Sara Netanjahu, Gattin des israelischen Premiers, hat in einem Fernsehinterview einen früheren Armeegeneral und politischen Rivalen ihres Mannes beschuldigt, zum Voraus vom Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 gewusst zu haben. Die Behauptung ist Teil eines transparenten Wahlkampfmanövers, Benjamin Netanjahu vom Täter zum Opfer zu machen und die Verschwörungstheorie einer Beteiligung des «Deep State» an 10/07 zu befeuern.
Im Gespräch mit dem regierungsnahen Kanal 14 des israelischen Fernsehens am 31. August fragte Sara Netanjahu, wieso Yair Golan am 7. Oktober 2023 zur Grenze nach Gaza gefahren sei, während andere noch nicht gewusst hätten, was im Süden des Landes geschehen war. „Wenn einer ein so hochrangiger Offizier ist und behauptet, am 7. Oktober gekämpft zu haben, war der bereits früh am Morgen dort, bereits angezogen (d.h. in Uniform) und bereit“, sagte Israels First Lady: „Zu einer sehr, sehr frühen Stunde, als andere noch nichts davon wussten, wie zum Beispiel der Ministerpräsident.“
Yair Golan, Generalmajor der Reserve, war Augenzeugen und Medienberichten zufolge an jenem Morgen zum Schauplatz des Supernova-Musikfestivals gefahren, um nach der Attacke der Hamas Israelis zu retten, die sonst ohne Hilfe geblieben wären. Es gibt mehrere Zeugenaussagen Betroffener, die erzählen, der General habe ihnen mit seinen eigenen Händen geholfen. «Er ist ein mutiger und aufrechter Mann», sagt Israels Ex-Premier Ehud Barak über Yair Golan: «Es ist gut, dass er in der Politik ist und eine Schande, dass die Frau des Ministerpräsidenten ihn so behandelt.» Über Sara Netanjahu sagt Barak, sie brauche professionelle Betreuung und vielleicht Mitgefühl. (…) Ihr Mann ist verantwortlich dafür, dass sie in solche Sachen involviert ist.»
Zu spät geweckt
Benjamin Netanjahu selbst hat zuständigen Stellen vorgeworfen, ihn an jenem verhängnisvollen Oktobermorgen zu spät geweckt zu haben. Medienberichten zufolge dauerte es zwei Stunden, bis er von seinem Haus in Jerusalen zum Hauptquartier der Armee in Tel Aviv fuhr, nachdem er um 06:29 Uhr geweckt und darüber informiert worden war, dass Terroristen der Hamas Israel attackierten. Nach dem Aufwachen soll er aber auf der Fahrt an die Küste weder die Spitzen der Armee noch des Inlandgeheimdiensts Shin Bet kontaktiert haben.
Der Befehl des Premiers, die IDF zu mobilisieren, erfolgte erst um 09:55 Uhr. Wäre er, sagt Benjamin Netanjahu heute, bereits 03:00 Uhr geweckt worden, als sich führende Vertreter der Sicherheitsdienste aufgrund von Warnsignalen aus Gaza ein erstes Mal trafen, hätte er ganz anders reagiert. Er hätte sofort die Luftwaffe eingesetzt und die ganze Armee mobilisiert sowie niemandem erlaubt, sich dem Grenzzaun zu Israel zu nähern: Sie wären alle umgehend getötet worden.
Auf die direkte Frage des Interviewers, ob es am 7. Oktober einen Verrat gegeben habe, wie das Alliierte Netanjahus kurz nach dem Massaker zu behaupten begonnen hatte, mochte Israels 68-jährige First Lady nicht direkt antworten und flüchtete sich in Ausreden, dass sowieso alles vertuscht worden sei, dass alle ausser ihrem Mann die Verantwortung dafür trügen und dass im Gegenteil die politische Opposition zu verhindern versuche, dass die Wahrheit ans Licht komme, weil sie eine von der Regierung angekündigte Untersuchung des Vorfalls als «Schwindel» kritisierten.
Eine Dolchstosslegende
Die betreffende Verschwörungstheorie behauptet, Ex-Militärs wie Yair Golan und Vertreter der israelischen Armee sowie der Sicherheitsdienste hätten zusammen mit Pro-Demokratie Aktivisten zum Voraus vom geplanten Massaker der Hamas gewusst und es absichtlich nicht verhindert, um Benjamin Netanjahu zu stürzen. «So als hätten sich Hamas-Führer Jahja Sinwar und IDF-Chef Herzl Halvei über Whatsapp ausgetauscht und verhandelt, wie viele Israelis getötet oder als Geiseln genommen werden könnten», schreibt in «Haaretz»-Esther Solomon ironisch.
In Wirklichkeit, folgerte die Journalistin, erschrecke es sie aber, die israelische Theorie von einem Verrat am 7. Oktober mit der Dolchstosslegende Paul von Hindenburgs, des Präsidenten der Weimarer Republik, und später der Nazis zu vergleichen, die besagt, Deutschlande habe den 1. Weltkrieg nur wegen des «inneren Feindes», unter ihnen nicht zuletzt die Juden, verloren.
Divergierende Narrative
Die Verschwörungstheorie, so Esther Solomon, widerspiegle zum Teil auch eine Theorie, der Hamas-Apologeten im Westen anhängen würden: Dass Israel von der militärischen Aufrüstung der Hamas gewusst, sie aber bewusst ignoriert habe, um es am 7. Oktober zu einer Explosion kommen zu lassen: «Hier gehen die Narrative auseinander: Camp Hamas behauptet, Israel habe die Attacke der Hamas gewollt, um in Gaza gezielt einen Völkermord begehen zu können. Sara (Netanjahu) sagt, der Angriff der Hamas sei toleriert worden, um in Israel einen politischen Mord (den Sturz ihres Gatten) begehen zu können.» Israels Premier selbst hat, anders als Gattin Sara und Sohn Yair, öffentlich nie direkt von «Verrat», sondern nur von «gravierendem Versagen der Geheimdienste» gesprochen.
Diese Woche hat der linke Oppositionspolitiker Yair Golan eine Verleumdungsklage gegen Sara Netanjahu eingereicht. Die Verschwörungstheorien bezüglich des Massakers der Hamas seien «nicht von selbst entstanden», stellt die Klageschrift fest, «sondern aus dem böswilligen Geist jener, die versuchten, die Verantwortung für die furchtbare Katastrophe von sich zu weisen». Bei seiner Klage gehe es ihm nicht nur um seinen guten Ruf oder darum, wie er am 7. Oktober geholfen habe: «Es ist die Zivilklage eines politischen Lagers gegen eine Regierung, die alle Beherrschung verloren hat.»
«Illusorischer Wahrheitseffekt»
Yair Golan fordert von Sara Netanjahu Schadenersatz in der Höhe von 2,55 Millionen Schekel (691’000 Franken) und eine Widerrufserklärung. Er reichte die Klage erst ein, nachdem er vergeblich versucht hatte, Sara Netanjahu dazu zu bewegen, ihren Vorwurf zurückzuziehen und sich zu entschuldigen. Was sie aber nicht tun wollte – im Gegenteil, sie hat ihrerseits den Ex-Militär auf 1 Million Schekel (270’000 Franken) Genugtuung verklagt.
Beobachter sehen Sara Netanjahus Äusserungen als Puzzleteil einer Wahlkampfstrategie. Laut Dr. Almog Simchon, Assistenzprofessor für Psychologie an der Universität Negev, haben Verschwörungstheorien einen kumulativen Effekt, den Fachleute «illusorischen Wahrheitseffekt» nennen. Je häufiger Leute eine Botschaft wiederholten, so die Folgerung, desto vertrauter würden deren Empfänger mit ihrem Narrativ und als wahrscheinlicher stuften sie sie ein. Selbst unwahrscheinliche Behauptungen und Fake News würden sich plausibler anfühlen, wenn sie nur genügend oft wiederholt würden.
Mehr Verschwörungstheoretiker
Was dummerweis auch für Entgegnungen gelte: Wer Verschwörungstheorien widerspreche, müsse solche wiederholen und helfe so mit, sie zu verbreiten. Soziologische Untersuchungen zeigen, dass je häufiger rechte Wähler ihren Hass auf die Opposition ausdrücken, desto wahrscheinlicher es ist, dass sie einer abstrusen
Dolchstosslegende wie jener Sara Netanjahus glauben. Jedenfalls ist in Israel die Zahl jener, welche die Verschwörungstheorie vom Verrat am 7. Oktober glauben und die Regierungskoalition gewählt haben, seit November 2023 um 14 Prozent gestiegen.
So gesehen sind die Aussagen der First Lady nicht Ausdruck von Wahnsinn, sondern sie haben Methode: Sie haben in Israel ein nachhaltiges Echo ausgelöst und die Verstärkung der falschen Anschuldigungen kann wiederum Wählerinnen und Wähler aus dem politischen Lager ihres Mannes dazu motivieren, im Oktober den Ministerpräsidenten erst recht wiederzuwählen. Ob das auch für Wechselwähler gilt, ist eine andere Frage.
Netanjahus Opfermentalität
Kritikern zufolge ist Benjamin (Bibi) Netanjahus Reaktion auf Vorwürfe eines Versagens am 7. Oktober ein typisches Merkmal seiner politischen Tätigkeit: Seit Jahren weist er die Schuld regelmässig anderen Leuten zu. So hat er sich in einem Wahlkampfvideo als gemobbtes Kind dargestellt, das von Klassenkameraden belästigt wird, die Schilder tragen, auf denen «Nur nicht Bibi» steht.
Gemäss der Polit-Psychologin Neta Oren von der George Mason Universität ist die Opfermentalität ein wichtiges Instrument der Taktik des Premiers: «Während Jahren hat er sich als Repräsentant des kleinen Mannes gegen die Elite präsentiert. Populismus funktioniert zwar besonders gut seitens einer Opposition. Was aber passiert, wenn einer der am längsten amtierende Ministerpräsident in der Geschichte Israels ist?» Netanjahus Ausweg sei es, andere für sein Versagen verantwortlich zu machen, vor allem den «deep state», und sich als Opfer zu porträtieren, so wie Israelis Opfer der alten Elite seien.
Mizrachim gegen Aschkenasim
Fakt ist, dass viele Wählerinnen und Wähler von Netanjahus Partei, dem Likud, Mizrachim sind, d.h. aus Nordafrika und anderen Ländern des Nahen Ostens stammen und eher wirtschaftlich benachteiligten Schichten angehören. Sie sehen sich aufgrund ihrer Erfahrung als Gegenspieler der Aschkenasim, jener Juden, die aus Mittel- und Osteuropa nach Israel eingewandert sind und aus wohlhabenderen Schichten stammen.
«Populismus basiert auf zu Opfern erniedrigten Menschen», sagt der Politologe Dani File, Professor an der Ben Gurion Universität: «Sein (Netanjahus) Posieren als Opfer widerspiegelt den Umstand, dass viele Leute, die ihn unterstützen, ein kollektives Gedächtnis bewahrt haben, wonach sie vor allem durch das Ashkenazi Establishment an den Rand gedrängt und manchmal unterdrückt worden sind. Und sein Posieren spielt mit der kollektiven Erinnerung der Jüdinnen und Juden als Opfer.»
«Genozidale Leidenschaft»
Laut israelischen Beobachtern sind Sara Netanjahus Äusserungen zum 7. Oktober nicht nur unhaltbar, sondern unverantwortlich. Sie könnten, heisst es, Anti-Semitismus und Anti-Zionismus fördern - Phänomene, die auf Klischees, Vereinfachungen, falschen Anschuldigungen oder Verschwörungstheorien basieren und seit Israels Krieg in Gaza und der wachsenden Siedlergewalt im Westjordanland weltweit zunehmen. Vorwürfe des «Völkermords», so die Interpretation, könnten nun durch Behauptungen «des Vorsatzes eines mörderischen zionistischen Regimes» untermauert werden, das zum Voraus gewusst habe, was im Süden des Landes geschehen würde, um dann seiner «völkermörderischen Leidenschaft» frönen zu können. Sara Netanjahu könne so in den Augen von Anti-Semiten zu einer mutigen Whistleblowerin mutieren.
So werden sich denn die Wahlen vom 27. Oktober vor allem um die Bewältigung des 7. Oktober 2023 drehen. «»Dieser Umstand überrascht nicht wirklich», sagt die israelische Medien-Analystin Ayala Panievsky in London: «Es ist aber ein Problem, dass die Schrecken, die auf das Massaker folgten, in Israel nie Eingang in den öffentlichen Diskurs gefunden haben. Israelische Medien berichten nur über den 7. Oktober. So gibt es nur wenig Interesse für und spärliche Informationen aus Gaza und was dort geschieht, ist nicht Thema der Konversation vor dem Urnengang.»
Ein skrupelloses Herrscherpaar
«So viel ist seit dem 7. Oktober 2023 geschehen», hat Esther Solomon Anfang September in «Haaretz» rekapituliert: «Israel wird jedoch am Rande des Abgrunds am Schwanken bleiben, solange es sein Herrscherpaar nicht abwählt, das von eigenem Blut spricht, das vergossen worden ist, aber nicht vom Blut, das sie vergossen haben – von den Geiseln, die sie zum Tod verurteilt bis hin zu den Zivilisten in Gaza, die sie bombardiert haben, die sich in Opferrollen flüchten, Helden zu Verrätern stempeln, ihre Schuld dementieren, in autokratischem Anspruch schwelgen, nationale Interessen mit Eigennutz verwechseln und jede mögliche Form von Hass und Spaltung fördern.»
Quellen: Haaretz, The Times of Israel, The New York Times, The New Yorker, Wikipedia