«Attraktive Feriendestination»

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«Attraktive Feriendestination»

Von Peter Achten, 23.07.2017

In Nordkorea, dem letzten Arbeiterparadies auf Erden, blüht sanft die Wirtschaft. Der Hunger jedoch bleibt. Wie das?

Schlagzeilen machen Raketentests, Atombomben und wüste Drohungen des Obersten Führers Kim, die südkoreanische Hauptstadt Soeul oder gar den Todfeind Amerika in einem «Feuersturm in Schutt und Asche zu legen». Seit dem ersten Atombombentest 2006 antwortet die internationale Gemeinschaft über den UNO-Sicherheitsrat mit Sanktionen. Doch diese waren und sind nach Aussagen hochrangiger Ueberläufer in Soeul und den USA praktisch wirkungslos.

Textil

Auf legalen und illegalen Wegen schaffen es die Nordkoreaner, chinesische und andere Geschäftsleute immer wieder, die Sanktionen zum umgehen. Die gänzlich staatlich betriebene Wirtschaft Nordkoreas erlaubt es, dass Firmen ihre auf Sanktionslisten vermerkten Namen schnell ändern können. Geschäftspartner in China und anderswo stört das meist nicht, denn alle wollen Geld verdienen. Kein Wunder deshalb, dass der nordkoreanische Aussenhandel 2016 um 4,7 Prozent auf 6,25 Milliarden Dollar gewachsen ist. China bestreitet mit 92,5 Prozent den Hauptanteil.

Nach chinesischen Statistiken hat im ersten Halbjahr des laufenden Jahres der Warenaustausch mit dem verbündeten Nordkorea gar um 10,5 Prozent auf 2,6 Milliarden Dollar zugelegt. Wie ist das mit den auch von China verhängten UNO-Sanktionen zu vereinbaren? Peking weist darauf hin, dass die für Nordkorea wichtigen Kohlenexporte nach China im Februar total eingestellt und die Ölzufuhr nach Nordkorea gedrosselt worden seien. Der Zuwachs wird mit Textilexporten erklärt, die nicht auf der Sanktionsliste stehen.

Regimewechsel verhindern

Chinas Einflussnahme auf Nordkorea ist überdies limitiert. Wie schon sein Grossvater Kim Il-sung – der Präsident  in alle Ewigkeit –  und sein Vater Kim Jong-il – der Geliebte Führer –  lässt sich auch der junge Marschall Kim Jong-un vom grossen Nachbarn und Verbündeten nicht dreinreden  und schon gar nichts vorschreiben. Peking andrerseits will einen Regimewechsel unbedingt verhindern, weil bei einem Zusammenbruch Nordkoreas eine Flüchtlingskatastrophe droht und kein Puffer mehr zwischen China und Südkorea und den dort stationierten amerikanischen Streitkräften bestünde. US-Präsident Trump nimmt zwar immer China in die Pflicht, vom UNO-Sicherheitsrats-Mitglied Russland redet er nicht. Bekannt ist aber, dass Nordkorea einen grossen Teil seines Erdöls über Russland bezieht.

tourismdprk.gob.kp

Kim Jong-un macht derzeit ohnehin mit wirtschaftlichen Nachrichten Schlagzeilen, wenn auch nicht so grossen wie mit seinen Atombomben- und Raketentests. So wird neuerdings auf einer Website (tourismdprk.gov.kp) für die «attraktive Feriendestination» Nordkorea auf Koreanisch, Englisch, Russisch, Japanisch und Chinesisch geworben. Vom Golfplatz bis zur Skidestination bietet die nördliche Halbinsel alles. Die Tourismusbranche, so die amtliche nordkoreanische Nachrichten-Agentur, habe sich «unter der klugen Führung des Obersten Führers» gut entwickelt. Freilich verbietet neuerdings die US-Regierung ihren Bürgern das Reisen nach Nordkorea nach dem Zwischenfall mit dem amerikanischen Studenten Otto Warmbier. Andere westliche Länder mahnen zur Vorsicht, so auch die Schweiz, die ihren Bürgern empfiehlt, sich strikte an die Weisungen der nordkoreanischen Reiseleiter zu halten ...

Modisch bis bunt

In der 2,8-Millionen-Metropole Pyongyang gehen den meisten Touristen die Augen auf. Moderne Hochhäuser schiessen in den Himmel. Adrette Polizistinnen regeln den Verkehr. Manchmal kommt es gar zu Mini-Staus. Auch die Zahl der Geschäfte und Restaurants hat in den letzten fünf Jahren markant zugenommen. Die Jungen zeigen sich nicht mehr im Einheitsgewand, sondern modisch bis bunt. Praktisch alle aber haben Kim Il-sung im Knopfloch angesteckt. In der Hauptstadt und in einigen wenigen Provinzstädten etabliert sich langsam eine neue Mittelklasse, bestehend aus Angestellten staatlicher Institutionen, mittleren und höheren Managern der Staats-Firmen und Banken.

Nouveau Riche

Zur Mittelklasse zählen auch die Nouvaux Riches der Donju-Klasse (Donju – «Meister des Geldes»), die ihr Geld auf den illegalen aber geduldeten Schwarzen Märkten und im Schmuggel mit China machen. Marktwirtschaft auf Nordkoreanisch, sozusagen. Selbstverständlich sind alle Donjus im vermeintlich total abgeschotteten Land bestens informiert über das, was in Südkorea, China, Amerika und sonstwo auf der Welt vor sich geht. Popstars und Soap-Operas aus Südkorea sind wohlbekannt, und DVDs sowie CDs aus Südkorea sind deshalb auf den schwarzen Märkten heissbegehrt.  Die Mittelständler und Donjus besitzen selbstverständlich ein mobiles Telephon, mit dem allerdings nur in Nordkorea telephoniert werden kann. Einige reiche Schmuggler halten zudem noch ein chinesisches Handy mit internationalen Verbindungen und Internet. Von den etwas über 25 Millionen Nordkoreanerinnen und Nordkoreanern gehören zu dieser wachsenden Mittelklasse je nach Schätzung zwischen zwei und vier Millionen Menschen.

Elektronische Geldbeutel

Viele Donjus halten quasi als Statussymbol und Zeichen der Wohlhabenheit und des Reichtums seit drei Jahren einen elektronischen Geldbeutel, das heisst eine von der Koryobank oder der Aussenhandelsbank des Nordens herausgegebene Debit Card. Da der Karteninhaber mit Devisen – chinesischen Yuan, US-Dollar, Euros – ein Konto äufnen mussten, kommt der Staat ganz legal zu dringend benötigten harten Währungen. Seit Juli dieses Jahres ist der elektronische Geldbeutel verallgemeinert worden. Die Löhne an Staatsangestellte werden fortan – natürlich in koreanischen Won – über ein Cash-Konto bezahlt. Damit hat die absolute Macht des Staates auf seine Bürger nochmals ein wenig zugenommen. Rodong Sinmun, das Sprachrohr der allmächtigen Arbeiterpartei, kommentiert die Entwicklung so: «Elektronische Karten zu popularisieren, hat eine wichtige Bedeutung bei der Entwicklung der nationalen Wirtschaft und ist hilfreich für das materielle und kulturelle Leben der Bevölkerung».

Cash bleibt König

Bezahlt werden kann mit der Debit Card etwa in Warenhäusern, Supermärkten, Apotheken, Theatern, Kinos, Bibliotheken, der U-Bahn oder der Eisenbahn. Bargeld kann überdies an Geldautomaten bezogen werden. Das alles jedoch nur in Pyongyang und einigen Provinzhauptstädten. Ansonsten bleibt Cash der König. Dies gilt insbesondere für die Schwarzmärkte, wo – zumal für teure und hoch nachgefragte Güter – auch harte Devisen am Staat vorbei die Hand wechseln.

Wirtschaftsboom

Der renommierte, in Soeul lehrende Nordkoreaexperte Andrei Lankow spricht derzeit sogar von einem «Wirtschaftsboom», allerdings von einer «niedrigen Ausgangslage» her. Da Nordkorea keine statistischen Zahlen zur Wirtschaft und zum Konjunkturverlauf herausgibt, schätzt Lankow das jährliche Wachstum des Brutto-Inlandprodukts (BIP) auf derzeit drei bis fünf Prozent. Die Südkoreanische Zentralbank, die seit 1991 jährlich nordkoreanische Zahlen aufarbeitet, kommt für 2016 auf ein BIP-Wachstum von 3,9 Prozent, der stärkste Anstieg seit 1999, als 6,1 Prozent zu Buche standen. Im vergangenen Jahr betrug der Wert aller Güter und Dienstleistungen in Nordkorea 32 Billionen Won oder umgerechnet 28 Milliarden US-Dollar, im Vergleich zu Südkorea mit 1,34 Billionen US-Dollar allerdings nur ein kleiner Bruchteil. Beim BIP pro Kopf der Bevölkerung bleibt Nordkorea 2016 mit 1‘136 Dollar hinter Südkorea – rund 23‘000 Dollar – weit zurück.

Die Südkoreanische Nationalbank, die auch auf Erkenntnisse des Geheimdienstes zurückgreift, erklärt das 2016-BIP-Wachstum von 3,9 Prozent mit den Leistungen in Bergbau und im Energiebereich sowie beim Bau von Komponenten für das Atom- und Raketenprogramm. Das durchschnittliche BIP-Wachstum seit Machtantritt von Kim Jong-un vor fünf Jahren beziffert die Südkoreanische Nationalbank auf 1,2 Prozent, während andere Schätzungen von 2 bis 3 Prozent ausgehen.

Misswirtschaft

Trotz all dieser positiven Zahlen hat Nordkorea wie immer Schwierigkeiten, seine Bevölkerung adäquat zu ernähren. Das UNO-Ziel von 600 Gramm Getreide pro Tag pro Person wird seit über zwei Jahrzehnten nicht erreicht. Missernten infolge von Dürre oder Hochwasser sind fast jährlich die Norm. Doch die misslichen Wetterbedingungen sind nur ein Grund für die schlechten Ernten. Ebenso wichtig wenn nicht wichtiger sind Misswirtschaft und das kollektivierte Landwirtschaftssystem. Immerhin dürfen jetzt die Bauern ihre Ueberschüsse auf legalen Märkten verkaufen. Viele Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner erinnern sich noch an die grosse Hungersnot Mitte der 1990er-Jahre. Rund eine Million Menschen starben.

«Schwierige Versorgungslage»

Für dieses Jahr hat die UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft FAO erneut alarmiert. Wegen der schlimmsten Dürre seit 16 Jahren sei die Produktion von Nutzpflanzen «schwer geschädigt». Die Frühernte von Weizen, Gerste und Kartoffeln sei im Juni um 30 Prozent zurückgegangen. Die «ohnehin schon schwierige Versorgungslage» werde sich weiter verschärfen, wenn die Reis-, Mais- und Sojabohnenernten anstehen. In den kommenden drei Monaten bis Ende Oktober sind nach Auffassung der FAO grössere Nahrungsmittel-Importe oder Spenden dringend nötig, um besonders Hilfsbedürftige wie Alte und Kinder zu versorgen. Einmal mehr hängt Nordkorea am Tropf der internationalen Nahrungshilfe.

Der westliche Besucher in Pyongyang und Nordkorea wird von alledem nichts mitbekommen. Die Wirtschaft boomt ja. Und das Essen ist gut. Westlichen Besuchern Pekings und Chinas ging es 1958 bis 1961 ähnlich. Sie bereisten damals staunend das Reich der Mitte, selbst ansonsten kritische Journalisten waren beeindruckt. Und das Essen war gut, während – wie wir heute wissen – die katastrophale Hungersnot, verursacht durch Maos utopischen Grossen Sprung nach Vorne, über 35 Millionen Menschen das Leben kostete. Noch heute lernen Chinas Schüler, dass die grosse Hungersnot eine Folge von Naturkatastrophen war. Zu hoffen ist, dass in sechzig Jahren nordkoreanische Schüler und Schülerinnen der Wahrheit näher kommen werden.

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