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Kunstmuseum Basel

Van Gogh, Hodler und ein Cabriolet

25. September 2026
Urs Meier
Gertrud Dübi-Müller
Gertrud Dübi-Müller in ihrem Auto der Marke Pic-Pic, um 1911; Gertrud-Dübi-Müller-Archiv / Fotostiftung Schweiz, Winterthur

Sie war als bedeutende Schweizer Kunstsammlerin mit wichtigen Malern verbunden, sie fotografierte, bestieg das Matterhorn und raste mit ihrem Cabriolet durchs Land: Gertrud Dübi-Müller (1888–1980). Das Kunstmuseum Basel erweist ihr die Ehre.

Bis zu ihrer Heirat im Alter von 33 Jahren ist sie «Fräulein Müller», eine von Haus aus reiche, unabhängige junge Frau. Früh verwaist, wird sie von einer Gouvernante erzogen und durchläuft die Bildung, die damals für höhere Töchter vorgesehen war, das heisst: Internate, Sprachaufenthalte, Musisches, aber kein Studium. Ziel ist die Vorbereitung auf die Rolle der Gattin, Mutter und präsentablen Gastgeberin in einem grossbürgerlichen Haushalt. 

Die junge Gertrud jedoch interessiert sich dafür nicht, sondern folgt ihren Talenten und Interessen. Beim Solothurner Künstler Cuno Amiet erhält sie Unterricht im Zeichnen und Malen. Vielleicht zündet hier der Funke ihrer Leidenschaft für Kunst, ihrem grossen Lebensthema. Ein weiterer wichtiger Impulsgeber ist der Solothurner Unternehmer und Kunstsammler Oscar Miller, einer der Ersten in der Schweiz, die sich für moderne Malerei begeistern und einsetzen. Miller verfasst auch kunsttheoretische Schriften und prägt früh den Geschmack und das Kunstverständnis der 14jährigen Gertrud. 

Noch vor Erreichen der Volljährigkeit kauft Gertrud bei einer Reise zu Alberto Giacometti in Stampa von diesem zwei Aquarelle – ihr erster Kunst-Ankauf. Als sie mit zwanzig Jahren über ihr Erbe aus der väterlichen Fabrik, die Präzisionsteile für die Uhrenindustrie fertigt, verfügen kann, folgt gleich der erste gewichtige Zugang zu ihrer entstehenden Sammlung: Vincent van Goghs «Der Irrenwärter von Saint-Rémy».

Vincent van Gogh: Porträt Charles-Elzéard Trabuc
Vincent van Gogh: Porträt Charles-Elzéard Trabuc , («Der Irrenwärter von Saint-Rémy»), 1889; Kunstmuseum Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung; Foto: Kunstmuseum Solothurn

Cuno Amiet ist es, der Gertrud Müller auf den in der Schweiz selbst in Kunstkreisen noch kaum bekannten Van Gogh aufmerksam gemacht hat. Zusammen mit ihrem Bruder Josef, der ebenfalls Kunst sammelt, reist sie 1908 zu einer Ausstellung nach München und gleich weiter nach Wien, wo sie das Bild für 4000 Franken erwirbt. Der Betrag entspricht dem Jahreseinkommen eines mittleren Beamten. 

Gertrud will solche Schätze nicht einfach für sich besitzen, sondern zeigt sie ihren Künstlerfreunden, diskutiert mit ihnen über die Werke. Den Van Gogh soll sie sogar mit ihrem Auto nach Stampa im Bergell gebracht haben – auf damaligen Strassen eine echte Expedition –, um Alberto Giacometti das Bild zu zeigen.

1921 heiratet sie den Solothurner Rechtsanwalt und Industriellen Otto Dübi, der nicht nur ihre Kunstbegeisterung teilt, sondern auch ihre Selbständigkeit respektiert. Zu diesem Zeitpunkt ist der Kernbestand der Sammlung von Gertrud Dübi-Müller, wie sie nun heisst, bereits im Wesentlichen konsolidiert. Die Sammlerin weiss, was sie will: herausragende Bilder ihrer Schweizer Künstlerfreunde zusammenführen mit wichtigen Werken der vor allem französischen Moderne. So entsteht eine der bedeutendsten privaten Kollektionen der Schweiz mit Bildern von Vincent van Gogh, Paul Cezanne, Henri Matisse, Pablo Picasso, Georges Braque, Max Liebermann, Gustav Klimt sowie den Schweizern Cuno Amiet, Alberto Giacometti, Ferdinand Hodler, Hans Berger, der Schweizerin Alice Bailly und einigen weiteren. 

In der Sammlung spiegeln sich Beziehungen. Am deutlichsten zeigt sich dies bei dem zahlenmässig und qualitativ am besten vertretenen Œuvre, demjenigen Ferdinand Hodlers. 1908 oder 1909 besucht ihn Gertrud Müller zusammen mit ihrer Schwester Marguerite im Atelier in Genf. Hodler porträtiert sie 1911 ein erstes Mal. Bis zu seinem Tod im Jahr 1918 werden es 17 Gemälde und zahlreiche Studien, für die sie ihm Modell steht.

Ferdinand Hodler: Bildnis Gertrud Müller im Grünen
Ferdinand Hodler: Bildnis Gertrud Müller im Grünen, 1916, Öl auf Leinwand, 94,5 x 76 cm; Kunstmuseum Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung; Foto: David Aebi, Bern/Burgdorf

Das Modellstehen, bei dem sich die Frau der Betrachtung des (männlichen) Künstlers darbietet, ist ein heikles Feld – selbst dann, wenn es, wie bei Hodlers Gertrud-Bildern, nicht um Aktmalerei geht. Oft sind Modelle in einer Situation der Abhängigkeit. Das ist erst in neuerer Zeit kritisch thematisiert worden. Dass eine Frau aus der Oberschicht ins Atelier geht, um einem Künstler als Modell zu dienen, ist nicht nur ungewöhnlich; es ist – jedenfalls im frühen 20. Jahrhundert – eigentlich tabu. Für Hodler und Gertrud hingegen gehört diese Art der Mitwirkung an seinem Werk zum freundschaftlichen Austausch, der primär in vielen Begegnungen und Gesprächen, in regem Briefwechsel und im Sammeln seiner Werke besteht.

Zu diesen Ateliersituationen kommt ein wichtiges Element hinzu. Gertrud Dübi-Müller ist Fotografin, sie hält Hodlers Arbeit fest. Dadurch findet ein Blickwechsel statt: Das Modell wird aktiv und macht den Maler zum Bildobjekt. Diese Form der Gegenseitigkeit kennzeichnet die Beziehung, welche die beiden pflegen. Auch wenn Gertrud Dübi-Müller sich nicht als Fotokünstlerin hat verstehen wollen, so erreichen doch viele ihrer Bilder eine Qualität, die über das rein Dokumentierende hinausgeht und den Geist des Miteinanders, das hier entstanden ist, erkennbar macht. (Die Bilder, auf denen Gertrud zu sehen ist, hat sie entweder mit Drahtauslöser selbst geschossen, oder sie hat sie arrangiert und das Betätigen des Auslösers einer Drittperson überlassen.)

Ferdinand Hodler malt Gertrud Müller
Gertrud Dübi-Müller (Umkreis): Ferdinand Hodler malt Gertrud Müller, Genf 1916; Gertrud Dübi-Müller-Archiv / Fotostiftung Schweiz, Winterthur

Einen Austausch ähnlicher Art pflegt Gertrud Dübi-Müller auch mit Cuno Amiet und Alberto Giacometti. Ihre Malerfreunde scheuen auch den kollegialen Konkurrenzkampf nicht und stellen sich als Porträtisten der Sammlerin dem direkten Vergleich. Nachdem Giacometti 1907 mit seinem «Bildnis Trutti Müller» ein kühnes koloristisches Statement im Geiste Van Goghs abgegeben hat, wagt Amiet sich an das gleiche Sujet, wobei er stärker als Giacometti bei Van Goghs Malweise bleibt. Die beiden Porträts sind je für sich ausdrucksstarke und sensible Werke. Indem die Basler Ausstellung sie nebeneinander präsentiert, zeigt sie auch die im Kreis um Gertrud Dübi-Müller stattfindenden und von ihr beeinflussten Suchbewegungen in der Schweizer Kunst des frühen 20. Jahrhunderts.

Giovanni Giacometti: Bildnis Trutti Müller
Giovanni Giacometti: Bildnis Trutti Müller, 1907, Öl auf Leinwand, 61 x 50 cm; Privatsammlung; Foto: SIK-ISEA Zürich
Cuno Amiet: Der violette Hut
Cuno Amiet: Der violette Hut (Bildnis Gertrud Müller), 1907, Öl auf Gewebe, 60.5 x 54 cm; Kunstmuseum Solothurn, Foto: SIK-ISEA, Zürich (Martin Stollenwerk)

Eine Dame mit violettem Hut gibt es auch von Félix Vallotton, ebenfalls 1907 entstanden. Das Bild ist nicht in der Ausstellung, wohl aber im Katalog und zeigt die unbekannte Porträtierte im Zwiespalt von Entblössung und Schutzhaltung – eine typische Vallotton-Thematik. Ganz anders die Protagonistin Giacomettis und Amiets, die als souveräne Person und selbstbewusstes Gegenüber in Erscheinung tritt – auch mit ihrem Namen in den Bildtiteln. Gertrud Dübi-Müller beweist mit diesem Experiment zu dritt ihre aktive Rolle in der Kunstszene, die über das blosse Sammeln hinausgeht. 

Vallottons «Le chapeau violet» steht möglicherweise in gar keiner Verbindung zu Gertrud Dübi-Müllers violettem Hut. Wer sich aber von ihrem Porträt-Experiment herausgefordert fühlt, ist Hodler. Er antwortet auf Giacometti und Amiet mit dem grossformatigen Bildnis Gertrud Müllers im rosa Kleid.

Ferdinand Hodler: Bildnis Gertrud Müller
Ferdinand Hodler: Bildnis Gertrud Müller, 1911, Öl auf Leinwand, 175 x 132.5 cm; Kunstmuseum Solothurn

Das Monumentalstück zeigt Einflüsse Gustav Klimts, dessen Arbeiten Hodler im Entstehungsjahr des Bildes in einer internationalen Ausstellung in Rom hat studieren können. Indem er die Figur in der Diagonale platziert, beansprucht sie den ganzen Bildraum. Mit ihrem statuenhaften Ausdruck stellt er sie als dominante und distanzierte Persönlichkeit dar. Es fällt nicht ganz leicht, in diesem Porträt die Frau wiederzuerkennen, die anspruchsvolle hochalpine Touren bewältigt oder die mit ihrem rasanten Fahrstil (sie fährt auch mal Bergrennen) dem neben ihr im Pic-Pic sitzenden Hodler das Fürchten beibringt. 

Doch wie wir sie und ihre Arbeitsbeziehung zu Hodler kennen, war Gertrud Dübi-Müller an dieser bildlichen Inszenierung ihrer selbst zweifellos bewusst und aktiv beteiligt. Sie sieht sich offensichtlich nicht nur als Sportlerin, Alpinistin, Autofahrerin, Weltreisende, sondern durchaus auch als grossbürgerliche Dame – kurz: als moderne Frau, die ihre Rollen und Aktivitäten selber wählt.

Auch wenn in der Basler Ausstellung selbstverständlich die Kunstsammlerin und -mäzenin Gertrud Dübi-Müller im Mittelpunkt steht, kommen dennoch die vielfältigen Facetten dieser Persönlichkeit zur Geltung. Berührend sind die Gesten der Freundschaft in den zahlreichen Fotografien. Das schönste Beispiel: Hodler schlummert, den Hut auf dem Gesicht, auf einer Chaiselongue im Garten. Neben ihm Gertrud, die dem Ruhenden auf dem Akkordeon etwas vorspielt.

Kunstmuseum Basel, Neubau: 
Van Gogh, Hodler und ein Cabriolet
Die Sammlerin und Pionierin Gertrud Dübi-Müller
bis 7. Februar 2027
Kuratorin: Géraldine Meyer
Katalog bei Hirmer

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