Der Blick auf den Hallwilersee, das Fliessen des Wassers, die Reflexe des Sonnenlichtes auf der sich stets bewegenden Wasserfläche prägten das Schaffen des Künstlers Hugo Suter (1943-2013). Einen wichtigen Teil des Œuvre Suters macht die Druckgrafik aus, welche die Ausstellung der Graphischen Sammlung der ETH erschliesst.
Von 1972 bis zu seinem Tod im Jahr 2013 lebte und arbeitete Hugo Suter, der eine Lehre als Tiefdruckretoucheur absolvierte und sich zum Zeichenlehrer ausbilden liess, am Hallwilersee oder in seiner Nähe – in Seon, Beinwil und Birrwil. Er hatte die bewegte, spiegelnde Wasserfläche und das sich im Jahres- und Tageslauf und mit der wechselnden Witterung stets verändernde Licht auf dem See während Jahrzehnten vor Augen. Dieses Seherlebnis prägte den Künstler, der von 1968 bis zu ihrer Auflösung 1974 zur legendären Ziegelrain-Ateliergemeinschaft in Aarau (mit Heiner Kielholz, Max Matter, Josef Herzog, Christian Rothacher und Markus Müller) gehörte und zeitweise auch unterrichtete (an der Bezirksschule in Buchs im Kanton Aargau und, versehen mit einem Lehrauftrag für Figürliches Zeichnen, an der ETH Zürich).
Das zu Bildern gewordene Seherlebnis am See betraf nicht nur den ständigen, teils fliessend ruhigen, teils stürmischen Wechsel der Lichtverhältnisse, sondern auch die (hierarchiefreie) Überlagerungen der Bilder, zu denen der Blick des Künstlers in die transparenten Tiefen des Wassers führte. Diese Überlagerungen oder Schichtungen der Bilder wurden aber gleich wieder durch die ständig fliessenden Bewegungen des nie ruhigen Wassers und durch das Einfallen des Sonnenlichtes auf die Wasseroberfläche gestört oder infrage gestellt. Möglich, dass sich für Hugo Suter in dieser komplexen Wahrnehmungs- und Bewusstseinserfahrung eine Verbindung zu Jean Gebsers philosophisch-psychologischem Konzept der Überlagerung verschiedener Bewusstseins-Schichtungen ergab.
Man könnte Hugo Suter tatsächlich den «Künstler-Philosophen» unter den Ziegelrain-Künstlern nennen, auch wenn seine Arbeiten mehr sind als bloss Illustrationen von Gebsers Philosophie.
Jean Gebser (1905-1973) war ein freischaffender Philosoph ohne klassische akademische Ausbildung und Laufbahn sowie Schriftsteller und Übersetzer, der im Kanton Bern lebte und mit dem Hugo Suter bekannt war. Gebser befasste sich vor allem mit verschiedenen Ebenen des Bewusstseins, ihren Überlagerungen und ihren Durchlässigkeiten und Interferenzen. Das machte den Autodidakten Gebser, in dessen Theorie der Bewussteinsschichtungen Diskontinuität eine wichtige Rolle spielte, für Hugo Suter interessant. (Hugo Suter äusserte sich in Tagebuchnotizen und 2003 in einem Gespräch mit Hans Ulrich Obrist ausführlich zu dieser Beziehung.) Gebsers Hauptwerk «Ursprung und Gegenwart» erschien in zwei Bänden 1949 bis 1952. Gebsers engster Freund, der Historiker, Publizist und ETH-Professor Jean-Rodolphe von Salis, versuchte vergeblich, für den akademisch «heimatlosen» – und nomadisierenden? – Philosophen einen Universitätslehrstuhl zu schaffen.
Das Seherlebnis Hugo Suters am See ist eine Art konsequent verfolgter Lebenskonstante, eine mit harter Disziplin betriebene Schule der Wahrnehmung und ein Denken in sich stets verändernden und fliessenden Bildern. Dieses Seherlebnis führte den Künstler zu mannigfaltigen Beschäftigungen und Arbeiten in verschiedenen Medien wie Zeichnung, Fotografie, Skulptur (hier auch Kunst-am-Bau-Projekte). Wichtig wurde für ihn auch – in vielen Tagebuchnotizen – die Beschäftigung mit der Sprache, vor allem aber die Druckgrafik, um die es in der Ausstellung in der Graphischen Sammlung der ETH Zürich mit dem schönen Titel «Fliessen und Spriessen» vor allem geht. Suter erweist sich in der Anwendung aller gängigen Techniken der Bildreproduktion (Holzschnitt, Radierung, Aquatinta, Fotografie in all ihren Spielarten) und Bildbearbeitung als wahrer Tüftler und als mit allen sich anbietenden technischen Möglichkeiten virtuos spielender Alchemist. Für viele Arbeiten wählte er heute kaum mehr praktizierte Techniken, insbesondere die Hyalografie.
Die Hyalografie, von altgriechisch «hyalos» (Glas) und «graphein» (schreiben/zeichnen), ist ein Druckverfahren, bei dem eine Zeichnung in eine Glasplatte eingeritzt und mit Säure eingeätzt wird. Die Glasplatte wird mit einem säurebeständigen Grund überzogen. Darin wird die Zeichnung mit einer Radiernadel so tief eingekratzt, dass das Glas an diesen Stellen frei liegt. Ätzung: Durch die Einwirkung von Flusssäure vertiefen sich die Linien im Glas. Die so präparierte Glasplatte dient als Tiefdruckplatte, von der Abzüge auf Papier gemacht werden. Die Hyalografie wird auch Glasradierung genannt.
Dass Hugo Suter gerade zu dieser umständlichen und selten angewandten Technik griff, hängt mit der Vorliebe zusammen, die er häufig – weit über die Druckgrafik hinaus – dem Material Glas angedeihen liess, das einerseits, als Fenster, Trennung zwischen Innen und Aussen, andererseits aber auch, weil es den Durchblick ermöglicht, Verbindung von Innen und Aussen markiert. Davon zeugen manche seiner Kunst-am-Bau-Arbeiten, in denen das durch Sandstrahlen teilweise opak gemachte Glas als Bildträger eine wichtige Rolle spielt. Bester Beleg dafür ist der grosse, über viele Jahre entstandene Paravent aus 65 Teilen. Jeder Teil besteht aus in Art eines mehrteiligen Fensters gerahmtem Glas (Aargauer Kunsthaus in Aarau). Der vielteilige Paravent lässt sich auf fast unendliche viele verschiedene Möglichkeiten falten, sodass sich spontan immer wieder andere Durchblicke und Überlagerungen der sandgestrahlten Bilder ergeben. Auch in seiner Druckgrafik überlagern sich Bilder oder visuelle Eindrücke – ob der Künstler das tanzende Sonnenlicht auf der Wasserfläche schildert, ob er den fotografischen Blick durch ein mit sandgestrahlten Abbildungen von Strömungsstreifen auf dem Wasser versehenes Atelierfenster festhält, oder ob er in einer seiner Hyalografien vergrösserte Aufnahmen von aus dem Hallwilersee-Wasser gewonnenem Plankton zu einer scheinbar abstrakten Komposition werden lässt.
In der Ausstellung beleuchtet eine Aquatinta Hugo Suters komplexe und mehrfach deutbare Beziehungen zur Geschichte der Kunst. Das grosse Blatt trägt den Titel «Caspar Wolf zeichnet». Es paraphrasiert das Bild «Westeingang der Beatushöhle mit Efeubaum» von 1776 von Caspar Wolf (1735-1783) aus der Sammlung des Aargauer Kunsthauses. Suters Aquatinta zeigt unten links, wie auf Wolfs Bild, einen winzigen zeichnenden Mann in der mächtigen gewölbten Höhle – unverkennbar den die Geologie der Höhle mit wissenschaftlicher Genauigkeit erfassenden Wolf selber.
Riesengross und beinahe formatfüllend erscheint auf Suters Aquatinta als Bild über dem Bild die verdoppelte Ansicht eines zeichnenden Mannes – es könnte Hugo Suter selber sein – , der sich als Künstler mit der Höhle, mit der Vegetation an ihrem Eingang und mit dem Maler-Pionier Wolf beschäftigt: Hugo Suter, der ein aufklärerisches und bereits frühromantisches Naturerleben in seine Gegenwart holt?
Die Ausstellung «Hugo Suter. Fliessen und Spriessen» in der Graphischen Sammlung der ETH Zürich (Hauptgebäude, Rämistrasse 101) dauert bis zum 8. November. Sie wurde kuratiert von Alexandra Barcal und Tim Oechslin. Die Publikation dazu mit dem Titel «Bilder, die die Seiten wechseln» erschien im Verlag Jungle Books, St. Gallen, mit Texten von Alexandra Barcal, Anne Bendel, Stephan Kunz, Tim Oechslin, Anouchka Panchard, Tyrone Schorrer und Beat Wismer und kostet 38 Franken.
Die Graphische Sammlung ETH Zürich wurde 1867 als klassische Studien- und Lehrsammlung gegründet. Seither hat sie sich zu einer Institution entwickelt, die internationales Renommee geniesst und die Vermittlung und das Verständnis für Kunst auf Papier aktiv fördert. Rund 160‘000 hochkarätige Werke auf Papier vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart machen sie überdies zu einer der grössten Graphischen Sammlungen der Schweiz. Sie wird geleitet von Linda Schädler, der ein Team von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zur Seite steht. Die Sammlung gibt in Ausstellungen regelmässig Einblick in ihre Bestände, die sie auch wissenschaftlich aufarbeitet.