Currentzis‘ rockiger Barock

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Currentzis‘ rockiger Barock

Von Annette Freitag, 29.04.2015

Bei ihm klingen Mozart und Rameau so neu, als hätte man sie noch nie gehört: Teodor Currentzis versetzt das Publikum mit seiner Sicht auf alte Klassiker in Begeisterung.

«Ja, natürlich ist das eine Droge», sagt Teodor Currentzis an diesem nasskalten Frühlingstag in Zürich, dann spannt er den Schirm auf und geht die Forchstrasse runter zum Opernhaus. Diese Droge, von der er spricht, heisst Rameau. Jean-Philippe Rameau, der französische Barock-Komponist, mit dem Teodor Currentzis Erfolge feiert. Ende März hat Currentzis am Lucerne Festival den KKL-Saal zum Brodeln gebracht, jetzt will er Zürich mit dieser Droge namens Rameau verführen.

Der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis (Foto: Robert Kittel)
Der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis (Foto: Robert Kittel)

Teodor Currentzis hat den Vormittag im Probensaal des Opernhauses am Kreuzplatz verbracht. Zum ersten Mal spielt er Rameau mit einem fremden Orchester und nicht mit seinem eigenen russischen Ensemble „Musica Aeterna“. Es ist an diesem Morgen die erste Probe mit «La Scintilla», der Barockformation des Opernhauses.

Mehr Rock'n Roll!

Currentzis, der sich in den vergangenen Jahren einen Ruf als Kult-Dirigent erworben hat, mit diversen Auszeichnungen überhäuft wurde und für seine Mozart-Einspielungen den ECHO-Preis erhielt, spricht ruhig und leise in einem Englisch, von dem man nicht weiss, ob es einen russischen oder griechischen Akzent hat.

Philharmonisches Konzent im Opernhaus Zürich

Suite aus Werken von Jean-Philippe Rameau

Teodor Currentzis, Dirigent
Julie Fuchs, Sopran
Anna Goryachova, Mezzosopran
Orchestra La Scintilla Zürich
Sonntag, 3. Mai 2015, 20.00 Uhr

In freundlichem Ton beginnt er: «I suggest….», also: «ich schlage vor…», eine Formulierung, die immer wieder kommt. Currentzis befiehlt nicht, sondern singt vor, tanzt mit den Händen in der Luft, lässt wieder spielen, unterbricht, «papam, papam, digidamtam, tabadam, jabadam…» den Takt schnippst er mit den Fingern. Leiser, lauter, schneller, «papam, papam…».

Der Funke ist längst übergesprungen. Die Geigen flirren und säuseln, Celli und Kontrabässe geben Rückhalt, die Bläser machen sich ihre Notizen in den Noten, Pauken und Tamburin kommen ebenfalls nicht zu kurz. Currentzis, gross, schmal, etwas blass und mit schwarzem, auf Kinnhöhe gerade geschnittenem Haar, feilt weiter. «More Rock‘n Roll!» Die Musiker können und machen das. Immer mehr Leben kommt in diese Barockstücke, nichts klingt bieder oder brav. Currentzis akzentuiert die Klänge mit blossen Händen wie mit Pinselstrichen.

Hypnotischer Barock

Das zweite Stück. Trotzig und stampfend kommt es daher. «A little bit shocking» will er es. Currentzis meisselt am Klang. Manchmal grummelt es fast bedrohlich in den tiefen Tönen, um gleich wieder zu kippen in helle Klänge. Immer wieder singt Currentzis vor, und die Süsse der Melodie fliesst direkt in die Geigen. Leid, Trauer, Wehmut – alles verschmilzt in einen verführerischen Klang. «Give a little bit more time», Tempo ist nicht alles, manchmal braucht es Zeit, noch ein bisschen mehr Zeit. «Sing the notes», und schon klingen die Instrumente wie Gesang.

Hypnotisch ist das, wie eine Droge. Ada Pesch, Konzertmeisterin und Leiterin des «Scintilla»-Orchesters sagt am Schluss der ersten Probe nur ein Wort: «Exciting», absolut aufregend sei diese Reise mit Currentzis in die barocke Musikwelt von Jean-Philippe Rameau.

Ganz neu ist für Currentzis die Arbeit mit dem Zürcher Opernhaus-Orchester nicht. Vor zwei Jahren hatte er sein Zürcher Debüt mit Schostakowitschs «Lady Macbeth von Mzensk». Die NZZ bescheinigte ihm damals ein «sensationelles Debüt», der Tagesanzeiger nannte es «phänomenal». Betörend schön, weich und sanft klinge diese Musik dank Currentzis.

Extase aus der Stille

Inzwischen sind wir im Opernhaus angekommen. Currentzis bekommt einen Schwarztee und erzählt, wie es für ihn ist, Rameau zum ersten Mal nicht mit seinem eigenen Orchester aufzuführen. «Es ist ein gutes Gefühl. Es bedeutet, ein grosses Erlebnis – und das ist Rameau für mich – mit anderen zu teilen. Es war ein langer Weg, von den ersten Konzerten über die CD-Einspielungen jetzt wieder zu den Konzerten zurückzukommen.» Jede Note hat er intus, versucht aber, den Musikern genug Raum zu lassen, um diese Musik auch selbst zu erforschen. «Erratisch» – so Currentzis – sei dieses Rameau-Programm. Es soll eine Dimension der Barockmusik eröffnen, «die sich mehr an die dionysische als an die apollinische Schönheit anlehnt». Statt Apollo, dem griechischen Gott der Rationalität, soll also Dionysos, die Gottheit der Extase und des Rausches, die Richtung vorgeben.

Nach seinem Musikunterricht in Athen war Teodor Currentzis zum Kapellmeisterstudium nach St. Petersburg gegangen. Ilya Musin, der legendäre Dirigent und Musikprofessor, war sein Lehrmeister. Currentzis blieb in Russland und wurde 2004 Generalmusikdirektor in Nowosibirsk. Weit weg vom mitteleuropäischen Musikbetrieb gründete er sein Orchester «Musica Aeterna» und spezialisierte sich auf Alte Musik. «Das ist ein bisschen wie im Kloster», sagt er. «Auch Klöster liegen meistens weit weg von der Zivilisation. Hoch oben im Himalaya, und russisch-orthodoxe Klöster eben in Sibirien. Es sind Orte, an denen man meditieren kann, an denen man seine Kräfte sammeln und sich selbst wie in einem Spiegel sehen kann. In Grossstädten geht das nicht. Das ist der positive Effekt, wenn man weit weg von allem ist.»

Intuition und Wissen

Ein bisschen näher ist er inzwischen allerdings an Europa heran gerückt. Statt in Nowosibirsk lebt er jetzt in Perm. Perm im Ural gilt als östlichste Stadt Europas. Und mittlerweile ist Currentzis ein begehrter Gastdirigent im Westen Europas. Und wie geht er mit westeuropäischen Orchestern um? Sollen sie klingen wie bei ihm in Russland? «Ich glaube an den Klang eines jeden Orchesters», sagt er. «Ich glaube auch an den Klang eines jeden Komponisten. Wenn man verschiedene Orchester unter meiner musikalischen Leitung hört, dann klingt das ähnlich, weil ich ja meine Intuition und mein Wissen einbringe.»

43 Jahre ist Teodor Currentzis jetzt alt, und mit seiner neuen Sicht auf alte Musik hat er einigen Staub aufgewirbelt. «Ehrlich gesagt, ist es natürlich schön, Erfolg zu haben», meint er. «Das heisst doch, dass man Menschen erreicht und ihnen näher kommt. Ich mag aber auch Leute, die meine Aufnahmen vehement ablehnen.» Sie seien zuinnerst verletzt worden, aber nicht gleichgültig geblieben. Ihnen könne man die Dinge erklären.

«Ich versuche den Menschen ein neues Hören beizubringen. Manchmal machen wir eine Art Seminar und versammeln ein paar Leute, spielen Musik und fragen, was ihnen gefallen hat und was nicht, und ich erkläre ihnen, warum ihnen das eine besser gefällt als das andere. Und plötzlich hören sie etwas, nur weil ich es ihnen gesagt habe. Dieser Wahrnehmungsraum existiert, man muss ihn nur öffnen.» Nur: Dazu braucht es wohl einen Charismatiker wie Currentzis, dem diese Öffnung bei Musikern wie beim Publikum gleichermassen gelingt.

Drang zur Musik

Wenn Currentzis «Barock» spielt, drängt sich oft der Vergleich mit «Rock» auf. Sieht Currentzis das auch so? «Ich möchte Musik nicht in Kategorien aufteilen. Rock, Barock, Klassik, Romantik. Es ist einfach Musik.» Musik habe aber auch eine rituelle Kraft. «Sie kann uns zur Extase führen, uns die Tiefe und Schönheit der Melancholie zeigen, zum Weinen und zum Lachen bringen. Der Rockmusik gelingt das am direktesten, weil diese Musiker nicht durch Hochschulen gehen, sondern einfach den Drang haben, Musik zu machen.»

Im September wird Currentzis sich mit anderen Klängen beschäftigen. Richard Wagners «Rheingold» steht dann auf dem Programm der Ruhr-Triennale. «Wagner war revolutionär, mit ihm hat die zeitgenössische Musik ihren Anfang genommen.» Und in der kommenden Spielzeit wird er in Zürich Verdis «Macbeth» dirigieren, garantiert mit der ihm eigenen Sicht, mit grösster Genauigkeit, mit Respekt vor Verdi und vor allem mit dem Drang zur Musik.

Ach ja, und besitzt er wirklich einen russischen Pass? «Ja,» sagt Currentzis, «und einen griechischen. Ich glaube, ich habe ein paar Eigenschaften der Russen angenommen. Ein paar gute und auch ein paar schlechte.» Genauer äussert er sich dazu nicht.

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