Bildung braucht Beziehung

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Bildung braucht Beziehung

Von Carl Bossard, 24.08.2016

Allen Reformen zum Trotz: Die Lehrer-Schüler-Beziehung bleibt die unhintergehbare Bedingung für gute Lebensperspektiven der Schüler.

Die Persönlichkeit des Lehrers beeinflusse das Sozialverhalten, die Beziehung zur Lehrerin mache es aus, sagt eine umfangreiche Cambridge-/ETHZ-Studie. Die Forscher zeigen sich überrascht. Weniger erstaunt sind erfahrene Lehrpersonen.

Lehrer-Schüler-Verhältnis im wissenschaftlichen Fokus

Das pädagogische Leben spielt sich in den Beziehungen ab. Lernen ist Beziehungshandeln, ist intersubjektives Geschehen. Wir erleben darum Schule und Unterricht als wertvoll in Beziehungen – zum Lehrer, zur Lehrerin, zur Sache und zu den Inhalten, zu Kolleginnen und Freunden. Das ist nicht neu. Und doch muss man es immer wieder in Erinnerung rufen, weil der Tatbestand vergessen geht. Strukturen und das Dogma des selbstorganisierten Lernens scheinen heute vielerorts wichtiger zu sein als die Persönlichkeit der Lehrperson und die Beziehungsebene.

Wie wirkt sich die Lehrer-Schüler-Beziehung auf das Sozialverhalten von Kindern und Jugendlichen aus? Dieser Frage ging seit 2004 ein Forscherteam der Cambridge University in England und der ETH Zürich nach. Die Langzeitstudie „z-proso“ stützte sich auf Daten von über 1'400 Zürcher Kindern. Seit ihrem Eintritt in die Primarschule wurden sie regelmässig befragt, ebenso ihre Eltern und Lehrpersonen.

Beziehung als Gewaltprävention

Das soziale Verhalten war der alleinige Kontrollfokus dieser Studie. Alle anderen Effekte blendete sie bewusst aus. Der Klassenwechsel beim Übertritt in die vierte Primarstufe half. Die Forscher bildeten 600 Zweierteams. Vor dem Lehrer- und Klassenwechsel glichen sich die Kinder in möglichst vielen der über hundert Parameter ihres persönlichen Profils. Nach dem Stufenwechsel unterschieden sich die jeweiligen Tandempartner allein in ihrem Verhältnis zur Lehrkraft.

Die Dauer des Experiments liess die Effekte einer guten beziehungsweise schlechten Lehrer-Schüler-Beziehung auf das Sozialverhalten überprüfen. Die Studie machte eines deutlich: Ein gutes Verhältnis zur Lehrperson reduziert die Aggressivität wesentlich. Und es trägt mindestens ebenso stark zu einem positiven Sozialverhalten bei wie die üblichen Präventionsprogramme, fügen die Forscher hinzu. Positive Lehrerbeziehungen machen Schüler friedlich, könnte man etwas salopp formulieren.

Der hohe Effektwert des „pädagogische Bezugs“

Die Erkenntnisse des international zusammengesetzten Forscherteams sind wichtig; das ist unstrittig. Dass sie aber wissenschaftliches „Erstaunen“ auslösen, überrascht. Versierte Lehrerinnen, engagierte Lehrer legten schon immer grossen Wert auf eine tragfähige Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern. Sie wussten: Am Wirkfaktor Lehrer-Schüler-Beziehung hängt bedeutend mehr als „nur“ gutes Sozialverhalten. Damit verbunden sind das Klassenklima, die Klassenführung, heute „Classroom-Management“, und die Lernprozesse generell.

Die Beziehungsebene oder der „pädagogische Bezug“, wie man früher sagte, spielt im Unterricht eine zentrale Rolle. Darum gilt es als unbestritten: Eine Atmosphäre des Vertrauens und Zutrauens, der Fürsorge und des Wohlwollens ist unverzichtbar für Bildung und schulische Leistung. Eine einfache pädagogische Wahrheit.

Was zählt, ist der einzelne Lehrer und sein Unterricht

Auf die Lehrpersonen und die Qualität ihres Unterrichts kommt es an. Diese simple Tatsache spielt in der öffentlichen Debatte heute kaum eine Rolle. Vor lauter Reden und Reformen, vor grossräumigem Gezänk und Getöse um Frühsprachen und Lehrplan 21 wird schnell vergessen, was die Kinder mehr prägt als ein Kompetenzenportfolio oder altersdurchmischtes Lernen: die Lehrerpersönlichkeit.

Auf diesen wichtigen Wirkzusammenhang weist der neuseeländische Bildungswissenschaftlers John Hattie in seiner weltweit beachteten Studie „Visible Learning“ (1) hin: Unterricht hängt entscheidend von dem Faktor ab, den eine frühere Literatur die „Lehrerpersönlichkeit“ nannte. Die Political Correctness verbietet den Ausdruck, und doch trifft er zu.

Lehrer-Schüler-Beziehung mit hoher Effektstärke

Lehrerinnen und Lehrer bringen ihre Persönlichkeit in den Unterricht ein – und nicht einfach ihr Wissen oder, wie es heute heisst, ihre „professionelle Kompetenz“. Und zu dieser Persönlichkeit bauen Kinder eine vertrauensvolle Beziehung auf. Vertrauenswürdig und glaubwürdig muss darum der Lehrer sein. Das ist das Fundament jeder Schüler-Lehrer-Beziehung. Sie stimuliert das Lernen und erzielt nach Hattie einen der höchsten Effektwerte.

Unterricht hat per se eine dialogische Struktur; Lernende und Lehrende begegnen sich im Schulstoff. Der Unterricht wird so zum sozialen Austausch zwischen Personen, zum „meeting of minds“, wie es der amerikanische Philosoph John Dewey nannte. Darum kommt es nicht einfach auf den einzelnen Lehrer an, sondern auf den Umgang zwischen ihm und seiner Klasse. Gutes, unterstützendes Klassenklima bewirkt viel – genauso wie die humane Energie des Lehrers für seinen Beruf.

Unterricht als Miteinander – in guter Atmosphäre

John Hattie fordert in seiner Mammut-Studie normativ ein, was er empirisch nachweisen kann. Das ist der Grund, warum er so viel Wert auf die „schülerzentrierte" Lehrerin, den „leidenschaftlichen“ Lehrer legt. Für eine solche Lehrperson werden die Lernenden zum Ausgangspunkt des Lehrens. Entscheidend ist für sie der Erfolg ihrer Kinder. Bei ihr dominiert die Einsicht, dass Unterricht ein Miteinander ist. Beide Seiten sind aufeinander angewiesen.

Basis dieses Miteinanders ist eine gute und vertrauensvolle Beziehung zwischen der Lehrperson und ihren Schülerinnen und Schülern. Sie ist nicht nur effektive Gewaltprävention, wie die Cambridge-/ETH-Studie belegt, sondern eine Conditio sine qua non wirksamen und nachhaltigen Lernens. Das bestätigt jede Bildungsbiographie. Der grosse Philosoph Sir Karl R. Popper widmet die Memoiren nicht umsonst seiner Lehrerin Emma Goldberger. Ihrem Unterricht und der Beziehung zu ihr verdanke er sein ganzes Denken und damit eigentlich alles, schreibt er. Bildung braucht (auch) Beziehung.

Hattie John (2009), Visible Learning. London, New York: Routledge. / Hattie John/Beywl Wolfgang & Zierer Klaus (2013), Lernen sichtbar machen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Kommentare

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Es erstaunt mich über alle Massen, dass sich die Wissenschaftler erstaunt zeigen. Sie sind vermutlich länger als ich in die Schule gegangen und müssten eigentlich eine solide Reflexionsbasis haben. Es ist nichts desto trotz schön, dass sie auf die gleichen Schüsse gekommen sind wie auch der gesunde Menschenverstand. Und wenn die Studie noch dazu beiträgt, dem Lehrerberuf wieder mehr Wertschätzung zukommen zu lassen, dann ist dies eine sehr erfreuliche Entwicklung.

Ja, wie soll denn diese Beziehung (Lehrer-Schüler) zustande kommen, wenn ein Primarschüler in den ersten sechs Jahren mit rund 20 Lehrerinnen und rund 3 Lehrern in Berührung kommt? Die pädagogischen Hochschulen verkennen diese Durchlaufproblematik, ebenso die hohe Zahl der Lernunwilligen, die späteren Leistungsverweigerer.

Ready for Take-off?

Als Lehrer/in, in einer Art Flugkapitän/in, Pilot/in, Visionen vor Augen haben: z.B. „ Du bist alles, alles was es nur gibt und ich will mit euch bauen, ein Schloss das in den Sternen, der Zukunft liegt.“ Solche Autoritäten sollten jedoch keine Hörigkeit erzeugen, die Kritikfähigkeit nicht beeinträchtigen. Sie müssten gerade durch ihre meist anerkannte Glaubwürdigkeit als Autorität, dem zu lernenden Stoff die gewünschte Determiniertheit verleihen können. Beim sogenannten Nachwuchs handelt es sich schlussendlich um Kinder. Verschiedene Charaktere sitzen da an Bord, individuelles Einfühlvermögen in einer so komplexen Welt wird zur Bedingung. Ob Mädchen oder Bub, Gesellschaftliche und Zeitgeist modische Vorurteile gehören vor die Tür, nicht ins Klassenzimmer. Wir wollen ja eine neue Welt bauen, eine die heisst Miteinander, sonst würde das Ganze wie gehabt und heute gut erfahrbar, zur Chaostheorie. Kinder bedeuten Hoffnung und Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ich vertraue Flugkapitänen heutzutage mehr als den Theoretikern/innen, denn die haben die Hand am Ofen. Sie spüren am ehesten gesellschaftliche Verschiebungen und oder Risse in den Systemen!….. cathari

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