Canti non populari

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Canti non populari

Von Laura Weidacher, 07.03.2015

Das hochkarätige Basler Vokalensemble „SoloVoices“ interpretiert zeitgenössische Werke für Stimmen und Akkordon.

Der Titel des Konzertes im Konzerthaus Gare du Nord, welches demnächst in der Zürcher Helferei wiederholt werden wird, liess aufhorchen: „Canti populari“ - Volkslieder aus der Feder von Komponisten Neuer Musik – wie klingt das wohl? Noch dazu, wenn neben den „Klassikern“ Giacinto Scelsi (1905-1988) und Luciano Berio (1925-2003) die Uraufführungen von drei Auftragswerken auf dem Programm stehen? Und als einziges zugeordnetes Instrument ein Akkordeon eingesetzt wird?

Um es vorwegzunehmen: Mit Ausnahme der 14 Volkslieder des in Basel wirkenden Deutschen Matthias Heep fand keine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Volkslied statt. Man war bei der Programmation zwar von Scelsis so genannten „Canti populari“ ausgegangen, welche sich in ihren virtuosen Vokalisen mehr dem Vogelgesang als einem wie auch immer gearteten Liedgut annähern und nur in der kompositorischen Anlage noch Volksliedhaftes erahnen lassen. „... wurden (von SoloVoices) zeitgenössische Komponisten gefragt, auf welche Weise sie sich mit dem Thema Volkslied heute auseinandersetzen wollen“ verrät das Programmheft. Doch der Deutsche Martin Wistinghausen und der Schweizer Beat Gysin setzten sich in ihren Auftragswerken über die thematische Vorgabe ebenso unverfroren wie souverän hinweg.

Thema verfehlt, aber ...

Nun, Thema zwar verfehlt, aber doch beeindruckend gelöst. Zwei Komponisten wandten sich ernsten Themen zu: Wistinghausen mit „Rosengesänge“ dem hochromantischen Universum der Rose in vielerlei dichterischen Schattierungen, darunter auch einem Gedicht von Ingeborg Bachmann: „Unter einem fremden Himmel / Schatten Rosen / Schatten / auf einer fremden Erde ...“ . Die einzelnen Stimmen werden enorm durchsichtig und meist piano bis verhauchend geführt, eine glänzend gemeisterte Herausforderung für das Vokalensemble, ähnlich wie bei Beat Gysins „Francesco Petrarca. Sonett 285“. Hier sind es Klänge des Abschieds, schmerzlich, klagend, äusserst wirkungsvoll vom Akkordeon Olivia Steimels unterstützt. Von einer ebenso virtuosen wie auch einfühlsamen und sicheren Interpretin wie dieser Musikerin, die bereits zahlreiche zeitgenössische Werke zur Uraufführung gebracht hat, können heutige Komponisten nur träumen! Sie tritt damit in die Fussstapfen des für die Neue Musik wegweisenden Akkordeonisten Teodoro Anzellotti, der nicht nur in der Schweizer und deutschen zeitgenössischen Musikszene bereits zu Lebzeiten Legende ist. 

Doch ein Liederbuch

Erfrischend dann aber nach der Pause die Vertonungen von Volksliedtexten durch Matthias Heep. Sein „Liederbuch“ (sic: die Anspielung auf Heinrich Heines „Buch der Lieder“) beginnt sogar mit einigen Takten der Originalmelodie zu „Nun ade, du mein lieb Heimatland“, welche aber sofort paraphrasiert und weitergeführt werden. Das sollten aber auch die einzigen volksliedhaften Töne in Heeps Werk bleiben. Er nähert sich den alten Texten, viele dabei aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“, auf originäre, manchmal sogar witzige Weise, und rundet dabei das programmatische Gesamtthema endlich ab: Canti populari von heute, nicht gerade eingängig, aber auch einem weniger spezialisierten Publikum ohne weiteres zugänglich: Thema glänzend umgesetzt.

SoloVoices

Auslöser des gesamten Abends und tragendes Element bildet die 2007 gegründete Vokalgruppe SoloVoices. Das sich auch durch hohe Tonreinheit auszeichnende Vokalquartett hat sich vorrangig der Interpretation von zeitgenössischer Musik verschrieben und es in dieser relativ kurzen Zeit bereits zu hoher Meisterschaft gebracht – eine Qualität, um die sich heutige Komponistinnen und Komponisten nur raufen können: Der bis in höchste, verhauchende Pianissimo-Lagen instrumental geführte Sopran Svea Schildknechts, der ausdrucksstarke, temperamentvolle Mezzosopran Francisca Näfs, der baritonal gefärbte, stimmführende Tenor Jean-Jacques Knuttis und der lyrische und auch mit Witz eingesetzte Bass Jean-Christophe Groffes. Zusammen mit der Akkordeonistin Olivia Steimel, welche ihre solistische Virtuosität darüber hinaus mit einem Solostück von Luciano Berio unter Beweis stellt,  werden sie dieses bemerkenswerte Programm mit den drei Uraufführungen in der Zürcher Helferei am 11. März  wiederholen.    

Kommentare

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