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Krieg in Nahost

Die Huthi am Bab al-Mandeb

13. September 2026
Reinhard Schulze
Huthi
Die Huthi im Siegesrausch (Keystone/Al-Masirah TV via AP)

Anfang September 2026 schlossen die Huthi-Milizen (Ansarullah) einen Feldzug ab, der wenige Wochen zuvor noch undenkbar schien. Nach dem Fall des Hafens Mokka am 10. September eroberten sie in einem rund 18-stündigen Blitzangriff die Hanish-Inseln, die Insel Zuqar und die Küstenstadt Dhubab. Am 11. September schliesslich nahmen sie die Insel Perim (Mayyun) in der Meerenge Bab al-Mandeb ein.

Der Angriff traf genau den Moment, in dem die Aden-Regierung glaubte, die Huthi im Osten ihres Machtbereichs so unter Druck gesetzt zu haben, dass ein Zusammenbruch ihrer Herrschaft in Sanaa kurz bevorzustehen schien. Doch der Teilrückzug von Einheiten der Huthis aus den östlichen Ebenen erwies sich bald als taktischer Zug. Die Huthi-Kommandeure nutzten das Momentum und griffen im Westen in der Tihama an. Dort übten bislang etwa 10’000 Milizionäre der hochgerüsteten Streitkräfte von Tariq Muhammad Salih, dem Neffen des ehemaligen Diktators Ali Abdallah Salih, mit massiver saudischer Hilfe die Gebietsherrschaft aus. Nun kontrollieren die Huthi die gesamte jemenitische Rotmeerküste und beide Fahrrinnen der Meerenge, durch die rund 10 bis 12 Prozent des weltweiten Seehandels und der globalen Ölverschiffung laufen. Beobachter sprechen von einem strategischen Debakel seltener Grössenordnung für die Anti-Huthi-Kräfte der Regierung in Aden. Die Miliz sitzt nun nicht mehr nur an den Zufahrten zum Nadelöhr, sondern kontrolliert es selbst.

Kriegseskalation

Der seit 2022 nur notdürftig eingefrorene Konflikt ist jetzt voll ausgebrochen. UN-Sondergesandter Hans Grundberg warnte den Sicherheitsrat nach der Einnahme Mokkas vor einer «neuen und gefährlicheren Phase» des Krieges. Das Risiko eines Grosskonflikts sei so hoch wie seit 2022 nicht mehr.

Die von den VAE unterstützten und gut ausgerüsteten Kräfte unter Tariq Muhammad Salih und den verbündeten «Riesenbrigaden» verloren ihre Hochburgen an der Tihama-Küste trotz ihres Ausrüstungsvorteils binnen kürzester Zeit. Dies macht deutlich, wie wenig koordiniert die international anerkannte Regierung in Aden, die südjemenitischen Separatisten und die von den VAE finanzierten Küstenmilizen vorgehen. Rechtfertigungsdruck und gegenseitige Schuldzuweisungen werden diese Fragmentierung nach der Niederlage eher vertiefen.

Die kurzzeitige Blockade des Konvois des Verteidigungsministers der Aden-Regierung, Tahir Al-Aqili, durch separatistische Gruppen zeigt, wie brüchig der Zusammenhalt im Süden bereits ist. Eine Demütigung wie der Verlust der gesamten Rotmeerküste dürfte die Spannungen zwischen Separatisten, Regierung und den Saudi- beziehungsweise VAE-nahen Fraktionen weiter anheizen. Der Konflikt könnte sich dann nicht nur gegen die Huthi, sondern auch innerhalb des eigenen Lagers entladen.

Vor der Offensive kontrollierten die Huthi rund ein Drittel des jemenitischen Staatsgebiets, im Wesentlichen das dicht besiedelte Hochland Nordjemens. Die neu eroberte Küstenlinie von der Tihama bis Mokka samt vorgelagerter Inseln ist territorial offener, dünner besiedelt und logistisch anspruchsvoller. Sie muss dauerhaft gegen See- und Luftangriffe sowie mögliche Gegenoffensiven gesichert werden. Ob die Miliz dazu in der Lage ist oder sich militärisch übernimmt, ist offen. Rasche Raumgewinne führen in Bürgerkriegen nicht automatisch zu stabiler Kontrolle, zumal die Regierungstruppen im Osten selbst Boden gewinnen.

Zweite Front im Iran-Krieg

Die Offensive fällt zeitlich und strategisch mit dem laufenden Iran-Krieg zusammen. Huthi-Kräfte operieren Berichten zufolge unter Anleitung des iranischen Korps der Revolutionsgarden (IRGC) und setzen ballistische Raketen gegen saudische Städte, Ölanlagen und Flughäfen ein. Ein Berater des iranischen Religionsführers feierte den Vormarsch als «vollen Sieg». Teheran verbucht den Erfolg seines jemenitischen Verbündeten offenkundig als eigenen strategischen Gewinn. Beobachter und Geheimdienste sehen darin den Versuch, über die Huthi eine zweite Front zu eröffnen, während die Strasse von Hormus durch den Iran-Krieg selbst schon weitgehend blockiert ist.

Von Iran gesteuert?

Die New York Times bezeichnete das Rote Meer bereits als neues Faustpfand Irans gegenüber Washington: Die Huthi könnten die Meerenge zusätzlich zu Hormus stören und Iran damit zu Zugeständnissen der USA verhelfen. Dass die Huthi im Sommer mit Teheran über eine «Sicherheitsabgabe» für die Durchfahrt sprachen, deutet darauf hin, dass die Offensive auch als wirtschaftlicher Hebel gedacht war. Ob Teheran die Huthi gesteuert hat oder lediglich eine von ihnen selbst gewählte, günstige Gelegenheit nutzt, lässt sich von aussen nicht klären. Anders als die Hizbullah erkennen die Huthi keine formelle Unterordnung unter den iranischen Obersten Führer an und verfolgen phasenweise eigene Interessen.

Der militärische Erfolg stützt sich auf ein über Jahre gewachsenes Schmuggelnetzwerk. Iranische Waffenlieferungen, darunter Marschflugkörper und Drohnenkomponenten, werden in Einzelteile zerlegt und über See- und Landrouten transportiert. Jemenitische Sicherheitskräfte haben laut Berichten bereits ein Dutzend solcher Lieferungen abgefangen. Wichtiger werden nun Routen über den Sudan, Somalia und Eritrea. Ein wichtiger Hafen ist dabei Port Sudan, der von den sudanesischen Streitkräften gehalten wird. Dort helfen Huthi-Kader offenbar auch beim Aufbau einer lokalen Drohnenproduktion. Durch diese Diversifizierung weg von der direkten Route ab Bandar Abbas wird die Miliz robuster gegen einzelne Abfangerfolge. Gleichzeitig rückt die afrikanische Gegenküste – Dschibuti, Somalia und Sudan – als eigenständiges sicherheitspolitisches Interessengebiet für Huthi und Iran in den Blick. Das israelische Bündnis mit dem international nicht anerkannten Somaliland zeigt, welche Bedeutung die Kriegsgegner dem Horn von Afrika beimessen.

Saudi-Arabiens grösste Krise seit 9/11

Riads Lage ist in mehrfacher Hinsicht prekär. Huthi- und iranische Kräfte greifen die verwundbare Ölinfrastruktur des Landes direkt mit Drohnen und Raketen an. Das im Juli verhängte Seeembargo gegen die Huthis liess die saudischen Rohölverschiffungen über die Rotmeerroute bereits um rund ein Drittel einbrechen. Mit dem Verlust der südlichen jemenitischen Rotmeerküste wird nun auch die Ausweichroute über den Hafen Yanbu zur Gefahrenzone. Seit der weitgehenden Schliessung der Strasse von Hormus ist Yanbu die wichtigste Exportader des Königreichs.

Hinzu kommen strukturelle politische Probleme. Washington hat unter Trump erbetene Luftschläge gegen die Huthi abgelehnt und keine Artikel-5-ähnliche Beistandszusage gemacht, wie sie etwa Japan oder Südkorea geniessen. Seit der ausbleibenden US-Reaktion auf den Huthi-Angriff auf saudische Ölanlagen im Jahr 2019 bestehen Zweifel an der amerikanischen Schutzmacht.

Als Antwort schloss Saudi-Arabien am 7. August 2026 mit Pakistan und der Türkei den Mekka-Verteidigungspakt samt Beistandsklausel. Dieser verschafft Riad potenziellen Zugang zu Pakistans nuklearer Abschreckung, verschärft jedoch die Rivalität mit den enger an die USA und Israel angebundenen Emiraten. Diese Konkurrenz schlägt sich im Jemen unmittelbar nieder, wo VAE-nahe und Saudi-nahe Milizen kaum koordiniert und teilweise sogar gegeneinander agieren. Gegenüber der akuten Bedrohung ist der Pakt bislang wirkungslos geblieben.

Dazu kommt das militärische Versagen der Verbündeten. So verloren die gut ausgerüsteten VAE-nahen Milizen ihre Stellungen an der Tihama-Küste binnen Stunden. Die saudische Aufrüstung der letzten Jahrzehnte konzentrierte sich fast ausschliesslich auf die Luftwaffe und die Luftverteidigung; die Landstreitkräfte wurden vernachlässigt. Dieses Missverhältnis rächt sich nun im Bodenkrieg um die Küste: Riad fehlen schlagkräftige eigene Bodentruppen, um verlorenes Terrain zurückzuerobern. Weder der Mekka-Pakt noch die UN-Vermittlung haben die Huthi oder Iran bislang zu einer Kurskorrektur bewegt.

Insgesamt droht Saudi-Arabien somit ein Doppelkonflikt aus Iran-Krieg und Rotmeer-Front. Historisch vergleichbar ist dies am ehesten mit der Krise nach dem 11. September 2001, als nur eine entschiedene aussenpolitische Neuausrichtung einen inneren Legitimationskollaps des Königshauses verhinderte. Verschärft sich die Mehrfrontenlage weiter, könnten die alten Widersprüche zwischen religiösem Führungsanspruch, US-Abhängigkeit und eigener Verwundbarkeit erneut aufbrechen. Vorerst reagiert Riad mit eigenen Luftangriffen auf Huthi-Stellungen, jedoch ohne eine erkennbare Strategie zur Rückgewinnung der Küstenkontrolle und mit dem Risiko einer weiteren Eskalation.

Israelisches Abwarten

Israel ist durch die direkten Fronten des Iran-Kriegs gebunden und operiert im jemenitischen Küstenkonflikt nicht selbst. Es beobachtet die Lage am Bab al-Mandeb jedoch in höchster Alarmbereitschaft, da die Meerenge zugleich Zufahrt zum Golf von Akaba und somit für den israelischen Seehandel von Bedeutung ist. Dschibuti, Eritrea und Somalia auf der afrikanischen Seite der Meerenge sind von einer dauerhaften Militarisierung ebenso betroffen wie Ägypten, das Einnahmen aus dem Suezkanal-Verkehr erzielt.

Teheran im Glück

Das offizielle Teheran bleibt zurückhaltend. Das Aussenministerium erklärte über die Staatsagentur IRNA, die Souveränität Jemens müsse respektiert werden und die Probleme des Landes liessen sich nicht durch Blockaden oder Militärbündnisse lösen. Ganz anders der Ton systemnaher Funktionäre: Khamenei-Berater Mohammad Mokhber gratulierte den Huthi zu ihrem «durchschlagenden Sieg», Vizepräsident Mohammad Reza Aref feierte auf X die Siege des «heldenhaften Volkes des Jemen» und Medienberichten zufolge unterstützen Dutzende IRGC-Berater die Huthi-Operationen vor Ort. Dieses zweigleisige Vorgehen erlaubt es Teheran, einen strategischen Gewinn zu verbuchen, ohne selbst formell Kriegspartei zu werden.

Der Kontrast zur Innenpolitik ist auffällig. Präsident Pezeshkian hatte kurz zuvor eingeräumt, dass sich das Land in einem umfassenden Krieg auf wirtschaftlicher, militärischer und sicherheitspolitischer Ebene befinde. Dies geschehe unter dem Druck neuer US-Sanktionen, die der Finanzminister Washingtons als wirtschaftlichen «D-Day» angekündigt hatte. Zugleich warnte er, jedes Land, das sich an den wirtschaftlichen Beschränkungen beteilige, werde als Feind betrachtet und müsse mit «seismischen» Vergeltungsmassnahmen rechnen. Der Huthi-Erfolg kommt Teheran also gelegen. Er liefert eine externe Erfolgsgeschichte für die Innenpolitik. Pezeshkians Formulierung, man solle «der Welt sagen, dass wir gewonnen haben und den Krieg beenden» deutet zugleich auf die Suche nach einem Ausstieg aus dem direkten Krieg mit den USA hin, der es dem Regime erlauben soll, das Gesicht zu wahren.

Ob die Revolutionsgarden diese Konstellation für eine Flucht nach vorn mit einer neuen, direkteren Offensive nutzen, ist offen. Plausibel ist sowohl ein Ausbau des Stellvertreterdrucks, um die eigene, wirtschaftlich angeschlagene Frontlinie zu schonen, als auch die Nutzung des Jemen-Erfolgs als Verhandlungshebel für eine gesichtswahrende Deeskalation mit Washington. Beide Lesarten sind mit den bekannten Fakten vereinbar.

Doppelte Blockade der Ölrouten

Mit der vollständigen Huthi-Kontrolle über Bab al-Mandeb sind nun beide zentralen Nadelöhre für nahöstliches Öl beeinträchtigt: Hormus durch den Iran-Krieg und Bab al-Mandeb durch die Huthi. Der Brent-Preis stieg im Zuge der Offensive auf über 105 bis 106 Dollar je Barrel.

Die Huthi selbst versuchten, internationale Sorgen zu zerstreuen. Ein Mitglied des Politbüros erklärte, es bestehe «kein Anlass zur internationalen Besorgnis», da von jemenitischer Seite keine Gefahr für die Schifffahrt ausgehe. Kurz darauf präzisierte Militärsprecher Yahya Sari jedoch, dass die Route für alle Reedereien sicher sei ausser für saudische Schiffe, denen die Passage weiterhin verboten bleibe. Diese Aussage dürfte die Branche kaum beruhigen. Analysten weisen darauf hin, dass die Huthi die Meerenge gar nicht formell sperren müssen. Es reicht, wenn sie das Risiko für Reeder, Kapitäne und Versicherer so weit erhöhen, dass die Route gemieden wird. In der Vergangenheit hat die Miliz wiederholt auch nicht-saudische Schiffe angegriffen, gekapert oder versenkt. Zudem erlauben ihre neuen Stellungen gezieltere Angriffe. Ein grosser Teil der internationalen Reedereien wird die Rotmeerroute deshalb wohl weiterhin meiden oder nur mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen befahren lassen.

Reeder und Versicherer werden vermutlich mit höheren Kriegsrisikoprämien, weiteren Umleitungen um das Kap der Guten Hoffnung und steigenden Frachtraten reagieren. Dieses Muster ist aus den Jahren 2023/24 bekannt, erreicht durch die direkte Kontrolle des Nadelöhrs nun aber eine neue Qualität.

Der Sicherheitsrat hat die Huthi-Angriffe auf Saudi-Arabien und die Handelsschifffahrt wiederholt verurteilt, zuletzt im August 2026, ohne jedoch durchsetzbare Konsequenzen einzuleiten. Enthaltungen Russlands und Chinas bei früheren Resolutionen begrenzen den Handlungsspielraum zusätzlich. Die faktische Kontrolle der Meerenge erhöht den diplomatischen Druck auf eine Verhandlungslösung, ohne dass sich kurzfristig eine wirksame internationale Antwort abzeichnet.

Die kalkulierte Zurückhaltung der USA

Washington unterstützt Saudi-Arabien geheimdienstlich und berät das Land militärisch, lehnt aber eigene Luftschläge gegen die Huthi ab – anders als in früheren Phasen der Angriffe auf die internationale Schifffahrt. Das passt zu Trumps Linie, ein weiteres Engagement in «Forever Wars» zu vermeiden, solange keine US-Interessen oder -Truppen direkt betroffen sind, und die Hauptlast regionalen Partnern zu überlassen. Die neue Lage stellt diese Zurückhaltung jedoch auf die Probe: Eine dauerhafte Kontrolle der Meerenge durch einen von Iran unterstützten Akteur direkt neben dem blockierten Hormus schwächt die globale Energieversorgungssicherheit strukturell und erhöht den politischen Druck auf Washington.

Mit der faktischen Kontrolle über ein zweites Nadelöhr der globalen Energieversorgung verschafft sich Iran einen zusätzlichen Hebel für künftige Verhandlungen über ein Ende des Krieges. Das dürfte eine Deeskalation eher erschweren als erleichtern, solange Teheran an zwei Fronten gleichzeitig Druckmittel in der Hand hält.

Wie weiter?

Der Huthi-Vormarsch markiert einen doppelten Bruch. Lokal beendet er die fragile Nachkriegsordnung des Jemen und öffnet die Tür zu einem neuen, umfassenderen Bürgerkrieg mit ungewissem Ausgang für die zersplitterte Anti-Huthi-Koalition. Auf regionaler Ebene vertieft er die Verflechtung mit dem Iran-Krieg und setzt Saudi-Arabien einem Mehrfrontendruck aus, dem das Land weder militärisch noch diplomatisch wirksam begegnen kann. International verschärft er, parallel zur Blockade der Strasse von Hormus, die Verwundbarkeit der globalen Energie- und Handelsrouten und stellt die amerikanische Zurückhaltungsstrategie auf die Probe. Ob sich daraus eine dauerhafte Neuordnung der Machtverhältnisse am südlichen Roten Meer ergibt oder ob Gegenoffensiven, internationaler Druck und eine Verhandlungslösung im Iran-Krieg die Lage wieder verändern werden, wird sich wohl in den kommenden Wochen entscheiden.

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