„Die Fröhlichkeit wiedergefunden“

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„Die Fröhlichkeit wiedergefunden“

Von Armin Wertz, 18.07.2016

Sieger der diesjährigen Fussball-Weltmeisterschaft der Obdachlosen wurde sowohl bei den Herren als auch bei den Damen Mexiko.

Ein Hattrick von Luis Fernando Bernal leitete den Kantersieg ein, mit dem Mexiko nun schon zum zweiten Mal in Folge die Fussballweltmeisterschaft der Obdachlosen gewann. Bereits Mitte der ersten Halbzeit des Endspiels am Samstag führte Mexiko im schottischen Glasgow durch zwei Tore Bernals 2:0. Zwar kam das brasilianische Team in der 20. Minute durch João Vitor noch einmal heran, doch nur kurz darauf stellte Mexiko durch ein Tor von Geovanni Lopez den alten Abstand wieder her. Dann war Bernal wieder dran, seinen Hattrick zu vollenden und die Führung auf 4:1 auszubauen. Nach einem sensationellen Zuspiel Bernals musste Adan Vazquez nur noch den Fuss hinhalten, um auf 5:1 zu erhöhen. Eine Minute vor Schluss stellte Vazquez auf ein erneutes Zuspiel Bernals mit seinem zweiten Tor den Endstand her. Aus ignorierten Niemands waren wenigstens für eine kurze Zeit Helden geworden, Fussballhelden.

Einsame Klasse

Auch im ebenfalls ausgespielten Endspiel der Damenmannschaften setzte sich Mexiko durch. Der Endspielgegner Kyrgyzstan spielte zwar leidenschaftlich und technisch gekonnt, musste sich nach 90 Minuten aber den viermaligen Weltmeisterinnen aus Mexiko mit 0:5 geschlagen geben.

Über 100´000 Zuschauer haben sieben Tage lang den mehr als 50 Mannschaften und über 500 Spielern bei dieser 14. Weltmeisterschaft zugeschaut und dabei 416 Begegnungen gesehen. „Jedes Match war einsame Klasse, mit Elfmeterschiessen, sensationellen Toren, herzlichen Umarmungen und vollen Zuschauerrängen“, rühmten die Veranstalter Spieler/innen, Organisatoren und Fans.

Strassenfussball als Therapie

„Zusammen können wir durch den Fussball Leben verändern“, sagte der Schotte Mel Young, Gründer und Präsident des Vereins zur Unterstützung der Fussballweltmeisterschaft für Obdachlose, Homeless World Cup Supporters Club. Aus den bescheidenen Anfängen von 2001 wuchs inzwischen eine Organisation, die in 70 Ländern vertreten ist und „100´000 Obdachlose erreicht“. Fussball verändere das Leben vieler, sagen die Organisatoren der jährlich stattfindenden Spiele. „Doch angesichts von 100 Millionen Obdachlosen weltweit, kratzen wir immer noch nur an der Oberfläche.“

Heimatlosigkeit isoliere die Menschen, was wiederum die Fähigkeit zu kommunizieren, sich mitzuteilen und zusammenzuarbeiten beeinträchtige, heisst es auf der Homepage der Veranstalter. Durch Fussball bildeten sich Beziehungen, Mannschaften. Die Obdachlosen „lernen zu vertrauen. Sie sind verpflichtet, an den Trainingseinheiten und Spielen teilzunehmen, pünktlich zu sein. Sie fühlen, dass sie wieder Teil eines Ganzen sind.“ Durch die Teilnahme am Strassenfussball lernten die Obdachlosen, dass sie ihr Leben verändern können. Und „unsere Nationalen Partnerorganisationen geben ihnen die Instrumente, die sie dazu brauchen.“

Positive Veränderung

In einer Umfrage unter Teilnehmern dieser Weltmeisterschaften berichteten 94 Prozent, das Ereignis habe ihr Leben positiv verändert; 83 Prozent gaben an, dass sich ihre Beziehungen zu ihren Familien und Freunden verbessert hätten; 77 Prozent sagten, ihre Beteiligung an Fussballspielen habe ihr Leben erheblich verändert, und 71 Prozent sind bis heute im Strassenfussball organisiert. Doch die Bewegung umfasst weit mehr als die 500 Teilnehmer einer Weltmeisterschaft hinaus. Die 73 Partnerorganisationen aus 73 Ländern arbeiten in über 420 Städten.

In Deutschland engagiert sich „Anstoss!“, die „Bundesvereinigung für Soziale Integration durch Sport“ im Strassenfussball besonders für Obdachlose. Die Vereinigung arbeitet eng mit Instituten der Universitäten von Kiel und Hamburg zusammen, um ihre Arbeit auf eine solide wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Einige der regionalen Projekte werden von Bundesligavereinen wie dem SV Werder Bremen oder dem Hamburger SV unterstützt. Zu den Vorgängern des derzeitigen Botschafters von „Anstoss!“ beim Homeless World Cup Supporters Club, des ehemaligen niederländischen Fussballspielers Rafael van der Vaart, zählen unter anderen Bundestrainer Joachim Löw, Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Profifussballer Mario Gomez.

Seit 2003 arbeitet „Surprise Strassensport“ in der Schweiz an Projekten, benachteiligte Menschen in die Gesellschaft zu integrieren. Strassenhändler, geistig Behinderte, Arbeitslose, Asylsuchende, Drogensüchtige spielen in 18 Mannschaften unter der Leitung von Trainern und Managern in vier Turnieren der Schweizer Strassenfussball-Liga. Die nationalen Botschafter von „Surprise Strassensport“ sind die ehemalige Fifa-Schiedsrichterin Nicole Petignat und der Ex-Nationalspieler Dominique Herr.

Pläne für die Zukunft

Bei der letztjährigen Weltmeisterschaft der Obdachlosen in Amsterdam stürmte Seunggug Jang für Südkorea. Als ihn ein Journalist fragte, wie er Amsterdam erlebt habe, leuchteten Seunggug Jangs Augen, er habe „seine Fröhlichkeit wiedergefunden“. Der südkoreanische Stürmer Jang war nach einem schweren Arbeitsunfall in Seoul und mehreren Operationen dem Alkohol verfallen und in die Obdachlosigkeit gesunken. In einer Obdachlosenunterkunft erfuhr er von „The Big Issue Korea“, dem südkoreanischen Partner von Homeless World Cup. Dort fand er Hilfe und begann ein Rehabilitationsprogramm. Heute steht er wieder auf eigenen Füssen und arbeitet in einer Recyclingfabrik.

Isabella „Bella“ Black war die Torhüterin der US-Mannschaft in Glasgow. „Ich arbeitete mir den Arsch im Training ab, um hierher zu kommen“, sagt sie. Isabella ist eines von neun Geschwistern, mit denen sie in San Francisco aufwuchs, bis ihre Eltern sie aus der Wohnung warfen, weil sie Frauen liebte. Seiher lebt sie auf der Strasse. Schliesslich schloss sie sich „Street Soccer USA“ an, der amerikanische Partner von Homeless World Cup. „Tiffany und Lisa sind meine Trainer, sie sind die Grössten. Sie sind meine Familie. Durch den Fussball bin ich mit Menschen in Berührung gekommen, die ich nie zuvor geglaubt hätte, jemals kennenzulernen.“ Inzwischen habe sie eine junge Frau kennengelernt, die sie wirklich liebe. „Wir haben vor neun Monaten in San Francisco geheiratet.“ Seither hat Isabella Black wieder Pläne für die Zukunft, grosse Pläne. Sie will mit ihrer Partnerin nach Los Angeles ziehen und dort eine Wohnung mieten. Ihre Lebensgefährtin „will Lehrerin werden, und ich will beim FBI arbeiten. Ich möchte helfen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“

Vor dem ersten Anstoss in Glasgow eröffnete der Duke of Cambridge die 14. Fussball-Weltmeisterschaft der Obdachlosen: „Dieser Wettbewerb ist ein Lohn für alles, was sie bisher erreicht haben, indem Sie Fussball als Mittel einsetzten, um in ein stabileres Leben zurückzufinden.“ Die nächsten Weltmeisterschaften der Obdachlosen werden im kommenden Sommer in Oslo stattfinden.

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Kommentare

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Sport für Obdachlose ist ein guter, schöner Ansatz in der Armenhilfe. "Heimatlosigkeit isoliere die Menschen, was wiederum die Fähigkeit zu kommunizieren, sich mitzuteilen und zusammenzuarbeiten beeinträchtige," dem würde ich voll zustimmen. Im aktuellen Rentneralbtraumparadies Thailand liessen sich passende Fussball Klub Kameraden dazu sicher auch finden. Hingegen eine knappe Dekade vor der AHV mit 40 Kg Fettreserve und in kurzen Hosen einem Ball hinterherzuspringen, käme ich mir etwas blöd vor. Für manche die wohl ansonsten „zu Hause“ der oben geschilderten Klientel angehörten, ist deshalb hier dann auch frühzeitig Endstation; sie finden ihr Ableben. Ob suizidal vom Hochhaus geworfen, ohne ersichtliche Einbruchs- und Kampfspuren ausgerutscht, den Kopf angeschlagen und das Genick gebrochen, ob mit dem Motorroller verunfallt oder mit Medikamenten zu viel getrunken und das überstrapazierte Herz versagt im Akt: Die schönheitsvernarrten und harmonieliebenden Einheimischen werden in ihrem sensiblen Empfinden von Ästhetik, Takt und Kultur von einem abstossenden Immigranten weniger verletzt, das Sozial- und Versicherungssystem wird Kostenverursacher los, und das Heimatland kann die kostengünstig betrauerten und kremierten verstorbenen Compatriots in absentia per Saldo aller Ansprüche abwickeln.
Manchmal sehne ich mich in die alte Schweizer Hobo Zeit zurück, als ein Velo mit Hund genügten, um Glückseligkeit und den Himmel auf Erden ganz alleine auf den idyllischen Wegen der mittelländischen Wälder und Ufer entlang der Gewässer zu finden. Aber sicher hat das auch noch einen Eintrag in die Fiche der Landstreicher-Kartei gebracht und die Spezialbehandlung mit zersetzen, verunfallen, machtlos machen, sedieren und exportiertieren von mir feindlich-negativem Systemkritiker patriarchalisch-hierarchischen Kapital-Faschismus, organisierten und staatlichen Verbrechens mit „Dukes“ und Geheimbrüderkabalen mit verursacht. Leute wie wir können keinen Klub Sport mehr machen, wie im letzten virtuellen Heimatrefugium journal21.ch auch die meisten Leserkommentare – systembedingt zu Recht natürlich - nicht mehr veröffentlicht werden. Zumindest ist es jedes mal noch ein Lebenszeichen; Däneli hat's noch nicht vom Stängeli geschwungen.
Grüsse

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