„De Vriendt kehrt heim“

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„De Vriendt kehrt heim“

Von Heiko Flottau, 15.11.2011

Geschichte wiederholt sich vielleicht nicht, ganz sicher aber tun es Geschichten. Davon zeugt eine Romanfigur Arnold Zweigs, deren israelisch-palästinensisches Schicksal verblüffende Parallelen zu einem aktuellen Fall unserer Zeit aufweist.

Im Jahre 1924 ermordeten Zionisten im Auftrag der von Wladimir Jabotinsky gegründeten Haganah in Jerusalem den jüdischen Publizisten Jacob-Israel de Haan. 1932 machte Arnold Zweig den Vorfall zur Grundlage seines Romans "De Vriendt kehrt heim". Er ist ein zeitgenössisches Dokument von aktueller Bedeutung.

De Haan war eine Persönlichkeit, die durchaus nicht kompatibel war mit den politischen Denkmustern und gesellschaftlichen Normen der Epoche: Jacob-Israel de Haan, holländischer Jude, Publizist, als Zionist nach Palästina ausgewandert, schliesslich zum Advokaten der arabischen Rechte auf Palästina gewandelt und in homosexueller Beziehung lebend mit einem Araber. Er vertrat Ansichten wie etwa jene, dass die Juden nicht mehr Rechte auf Palästina hätten als die Araber auf Spanien oder die Türken auf den Balkan.

Ein politischer Auftragsmord

1924 traf er sich sogar mit Hussein, dem Sherifen von Mekka und unterstützte mit diesem Tabubruch die arabischen Ansprüche auf Palästina. Ein Politikum, das man in seiner Brisanz nur richtig einordnen kann, wenn man sich vorstellt, Golda Meir hätte sich mit dem frühen Jassir Arafat getroffen und mit diesem über die Rechte der Araber auf Palästina diskutiert.

Jacob-Israel de Haan wurde ermordet. Waren es Araber, die de Haan wegen seiner Beziehung zu einem palästinensischen Jungen bestrafen wollten ? Oder waren es Zionisten, welche sich in ihrem Siedlungsbau und in ihrer Vertreibung der Araber, die de Haan kritisiert hatte, gestört sahen? So stellte sich 1924 zunächst die Frage. Es war, wie später bekannt wurde, kein arabischer Familien-Racheakt, sondern ein politischer Auftragsmord der Zionisten. Die Operation trug den Decknamen „Homo“.

"Dechiffreur von Träumen"

Als der jüdische Schriftsteller Arnold Zweig Anfang der 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts erstmals nach Palästina kam, erfuhr er auch vom Schicksal Jacob-Israel de Haans und machte - nach Deutschland zurückgekehrt – das historische Ereignis zur Grundlage seines Romans „De Vriendt kehrt heim“. Nach Lektüre des Werkes schrieb Siegmund Freud am 27.November 1932 an Arnold Zweig: „Ich, der ich ein Dechiffreur von Träumen bin, fühle, dass Sie sicher die Persönlichkeit Ihres verwirrenden und pathetischen Helden nicht erfunden haben.“

Wenig später antwortete Arnold Zweig, „Es handelt ich um einen orthodoxen Juden, einen Juristen, brillant aber instabil, der zum Ratgeber der religiösen Partei Agoudat Israel wurde: Jacob-Israel de Haan. Tatsächlich hat er Gott beleidigt, indem er mit jungen Arabern schlief. Im Übrigen hat er Beziehungen zu arabischen Prinzen aufgenommen und eine Politik der Mässigung befürwortet. Er sabotierte die Anstrengungen der Zionisten…“

Genau das tut auch Jitzhak Joseph de Vriendt in Arnold Zweigs Roman. Der holländische Jurist und Schriftsteller de Vriendt schliesst sich der orthodoxen Agoudat Partei an (gegründet 1912 in Kattowitz/Polen), die jeden Modernismus ablehnt, insbesondere den von Theodor Herzl ins Leben gerufenen politischen Zionismus. Erst wenn der Messias komme und die Juden erlöse – erst dann dürfe man im gelobten Land wieder einen jüdischen Staat gründen, argumentierte die Agoudat.

Die Rechte der Palästinenser

Jacob Israel de Haan war so etwas wie ein Sprecher der Agoudat, und dem entsprechend lässt Arnold Zweig seinen Protagonisten de Vriendt ebenfalls zum Sprachrohr der Agoudat werden. De Vriendt legt dem britischen Hochkommissar ein von ihm verfasstes Memorandum vor, in welchem er vor den politischen Zielen und dem wachsenden Einfluss der Zionisten warnt und ihnen das Recht abstreitet, für alle Juden zu sprechen. Zweig versetzt seinen Roman in das Jahr 1929, in welchem es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der zionistischen und der palästinensischen Nationalbewegung um die Rechte an Tempelberg und Klagemauer kam.

Wie einst de Haan tritt auch sein Romanebenbild de Vriendt für die Rechte der Palästinenser ein – und macht sich dadurch die radikalen politischen Zionisten zum Todfeind. Und wie de Haan pflegt auch de Vriendt eine homoerotische Beziehung zu einem arabischen Jungen. Wie de Haan wird auch de Vriendt ermordet, und wie beim historischen Vorbild lässt Arnold Zweig es zunächst offen, ob sein Romanheld einem arabischen Ehrenmord zum Opfer fiel oder einer zionistischen Verschwörung. Und wie das historische Original endet auch Zweigs Roman mit der Enthüllung, dass der politische und moralische Rebell de Vriendt einer politischen Verschwörung radikaler Zionisten zum Opfer fiel.

Umstrittene Inszenierungen

Wiederholt sich Geschichte? Heute werden politische Dissidenten wie etwa Avraham Burg, Shlomo Sand, Moshe Zimmermann, David Warszawski, die sich für die Rechte der Palästinenser einsetzen, natürlich nicht mehr liquidiert, sondern als „Selbsthasser“ verunglimpft. Dennoch könnte es eine Parallele geben. Am 4. April 2011 erlag in Jenin Juliano Mer-Khamis einem Attentat. Juliano war Sohn einer jüdischen Aktivistin und eines arabisch-christlichen Palästinensers. Seinen Wehrdienst leistete er in einer israelischen Fallschirmjäger-Brigade. Verheiratet war er mit einer Finnin. Das Paar hatte einen Sohn; zum Zeitpunkt seiner Ermordung erwartete seine Frau Zwillinge.

Politisch setzte er sich für die Rechte der Palästinenser ein, im palästinensischen Jenin gründete er das Jenin Freedom Theater. Er bildete Schauspieler, aber auch Schauspielerinnen aus – ein in der konservativen palästinensischen Gesellschaft hoch umstrittenes und moralisch anrüchiges Unterfangen. Seine Inszenierungen drückten oft harsche Kritik an der israelischen Besatzungspolitik aus. Juliano fühlte sich, wie er einst in einem Interview sagte, zu einhundert Prozent als Palästinenser und zu einhundert Prozent als Jude.

In Bezug auf seine Mörder und seine Hintermänner herrscht bis heute Unklarheit. Wieder stellt sich die Frage, die schon die Zeitgenossen von de Haan alias de Vriendt umgetrieben hatte: War es ein arabischer Ehrenmord – etwa durch die Hamas -, mit dem selbst ernannte Sittenwächter die weitere Ausbildung junger Frauen zu Schauspielerinnen verhindern wollten ? Oder waren es die heutigen Zionisten (in Gestalt des Mossad), die wie einst eine allzu enge Kooperation von Juden und Arabern abstrafen, weil eine solch jüdisch-palästinensische Symbiose ihre politischen Ziele stört?

Verräter am jüdischen Volk

Eine Symbiose der beiden Völker? In Arnold Zweigs de Vriendt sagt einer der Mörder, man müsse diesen Volksfeind an helllichtem Tage vor seinem Haus niederschiessen, weil er die Zionisten „den Arabern“ verkaufe. Arnold Zweig legt dar, dass Intellektuelle wie de Vriendt in den Augen der Zionisten als Kompromissler, mehr noch, als Verräter am jüdischen Volk gelten. Ein friedliches Nebeneinander beider Völker hat keinen Platz in ihrer eigentlich schon rassistischen Vorstellungswelt.

Dieses Weltbild entspricht der historischen Vorlage. Tatsächlich wollten die Mörder de Haans jeden Kompromiss mit den Arabern verhindern. In ihrem Buch „De Haan – The First Political Assassination in Palestine” interviewten die Autoren Shlomo Nakdimon und Shaul Mayzlish 1985 Avraham Tehomi, den tatsächlichen Mörder de Haans, der damals als Geschäftsmann in Hongkong lebte. Tehomi gab zu Protokoll: „Ich habe das getan, was die Hagana entschieden hatte. Nichts wurde ohne den Befehl von Yitzhak Ben-Zvi (der spätere zweite Präsident Israels) getan...Ich bedauere nichts, denn er (de Haan) wollte die gesamte Idee des Zionismus zerstören“.


Arnold Zweig, De Vriendt kehrt heim, Aufbau Taschenbuch Verlag, 1.Auflage Berlin 1994, Originalfassung des Romans nach dem Erstdruck von 1932

Kommentare

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