Ein Meisterwerk, und niemand schaut hin

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Ein Meisterwerk, und niemand schaut hin

Von Bernard Imhasly, 26.06.2012

Das schönste Kompliment, das man einem Buch machen kann, lautet: Es lässt mich die Welt neu sehen. In diesem Fall ist die Welt ein winziger Spalt davon: ein kleiner Slum von 350 Hütten in Bombay. Aber was für ein Perspektivwechsel!

Annawadi ist ein Ort, an dem viele von uns, wenn sie Bombay anfliegen oder verlassen, fast hautnah vorbeikommen, auf das wir sogar hinuntersehen können, wenn wir auf dem Dachrestaurant eines der fünf Luxushotels an einem Cocktail nippen. Es verbirgt sich hinter den riesigen Stellwänden entlang des letzten Kilometers vor dem Internationalen Flughafen, die Metro-Baustelle und Hotels von diesem Augenschreck abschotten. An einigen dieser Stellwände hing vor einigen Jahren die Werbung für italienische Badezimmer-Kacheln, begleitet vom suggestiven Slogan "Beautiful Forever".

Ein Elendsviertel in Bombay

"Beyond the Beautiful Forevers" lautet der Titel des Buchs. Geschrieben hat es die amerikanische Journalistin Katherine Boo. Sie erzählt die Geschichten einiger Menschen in Annawadi: vom jungen Lumpensammler Abdul Husain und seiner Familie, deren Nachbarin Fatima One Leg Sheikh, von Asha und ihrer Tochter Manju. Im Zentrum steht der Streit zwischen den Husains und One Leg, der mit dem Tod des Krüppels endet, in der Verhaftung Abduls, und wie dieser Tod Asha hilft, zu einem "Slumlord" zu werden. Aber das Ereignis ist nur ein Gerüst, das sich Boo anbot, als sie im November 2007 zum ersten Mal nach Annawadi kam und dann fast vier Jahre lang dort während jeweils Monaten täglich recherchierte.

Katherine Boo hat während Jahren, zuerst für die ‚Washington Post, später für den "New Yorker", über Armut in den USA geschrieben, und was es braucht, ihr in einem der reichsten Länder zu entkommen. Sie kam nach Indien, um zu sehen, wie ein Land, das ein Drittel der Armen der Welt beherbergt, mit den Möglichkeiten umgeht, die ein demokratischer Sozialstaat und die rasche Globalisierung bieten – gerade in einer Stadt wie Bombay, Metropole des Kapitals, aber immer noch emblematisch ein "Slumbay". Können die Bewohner dieser Slums die Chance packen?

Menschen ohne die geringste Chance

Sie können es nicht. Während sich die Geschichte von Abdul und One Leg und Asha entfaltet, zeigt sich, dass der Zugang zu diesen Chancen blockiert wird von denen, die sie garantieren sollten: der Polizei, die „ohne weiteres in Dein letztes Stück Brot schneuzen würde“ und die sich nicht ziert, jede Rupie zu "besteuern", den ein Abfallsammler am Tag macht. Das staatliche Krankenhaus, für Arme kostenfrei, das aber für jedes freie Bett, für jeden Kissenanzug kassiert, von den Medikamenten nicht zu reden; und das die Eintrittsdiagnose im Nachhinein verschönert, um nach dem Tod von One Leg die eigene Nachlässigkeit zu vertuschen.

Was sind die Folgen für die Betroffenen? Es ist hier, wo die Qualität des schmalen Buchs erkenntlich wird. Für die Bewohner von Annawadi ist die Definition von Glück eine negative - „that a train hadn’t hit you, the malaria you hadn’t caught“. Sonst wehe: “The boy who loses his hand in a plastic shredder immediately apologises to the employer for making a mess.” Überhaupt, die Kinder: „They accepted the basic truths: that in a modernising, increasingly prosperous city their lives were embarrassments best confined to small spaces, and their deaths would not matter at all”. Das Resultat ihres gemeinsamen Schicksals ist aber nicht, wie von Sozialromantikern gefordert, Solidarität, Revolte - im Gegenteil: “Powerless individuals blamed other powerless individuals for what they lacked. Sometimes they tried to destroy one another. Sometimes, like Fatima, they destroyed themselves in the process ... The poor took down one another, and the world’s great, unequal cities soldiered on in relative peace”.

Das klingt zynisch, aber Katherine Boo ist es nicht. Sie schreibt von den Kindern, auf ihrem Hochseilakt zwischen vergiftetem Trinkwasser, dem Schnüffeln von Leim und Polizeiwillkür, und sie sagt: „I was continually struck by the ethical imaginations of young people, even those in circumstances so desperate that selfishness would be an asset. They have little power to act on those imaginations, and by the time they grow up, they become the adults who keep walking as a bleeding waste-picker slowly dies on the roadside, whose first reaction when a vibrant teenager drinks rat poison is a shrug.“ Wie kann dies geschehen? Es habe nichts zu tun mit angeborener Brutalität, sondern “conditions that can sabotage innate capacities for moral action”.

Die Armen kommen zu Wort

Diese Zitate stammen alle aus dem Nachwort. Auf den 244 Seiten davor kommen nur Annawadis Bewohner vor. Zum ersten Mal erscheint das auktoriale Ich auf Seite 245. Zuvor beschreibt Boo den vergifteten Teich und die wackligen Hütten, die Schauplätze, wo sich Abfall finden lässt, Polizeistationen, Jugendheime, das Cooper Hospital. Mit einer beispiellosen Empathie fühlt sie sich in diese Menschen ein, rekonstruiert Gefühle, Reaktionen, Ereignisse. Sie tut dies nicht wehleidig, sondern in einer unsentimentalen und dennoch lyrischen Prosa, die Distanz schafft und gleichzeitig Platz macht für Mitgefühl. Und sie kann es deshalb tun, weil sie dort so lange arbeitete, dass sie nicht mehr wahrgenommen wurde, weil sie hunderte Stunden Bild und Ton aufnahm. Im Fall der Selbstverbrennung von One Leg sprach sie mit 168 Leuten, prüfte Gerichtsakten, Polizei- und Krankenberichte.

Das Auslassen des schreibenden Ich ist gewiss eine der grossen Qualitäten des Buchs, da es damit seinen Gegenstand ganz zum Subjekt macht. Aber es ist auch seine Schwäche. Denn das Einbringen des beobachtenden Journalisten würde dem Leser auch die Gewissheit geben, dass dies eine Realität aus der Perspektive eines Aussenseiters ist, also subjektiv, beschränkt auf ein winziges Stück Realität. Die Extrapolation wird dem Leser überlassen. Bei Boo hat der Leser diese Freiheit nicht, und damit besteht das Risiko, dass der Leser in den USA, in Europa sich sagt: Annawadi ist Mumbai, Annawadi ist Indien. Und dies wäre, trotz aller berechtigten Kritik am Staat, an der Gesellschaft, so nicht wahr.

Drohungen

"Behind the Beautiful Forevers" ist dennoch ein Meisterwerk. Es verbindet die Sensibilität eines Romans mit der Genauigkeit einer Reportage. Auch in den indischen Zeitungen wurde das Buch hoch gelobt. Doch zu meinem Erstaunen löste es keinerlei Reaktionen aus, nicht einmal in Bombay. Es stellt das Modell des fürsorglichen Staats in Frage, und die Hoffnung der Armutsbeseitigung dank raschem Wachstum löst sich in Luft auf. Dennoch gab es kein einziges Podiumsgespräch, keine Stellungnahme aus der Politik, kein Nachhaken der Medien. Zufällig traf ich Katherine Boo kürzlich in Delhi. Ich fragte sie nach diesem ausbleibenden Echo. „Ja, auch ich bin perplex“, sagte sie. "Kommen Sie doch nach Bombay, um vielleicht doch eine Debatte anzuwerfen", lud ich sie ein. „Ich gestehe, dass ich mich etwas fürchte. Ich habe Drohungen erhalten – nicht mich direkt betreffend, aber Menschen, die mir bei der Arbeit am Buch geholfen haben. Ich möchte sie nicht gefährden.“ Also doch eine Reaktion – und eine systemkonforme.

Im nächsten Monat soll das Buch auf Deutsch erscheinen. „Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben“. Lassen Sie sich von diesem dummen Titel nicht abhalten, es zu lesen.

Lautet der Titel "Beyond the Beautiful for evers" oderr "Behind the Beautiful for evers" ?.

Tatsaechlich gibt es einen Unterschied zwischen den Zwei!

Danke für den Buchtipp! Auch ein Tipp von meiner Seite: der Englische Titel des Buches ist korrekt "Behind the Beautiful Forevers: Life, Death and Hope in a Mumbai Slum".

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