Die Welt neu zusammenfügen

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Die Welt neu zusammenfügen

Von Stephan Wehowsky, 24.11.2015

Andreas Gursky erschafft utopische Bilder, indem er reale Orte akribisch genau abbildet und ihre Details neu zusammensetzt. Der Fotograf wird zum Maler.

Hinter diesem Vorgehen steckt ein ganzes Bündel von Motiven. Zwei davon sind vorherrschend:

Mit dem Aufkommen der digitalen Techniken kann die Fotografie nicht mehr den Anspruch erheben, die Wirklichkeit so wiederzugeben, wie sie ist. Sie hat ihre Glaubwürdigkeit als Zeitzeuge verloren. Und keiner kann noch sagen, was Fotografie genau sein soll. Sie muss ihre Aussagekraft und damit ihre Daseinsberechtigung neu erweisen. - So sieht es Andreas Gursky.

Grösser werden

Und es gibt den Kunstmarkt, aus dem sich das zweite Motiv herleitet. Es begann damit, dass sich die Kunstwelt zunehmend für die Fotografie zu interessieren begann. Aber dabei gibt es ein Problem: Wie kann man Museumswände mit Fotografien füllen? Fotografien haben in der Regel recht begrenzte Formate und machen sich auf grossen Flächen nicht sonderlich attraktiv aus.

So kam es, dass in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren die „Tableau-Form“ entwickelt wurde. Besonders einprägsam kann man das an den Porträts beobachten, die Thomas Struth ursprünglich in kleinsten Formaten – wie eben Passbilder so sind – gezeigt hat, um sie dann auf immer grössere Formate zu bringen.

Digitalisierung und Tableau-Form eröffneten nicht nur neue Möglichkeiten, sondern stellten die Fotografen auch vor völlig neue Herausforderungen. Andreas Gursky gehört nun zu jenen Fotografen, die sich diese Form mit ganz besonderem Erfolg zu eigen gemacht haben. Es ist schon fast eine Anekdote, dass sein Bild „99 Cents“ von 1999 mit 3.3 Millionen Dollar den damals höchsten Preis für eine Fotografie erzielte. Allerdings wurde er kurz darauf von Richard Prince übertroffen, dessen Refotografie eines Cowboymotivs der Zigarettenwerbung für 3.4 Millionen Dollar verkauft wurde.

Enzyklopädie des Lebens

Aber die Entwicklung der Tableau-Fotografie von Andreas Gursky erschöpft sich nicht in Anekdoten. Sein Weg lief über die Ausbildung bei Otto Steinert in der Folkwangschule Essen, in der er sein subjektives Sehen schulen konnte, über die Düsseldorfer Schule von Bernd und Hilla Becher. Hier stand die dokumentarische Objektivität im Mittelpunkt.

Wenn Andreas Gursky davon spricht, dass er eine „Enzyklopädie des Lebens“ schaffen wolle, dann kann man die Wurzeln dazu bis in seine fotografische Ausbildung zurückverfolgen. Denn das subjektive Moment gibt ihm die geistige Beweglichkeit, um zu werten und um überhaupt eine Auswahl treffen zu können. Was ist wichtig, was nicht? Was gehört zusammen, was kann vernachlässigt werden? Und überhaupt: Wie soll das Bild aussehen? Am Anfang steht bei Andreas Gursky nicht der Blick durch den Sucher und der Druck auf den Auslöser, sondern ein Layout.

Und die Schulung in der dokumentarischen Fotografie ermöglicht es ihm, für seine Tableaus eine Fülle von präzisen Aufnahmen anzufertigen. Er hat eben gelernt, optimal das Licht einzusetzen, die entscheidenden Perspektiven zu wählen und Symmetrien und andere Strukturen zu erkennen und bildnerisch einzusetzen.

Komplexität und Verflechtungen

Gursky sagt selbst, dass seine Bilder mehr mit Malerei als mit Fotografie zu tun haben, aber man muss betonen, dass sie immer noch prima vista wie Fotos wirken. Erst der zweite Blick enthüllt, dass es sich um höchst anspruchsvolle Kompositionen handelt, deren Entstehungsprozess sich über mehrere Jahre hinziehen kann.

Inhaltlich geht es Andreas Gursky darum, die Welt in ihren Verflechtungen und in ihrer Komplexität sichtbar zu machen. Deswegen erscheinen die Menschen manchmal wie beliebige Punkte, als Masseteilchen, so dass der Einzelne in den grossen Strukturen absolut keine Rolle spielt. Und vor den riesigen Anzeigentafeln des Frankfurter Flughafens zum Beispiel, die Gursky in einem Bild aneinandergefügt hat, wirken die Menschen wie hingepinselt oder einsam und verloren. Manchmal bilden die Menschenmassen geradezu Ornamente wie zum Beispiel bei der Tour de France. Hin und wieder sorgt Gursky dafür, dass der Betrachter, wenn er nur nah heran tritt, den einzelnen Menschen wahrnimmt. Ganz besonders schön ist es ihm mit seinem Bild „Montparnasse“ von 1993 gelungen.

Bis zum 24. Januar 2016 werden im Museum Frieder Burda in Baden-Baden insgesamt 37 Bilder von Andreas Gursky gezeigt. Das neueste Bild trägt den Titel „Rückblick“ und stammt aus dem Jahr 2015. Es zeigt vier Kanzler: Gerhard Schröder, Helmut Schmidt, Angela Merkel und Helmut Kohl. Man sieht sie von hinten durch ein Fenster. Sie schauen auf eine Art roten Wandteppich. Dieses Bild ist viel schlichter als die meisten anderen in der Ausstellung, aber gerade dadurch zeigt es hohe Kunst der Komposition von Andreas Gursky.

Zwei Konzepte

Der Verlag Steidl hat zu der Ausstellung einen sorgfältig edierten Katalog herausgegeben. Daraus ergibt sich ein bemerkenswertes Zusammentreffen: Denn aus Anlass des 70. Geburtstags von Wim Wenders hatte es im Sommer 2015 nicht nur eine Ausstellung im Düsseldorfer Museum Kunstpalast  gegeben, sondern Steidl brachte insgesamt vier Bände heraus, von denen einer betitelt war: „4 real & true 2“. In seiner Ausstellung und dem Begleitband ging es Wim Wenders einzig und allein darum, in Wort und Bild die Auffassung zu vertreten, dass allein die unverfälschte analoge Fotografie, also die Arbeit mit dem herkömmlichen Film und den herkömmlichen Kameras ohne jede digitale Manipulation wahre Bilder erschafft.

Einen grösseren Gegensatz im Hinblick auf die Wahrheit der Fotografie kann man sich kaum vorstellen als den zwischen Andreas Gursky und Wim Wenders. Beide nähern sich der fotografischen Wahrheit auf ganz unterschiedlichen Wegen. Aber so gross die Gegensätze auch sind, so gibt es doch etwas, das die beiden gemeinsam haben: ihre Konsequenz. Sie sind eben Künstler, keine Eiferer. Und ihre Bilder sprechen für sich.

Katalog zur Ausstellung im Museum Frieder Burda, 2015, Steidl 2015

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