Ein Gespräch über Tango

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Ein Gespräch über Tango

Von Helmut Scheben, 25.07.2015

Carlos und Rosa Pérez sind die bekanntesten Tangolehrer von Buenos Aires. Weltmeister des professionellen Tanzes sind aus ihrer Schule hervorgegangen.

Carlos war zwölf Jahre alt, als er Tango lernte: „Die Freunde brachten es einem bei, auf der Strasse oder zuhause oder im Café an der Ecke.“

Carlos ist 76 Jahre alt, Rosa 74, aber wenn die beiden durch den Saal gleiten, sieht man ihnen das Alter nicht an. Sie haben Mitte Juli einen Workshop in der Zürcher Tangoschule „Cuartito Azul del Tango“ geleitet. „Es war ein sehr emotionaler Moment“, sagt Angela Baciu, die Leiterin der Tangoschule(1). Jahrelang habe sie ihren Schülern erzählt, dass eines Tages ihre beiden verehrten Lehrer Carlos und Rosa aus Buenos Aires nach Zürich kommen würden. Nun sind sie da.

Carlos und Rosa Pérez heute
Carlos und Rosa Pérez heute

„Ich glaube, meine Wiegenlieder waren Tangos“, lacht Carlos. „Es gab nur drei Radiosender in Buenos Aires, man hörte Tango in allen Häusern. Mein Vater liebte den Tango. Ich denke, der Tango erzählt die Lebensgeschichte von Buenos Aires, er ist das Herz dieser Stadt.“

Mi Buenos Aires querido

El farolito de la calle en que nací
fue centinela de mis promesas de amor.
Bajo su inquieta lucecita ya la ví
a mi pebeta luminosa como un sol.

Hoy que la suerte quiere que te vuelva a ver,
ciudad porteña de mi unico querer,
oigo la queja de un bandoneón
dentro del pecho pide rienda el corazõn

Im Tango “Mi Buenos Aires querido” besingt Carlos Gardel – wie im gleichnamigen Film – seine Heimatstadt: Die Laterne der Strasse, in der er geboren wurde, war stumme Zeugin der ersten Liebeserklärung, unter ihrem unruhigen Licht traf er sein Mädchen, und wenn er ein klagendes Bandoneón hört, dann muss er sein Herz im Zaum halten.

Tango ist Buenos Aires, Buenos Aires ist Tango

Es ist wohl kein Zufall, dass jene kulturelle Eruption namens Tango in Buenos Aires passierte. Die Hafenstadt an der Mündung des Rio de la Plata hatte 1895 rund 670‘000 Einwohner und zählte 1930 fast zwei Millionen. Es gab keine Stadt in Lateinamerika, die um die Wende zum 20. Jahrhundert ein so schwindelerregendes Wachstum und so radikale soziale Umwälzungen erfuhr wie Buenos Aires. Argentinien bediente die enorme Nachfrage nach Fleisch, Getreide, Leder und Wolle im Europa des Ersten Weltkrieges. Argentinien war in den ersten drei Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts ein Wirtschaftswunderland, Buenos Aires war eine Legende.

In die fieberhaft pulsierende Hafenmetropole, die Ende der zwanziger Jahre bereits ein Strassenbahnnetz von rund tausend Kilometern hatte, zog es Menschen aus den entfernten Provinzen Lateinamerikas ebenso wie Italiener, Iren, Deutsche oder Skandinavier. Es waren verarmte Bauern, Industrie- oder Landarbeiter, aber auch Aussteiger der Bourgeoisie, die ihr Glück zu machen hofften. Auf jeden Arbeitsplatz am Hafen, in den Fabriken, im Transportwesen, in den Schlachthöfen, im Gastgewerbe gab es ein Heer von Anwärtern. Manche versuchten sich als Börsenspekulanten oder Financiers. Einige hatten Glück, andere scheiterten und stürzten ins Elend. Der Glücksspielcharakter des gesellschaftlichen Aufstieges ist eines der immer wiederkehrenden Themen im Tango.

„Der Tango ist Buenos Aires”, sagt Rosa. „Und Buenos Aires ist der Tango.“ Wenn der Tango von Traurigkeit spricht, dann hat das damit zu tun, dass er in einem sozialen Nährboden wuchs, der geprägt war von der Angst vor Arbeitslosigkeit, Armut und Entwurzelung.

Blick ins Fotoalbum der Künstler: Carlos und Rosa Pérez im Alter von 18 Jahren
Blick ins Fotoalbum der Künstler: Carlos und Rosa Pérez im Alter von 18 Jahren

„Die Poesie des Tango ist wunderbar“, sagt Carlos. „Es waren grosse Dichter, die diese Texte machten, ich glaube anders kann man das nicht nennen. Und sie schrieben Tangos um vier Uhr morgens, besoffen, in einer Kneipe.“

Cuando la suerte que es grela
te largue parao.
Cuando estés bien en la via
sin rumbo desesperao.
Cuando no tengas ni fé
ni hierba de ayer
secándose al sol....

verás que todo es mentira,
verás que nada es amor,
que al mundo nada le importa
yira... yira

Der Tango „Yira“ – im Slang ein Wort für eine Frau, die umherstreunt, also eine Prostituierte – entstand 1929, als der argentinische Exportboom infolge der Weltwirtschaftskrise zusammenbrach. „Yira“ stammt aus der Feder des Komponisten und Texters Enrique Santos Discépolo und sagt frei übersetzt: Wenn das launische Glück dich stehen lässt; wenn du verzweifelt und ziellos auf der Strasse stehst; und wenn du keinen Glauben mehr hast und nicht einmal mehr Kraut von gestern, das an der Sonne trocknet (letzteres bezieht sich auf die Gewohnheit armer Leute, den Mate zum Trocknen auszulegen, um ihn für einen neuen Aufguss zu verwenden), dann wirst du sehen, dass alles Lüge ist, dass es keine Liebe gibt und dass es der Welt egal ist, Yira…

„Als wir jung waren, gingen wir zum Tangotanzen, um ein Mädchen zu finden. Der Tango war Mittel zum Zweck. Aber als ich älter war, fand ich mich mehr und mehr wieder in diesen Texten“, sagt Carlos. „Es gab Tangos, die mich zum Weinen gebracht haben.“ Es trifft einen im Innersten, davon ist Rosa überzeugt: „Es ist ja auch viel Wahres in diesen Tangos, es stimmt alles, auch heute noch für uns.“

Für junge Menschen sei das natürlich anders: „Unser Sohn interessierte sich nicht für Tango, aber wir sagten ihm: Warte bis du über dreissig bist, dann packt dich der Tango. Aníbal Troilo, ein berühmter Bandoneón-Spieler, hat einmal gesagt: Ihr müsst euch nicht beeilen, der Tango wartet auf euch.“

Volver

Volver con la frente marchita
las nieves del tiempo platearon mi sien.
Sentir que es un soplo la vida
que veinte años no es nada
que febril la mirada
errante en la sombra
te busca y te nombra.
Vivir con el alma aferrada
a un dulce recuerdo
que hoy lloro otra vez

(Carlos Gardel)

Ein Text, in dem einer sagt, dass er eines Nachts, voller Angst vor der Begegnung mit der Vergangenheit, zurückkommt zu der Strasse, wo er einmal die grosse Liebe fand. Heimkehr „mit der verwelkten Stirn, die Schläfe gebleicht vom Schnee der Zeit. Zwanzig Jahre sind nichts, und das Leben ist ein Atemzug.“

Carlos Gardel sang dies drei Monate vor seinem tragischen Tod bei einem Flugzeugunfall in Kolumbien. Es gibt wenige Tangos, die so bekannt sind, und es kann passieren – auch heute noch, achtzig Jahre später – dass das ganze Restaurant laut mitsingt, wenn dieser Tango irgendwo in Lateinamerika gespielt wird.

Lunfardo, die Sprache des niederen Volkes

Carlos und Rosa reisen um die Welt. Von Finnland bis Japan werden sie eingeladen von Tangoschulen, um Workshops zu leiten. Es sei sensationell, wie stark in Europa und sogar in asiatischen Ländern die Begeisterung für den Tango ist. Viel stärker als unter jungen Leuten in Argentinien. Aber viele tanzen ihn und verstehen die Texte nicht. Sie sollten Spanisch lernen, findet Carlos: „Das Problem ist der Lunfardo. Die älteren Argentinier verstehen ihn noch, die jüngeren weniger.“

1912 wird in Argentinien unter dem Druck von Gewerkschaften, Studenten und liberalen bürgerlichen Kräften erstmals das allgemeine und geheime Wahlrecht (nur für Männer) durchgesetzt, 1916 kommen diese Kreise mit der Regierung der Unión Cívica Radical an die Macht. Der Sturm der Demokratisierung, der Argentinien erfasst, macht nicht halt vor der Musikszene.

Eine Tochterfirma der Columbia Records produziert zu dieser Zeit in Buenos Aires die erste Tango-Schallplatte, Schellack,78 UPM. „Mi noche triste“ heisst der Tango, gesungen von einem damals kaum bekannten, kleinen, beleibten Mann, der Caruso und die Canzonetta Napolitana verehrt. Zehn Jahre später ist er ein Weltstar des Tango und füllt mit seinen Auftritten Theatersäle in Paris und Barcelona: Carlos Gardel.

Und im Liedtext jenes Tangos („Percanta que me amuraste …“) taucht plötzlich die Sprache des gewöhnlichen Volkes auf: Lunfardo. Es ist der Slang der Immigranten und der Armen, die Sprache der Gasse, der Halbwelt und der sozialen Randgruppen.

Künstler traditioneller Prägung liefern damals heftige Abwehrgefechte: Die Sprache der Vulgarität könne keine Kunst hervorbringen, der Tango beschmutze die reine Poesie, er sei eine Kreation von Emporkömmlingen, die ihre lasterhaften Sitten verbreiten wollten. Und es war tatsächlich eine Sprache von „Emporkömmlingen“, denn die alte Gesellschaftsordnung postfeudaler Grossgrundbesitzer, in der jeder und jede einen unverrückbar vorbestimmten Platz hatte, war durch die dramatische wirtschaftliche Entwicklung hinweggefegt worden. Es war die Sprache „von denen da unten“, die sich Gehör verschaffte.

Der 14jährige Carlos tanzt mit einem Freund - aus Carlos Pérez' Fotoalbum
Der 14jährige Carlos tanzt mit einem Freund - aus Carlos Pérez' Fotoalbum

Tangofieber, damals und heute

„In Argentinien war der Tango als gesungenes Lied ein grosser Erfolg, der getanzte Tango hingegen wurde von den Leuten nie so recht akzeptiert“, erinnert sich Carlos. Erst in den Jahren zwischen 1940 und 1960 kam der Durchbruch; das war auch die Zeit, in der immer mehr und immer besser Tango getanzt wurde.“

In Europa hingegen hatte die Tangomanie bereits nach dem Ersten Weltkrieg begonnen. Carlos Gardel schrieb Ende der zwanziger Jahre in einem Brief aus Frankreich an seinen Freund und langjährigen Duo-Sänger Pepe Razzano, in den Clubs von Paris drängten sich Franzosen, Amerikaner und sogar Japaner mit viel Geld, „getrieben vom Tangofieber“.

Er macht sich lustig darüber, dass die Empresarios von ihm verlangen, im Gaucho-Kostüm aufzutreten, und fügt hinzu: „Jetzt, wo ich plötzlich ein richtiger Señor geworden bin, wird mir klar, dass wir (…) damals bei unseren ersten Auftritten im alten Armenonville (ein Cabaret in Buenos Aires, Red.) unter unseresgleichen waren, unter Leuten, die den Tango so fühlten wie wir. Hier dagegen ist der Tango eine vorübergehende launische Mode.“

Gardel konnte nicht ahnen, dass in den neunziger Jahren erneut eine mittelstarke Tango-Epidemie die industrialisierten Länder erfassen und bis heute anhalten würde. Carlos und Rosa schildern beeindruckt, wie stark der Zulauf zu ihrem Tango-Unterricht ist, sei es in Paris, in Zürich, in Helsinki oder Tokio.

„Der Tango hat eine Magie, einen Zauber der Umarmung“, sagt Rosa. In der Umarmung des Tanzes könne eine Person sich auf eine andere einlassen, ohne dass sie sich kennen. Das sei nicht einfach.

„Ich sage den Leuten in den Kursen, sie sollen sich hingeben“, sagt Carlos, „aber es ist eine gute Hingabe.“ Eine Hingabe an den Tanz und die Bewegung. Viele Freundschaften sind geschlossen worden in Tangokursen, der Tango macht Nähe möglich.

Als Carlos Gardel 1935 bei einem Flugzeugunglück in Kolumbien starb, herrschte Bestürzung unter Millionen seiner Verehrer. Es kam zu herzzerreissenden Szenen von Trauer und Verzweiflung bis hin zu Suiziden. Heute fällt es uns sicher schwer zu ermessen, was der Tango jener Zeit gerade für ärmere Menschen bedeutete, die nur das Radio als Unterhaltungsmedium kannten. Die Cinematographie war für viele noch nicht zugänglich.

Carlos kann sich einer gewissen Wehmut nicht erwehren: „Heute ist alles anders. Den typischen Porteño, der zum Tango ging, um sich zu vergnügen und von der Arbeit zu erholen, den gibt es nicht mehr. Heutzutage tanzen die jungen Leute den Tango mit Perfektion und viel Technik, wir tanzten ihn mit viel Herz.“

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(1) Die Zürcher Tangoschule Cuartito Azul ist die grösste der Schweiz. Sie wurde vor sechs Jahren gegründet von Angela Baciu, welche ihr Metier bei Rosa und Carlos Pérez in Buenos Aires gelernt hat.

Das Copyright aller Fotos liegt bei Carlos und Rosa Pérez.

 

 

 

 

 

 

 

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Ihr Artikel, „Wunderschön!“ herzlichen Dank!

Und wenn du einer von denen bist, dein Weg mit nichts als Steinen gepflastert? Und wenn du ständig hadern musst, mit deinem Alltag? Leicht angetrunken abends spät nach Hause gehen willst und deine Kinder schon von weitem schreien hörst, dieses ganze Elend nicht mehr erträgst, dann bist du einer von denen! Tango mit einer Fremden, das erlöst. Er macht etwas mit dir, du weisst nicht genau was. Getanzt, wenn möglich im aller heiligsten Tanzpalast! Mehr Protest, um zu zeigen, dass das Leben dich nicht unterkriegen kann. Schweben über dem Parkett. Die Reichen und scheinbar Glücklichen tun es auch, aber manchmal wegen ihres schlechten Gewissen. Oft schmerzt es, andere für sich arbeiten zu lassen und dieser Tanz suggeriert dann irgendwie Solidarität. Nur, Anteilnahme und wirkliche Solidarität wären ja deutlich schmerzhafter. Ein Tango! Tanz ein Tango, denn er steht für Ganzheit. Eleganter geht`s nicht am Rande des Abgrunds, auf dem Vulkan und man sagt, es leben viele, viel zu viele ständig am Rande und über ihnen hoch empor ein schon grollender Vulkan… cathari

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