Bücher zu Weihnachten

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Bücher zu Weihnachten

Von Journal21, 08.12.2017

Welche Bücher möchten Sie schenken, welche möchten Sie selber lesen? Autorinnen und Autoren von Journal21.ch empfehlen Ihnen 25 Werke.
  • CHRISTOPH KUHN EMPFIEHLT

Deutscher Buchpreis für Europaroman

Der Österreicher hat einen fulminanten Roman über den Kopf und das Herz der EU, über Brüssel geschrieben. Dem Roman liegen detaillierte und akribische Recherchen zugrunde. Man bekommt tiefe Einblicke in die europäische Bürokratie und wird gleichzeitig aufs beste unterhalten, von einem sarkastischen, ironischen Autor, der es in klassisch romanesker Manier versteht, brandaktuelle Zeitgeschichte an erfundenen Figuren festzumachen und so aktuelle Politik in spannende Geschichten zu verwandeln.

Robert Menasse: Die Hauptstadt, Suhrkamp Verlag 2017, 459 Seiten

Derb, lustig, bizzarr

Der deutsche Schriftsteller und Musiker Sven Regener, bekannt geworden mit seinem Roman „Herr Lehmann“, macht auch im jüngsten Roman, „Wiener Strasse“, Berlin zum Mass aller Dinge. Diesmal setzt er seine bunte Schar abenteuerlicher Gestalten (Künstler und solche, die sich dafür halten, charmante Schmarotzer, untaugliche Café-Betreiber oder Wohnungsrenovierer, der Lehmann ist auch wieder dabei) im Kreuzberg der 80er Jahre aus und lässt sie aufeinander los. Durchtrieben sind sie bis aufs Knochenmark und allesamt, begnadete Schwätzer, mit einer Berliner Schnauze ausgestattet, die noch mit den unsäglichsten Begebenheiten verbal fertig wird.

Sven Regener: Wiener Strasse, Galiani Verlag, Berlin 2017, 304 Seiten

STEPHAN WEHOWSKY EMPFIEHLT

Die Aura des Lesens und Schreibens

Isolde Ohlbaum gehört zu den Meisterinnen der Porträtfotografie. Sie hat die Gabe, den Porträtierten ganz nahe zu kommen, ohne dass ihre Bilder dadurch indiskret werden. Die Autorinnen und Autoren sind ganz bei sich, vertieft in ihre Arbeit oder Lektüre. Man spürt förmlich die Stille. Die kurzen beigefügten Zitate sind klug ausgewählt. Sie wirken wie Schlüssel zur Gedankenwelt der Autoren. Das Buch bietet auch Anregungen für weitergehende Lektüren, denn es kommen auch weniger bekannte Autoren vor.

Isolde Ohlbaum: Lesen & Schreiben. Eine Liebeserklärung an die Welt der Bücher. ars vivendi, 2017, 175 Seiten

Auf den Spuren der Eltern

Richard Ford gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller unserer Zeit. In seinem neuesten Buch sind seine Eltern Thema seiner Erzählkunst. Entstanden ist ein Text mit ständig wechselnden Perspektiven. Was kann ein Kind von seinen Eltern wissen, zumal, wenn ihr Tod schon einige Zeit zurück liegt und er vieles nur aus ihren Erzählungen kennt? Aber da gibt es auch eigene Erinnerungen, Bilder und Gerüche, die ein für allemal haften bleiben. Das ist ebenso klug wie anrührend erzählt.

Richard Ford: Zwischen ihnen. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2017, 133 Seiten

Fern und doch allzu nah

Der dreissigjährige Krieg ist den Kriegen unserer Zeit erstaunlich ähnlich. Treibende Kraft waren die Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten und ihre Vermischung mit kleinräumigen und grossräumigen Machtfragen. Ein regionaler Herrscher oder Feldherr konnte unversehens zu einer zentralen Figur auf europäischer Bühne werden. Die Klügeren warnten vor der Katastrophe, die sich schleichend ankündigte. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat wieder ein scharfsinniges und fesselndes Buch vorgelegt.

Herfried Münkler: Der dreissigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648, Rowohlt, Berlin 2017, 976 Seiten

  • REINHARD MEIER EMPIEHLT

Ungleiche Brüder – Russen und Ukrainer

Im Westen ist die Ukraine als eigener Staat erst seit der Annexion der Krim 2014 durch Putins Russland und die Umtriebe russisch gesteuerter Separatisten im Donbass tiefer ins Bewusstsein gerückt. Russen und Ukrainer nennen sich seit Jahrhunderten Brudervölker – die Kiewer Rus, aus der die russische orthodoxe Kirche hervorging, ist auch ihre gemeinsame Wiege. In Russland bezeichnet man die Ukrainer häufig etwas herablassend als Kleinrussen. Der Osteuropa-Historiker Andreas Kappeler erzählt das Wechselspiel von Verflechtungen und Entflechtungen zwischen den beiden ungleichen Brüdern vom Mittelalter bis zur Gegenwart in einem ebenso glänzend formulierten wie faktenreichen Kompendium. Wer mitreden will im Konflikt zwischen Moskau und Kiew sollte dieses Buch konsultieren.

Andreas Kappeler: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C. H. Beck Taschenbuch,  München 2017, 267 Seiten

Zwei Seelenverwandte

Lew Kopelew, der russische Germanist und sowjetische Regimekritiker, und Christa Wolf, die bekannteste Autorin der ehemaligen DDR, waren zwei verwandte Seelen. Beide waren einst überzeugte Kommunisten, entfremdeten sich aber von dessen totalitärer Herrschaftspraxis. Kopelew lernte Christa Wolf bereits Mitte der 1960er Jahre in Ostberlin kennen. Er war ein glühender Bewunderer ihrer Bücher. Die Schriftstellerin verehrte Kopelew als warmherzigen Humanisten und grossen Literaturkenner. Der Briefwechsel beginnt Ende der sechziger Jahre  und wird  bis zum Tod Kopelews 1997 im Kölner Exil fortgesetzt. Die Korrespondenz ist durchdrungen von gegenseitigem tiefen Vertrauen und existentieller Liebe zur Literatur. Die Texte werden durch sorgfältige Anmerkungen ergänzt.

Christa Wolf, Lew Kopelew: Sehnsucht nach Menschlichkeit. Der Briefwechsel 1969–1997. Steidl-Verlag, Göttingen 2017, 357 Seiten

Napoleons Sohn - als Jüngling in Wien gestorben

Als er 1811 geboren wurde, wähnte Napoleon die Zukunft seiner Dynastie für gesichert. Dafür hat er sich von Joséphine scheiden lassen und die Ehe mit der Habsburger Kaisertochter Marie Louise geschlossen. Der Sohn mit Namen Napoleon François Joseph Charles bekommt schon in der Wiege den Titel „König von Rom“. Victor Hugo nennt ihn später „L’Aiglon“, kleiner Adler – nach dem grossen. Als der Vater stürzt, wird er als Dreijähriger nach Wien entführt und einer dynastischen Umerziehung unterzogen. Er heisst nun Franz und hat einen Herzogtitel. Er stirbt als 21-jähriger Jüngling an Tuberkulose. Der Journalist und Historiker Günter Müchler schildert das Leben des „Aiglon“ und die damit verflochtenen Personen und Ereignisse in einer historisch erhellenden und  spannend geschriebenen Biografie.

Günter Müchler: Napoleons Sohn. Biografie eines ungelebten Lebens. Theiss, Darmstadt 2017, 356 Seiten

  • URS MEIER EMPFIEHLT

Zur Kenntlichkeit verzerrtes Bild der Schweiz

Der in eine nahe Zukunft verlegte Plot entwirft ein zur Kenntlichkeit verzerrtes Bild der heutigen Schweiz, in der Lewinsky gewisse Anzeichen einer antidemokratischen Verführbarkeit ausmacht. Wie der von Sarkasmus getränkte Krimi das hinbekommt, einen von Machtkalkül und Biedersinn angetriebenen putzig-properen Faschismus à la Suisse vor Augen zu führen als beunruhigend realitätsnahes Bild – das rückt den Verfasser in die Nähe eines Dürrenmatt. Ein gruseliges Lesevergnügen!

Charles Lewinsky: Der Wille des Volkes. Kriminalroman. Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München 2017, 384 Seiten

Hinreissend erzählte Kulturgeschichte

Das Buch ist ein grosser Wurf. Und ein kühner dazu. Zweitausend Jahre Christentum, dargestellt in einer hinreissend erzählten Kulturgeschichte. Jörg Lauster ist Inhaber des Münchner Lehrstuhls für Systematische Theologie, Religionsphilosophie und Ökumene und zudem ein in Geistesgeschichte und Kulturtheorien bewanderter Generalist. Mühelos wechselt er zwischen breiten Panoramen und exemplarischen Tiefbohrungen. Seine Darstellung christlicher Kultur ist ein Schlüssel zum Verständnis des Abendlandes.

Jörg Lauster: Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums. C. H. Beck, München 2016 (4. Aufl.), 734 Seiten

Streitschrift gegen falsche Toleranz

Die Biographie der Autorin spricht Bände: Knapp einer Entführung und Zwangsverheiratung entronnen, geht die von albanisch-mazedonischen Einwanderern stammende Autorin ihren Weg als Menschen- und Frauenrechts-Aktivistin. Es sind die in der Herkunftskultur steckenbleibenden Mütter, welche die Töchter unterjochen und die Söhne verhätscheln (und zu Verlierern erziehen). Eine verbreitete falsche Toleranz verschliesst die Augen und leugnet die Probleme. Dies tut Zana Ramadani ganz entschieden nicht.

Zana Ramadani: Die verschleierte Gefahr. Die Macht der muslimischen Mütter und der Toleranzwahn der Deutschen. Europa Verlag 2017 (2. Aufl.), 262 Seiten

  • ROLAND JEANNERET EMPFIEHLT

Ethik im Geschäftsleben

Ein Geschäftsmann mit Erfolg, ein Hotelier mit viel Fingerspitzengefühl, eine Glaubenskraft, die weit über Weihnachten hinaus führt … so könnte man die Biografie von Jürg Opprecht in eine Schlagzeile fassen. Aber hier geht es nicht um Alltags-Sensationen, sondern um Ethik im Geschäftsleben – eine Tugend, die eher an Verbreitung verliert. Im Luxushotel „Lenkerhof“ gibt es nicht Kunden, sondern Gäste. Im Leben sind auch Niederlagen letztlich Erfolge, selbst wenn die Konfrontation mit der Krankheit Krebs tiefe Spuren hinterlässt. „Ob es die Ewigkeit in irgendeiner Form gibt, beschäftigt alle“, zieht Jürg Opprecht sein Fazit.

Jürg Opprecht, Roman Salzmann: Rückschläge und andere Erfolge. Roman, Werd&Weber Verlag, Thun, Dezember 2017, 200 Seiten

Trüffelenthusiasten

Was zuerst nach einem exotischen Frevler-Krimi tönt, entpuppt sich bereits im Untertitel zu einem gepflegten Trüffelbuch für Feinschmecker: „Aus dem Leben eines Trüffelenthusiasten“. Im Zentrum steht Hannes Däppen, genannt „Trüffel-Hannes“, der einerseits in der Schweiz, andererseits in der Ardèche seiner grossen Leidenschaft des Trüffelsuchens und der Trüffelzucht huldigt. Die Autoren Hans-Peter und Kathrin von Peschke kennen Trüffel-Hannes seit Jahren und Werner Feldmann hat mit demselben Team bereits mehrere historische Kochbücher verfasst. Das Buch erzählt die Geschichte des Trüffelpilzes, seine Herkunft und Verbreitung, viele amüsante Episoden und Eigenheiten, Wissenswertes über Trüffel Sammeln, Trüffelhandel, Trüffelmärkte, aber auch Täuschung und Betrug. Vor allem widmet es sich aber der Trüffelgastronomie und enthält zahlreiche Rezepte zum selber Kochen – Werner Feldmann hat sie alle ausprobiert und für Hobbyköche und -köchinnen adaptiert.

Jäger der schwarzen Diamanten, Herausgeber: Hannes Däppen, mehrere Autoren, Salm Verlag, Wohlen/Bern 2017, 160 Seiten, 110 Abbildungen

Tod in der Vollmondnacht

Es ist der dritte Krimi von Thomas Bornhauser. Während der „Fehlschuss“ in der Berner Innenstadt fiel, „Die Schneefrau“ in Gstaad eiskalt mit Raubkunst aus der Nazizeit vewickelt war, wählte der Autor diesmal eher die klimatisch wärmere Insel Mauritius. Aber auch diesmal reiste Bornhauser vor Ort und besuchte die Plätze des Verbrechens selber. Wer aber einen tropischen Reisekrimi erwartet, täuscht sich: Diesmal geht es – abgesehen von einem abenteuerlichen Seitensprung – um den Schweizer Detailhandel, die Freimaurerei, den internationalen Fleischschmuggel und nebenbei um die berühmteste Briefmarke der Welt: der blauen Mauritius. Der frühere Mediensprecher bei der Migros Aare scheint sich in der Szene auszukennen ...

Thomas Bornhauser: Tod auf der Trauminsel, Werd & Weber, Thun 2017, 192 Seiten, 17 Abbildungen

  • ALEX BÄNNINGER EMPFIEHLT

Der andere Blick auf 1917

Die Medien waren voll von Analysen der russischen Revolution. Einen anderen Blick bietet „Montag“, 1926 auf Jiddisch erschienen und jetzt auf Deutsch vorliegend. Der Literat Moyshe Kulbak, 1896 im damals zaristischen Litauen geboren und 1937 nach einem stalinistischen Schauprozess hingerichtet, beschreibt 1917 aus jüdischer Sicht. Zentral geht es um den Sinn von Politik, Philosophie und Religion. Die Fragestellungen in einer nüchternen, teils glasharten und stets kraftvollen Sprache lösen unkonventionell Denkanstösse aus.

Moyshe Kulbak: Montag. Edition Foto Tapeta, Berlin 2017, 110 Seiten

Das Rad dreht die Menschheit um

Wir glauben, es zu wissen, und wissen es dennoch nicht: Profund und sprachlich bestechend beantwortet der Soziologe Jürgen Kaube, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, einfache, aber wichtige Fragen nach den Anfängen von 17 kulturellen, zivilisatorischen Leistungen, vom Rad über das Recht und die Kunst bis zur Religion und Monogamie. Wir gewinnen erhellende und überraschende Einsichten in die Menschheitsgeschichte und verstehen besser, was uns in der Gegenwart bestimmt und lenkt.

Jürgen Kaube: Die Anfänge von allem. Rowohlt, Berlin 2017, 445 Seiten

  • GISELA BLAU EMPFIEHLT

Grimm-Märli und Schlafliedli

Mit Sicherheit das herzerwärmendste Buch der Saison! Die Sängerin Stefanie Gubser schlug ihrem Vater, dem Schauspieler und „Tatort“-Kommissar Stefan Gubser, ein ungewöhnliches Projekt vor: Ein schweizerdeutsches Märchenbuch mit CDs „zum Läse und Lose“. Frank Baumann, Ehemann der Verlegerin, schuf die liebevollen Illustrationen. Die Musiknoten im gedruckten Buch zum Mitspielen, Stefanie Gubsers meditativer Gesang beliebter Schlaflieder und die von Stefan Gubser meisterlich in „Zürischnure“ gelesenen „Märli“ verzaubern auch Erwachsene.

Stefanie und Stefan Gubser: „Di gschtifleti Gans“. Buch und zwei CDs auf Schweizerdeutsch, Illustrationen von Frank Baumann, Wörterseh Verlag, Gockhausen 2017, 64 Seiten

Raubkunst, Beutekunst

Der Basler Historiker Georg Kreis wagt sich ins Minenfeld der aktuellen Debatte um Raub-, Flucht- und Beutekunst. Bereits vor zehn Jahren untersuchte er dieses Thema und hat es jetzt überarbeitet und stark erweitert. Weil das Kunstmuseum Basel 1939/40 21 Kunstwerke kaufte, die von den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ gebrandmarkt, beschlagnahmt und verscherbelt wurden, analysiert Kreis die Frage, ob sich Museen und Private damals durch willige Käufe zu Mittätern machten oder Kunstschätze retteten. Das Buch ist eine mutige und nötige Recherche.

Georg Kreis: Einstehen für „entartete Kunst“, Die Basler Ankäufe von 1939/40. 59 Abbildungen, NZZ Libro, Zürich 2017, 220 Seiten

Atomwaffen in Deutschland

Sie lagern gar nicht so weit von uns entfernt, die amerikanischen Atomsprengköpfe in Deutschland. Dieses Buch könnte gar nicht aktueller sein. Es ist eine solide, gründliche Recherche des Autors, eines Journalisten, und daher journalistisch und sehr lesbar geschrieben. Nicht nur in Deutschland denkt niemand wirklich ans Abschaffen. Die USA und Russland modernisieren gegenwärtig ihre Atom-Arsenale, und nicht nur Nordkorea wäre gerne Atommacht. Es bleibt die Hoffnung, dass das alte Prinzip der gegenseitigen Abschreckung weiter hält.

Werner Sonne: Leben mit der Bombe. Springer Verlag, Heidelberg 2017, 203 Seiten

IGNAZ STAUB EMFPIEHLT

Das Indien von morgen

In Indien werden in den nächsten Jahren jeden Monat eine Million Junger 18 Jahre alt. Das ist einerseits eine wirtschaftliche Chance, anderseits eine riesige Herausforderung. Somini Sengupta, für einige Jahre Korrespondentin der „New York Times“ in Delhi, porträtiert sechs junge Inderinnen und Inder und beschreibt eindringlich, wie diese auf unterschiedliche Weise versuchen, ihren Lebenstraum zu verwirklichen – scheinbar unüberwindlichen Hindernissen und gesellschaftlichen Sachzwängen zum Trotz. Und sie zeigt auf, wie die Zukunft in Indien, bald die bevölkerungsreichste Nation der Erde, untrennbar mit dem Umstand verknüpft ist, wie gut es dem Land gelingen wird, die Integration seiner Jugend zu bewältigen.

Somini Sengupta: The End of Karma – Hope and Fury among India’s Young. W. W. Norton & Company, London 2016. 244 Seiten

Der Jihad von innen

Seit 9/11 ist der militante Islamismus ein Thema westlicher Medien – meist aus der Ferne analysiert und kommentiert. Souad Mekhennet, Tochter muslimischer Immigranten in Deutschland und Reporterin der „Washington Post“, nimmt sich des komplexen Themas aus der Nähe an. Ihre Erinnerungen beschreiben sowohl ein Phänomen wie den schwierigen Prozess, in verschiedenen Ländern fair und sachgerecht darüber zu berichten. Es ist, wie der Buchtitel es ausdrückt, ein mitunter gefährliches Unterfangen, das viel Einfallsreichtum und Mut erfordert. Mekhennets Fazit: „Nicht Religion radikalisiert Menschen; Menschen radikalisieren Religion.“

Souad Mekhennt: I Was Told To Come Alone – My Journey Behind the Lines of Jihad. Henry Holt and Company, New York 2017. 354 Seiten

Grafik par excellence

Dass sowohl grosse Literatur als auch guter Journalismus entsprechende Aufmachung verdienen, versteht sich von selbst. Ebenso selbstverständlich, dass solche Gestaltung nicht von sich aus entsteht, sondern Kreativität, Können und Geschmack erfordert. Der deutsche Grafiker Willy Fleckhaus (1925–1983) gehört zu jenen Designern, die diese Eigenschaften im Übermass verkörpern. Seine  Arbeiten sind legendär, etwa seine Layouts für Zeitschriften wie „Twen“ oder seine farbigen Buchtitel – „die Regenbogenreihe“ – für die „edition suhrkamp“. Er möchte eigentlich immer Dinge machen, sagte Fleckhaus, „die laufen, lange Jahre“. Das schön illustrierte Buch ist ein Beweis dafür, dass seine Entwürfe das noch immer tun.

Hans Michael Koetzle/Carsten Wolff: Fleckhaus – Design, Revolte, Regenbogen. Hartmann books, Stuttgart 2017, 241 Seiten

  • HEINER HUG EMPFIEHLT

„Swiss Girls“

Man warnte sie vor dem nasskalten Wetter und unerwünschter Schwangerschaft. Geschlechtskrankheiten gäbe es zuhauf und Mädchenhandel auch. Trotz diesen Warnungen zog es seit den Dreissigerjahren bis weit in die Sechzigerjahre hinein Tausende Schweizer Mädchen zu einem Englandjahr in den Norden. Wie viele es waren, weiss man nicht. Viele kehrten nicht zurück, sie wurden „British by marriage“. Nicht alle erlebten glückliche Jahre. Das Buch vermittelt einen Blick in die englische Mentalität, so wie sie von Schweizer Mädchen empfunden wurde. Die Autorin porträtiert farbig und fesselnd elf Frauen, die zwischen 1917 und 1939 geboren wurden. Illustriert wird alles mit Fotos von Mara Truog.

Simone Müller: „Alljährlich im Frühjahr schwärmen unsere jungen Mädchen nach England.“ Die vergessenen Schweizer Emigrantinnen. Limmat-Verlag, Zürich November 2017, 253 Seiten

Keine karibische Leichtigkeit des Seins

Diese Erzählungen sind hochpolitisch, erschütternd, quälend und teils grausam – und sehr literarisch. Sie spielen im Krieg oder im Gefängnis. Der 51-jährige kubanische Autor, der schon mit 17 erstmals ins Gefängnis gesteckt wurde, erzählt das Schicksal von 16 kubanischen Männern: von Geschlagenen, von Schwerverletzten, von Vergewaltigten und Gefolterten. Einige der Geschichten spielen in Angola, wo Fidel Castro Truppen hinschickte. So qualvoll einige Texte sind: sie sind auch poetisch, eindringlich und manchmal sogar zärtlich. Die Geschichten, von Thomas Brovot übersetzt, sind ein literarisches Ereignis.

Angel Santiesteban: Wölfe in der Nacht. 16 Geschichten aus Kuba. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017, 272 Seiten

Die schöne Galeristin

Auf dem Acker steht ein Sarg. Ein Leichentuch schaut hervor. Der Kommissar öffnet den Deckel und bricht zusammen. So endet der Roman. Alles ist dabei: eine Liebesaffäre, Waffenschieberei, Terror, krimineller Kunsthandel, Eifersucht, Hass. Ein Angelpunkt ist die attraktive Galeristin Marian, die dem Kommissar einiges abverlangt. Wer einmal begonnen hat, Andrea Camilleris Krimis zu lesen, hört nicht auf. Und er hat zu tun: Der jetzt 92-jährige Sizilianer, in Italien ein mit Preisen überhäufter Star, ist ein Vielschreiber. Schon 25 Mal hat er Kommissar Montalbano beauftragt, einen Fall zu lösen. Wie immer: auch dieser Roman ist witzig, spannend, intelligent.

Andrea Camilleri: Die Spur des Lichts. Kriminalroman. Bastei Lübbe, 2017, 272 Seiten

Kommentare

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