Die Schweiz, ein vertrautes, fremdes Land

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Die Schweiz, ein vertrautes, fremdes Land

Von Bernard Imhasly, 15.07.2013

Wenn ich in Indien die Frage nach meiner Herkunft beantworte, fällt die entgeisterte Reaktion fast immer gleich aus: „You live in this mess of a country, and you could be in Paradise.“

Ich sei eben ein Masochist, kalauere ich dann und mache dann doch insgeheim meine Milchmädchenrechnung, was für und gegen meine Wohnortspräferenz spricht. Bis jetzt war die Bilanz immer noch positiv, für Indien. Und wenn ich wieder einmal verzweifle an den Zuständen meines Gastlands, greife ich zu einer wirksamen Therapie: ich fahre in die Schweiz. Dabei fühlt es sich einmal mehr paradiesisch an, beim Touchdown in Kloten, der wie immer sanft und pünktlich genau dies ist, eine Bodenberührung. Und diese setzt sich fort, wenn ich beim Karrusell mein Gepäck bereits vorfinde, und zehn Minuten später weich im SBB-Abteil sitze und der Zug so leise anfährt, dass ich es vorerst nicht bemerke.

Eine Woche darauf, wieder eine Zugfahrt durch das Mittelland. Der Bahnhof Bern ist um sechs Uhr bereits voller Menschen, und ich finde kein leeres Abteil mehr. Die Stimmung im Wagen ein Summen von elektronischer Geschäftigkeit, während draussen die Landschaft vorbeizieht. Sie liegt noch im Morgendunst, Fahrzeuge auf der Autobahn wirken wie Spielfiguren, Bauernhöfe, der Jura-Höhenzug, davor die Aare, randvoll und schwer. Eine Freundin hat mich gewarnt: Es vergeht keine Minute im Zug zwischen St.Gallen und Genf, in der nicht eine Siedlung in den Blick kommt! „So what?“, denkt der Wahl-Inder, es ist nicht eine Idylle, die ich erwarte, es ist diese offene, respektvolle Balance zwischen Natur und menschlicher Präsenz, die die Schweiz vorbildlich macht.

“Goldmedaillist im Plattenlegen“

Schweizer, morgens um sechs Uhr auf dem Weg zur Arbeit - es ist ein Klischee, über das Ausländer gern witzeln. Aber es liegt Neid darin, genauso wie ich fast neidisch werde, wenn ich sehe, wie in diesem durch und durch technisierten Land das Handwerk immer noch Status anzeigt. Auf einem Parkplatz in Kandersteg sehe ich einen Kleinlaster mit Thurgau-Schildern, auf dem Rückfenster ein Poster mit der Aufschrift: ‚Beat Krummenacher – Goldmedaillist im Plattenlegen‘. Ob er wohl einer der Gewinner in der kürzlichen ‚World Skills‘-WM in Deutschland war, in der die Schweiz mit siebzehn Medaillen den 2.Rang erreichte, hinter Südkorea? Und ich denke an Indien, in dem handwerkliches Arbeiten trotz einer grossartigen kunsthandwerklichen Tradition so geringgeschätzt wird, dass es bis heute keine rechte Lehrlingsausbildung zuwegegebracht hat.

Nirgends, so scheint mir, wird das Handwerk so zelebriert wie beim Bau. Schon die Einfassung eines Bauprojekts gleicht einer Theaterkulisse. Beim Bahnhofplatz Bern wird gegenwärtig das Burgerspital umfassend renoviert. Ich würde wetten, dass kaum ein Tourist merkt, dass es eine Baustelle ist. Die ganze Fassade ist mit einem 1:1-Riesenfoto des Gebäudes verhängt, und ich musste ganz nahe herangehen, um mich zu vergewissern, dass die Sudel-Graffiti nicht echt waren.

“Ich bin zwei Minuten verspätet“

Ein paar hundert Meter weiter haben Repararturarbeiten sogar Zuschauertribünen. Bei der Tramgeleise-Sanierung in der Marktgasse ist die Baustelle mit Brettern verrammelt. Dies hat einige Ladeninhaber unter den Arkaden bewogen, ihren provisorischen Zugang zu einer kleinen Holztribüne umzugestalten, mit Sonnenschirmen für Pensionäre wie mich. So können wir den Arbeitern zuschauen, in ihren, je nach Arbeitsfunktionen verschiedenfarbigen Overalls, den Helmen und Ohrmuscheln; die Holzverschalungen sind senkelgerade aufgeschichtet, blaue und rote Schläuche und Kabel sauber verlegt. ‚Freilicht-Museum Schweiz‘, fährt es mir durch den Kopf; und das Bild indischer Baustellen, mit ihrem Chaos von Staub und Lärm, nackten Kinder auf aufgerissenen Zementsäcken, dem Wirrwarr herumlaufender Arbeiter.

Fordern Effizienz und Disziplin auch ihren Preis? Eines Tages erhalte ich einen Aufruf einer älteren Freundin, mit der ich mich verabredet habe: „Ich bin zwei Minuten verspätet“, sagt sie. Fünf Minuten später ist sie da, ausser Atem und gestresst, obwohl der Anlass unseres Rendezvous‘ völlig unerheblich ist. Die Hörigkeit gegenüber dem Fetisch (Uhr-)Zeit ist allgegenwärtig. Die Wirtschaftskrise rund um das Land scheint die Leute zu noch mehr Produktivität angestachelt zu haben, selbst im Konsum von Freizeit. Alte Freunde und Bekannte sind zuvorkommend und freuen sich auf ein Treffen – „aber bitte abmachen!“. Im Zürcher Wochenkalender der NZZ sind unter der Rubrik ‚Museen‘ 49 Institutionen aufgeführt. Aus den schönen Musikabenden in der Kirche meines Nachbardorfs Ernen ist ein ‚Mega-Event‘ von dreissig Veranstaltungen geworden. Der alte Spruch vom Togolesen kommt in den Sinn, der halb so lange lebt wie der Schweizer - und doppelt so viel Zeit hat.

“Die Gemeinde wünscht einen sauberen Sommer“

Zudem: Disziplin ist auch Disziplinierung. Eines Abends gegen zehn Uhr, zwei Wochen nach meiner Ankunft in Bern, höre ich plötzlich einen Hund anschlagen. Ich erschrecke, und merke, dass ich diese ganze Zeit viele Hunde gesehen habe – aber nie einem bellen hörte. Als ich Freunden davon erzähle, klären sie mich auf: Jeder Haushund muss heute mit seinen Pflegeeltern einen Kurs absolvieren, bei dem das Tier auch darauf abgerichtet wird, sich mäuschenstill zu verhalten. Und die Eltern werden, wie bei der Fahrschule, darauf geprüft, ob sie die Schilder lesen können: ‚Leinenzwang!‘ etwa, oder ‚Kotbeseitigungspflicht!‘.

Die Schweiz ist ein ‚Empire des Signes‘ geworden – noch nie zuvor sah ich derart viele ‚Beschilderungen‘. Bei der Einfahrt in eine Parkgarage zähle ich sieben Warntafeln. In Rüschlikon lese ich auf Plakaten, über die Strassen verstreut: ‚Die Gemeinde wünscht einen sauberen Sommer‘. Im Engadin sah ich bei einer grossen Allmend ein Schild im Multipack; auf den fünf roten Kreisen die Abbildungen eines Radfahrer, eines Spaziergängers, eines Flugdrachen, eines Zelt, eines Hunds – Alle durchkreuzt. Das gröbste Warnsignal hängt diesen Sommer, gleich in mehrfacher Ausführung, über der Grill-Wiese im Eichholz, direkt an der Aare: ‚Ordnung + Sauberkeit = Geniessen!‘.

“Rufen Sie uns an! Nummer 143“

Auch bei der Kirchenfeldbrücke steht an beiden Enden ein kleines Plakat. Es ist ein fast unsichtbarer Störfaktor auf dieser Bel-Etage der Stadt, mit ihrem Panoramablick von Bundeshaus und Münster über die Aare-Schlaufen auf das Diplomatenviertel, die bewaldeten Hügel und hinaus auf die Berner Alpen. ‚Verzweifelt?‘ steht auf der kleinen Affiche. ‚Rufen Sie uns an! Nummer 143‘. Den Klartext liefert das stacheldrahtumsäunte Drahtgitter entlang dem Geländer: Es soll verhindern, dass noch mehr Leute sich über die Balustrade schwingen und in den Tod stürzen.

Beim täglichen Gang über die Brücke zum Kindergarten meiner Enkelin hatte ich bemerkt, dass das Metallnetz nur über einzelne Teile der Brücke gezogen war, und ausgerechnet nicht über jene mit der grössten Fallhöhe, dort wo unten die Aare fliesst. Wie konnte das Sinn machen? Ich erkundigte mich. Nicht der Suizid soll verhindert werden, so stellte ich fest, sondern jener, der beim Aufprall auf die Strassen, das Sportfeld, den Parkplatz ein blutiges Schlamassel verursacht und Schulkinder verstört. Die Aare dagegen fliesst hier rasch, und hinterlässt keine Spuren.

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