Die Schlacht um Idlib ist aufgeschoben

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Die Schlacht um Idlib ist aufgeschoben

Von Arnold Hottinger, 18.09.2018

Die erwartete und gefürchtete Schlacht um Idlib ist vorläufig aufgeschoben. Vielleicht findet sie überhaupt nicht statt.

Dies ist das Resultat eines Treffens vom 17. September zwischen Erdogan und Putin in Sotschi, das ganz der Frage von Idlib gewidmet war. 

Von Teheran nach Sotschi

Zehn Tage zuvor in Teheran konnten sich Erdogan, Putin und Rohani nicht darüber verständigen, was in Idlib geschehen soll. Der türkische Staatschef forderte eine direkte oder indirekte türkische Herrschaft  über Idlib und versprach im Gegenzug, die radikale Gruppe HTS, einst der al-Kaida angeschlossen, zurückzudrängen oder zu entmachten. HTS beherrscht mit seinen verbündeten Milizen mehr als die Hälfte der Idlib-Provinz.

Doch die Türkei war bemüht, eine Gegenfront zum HTS aus diesen feindlich oder kritisch gegenüberstehenden Milizen zu bilden, die Nationale Befreiungsfront genannt wurde. Die Türkei verfügt auch über militärische Beobachtungsposten sowohl im Inneren von Idlib wie auch am Ost- und Südrand der Provinz. Im Westen grenzt Idlib an die Türkei an, und im Norden liegt der zu Syrien gehörige, aber türkisch besetzte Bezirk von Afrin, den die Türken zu Beginn dieses Jahres  den kurdischen YPG entrissen haben.

Erdogans Idlib-Pläne

Erdogans Absicht war, auch die Idlib-Provinz den vorläufig türkisch beherrschten Teilen Nordsyriens einzuverleiben, die neben Afrin aus den im August 2016 eingenommenen Gebieten südlich der türkischen Grenze bis hin zu Jarablus am Euphrat bestehen. Diese um Idlib erweiterte Zone hätte dazu gedient, die grosse Zahl der dorthin evakuierten syrischen Kämpfer in Idlib und dazu auch Teile der von der Türkei aufgenommenen 3,5 Millionen syrischer Flüchtlinge aus den früheren Jahren unter türkischer Ägide in Nordsyrien unterzubringen. Dadurch sollte die Dichte der kurdischen Bevölkerung reduziert und ausserdem der Türkei ein Mitspracherecht bei der endgültigen Regelung des syrischen Bürgerkrieges gesichert werden.

In Teheran stiess jedoch Erdogans Plan auf Widerstand durch Iran und durch Russland, und die drei Verhandlungspartner gingen ohne Resultat auseinander.Die syrische Invasion schien bevorstehend

Die Uno warnte vor einem Vernichtungskrieg

Die Bombardierungen durch russische und syrische Kriegsflugzeuge, besonders in den südlichen Teilen der Provinz, verschärften sich in den darauffolgenden Tagen. Damaskus erklärte, eine grosse Truppenkonzentration stehe südlich und östlich von Idlib und die dortige Invasion werde bald beginnen. Die Uno warnte vor einem bevorstehenden Vernichtungskrieg und einer gewaltigen Flüchtlingswelle. UNICEF rief in Erinnerung, dass sich unter den gegenwärtigen Bewohnern von Idlib fast eine Million Kinder befinden. Von den fast 3 Millionen Zivilisten in Idlib, sind die eine Hälfte  Einheimische, die andere aus ihren Wohngebieten vertriebene und evakuierte ehemalige Widerstandskämpfer gegen Asad mit ihren Familien.

Die Zahl der bewaffneten Kämpfer wird auf ein Maximum von 20’000 geschätzt. Doch lange nicht alle verfügen über schwere Waffen. Die auf Grund von Verträgen mit dem Regime Evakuierten mussten diese zurücklassen. HTS,  dessen Kämpfer nicht zu den Evakuierten gehören, sondern zu den ursprünglichen Eroberern, die Idlib der Regierung entrissen, besitzt schwere Waffen. 

Erdogan und Putin einigen sich auf eine Pufferzone

Der Rückschlag von Teheran bewegte Erdogan nicht zum Verzicht auf seine Pläne für Idlib. Die türkischen Tuppen auf den Beobachtungsposten rund um die Provinz herum und in ihrem Inneren wurden verstärkt, und ein hoher Sicherheitsbeamter erklärte der Agentur Reuter: „Wir haben eine militärische Präsenz in Idlib. Wer dort eindringen will, hat mit unserer Armee zu rechnen!“ Die pro-türkische Milizenallianz der Nationalen Befreiungsfront liess vernehmen, falls Idlib angegriffen werde, würden sie mit ihren Rivalen der HTS gemeinsam die Provinz verteidigen.

Dann trafen sich Putin und Erdogan in Sotschi, um über Idlib zu reden. Resultat ihrer Verhandlungen war der Beschluss, eine Pufferzone zwischen den Truppen Asads und Idlib zu schaffen. Sie soll 15 bis 20 Kilometer breit werden und muss am Süd- und am Ostrand der Provinz liegen, wenn sie ihre Bestimmung erfüllen soll. Das heisst: in der Region, in der bereits heute türkische Beobachtungspositionen errichtet sind.

Die Pufferzone soll bis zum 10. Oktober eingerichtet werden. Türkische und russische Truppen sollen gemeinsam in ihr patroullieren. Bis zum 15. Oktober habe der HTS seine schweren Waffen in der Zone und auch in der Stadt Idlib aufzugeben, erklärte Putin in der Pressekonferenz, die dem Übereinkommen folgte. Asad stimme dem Vorgehen zu, hiess es auch. Der Beschluss der beiden Staatschefs bedeute, so der russische Verteidigungsminister, dass die Invasion Idlibs nicht stattfinde.

„Dekonfliktierung“ als Vorstufe der Eroberung

Wenn man auf den Gebrauch schaut, der von Asad und Russland von den „Dekonfliktierungs“-Gebieten  in Syrien gemacht wurde, kann man sich fragen, ob der Zweck der nun beschlossenen Pufferzone nicht ein ähnlicher sei. Die „Dekonfliktierungs“-Gebiete in der Ost-Ghuta bei Damaskus und im Süden Syriens an der jordanischen und Golan-Grenze, dienten dazu, die betroffenen Gebiete relativ ruhig zu halten, bis die Zeit für Asad und die Russen gekommen war, sich ihrer durch brutale Bombardierungen und eine darauf folgende militärische Offensive zu bemächtigen.

In der Wartezeit, während welcher die „Dekonfliktierung“ andauerte, bekämpften die Milizen des Widerstandes in vielen Fällen einander, was natürlich zu ihrer Schwächung gegenüber Damaskus und Russland beitrug.

Es geht um Zeitgewinn

Ein vergleichbares Szenario, in dem die Türkei, wie sie es versprochen hat, die Schwächung oder gar „Ausschaltung“ der als „terroristisch“ eingestuften HTS übernähme, lässt sich auch für Idlib denken. Es würde die offensichtlich erzwungene Zustimmung Asads verständlicher machen, weil es für ihn den Vorteil böte, seine Armeeverluste zu reduzieren.

Zeitgewinn ist jedenfalls das Ergebnis des russisch-türkischen Planes. Für seine Durchführung haben beide Seiten sich mit drei Wochen eine relativ lange Zeitspanne gewährt, und wenn er einmal verwirklicht sein wird, kann er Gelegenheit bieten, weitere Monate darüber zu verhandeln, was mit Idlib geschehen soll, sowie möglicherweise auch innerhalb der Provinz Massnahmen zu treffen, die auf eine Schwächung der Position von HTS hinauslaufen und damit auf eine  Verminderung der Gesamtkraft der Idlib-Milizen.  

Ein unerwarteter Querschlag

Kurz nach der Bekanntmachung des russisch-türkischen Abkommens kam es in der Nähe von Lattakiye zu einem unerwarteten  Ereignis. Ein russisches elektronisches Überwachungsflugzeug mit einer Bemannung von 14 Personen wurde, wie Russland mitteilte, am 17. September gegen 23 Uhr irrtümlicher weise von der syrischen Luftabwehr abgeschossen, als es im Begriff war, nach der russischen Luftbasis von Khmeinim heimzukehren. Die syrische Luftabwehr war aktiv, weil israelische F16 in dieser Zeit Ziele in Lattakiye bombardierten.

Die Russen sagten, zur gleichen Zeit sei es auch zu Beschuss aus Raketen gekommen, die ein französisches Kriegsschiff entsandt habe. Frankreich dementierte dies, und auch die USA erklärten, sie hätten nichts mit diesem Zwischenfall zu tun. – Man kann nur hoffen, dass dieses Ereignis sich nicht auf das Abkommen über Idlib auswirkt.

Kommentare

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Was passiert mit den tausenden ausländischen Jihad-Kämpfern in Idlib?
Allein in Aleppo waren etwa 6.000 chinesische Uiguren als "Rebellen" für die Al-Nusra Front etc. tätig. Diese haben bei der Befreiung von Aleppo nach Idlib abziehen dürfen. China will diese radikal-islamischen Kämpfer nicht mehr zurück, weil sie befürchten, dass diese uigurischen Kämpfer in China weiter machen, wo sie in Syrien aufgehört haben. Und die Türkei will sie ebenfalls nicht, obwohl Ankara die uigurischen Unabhängigkeitsbestrebungen in China fördert und auch die Kämpfer frei durchs Land reisen und nach Syrien einreisen liess.
Anscheinend bleibt diesen Jihad-Kämpfern fast nur noch die Flucht nach Europa.

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