Der wahre Wonnemonat ist der August

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Der wahre Wonnemonat ist der August

Von Roger Anderegg, 03.08.2013

Nie präsentiert sich die heimliche Kapitale der Schweiz leichter, lockerer und attraktiver als in der touristischen Hochsaison – auch und gerade den wenigen Daheimgebliebenen.

Vieles ist in diesen heissen Augusttagen anders als sonst unterm Jahr, und notorische Stadtgängerinnen und Flaneure registrieren es mit Verwunderung. Die Fahrgäste im Tram, in dem man jetzt selbst zu Stosszeiten problemlos einen Sitzplatz findet, erscheinen uns plötzlich bunter, ausgelassener und lauter, sowohl in ihrem optischen wie auch im akustischen Auftritt. Wo sonst proper gekleidete Sekretärinnen letzte Hand an sich legen und schlecht gelaunte Büroheinis mit Aktentasche in die Gratis-Postille starren, die sie sich von einem Sitz geklaubt oder gar vom Boden aufgelesen haben, herrscht jetzt Geplapper und Gelächter, ein aufgeregtes Hin und Her und ein ständiges „Schau dort!“ und „Schau hier!“ in allen gemeinhin bekannten Sprachen und sieben oder acht weiteren dazu.

Dabei: Grund zum Lachen hätten sehr wohl auch die Zürcher. Vergessen wir nicht: Die lokale Kultur hat nicht nur asketische geometrische Gestalter wie Max Bill, Richard Paul Lohse und Gottfried Honegger hervorgebracht, die mit ihrer Kunst verzweifelt Ordnung ins Chaos ungezügelter Phantasie zu bringen trachteten. Sie hat auch so etwas unzürcherisch Ausgeflipptes erfunden wie den Dadaismus, das Spiel mit Sinn, Hintersinn und Unsinn, selbst wenn man eingestehen muss, dass auch in dieser Branche die wichtigsten Protagonisten Ausländer waren.

18 Badeanstalten auf Stadtgebiet

Immerhin kennt Zürich einen liebenswürdig-heiteren Autor wie Hugo Loetscher, dessen gedrungener Gestalt man jahraus, jahrein jeden Morgen zwischen Gran Café und Storchengasse begegnen konnte und der von sich selbst behauptete, als Folge ebendieses Frühstücksspaziergangs im Ferien-Fotoalbum mindestens jedes zweiten japanischen Haushalts als „typischer Zürcher Eingeborener“ zu figurieren. Loetscher schenkte seiner Vaterstadt nicht nur manchen ironischen Aufsatz und ein brillantes Fernsehporträt, sondern auch einen leichtfüssigen Sommerroman mit dem simplen Titel „Saison“, in dem er eine Badeanstalt zur Weltbühne erhob.

Ja, die Zürcher Badis! Die haben jetzt tatsächlich Saison! 18 Badeanstalten zählt man auf Stadtgebiet; das repräsentiere die grösste Bäderdichte der Welt, ist schon behauptet worden. Und was für Bäder! Man hat die Wahl zwischen Strandbad und Seebad, Freibad und Flussbad, Frauenbad und Männerbad, zwischen Rummelplatz und Idyll. Im Tiefenbrunnen und am Mythenquai scheint mindestens an diesigen Tagen das einstige Jugendprotestpostulat „Freie Sicht aufs Mittelmeer!“ erfüllt, im Unteren Letten lässt man sich im Fluss treiben, am Katzensee geniesst man Familienanschluss. Und im Freibad Letzigraben konstatieren wir mit Erstaunen, wie deckungsgleich sich das architektonische und das literarische Werk des grossen Zürchers Max Frisch präsentieren: Funktional und formschön, ästhetisch und stringent wie seine Romane und Dramen ist auch dieser Bau.

Der "Blutige Daumen"

Die Badis also – und die Brücken! Sie bestimmen wesentlich das Bild dieser Stadt, die sich über zwei Flüsse ausbreitet. Die liebste ist uns die Quaibrücke. Weil sie den Horizont öffnet, den Blick weitet, von der prächtigen historischen Häuserzeile an der Limmat auf den See und den mächtigen, oft bis weit in den Sommer hinein weiss getoppten Alpenkranz dahinter. Das, was dort hinten sich erhebe, sei nun das sogenannte Réduit, habe ich einen Touristenguide auf der Quaibrücke schon sagen hören – und, mit Verlaub, so falsch ist das gar nicht: Es ist jedenfalls das, was die Schweiz ausmacht und bestimmt, was ihre Topographie prägt, ihre grandiose landschaftliche Schönheit und nicht zuletzt den Charakter ihrer Bewohner.

Die Badis, die Brücken – und dann die Beizen! Vor dem „Sternen Grill“ am Bellevue, dieser täglich geöffneten Goldgrube, bildet sich auch jetzt, trotz reduzierter Präsenz der Eingeborenen, eine Menschenschlange bis auf die Strasse hinaus. In der Kronenhalle gleich daneben findet man derweil ausnahmsweise auch ohne Reservation einen freien Tisch, ebenso bei Bianchi am Limmatquai, der den besten Fisch serviert, oder im Restaurant Bärengasse, das mit dem zartesten Rindsfilet aufwartet. Wer beim Volk sein will, schaue in das Rheinfelder Bierhaus, besser bekannt unter dem einladenden Namen „Blutiger Daumen“, oder in die stimmungsvolle Rheinfelder Bierhalle, beide im Niederdorf.

"Wie geht's uns denn heute, Kari?"

Jetzt in den Ferien haben wir sogar Zeit, das Servierpersonal und die Stammgäste zu beobachten. In der Rheinfelder Bierhalle von Wirt Walter Schöb etwa ist das Personal mindestens so original und originell wie die Kundschaft. Da fragt dann die stattliche und stets gut gelaunte Servierdame Erika einen ihrer Gäste: „Und, wie gehts uns denn heute, Kari?“ Worauf Kari antwortet: „So mehr oder weniger...“, und Erika das schon genauer wissen will: „Ja wie jetzt? Mehr mehr oder mehr weniger?“ Oder wenn sich ihre Schwester Liliane, auch sie eine stämmige Erscheinung, bei einem Gast erkundigt, ob er zu den Würsten Senf wünsche, dieser unter dem Gelächter seiner Stammtischkumpane bekannt gibt, er sei schon scharf genug, und Liliane repliziert: „Aber lieber auswärts als zu Hause, gell?“

Auch auf der Terrasse des an der Limmat gelegenen „Storchen“ finden wir problemlos einen freien Tisch. Das Muotathaler Filet schmeckt tadellos und zart, ist aber schweineteuer. Doch mindestens dem, der gegen die Flussrichtung sitzt und somit auf das grossartige städtebauliche Ensemble von Rathaus, Zunfthäusern, Grossmünster und Helmhaus blickt, in der Ferne wiederum die Glarner Gipfel, präsentiert sich dieser Ausblick eh unbezahlbar schön.

"Hier ruht niemand"

Danach zur Verdauung ein kleiner Bummel, zum Beispiel zum idyllischen Rosenhof am Limmatquai. Da steht, etwas unscheinbar, das wohl eigenartigste Denkmal auf Zürcher Boden, ein schlichter Brunnen, dessen Inschrift kühn Sinn und Wesen des Denkmals neu definiert: „Hier ruht 1967 niemand, kein grosser Zeitgenosse, Zürcher Patriot, Denker und Reformator, Staatsmann der Schweiz. (...) Hier gedenke unserer Taten heute. (...) Dieser Stein, der stumm ist, wurde errichtet zur Zeit des Krieges in Vietnam 1967.“ Noch einmal verbeugen wir uns vor Max Frisch.

Das Helmhaus unweit von hier führt uns in diesen Wochen traditionell junge einheimische Künstler vor, die Gewinner der Werk- und Atelierstipendien. Der Rundgang ist, wenn schon nicht auf-, so doch mindestens anregend, und wem das aktuelle Kunstschaffen zu viele Rätsel aufgibt, der kann sich immer noch ans Fenster stellen und sich am zeitlosen Blick auf Limmat und Altstadt erfreuen.

Vaporetto-Groove

Galerien gibts sonder Zahl – im Löwenbräu-Areal, im Niederdorf oder von mir aus auch um den Paradeplatz. Kein Zweifel: Zürich ist eine Stadt der Kunst. Und eine Stadt der Kinos. Zwar hat sich die einzigartige Institution Lunch Kino im Cinema Le Paris in die Sommerpause verabschiedet, aber das städtische Filmpodium und das Xenix auf dem Kanzleiareal spielen tapfer durch, letzteres jetzt im Hochsommer mit Open Air, was uns gleich wieder ins Schwärmen bringt, denn: Freiluftkino mit unvergleichlichem Ambiente bieten auch das Film am See in der Roten Fabrik, das Kino am See am Zürichhorn und der Filmfluss in der Badi Unterer Letten. Weil momentan so viele Zürcher in den Ferien weilen, hat man auch noch an der Abendkasse eine reelle Chance auf einen Platz. Die sympathische Barfussbar in der (bei dieser Gelegenheit auch für Männer zugänglichen) Frauenbadi am Stadthausquai wartet derweil mit exquisiten Lesungen, Konzerten und Tanz auf.

Wird es dann früher Morgen, so vielleicht halb sechs Uhr, verpasse man auf dem Heimweg auf keinen Fall den Gang durch die spektakuläre Bahnhofshalle, vor allem an einem Samstag oder Sonntag! Da fühlt man sich dann wie vor einem Laufsteg. Ununterbrochen stöckeln und trippeln die attraktivsten jungen Ladies auf die ersten Züge, einige nicht mehr ganz so sicher auf den Stilettos, begleitet von ihren sichtlich etwas mitgenommenen Alt- oder auch Neu-Kavalieren. Alle schweben sie noch immer ganz im Banne dieser sich rundenden, alles entscheidenden Nacht. Sie plaudern, kreischen und gestikulieren und nehmen einen herzhaften Schluck vom letzten Alkopop oder von der ersten Cola. Neidisch blickt die sanft verstaubte dicke Dame von Niki de Saint Phalle von der Decke auf die lebensfrohe Szenerie. Ja, auch sie war mal jung!

Dann ist es schon bald Zeit, Zürich einmal als Fluss- und Seestadt zu erleben und mit dem Limmatboot vom Landesmuseum über die Haltestellen Limmatquai, Storchen, Bürkliplatz und Hafen Enge zum Casino Zürichhorn und zurück zu schippern – Zürich mit Vaporetto-Groove. Auch wenn es, bescheidener als in Venedig, nur sieben Brücken sind, Stege mitgezählt, so präsentiert sich die heimliche Kapitale doch auch hier aus einer völlig neuen Perspektive.

Ja, Zürich – das ist ein volles Programm. Kein Wunder, geraten die Touristen im Tram völlig aus dem Häuschen.

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