Der Bundesrat zögerte wie immer

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Der Bundesrat zögerte wie immer

Von Gisela Blau, 07.06.2019

Vor 75 Jahren erkämpften alliierte Soldaten die Zeitenwende im Zweiten Weltkrieg in der Normandie. Doch auch nach dem D-Day reagierte die Schweiz meist nur auf Druck von aussen.

Erst am 10. Juni 1944 genehmigte der Bundesrat den dringenden Wunsch von General Henri Guisan, mehr Schweizer Truppen zu mobilisieren. Der Generalstab hielt noch am 6. Juni 1944, als bereits die Invasion in der Normandie begonnen hatte, eine Krisensitzung ab. Guisan befürchtete, dass die Deutschen, die mehrere Divisionen in Grenznähe zusammengezogen hatten, die Invasion der Alliierten in der Normandie nutzen könnten, um die Front im «schweizerischen Sektor» der «Festung Europa» zu bereinigen und das Land handstreichartig zu besetzen. 

Diese Informationen stammen von Thomas Bürgisser, Historiker bei der Forschungsstelle, welche die «Documents Diplomatiques Suisses» (dodis) publiziert. Dieser Tage erschien zudem ein Buch mit diplomatischen Archivalien aus mehreren Ländern über den Mauerfall 1989 (www.dodis.ch/q12). Die Dokumente der Datenbank des Forscherteams sind frei zugänglich (www.dodis.ch).

Mehr Verteidigung gefordert

Am 3. Juni 1944, einem Sonntag, gab es einen Rapport von Brigadier Roger Masson, Chef des Nachrichten- und Sicherheitsdienstes der Armee im Generalstab. Im Telegrammstil meldete Masson, dass Deutschland die Mittel für einen Überraschungsangriff auf die Schweiz besitze. Es gebe keine unmittelbare Gefahr, aber der Krieg nähere sich den Grenzen. «Notwendigkeit der Verstärkung des Verteidigungsdispositivs.»

Ausserdem wurden während der Sicherheitskonferenz über die allgemeine Situation, die Beziehungen zur Sowjetunion, zu Italien und die Probleme des Exports von Kriegsmaterial angesprochen. So forderte Guisan am 6. Juni 1944 vom Bundesrat die Mobilisierung zusätzlicher Kräfte. Wie in einem Protokoll zu einer Sitzung über die militärische Lage der Schweiz deutlich wird, schlugen der General und das Oberkommando der Armee dem Bundesrat vor, das Verteidigungsdispositiv zu verstärken und Grenztruppen durch gelbe Plakate zu mobilisieren.

Bevölkerung nicht erschrecken

Wie längst bekannt ist, zögerte der Bundesrat – einmal mehr – mit der Begründung, man wolle die Bevölkerung mit den gelben Mobilmachungsplakaten nicht erschrecken. Dies nach beinahe fünf Jahren Krieg beziehungsweise Schweizer Aktivdienst, Rationierung, Anbauschlacht und wechselnden Nachrichten vom Kriegsgeschehen ausserhalb der Grenzen. An seiner Sitzung vom 10. Juni 1944 stimmte der Bundesrat dann endlich zu: In einem Brief teilte der Chef des Militärdepartements, FDP-Bundesrat Karl Kobelt, dem General mit, der Bundesrat bevollmächtige ihn, die Grenztruppen zu mobilisieren, aber ohne gelbe Plakate. 

Auch andere Neutrale wie Schweden hegten ähnliche Befürchtungen. Dies vermeldete eine Nachricht des Militärattachés von der Schweizer Gesandtschaft in Berlin am 7. Juni 1944 über die militärische Situation der Neutralen in Europa: Schweden erwarte, von deutschen Truppen besetzt zu werden. Für die Schweiz bestehe keine unmittelbare Gefahr. Aber: «Die Situation kann sich ändern.»

Die Gefahr für die Schweiz wurde auch in den kommenden Wochen als hoch eingeschätzt. Am 26. Juni 1944, als die alliierten Truppen in Frankreich nach der erfolg- und gleichzeitig verlustreichen Landung im Landesinneren den erbitterten Widerstand der Nazi-Truppen bekämpften, beurteilte Brigadier Roger Masson die militärische Situation der Schweiz so, dass die Gefahr eines Angriffs von Deutschland «existiere». Er schlug vor, die Verstärkungsmassnahmen beizubehalten.

Schweiz unter Druck

Nach dem D-Day schien die Niederlage des «Dritten Reichs» absehbar. Obwohl nach der Invasion den westlichen Alliierten – und auch der Roten Armee – bis zur bedingungslosen Kapitulation der Nazi-Truppen am 7./8. Mai 1945 noch ein Dutzend schwerer Schlachten bevorstand, zum Beispiel jene in den Ardennen, begannen die alliierten Regierungen die Planung für die Weltordnung nach dem Krieg.

Dabei geriet die Schweiz zunehmend unter alliierten Druck, etwa bezüglich des Transitverkehrs, aber auch wegen der Aktivitäten der Schweizer Banken. Wie einflussreich diese waren, zeigt wiederum ein Protokoll einer Bundesratssitzung vom 17. Juni 1944, worin die Landesregierung die Vorschläge der Bankiervereinigung zur Beantwortung alliierter Forderungen zur Kenntnis genommen hat.

Die vermeintlich grosse Gewinnerin

Die Schweiz, so Bürgisser, stand zunehmend als «Kriegsgewinnerin» da, die selbst angesichts der sich abzeichnenden Niederlage wirtschaftlich eng mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbandelt blieb. «Es wäre wirklich eine Drangsal für jeden freiheitsliebenden Schweizer, wenn er spürte, dass er in irgendeiner Weise die Bemühungen anderer freiheitsliebender Länder behindert hätte, die Welt von einem rücksichtslosen Tyrannen zu befreien», schrieb US-Präsident Franklin D. Roosevelt im Januar 1945 an Bundespräsident Eduard von Steiger.

Aber siehe da, schon damals ging es um einen Handelsvertrag zwischen der Schweiz und den USA: Roosevelt schlug die Wiederaufnahme entsprechender Verhandlungen vor. Er bedankte sich auch für die Anstrengungen der Schweiz während des Krieges. Allerdings wünschte er die Beendigung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und der Schweiz. Und der siegreiche US-Präsident schlug in diesem Brief vor, dass die Eidgenossenschaft Teil einer Weltorganisation der Sieger werden solle.

Im Frühjahr 1945 forderte eine alliierte Delegation die Sperre deutscher Guthaben in der Schweiz, die Einstellung von Exporten nach Deutschland und des Goldhandels mit der Reichsbank sowie ein Ende des Transitverkehrs zwischen Deutschland und Norditalien.

Mit grossen Flüchtlingsströmen gerechnet

Entscheidendes tat sich in der Flüchtlingspolitik. General Guisan vermutete schon im Juni 1944, dass künftig «wieder in vermehrtem Masse mit grösseren Flüchtlingsströmen gegen die Schweizer Grenze zu rechnen ist». Am 24. Juni 1944 forderte der General in einem Brief an Bundesrat Karl Kobelt die «hermetische Schliessung der Grenzen und klare Anweisungen des Bundesrates». Rothmund (Heinrich Rothmund war der Chef der Polizeiabteilung, Anm. d. Red.) denke gegenwärtig nicht, dass eine komplette Grenzschliessung unabdingbar sei. Man müsse die internationale Entwicklung berücksichtigen.

Was mit den Juden und anderen «unwerten» Menschen geschah, war zwar längst bekannt, aber offenbar gibt es Hinweise, dass sich bei den Behörden die Informationen über die Vernichtungspolitik der Deutschen verdichteten. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund forderte am 26. Juni 1944 den Bundesrat zum Einschreiten auf, um die Schrecknisse in Ungarn und die Vernichtung der Juden zu verhindern.

Die restriktive Aufnahmepolitik wurde zwar langsam, aber doch zunehmend gelockert. Der Schweiz stand das Washingtoner Abkommen bevor, und erst die Bergier-Kommission zeichnete – ebenfalls auf Druck von aussen – ein präzises Bild der Schweiz vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg. 

Eine Version dieses Berichts erschien am 7. Juni 2019 im jüdischen Wochenmagazin Tachles.

Kommentare

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Der Bundesrat wollte wohl nichts falsch machen und musste auf die wirkliche Lage und die verschiedenen Kräfte im Lande und ausserhalb Rücksicht nehmen. Fertig ausgearbeitete Überfallpläne der Nazis auf die Schweiz bestanden ja mit der "Operation Tannenbaum" bereits seit 1941. Die Schweiz hätte keine Chance gehabt, und die Führung wusste das. Die Mehrheit der Schweizer war ja auch "deutsch"- sprechend, und von fast allen Kriegsparteien waren Mitarbeitende im Land. Aus den USA in Bern stationiert war seit 1943 beispielsweise der wohl mächtigste Amerikaner des letzten Jahrhunderts - Spion (Schweizer Enigma-Maschine? Die Amis konnten alle geheimen Depeschen der Schweizer Regierung an ihre Botschaft in USA entschlüsseln ), auch Freund und Analysant bei C. G. Jung, Malteserritter und nach Ansicht vieler späterer Mörder von John F. Kennedy - Allan Welsh Dulles. Hier wurde auch das Nachkriegseuropa mit geplant und das geheime Verbringen aller wichtigen (1500) deutschen Forscher, Ingenieure und Wissenschafter in die USA mit der Operation Overcast- Paperclip. Zudem hätten die Deutschen bereits nach dem unerwarteten Blitzsieg über Frankreich in den Geheimakten der französischen Miltärs detaillierte Geheimabkommen und miltärische Kooperationspläne der Schweiz mit Frankreich für den Kriegsfall aufgefunden und konnte sie mit diesem quasi totalen Landesverrat und Bruch der ewigen Neutralität (bis heute, wer weis das schon) erpressen. Rückblickend war alles - schon WK 1, Lenin in Zürich, der Holocaust und die erst dadurch ermöglichte Erschaffung eines Staates Israel, sowie etwa der Nichtangriffspakt der Japaner mit den Russen, welche deshalb den Krieg auch alleine hätten gewinnen können - genau so geplant gewesen.

Schon ein gewaltiges historisches Müsli, das Herr Kälin da auftischt. „Wer mit wem, wenn ja warum nicht „. etc. Wer weiss das schon.... Nur ein Beispiel :
Die geheim (ohne Bundesrat) durch Guisan mit der Französischen Generalität getroffene Abmachung zur Hilfestelllung auf dem Gempenplateau durch die Franzosen bei einem Überfall auf die Schweiz wurde nach dem Fall von Paris entdeckt und war eine Verletzung der Neutralität. Guisan hat dies zudem hinterher noch noch geleugnet.! Das weiss nun wirklich jeder Interessierte an dieser Geschichte...

"Die Bergier Kommission zeichnete ein präzises Bild"
Nein, das "Bergier Bild" wurde ohne Zeitzeugen gezeichnet und erwies sich im Nachhinein als fehler-und lückenhaft. Der Bundesrat handelte in den Jahren 1933-45 immer im Sinne der Schweiz, ebenso die Schweizer Armee.
Dass im Nachhinein, 50 Jahre später, staatlich finanzierte Historiker es besser wissen wollen, ist ein Beispiel des Wirkens der 68er Bewegung.

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