Fatale Hilfe

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Fatale Hilfe

Von Stephan Wehowsky, 23.08.2018

Dass es gut sei, Bedürftigen zu helfen, ist eine feste Überzeugung, die von den meisten Menschen geteilt wird. Thomas Gebauer und Ilija Trojanow gehen mit ihr aber hart ins Gericht.

Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, Notleidenden in aller Welt Hilfe zukommen zu lassen, wie in unserer Zeit. Internationale politische Organisationen, NGOs ohne Zahl, Stiftungen, Vereine, Initiativen und nicht zuletzt die Kirchen bieten unermüdlich ihre Dienste an. Um so schlimmer für die Bedürftigen, meinen Thomas Gebauer und Ilija Trojanow.

Selbstgefälligkeit und Heuchelei

Thomas Gebauer ist Geschäftsführer der Hilfsorganisation „medico international“, Ilija Trojanow hat als Schriftsteller mit seinen Reiseberichten und Essays internationales Renommee. Für dieses Buch sind die beiden zusammen weit gereist, haben internationale Konferenzen der Hilfsbeflissenen ebenso besucht wie Projekte in abgelegenen Regionen. Ihre fundamentale Kritik gewinnt dadurch Anschaulichkeit.

Den Ausgangspunkt des Buches bildet ein Event in Karachi, zu dem der Schweizer Botschafter, hochrangige Vertreter der UN und diverse Vertreter internationaler Firmen wie Novartis und Nestlé sowie zahlreicher Hilfsorganisationen geladen haben. Die Stimmung ist super, das Buffet üppig, und die Reste davon werden an die Armen der Stadt verteilt. Für Gebauer und Trojanow ist das nur ein weiteres Zeichen von Selbstgefälligkeit und Heuchelei.

Kritik vermeiden

Dient, so fragen sie, die Hilfe, die derzeit geleistet wird, lediglich dazu, die Hilfsbedürftigen in ihrer Abhängigkeit und ihrem Elend zu belassen? Hat die Hilfe nicht nur den Zweck, unseren Lebensstil aufrecht zu erhalten und das Gewissen zu beruhigen? Gegen Ende des Buches, an dem sie noch einmal die „fatalen Strategien“ der jetzigen Hilfsorganisationen unter die Lupe nehmen, schildern sie, wie das Fundraising immer mehr zum Lifestyle-Element wird. Spenden werde „zum Erlebnis“, und die PR-Strategen sorgen mit ihrem „Kult der Unmittelbarkeit“ für die „emotionale Vermarktung“ ihrer Projekte.

Dabei beobachten Gebauer und Trojanow eine fundamentale Veränderung in den Einstellungen speziell der NGOs. Gab es früher bei einzelnen Projekten immer auch politische Impulse gegen den Einfluss internationaler Konzerne, gegen Machtmissbrauch oder Umweltzerstörung, so vermeidet man heute alle Äusserungen, die in irgendeiner Weise Missmut oder Widerstand der Mächtigen auslösen könnten.

Im Boot mit den Mächtigen

Im Gegenteil: Die Mächtigen sitzen mit im Boot. Melinda und Bill Gates zum Beispiel machen viel Aufhebens um ihre Stiftung, und Bill darf als Redner bei den repräsentativen Versammlungen der UN nicht fehlen. Niemand spricht darüber, dass seine Stiftung auch ein Mittel zur Steuerbefreiung ist und er mit seiner Hilfe zum Beispiel im medizinischen Bereich auch dafür sorgt, dass das Thema der Aufhebung des Patentschutzes für lebenswichtige Medikamente wie Aids-Mittel gar nicht erst auf die Tagesordnung kommt.

Die Verquickung von vorgeblicher Hilfe mit wirtschaftlichen Interessen bezeichnen die beiden Autoren als „Philanthrokapitalismus“. Dazu gehören auch die viel gepriesenen Mikrokredite, die von Muhammad Yunus erfunden wurden. „Zwischen 2005 und 2010 wuchs die Mikrofinanzbranche um jährlich vierzig Prozent. Unversehens hatte sich aus einer wohlmeinenden Idee eine veritable Industrie entwickelt, deren Finanzvolumen längst die Hundert-Milliarden-Dollar-Grenze überschritten hat.“ Die Folge: Viele Kredite können nicht mehr zurückgezahlt werden, und die Gesellschaften haben sich nach kapitalistischem Muster verändert, so dass traditionelle Bindungen und Solidaritäten verloren gingen.

Spendenerlebnis

Wirkliche Hilfe und wirklicher Altruismus sind in den Augen von Thomas Gebauer und Ilija Trojanow ohne tiefgreifende Korrektur unseres westlich-kapitalistischen Lebensstils nicht zu haben. So polemisieren sie heftig gegen die utilitaristischen Ansätze des australischen Philosophen Peter Singer, der meint, mit seinen Methoden Hilfe optimieren zu können. Auf diesen Ansätzen gründen inzwischen ganz neue Plattformen zur Vermittlung von Spendenmöglichkeiten wie helpdirect.org, Spendenportal.de oder betterplace.org. Auch hier geht es immer nur um das „Spendenerlebnis“ und nicht um tiefgreifende Korrekturen.

Im Schlusskapitel ihres Buches skizzieren Gebauer und Trojanow Ansätze von Hilfeleistungen, die ihren Kriterien entsprechen. Sie sehen aber beide, dass diese Ansätze sehr bescheiden und fragil sind – was nicht gegen sie sprechen muss. Der Wert ihres Buches liegt aber darin, dass sie kenntnisreich und detailliert darlegen, wie die jetzigen Formen der Hilfe hauptsächlich der Bestätigung unseres fragwürdigen Lebensstils dienen. An Stelle gerechterer Verteilung vorhandener Ressourcen setzt man heute allein auf Wirtschaftswachstum: „Wie üppig muss das weltweite Buffet ausfallen, damit genug für alle Hungernden abfällt?“

Thomas Gebauer, Ilija Trojanow: „Hilfe? Hilfe! – Wege aus der globalen Krise“, 254 Seiten, S. Fischer Verlag 2018.

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Kommentare

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Schade, dass hier in der Rez nicht Ross und Reiter genannt werden und plötzlich alles unter die Pauschale Hilfe oder Spenden gerät. Dafür ist dieses Feld, dort wo es real um Projekte geht, zu differenziert. Und schon ist der Prügel Helferindustrie u.ä. herausgeholt. Ich unterstütze viele Initiativen und Projekte, die nicht mit einem Apéro riche verbunden sind, nicht mit Botschaftsempfängen, nicht mit Parallelkapitalismus. Wieweit die Autoren diesen Verallgemeinerungen Vorschub leisten, kann ich nicht beurteilen. Es wäre keinesfalls neu in der weitverbreiteten und politisch oft hoch willkommenen "Desillusionierungs-Literatur", die den durchaus glaubwürdigen "Hilfsversuchen" den Boden zu entziehen suchen. Kritik wird hier nur "hilfreich" nach dem Motto: WIDER die Pauschale!

Eine wichtige Buchbesprechung! Denn es ist wirklich fragwürdig geworden, mit welchen Mitteln Spender bei Laune gehalten werden sollen. Ein ganz wichtiges Merkmal der Helferindustrie ist, dass sie gegenüber den Mächtigen, wie die weltbeherrschenden Multis, auf Distanz gegangen ist, sprich ihrem Treiben zusieht und sie gewähren lässt. Früher war seitens der NGO viel Mehr Furor und Mut vorhanden, um den ausbeuterischen Aktivitäten der Grosskonzerne Einhalt zu gebieten. Das neue Raubrittertum hat sich die Helferindustrie zu Herzen genommen und sich bei ihr eingekauft. Ein weiterer Aspekt ist, dass es immer mehr NGO's gibt, die sich für eine bessere Welt einsetzen wollen. Wie wäre es, wenn gewisse Aktivitäten besser koordiniert würden? Aber jede Organisation kocht ihr eigenes Süppchen - nicht zum Wohl der Hilfsbedürftigen. Eines ist klar: Die beste gemeinnützige Form zugunsten der Welt und ihrer Menschen ist, sich eines Konsums zu bedienen, der den Begriff Nachhaltigkeit wirklich verdient. Ohne materiellen Verzicht unsererseits zugunsten der ärmeren Weltbevölkerung ist kaum mit mehr Verteilungsgerechtigkeit auf diesem Planeten zu rechnen - Spenden hin oder her. Wenn wir bewusster leben, indem wir uns fragen, welcher Konsum dem Gemeinsinn einen Nutzen bringt, können wir alle einen humanistischen Beitrag leisten, ohne mit einer falschen Spende unser Gewissen beruhigen zu wollen. Dass die digitale neue Weltordnung diesbezüglich einige Fallen stellt, gehört zu einer Wahrnehmungschärfung, ohne die eine bessere Welt oder gar die Rettung des Planeten nicht zu haben sein wird.

Erfreulich, dass diese beiden Autoren Tabuzonen aufdecken. Allein, die Entwicklungshilfeindustrie (ausschliesslich in westlich orientierten Ländern) hat sich ihre Pfründe seit Jahrzehnten erkämpft und gesichert, wie einst die Klöster und Bettelorden. Immer zu Lasten der Steuerzahler.

Ich glaube, beim Helfen geht es darum, einen Ausgleich zwischen zu viel und zu wenig herzustellen, Not zu lindern, Gefaĺlene wieder aufzurichten und jedem ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen und Helfer und Geholfenen dabei nicht vergessen zu lassen, dass es durch das Helfen für beide im nächsten Leben einfacher werden wird, weil sie nicht vergessen haben, was den Menschen zum Menschen macht.

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