Boko Haram – Tausendjährige Schrecken

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Boko Haram – Tausendjährige Schrecken

Von Georg Brunold, 29.09.2019

Mehrere neue Bücher berichten von der Terror-Herrschaft der islamistischen Sekte Boko Haram, die nach wie vor im Norden Nigerias, aber auch in den Nachbarstaaten Tschad, Niger und Kamerun wütet.

Ein neues Buch macht wieder einmal auf die unbeschreiblichen Kriegsgreuel aufmerksam, die in unserem 21. Jahrhundert eine entlegene Weltecke heimsuchen, in welche die internationale Berichterstattung mit ihren sporadischen Schreckensnachrichten noch immer denkbar wenig Licht gebracht hat. Es geht um die Terrorfeldzüge der extremistischen islamischen Sekte Boko Haram im Nordosten Nigerias, die zeitweilig auf die Nachbarländer Kamerun, Tschad und Niger übergriffen und nebst der nigerianischen auch deren drei Armeen zum Eingreifen zwangen. («Boko» – vom englischen «book» – steht für westliche Schulbildung und «haram» für ein religiöses Verbot dieser Schulbildung.)

Der Autor Stefan Klein blickt auf eine zwölfjährige Korrespondententätigkeit in Afrika für die «Süddeutsche Zeitung» zurück, wo er insbesondere in deren grossem Reportagegefäss der Seite 3 prominent vertreten war. Davon hat er schon 1996 mit seiner Ehefrau Manja Karmon-Klein im Schweizer Verlagshaus mit «Tränen des Löwen. Leben in Afrika» eine Auswahl vielseitiger Beiträge vorgelegt. Für die Recherchen zu seinem jüngsten Buch hat er letztes Jahr fünfmal das Krisengebiet aufgesucht. «Boko Haram: Terror und Trauma. Die entführten Mädchen von Chibok erzählen» (Kunstmann, München Sept. 2019) konzentriert sich auf das Ereignis, welches den Konflikt in die Schlagzeilen der Weltmedien und, gefolgt vom Engagement von Gestalten wie Michelle Obama und Angela Merkel, einer Öffentlichkeit ausserhalb überhaupt erst zur Kenntnis gebracht hat.

In Nigerias nordöstlichem Gliedstaat Borno sind am 14. April 2014 aus dem Internat der öffentlichen Girls Secondary School von Chibok 276 Mädchen verschleppt worden, im Alter von 16 bis 23 Jahren, die meisten 17 oder 18. Nach ungesicherten Erkenntnissen sind 13 von ihnen umgekommen, über 100 gelten bis zur Stunde als vermisst. Etwas mehr als 50 gelang während der Entführung die Flucht, 21 wurden nach zweieinhalb Jahren im Oktober 2016 freigelassen, 82 weitere nach 1118 Tagen Gefangenschaft im Mai 2017. Diese letzteren stehen im Mittelpunkt von Kleins Buch, mit dreien von ihnen hat er während rund sechzig Stunden Gespräche führen können. Es handelt sich um einen ausgewählten Kreis, dessen Privileg darin bestand, dass die Kidnapper in ihnen im Unterschied zu vielen hundert anderen Opfern den Wert von Geiseln erkannten.

«Bring back our girls, now and alive»

Dies war das Verdienst einer Bürgerinitiative, die sich den Kampfruf «Bring back our girls, now and alive» zum Signet machte, kurz BBOG. Im Monat nach der Schreckensnacht von Chibok startete diese von Frauen angeführte Gruppe vor dem Präsidentenpalast in der Hauptstadt Abuja ihre Kampagne, die mit dem weltweiten Medienecho die Aufmerksamkeit auch der nigerianische Regierung auf das Martyrium der Mädchen zu lenken hatte. Diese aufrecht zu erhalten, erwies sich als ein äusserst mühseliges Unterfangen. Es verlangte von BBOG über Jahre hinweg tagtäglich wiederholte Aktionen, am selben Ort auf Sichtweite des Staatsoberhauptes. Schliesslich fand sich sogar das Pentagon zur Aufklärungszusammenarbeit mit den nigerianischen Streitkräften genötigt. Bei den einheimischen Aktivistinnen ist Klein ausführlich zu Gast wie ebenso bei Eltern der Verschleppten in Chibok und bei dem nach über tausend Tagen erfolgreichen Unterhändler Zannah Mustapha, einem Anwalt, der sich seit Langem für Schulbildung auch unter den überwiegend armen Bevölkerungsteilen Bornos engagiert.

«Terror und Trauma»: ein rares Verdienst Kleins liegt darin, dass er den Leidensweg der Opfer über den Tag der Rückkehr hinaus weiter verfolgt wie auch die Bemühungen der Hilfswerke, die sich um sie kümmern. Auf eine Wiedereingliederung nach drei Jahren einer solchen Gefangenschaft sind weder die Mädchen noch ihre Gesellschaft vorbereitet, von der grosse Teile sie für den Rest ihrer Tage als Aussätzige behandeln wird.

Der nigerianische Staat begegnet einem in Kleins Buch als anonymes Monster an Schwerfälligkeit und Schlamperei, von problemorientierter Politik und Verantwortung nicht die Spur. Kann er in dem ressourcenreichen Land unversehens hocheffektiv in Erscheinung treten, dann einzig in der Selbstbereicherung seines Spitzenpersonals. Wer Genaueres wissen will über seine formidable kriminelle Energie, ist an andere Bücher verwiesen. Ebenso, wer nicht davor zurückschreckt, sich ein Bild von den Zuständen in den Lagern von Boko Haram ausmalen zu lassen, wo den allermeisten der ungezählten Gefangenen keinerlei Geiselwert beigemessen wird.

Von ihnen berichtet ein Buch mit Titel «Die Hölle von innen. In den Fängen von Boko Haram» (Dtv., München 2016), worin Andrea C. Hoffmann, Reporterin des Wochenmagazins «Focus», sich die Geschichte von Patience I. erzählen lässt. Diese junge Frau hat zuzuschauen, wie schwangeren Mitgefangenen mit Macheten das Ungeborene aus dem Leib geschnitten wird. Ihre wiederholten Fluchtversuche scheitern teils daran, dass sie von Selbstverteidigungsmilizen der Dörfer abgewiesen und zurückgeschickt wird, nachdem sie zuvor Hilfe erhielt von flüchtigen Angehörigen der Extremisten, in deren Reihen alle paar Tage jenen «Verrätern» der Kopf abgeschlagen wird, die selber durch Halbherzigkeit beim Töten aufgefallen sind. Patience I. berichtet von Kannibalismus, von Schlächtern, die das Blut von ihren Macheten lecken und aus dem Rumpf Geköpfter trinken, da dies ihre Kräfte steigere. Bei Boko Haram werden 14jährige «Selbstmord»attentäterinnen ohne ihr Wissen mit Sprengstoffladungen bepackt, welche Begleiter am Einsatzort per Fernbedienung zünden.

Aus zwei in deutscher Sprache erschienenen Büchern ist mehr zu Geschichte, nigerianischer Politik und regionalem Kontext zu erfahren. Mike Smith, Bürochef von Agence France Presse in Lagos 2010-2013, geht in seinem «Boko Haram: Der Vormarsch des Terror-Kalifats» (C. H. Beck, München 2015) auf immerhin 30 Seiten in die Zeit der britischen Kolonisation und die zwei Jahrhunderte davor zurück.

 

 

Gespräche mit einer Vielzahl von Opfer, eingefasst in knappe, aber durchaus hilfreiche Ausführungen zu Kontext und Geschichte, liest man im Buch des ZEIT-Reporters Wolfgang Bauer: «Die geraubten Mädchen. Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas» (Suhrkamp, Frankfurt 2016). (Wobei mehr als fraglich ist, wieso es sich ausgerechnet beim Nordosten Nigerias um das «Herzen Afrikas» handeln sollte – auch Menschen haben das Herz nicht in der Mitte ihres Körpers).


Der Konflikt in diesem fast rein agrarisch bewirtschafteten Vierländereck, ein fatales Zusammenspiel von religiösem und politischem Fanatismus, Armut, Repression und Übergriffen unkontrollierter, immer wieder ausrastender Sicherheitskräfte, hat seit 2011 laut Schätzungen mindestens 20'000 Todesopfer gefordert und Millionen von Menschen von ihrem Land vertrieben. Allein bei den Anschlägen mit automatischen Handfeuerwaffen, Bomben- und Selbstmordattentaten in 16 der 36 nigerianischen Gliedstaaten sind Tausende dem Terror von Boko Haram zum Opfer gefallen.

4000 bis 6000 Kämpfer

Das «Kalifat», das der Extremistenführer Abubakar Shekau im August 2014 ausrief, zwei Monate nachdem der IS in Mosul sein «Kalifat» ausgerufen hatte, wuchs in den folgenden Monaten zu einem Gebiet von 50'000 km2, ein Viertel grösser als die Schweiz, darauf Städte mit bis zu 200'000 Einwohnern. Im Jahr darauf gelang es den nigerianischen Sicherheitskräften  in Zusammenarbeit mit den  Armeen Kameruns, Tschads und Nigers, die Terrormacht mit ihren 4000-6000 Kämpfern und mehreren tausend zwangsrekrutierten Kindersoldaten auf einen kleinen Teil dieser Gebiete zurückzudrängen. Allerdings wird in den Grenzgebieten des Vierländerecks bis heute gekämpft. Inzwischen hat sich Boko Haram in mehrere Gruppierungen aufgespalten, eine der beiden grössten davon bekennt sich zum IS.

Soweit die Tatkraft der fanatisierten Schlächter reichte, ist die nicht rechtzeitig geflüchtete männliche Bevölkerung ungezählter Dörfer und kleinerer Städte nahezu vollzählig liquidiert worden, und in seiner wirtschaftlichen Überlebensgrundlage stützte die Bewegung ihren «Gottesstaat» auf die flächendeckende Versklavung der weiblichen Bevölkerung. An Waffennachschub aus dem Sahel, aus geöffneten Depots Libyens oder aus Darfur, fehlte es Boko Haram zu keinen Zeitpunkt spätestens seit dem Sturz Ghadhafis. Von den Armeen der vier betroffenen Staaten wüteten viele Einheiten, zumal nigerianische, unter der unbeteiligten Zivilbevölkerung allzu oft kaum weniger schrecklich als ihre Widersacher, nicht zu reden von der Treffgenauigkeit der nigerianischen Luftwaffe.

Schrecken bisher beispielloser Ausmasse

Auf solchem blutgetränkten Boden wird jede kollektive Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern unhaltbar, und das entsprechende Urteilsvermögen der Leidtragenden weicht einer generalisierten Paranoia. Dazu kommt, dass bis vor fünf Jahren hochrangige lokale Funktionäre des nigerianischen Staates und seiner Sicherheitsorgane mit Boko Haram mehr und minder willentlich gemeinsame Sache gemacht haben sollen. Vor fünfzehn Jahren stand im Mittelpunkt dieser Anschuldigungen Ali Modu Sheriff, 2003-2011 Gouverneur des Gliedstaates Borno und zuvor dessen Vertreter im Senat in Abuja. Ihm wird zur Last gelegt, Boko Haram grossgezogen zu haben, indem er Selbstverteidigungsmilizen finanzierte, die daraufhin, als er den Geldhahn zudrehte, geschlossen zu Boko Haram überliefen.

In «Buschkriegen» wie diesem sorgt das Instrumentarium von Massaker und Massenmord, welches die zeitgenössische Technik zum Einsatz bringt, für Schrecken bisher beispielloser Ausmasse, was über dem Umfang und der vermeintlichen Neuartigkeit des Geschehens die Geschichte in Vergessenheit bringt, aus welcher die gegenwärtigen Konflikte erwachsen sind.

Der Kulturanthropologe und Archäologe Scott MacEachern hat in dieser Ecke Afrikas während dreissig Jahren geforscht. In seinem «Searching for Boko Haram. A History of Violence in Central Africa» (Oxford University Press 2018) reiht er die Konflikte, aus denen Boko Haram hervorgegangen ist, in die tausendjährige Geschichte der  islamischen Eroberungen in Westafrika ein. In dem noch wesentlich älteren Kanem-Bornu-Reich, das aus Libyen und dem sudanesischen Dafur bis hinab ins heutige Nigeria und Kamerun reichte, blieb der Islam für ein gutes halbes Jahrtausend eine Elitereligion, deren massgebende Geistliche sich mit den angestammten Bevölkerungsmehrheiten und ihren Naturreligionen akkomodierten. Ab dem 17. Jahrhundert begann sich dies zu ändern, und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Tschadseebecken Teil des Sokoto-Kalifats, das ein reformistischer Kleriker namens Usman Dan Fodio als ersten fundamentalistischen «Gottesstaat» auf afrikanischem Boden errichtete. Dessen Erbe nimmt Boko Haram heute für sich in Anspruch.

Jahrhundertealte Rechnungen verfeindeter Ethnien

Die Jahrhunderte des Terrors von Unterwerfung, Sklavenjagd und forcierter Konversion fanden ein Ende erst nach 1920 durch die britische Kolonisation mit ihrer christlichen Mission, die in dem Land mit seinen nahezu 400 Sprachen und Ethnien zahlreiche Siedler aus dem Süden Nigerias nach Borno und in Nigerias übrige nördliche Gliedstaaten brachte. Der von aussen erzwungene prekäre Frieden dauerte gerade achtzig Jahre, bevor die Spannungen zwischen und innerhalb der religiösen Lager in den Gewaltspiralen der letzten zwanzig Jahre zu den jüngsten Massenschlächtereien führten.

Unter dem Signet des Religionskriegs werden jahrhundertealte Rechnungen verfeindeter Ethnien beglichen, als deren Repräsentanten sich die militanten Gruppierungen mit zunächst loklaler Identität in Szene setzen. Das ideologische Material ihrer Weltbilder stammt zum geringsten Teil aus den Verkündigungen der Hochreligionen, einer dünnen Glasur über dem artenreichen Untergrund der Naturreligionen. Die muslimische und christliche Geistlichkeit tut sich seit vielen Generationen schwer, gegen den Glauben und Aberglauben des einheimischen Animismus Terrain zu gewinnen. Hexerei und schwarze Magie, die dunklen Mächte des gegeneinander geschleuderten Fluchs und die Geheimwissenschaft der Amulette und Talismane, die unverwundbar machen sollen, werden allseitig vornehmlich zur Dämonisierung des Todfeinds mobilisiert, während das Verhalten ihm gegenüber denselben Mustern folgt, die angeblich ihn kennzeichnen sollen.

Wer sich für den Islam in Nigeria interessiert, insbesondere für dessen politisch radikalisierten Zweige und die Herkunft des massenmörderischen Extremismus, ist bedient mit «Boko Haram: Islamism, Politics, Security and the State in Nigeria», herausgegeben von Marc-Antoine Pérouse de Montclos (African Academic Press, Los Angeles 2015). Die Anfänge und die politische Karriere der Sekte im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts und in der Folge ihre Entwicklung zur Terrorarmee beleuchtet ein Dutzend Autoren von verschiedensten Seiten. Nebst allem erdenklichen Zahlenmaterial zu den betroffenen Regionen und ihren politischen, religiösen und sozialen Kräften wird den Verbindungen der Terrorbewegung zur global operierenden Jihadisten-Internationalen nachgegangen und im interkontinentalen Vergleich von Milieus und Methoden deren zentralafrikanisches Profil diskutiert. Die Lektüre eines kleinen Teils dieser schwerverdaulichen Literatur hinterlässt die Gewissheit, dass Nigeria wie die übrige Welt auf Jahrzehnte hinaus mit den zahlreichen Herden dieses infernalischen Schwelbrandes und seinen Eruptionen beschäftig bleiben wird.

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Man muss sich auch in Afrika zusammentun um gemeinsam die Probleme zu lösen. Das kann nur von innen geschehen. Das Feindbild des ausbeutenden Westens sollte in produktives und eigenverantwortliches Handeln umgewandelt werden und die Kultur der ewigen Hilfebedürftigkeit ablösen. Die Religion des Islam hat ein Reformproblem und man kann nicht mehr sagen, der Islam hätte mit all den Gräueltaten nichts zu tun.
Wenn ein Staat sich zur Abkehr von Staatsreligion statt Demokratie bekennt sollte er die Weltgemeinschaft um Hilfe bitten können. Die Staaten, die im ewigen Gestern verharren und ihre Machtgelüste bequem hinter der Religion verbergen, müssen geächtet werden. Es sind die korrupten Regime, die nicht nur in Afrika die Menschen durch die Religion in Dummheit halten, um ihre Macht zu sichern. Der aggressive Islamismus bietet zumindest die Chance endlich den Fokus auf dieses Problem zu richten und Reformen in Gang zu setzen. Dies aber in den Ländern und nicht von aussen. Geschieht das nicht bald, wird die Flüchtlingswelle gen Westen Dimensionen annehmen, die nicht mehr beherrschbar sind.

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