auch bei diesen Arbeiten herrschen technische Aspekte vor. Vor allem die beeindruckende Makellosigkeit und topologische Kompexität der granitenen «kontinuität» kalkulieren mit der Verblüffung als ästhetischer Wirkung. Nicht nur die Herstellung der in sich verschlungenen Formen ist eine technische Meisterleistung, sondern auch die Form als solche heischt Applaus und ist insofern Ergebnis eines «technischen» Kalküls.

Als «globaler» Künstler positioniert

Schliesslich gilt es auf eine Sonderbarkeit der Berner Bill-Schau hinzuweisen. Max Bill gilt in der Kunstgeschichte als ein Hauptvertreter der «Zürcher Konkreten», sein Werk wird gemeinhin im Kontext jener losen Formation gesehen, als deren Exponent, Vordenker und Vermittler er sich verstand. Wie ist es da zu erklären, dass die Nennung dieser Gruppierung, in der Bill sich selber ausdrücklich verortet hat, in der Ausstellung und im Text des Katalogs völlig fehlt?

Die Vermutung liegt nahe, dass die «Max Bill Georges Vantongerloo Stiftung» in Zumikon die Fäden gezogen hat. Die von der Kunsthistorikerin Angela Thomas Schmid (sie war Max Bills zweite Frau) und ihrem Mann, dem Filmemacher Erich Schmid, geleitete Stiftung ist in Ausstellung und Katalog nachhaltig präsent, so unter anderem mit Schmids 94 Minuten langem Dokumentarfilm «Max Bill – das absolute Augenmass» (2008), eine Hagiographie, durch die als Priesterin Angela Thomas Schmid führt.

Die Zumiker Stiftung, flankiert von der Galerie Hauser & Wirth, einem grossen Player im Kunstmarkt, ist offenbar stark interessiert, Bill als «globalen Künstler» zu positionieren, der auf dem Markt nicht mehr mit den Zürcher Konkreten – Richard Paul Lohse, Verena Loewensberg, Camille Graeser und anderen – assoziiert wird, sondern mit Andy Warhol, Donald Judd sowie der kunsthistorischen Ahnengalerie Josef Albers, Paul Klee, Piet Mondrian, Wassily Kandinsky.

Das kann man machen, doch ob es dem Objekt der Bemühungen guttut, ist fraglich. Das Problem ist nicht, dass Bill etwa kein guter Künstler wäre. Die exquisit gestaltete Ausstellung im Zentrum Paul Klee zeigt faszinierende und meisterliche Werke, die Bills Rang bestätigen. Aber die Schau zeigt halt auch, dass er kaum unverwechselbar Eigenes geschaffen hat und nicht herausragt aus den Strömungen, in denen sein Wirken verortet ist. Es ist wichtig und interessant, solche Kunst zu zeigen. Sie sollte aber richtig eingeordnet sein.

Zentrum Paul Klee, Bern: max bill global, bis 9. Januar 2022, kuratiert von Fabienne Eggelhöfer

Katalog bei Scheidegger & Spiess, CHF 49

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