Unsere Bauern warnen vor einem Milchüberschuss. Vor den Molkereien stauten sich im Januar 2026 die Milch-Tanklaster. Kurz: In der Schweiz wird zu viel Milch produziert.
Alle Jahre wieder, werden sich einige Leserinnen und Leser sagen. Stimmt! Tatsächlich schreibe ich jedes Jahr (letztmals im Juni 2025) zum Thema Schweizer Landwirtschaft, deren Marktferne und Fehlanreize, den nie erlahmenden Subventionsregen oder die bärenstarke (oder müsste man sagen «kuhstarke») Lobby im Bundeshaus.
Gesunder Milchmarkt?
Im Januar 2026 meinte Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch (BO Milch), in der NZZ: «In 25 Jahren habe ich so etwas noch nie erlebt.» Allerdings sind «Milchseen» bei uns nicht unbekannt, die jeweiligen Gründe liegen immer anderswo als bei den Bauern. Diesmal sind es laut Kohler reichhaltiges und hochwertiges Heu und Silofutter, «wie ich es nicht für möglich gehalten hätte». Indes: «Der Milchmarkt ist gesund.»
Über letztere Bemerkung kann man sich streiten. Bei der aktuellen Situation hätten die Bauern das Nachsehen. Doch bei jeder Überproduktion von Milch hört man diese Botschaft – nie sind die Bauern schuld. Das Gesetz bei Produktion und Nachfrage auf dem Markt lautet allerdings: Ist das Angebot zu gross, sinken die Preise, dann sinkt die produzierte Menge, bis irgendwann zu wenig produziert wird.
Der Verband richtet jetzt einen Aufruf an den Detailhandel – dieser soll den Anteil von Schweizer Produkten im Verkauf erhöhen. Man rät diesen Abnehmern zudem, ausländische Käsesorten und Joghurts durch schweizerische zu ersetzen. Jetzt fehlt eigentlich nur noch das Inserat in den Medien: Liebe Konsumentinnen und Konsumenten, ihr müsst endlich kapieren: Milch, Käse, Joghurt «aus der Schweiz» zu essen ist Bürgerpflicht.
Das System ist schuld
Über den fairen Preis für Milch streiten sich in der Schweiz Bauern, ihr Verband, Produzenten und Detailhandel seit Jahrzehnen. Letzter Stand: Da unsere Landwirte 2025 126 Millionen Kilogramm mehr Milch produzierten, als sie absetzen konnten, geriet der Preis unter Druck. Offizielle Begründung für diese problematische Situation – es herrschte zu schönes Wetter!
Ein Fachmann der Branche, Werner Locher, Sekretär der bäuerlichen Interessengemeinschaft für fairen Milchmarkt, kritisiert dagegen an der gegenwärtigen Situation: «Das System ist darauf ausgerichtet, die Produktion zu steigern. Der einzelne Landwirt hat keinen Grund, ein für den Gesamtmarkt sinnvolles Mengenmanagement zu betreiben» (Sonntagszeitung).
Das Problem liegt tiefer
Tatsächlich ist festzustellen, dass der Trend in der Landwirtschaft, was Kuhhaltung betrifft, voller Widersprüche steckt. Um billiger zu produzieren, lautet die Devise: immer grösser (grössere, zum Teil subventionierte Ställe und in der Folge mehr Kühe). Mathias Binswanger, bekannter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz, meint: «Die Landwirtschaftspolitik ist voller Widersprüche. Obiger Trend führt zu einer Landwirtschaft, in der unsere Kühe gar nicht mehr auf die Alp gehen, sondern mit Futtermitteln gefüttert werden» (Sonntagszeitung).
Sind jetzt der zuständige Bundesrat Guy Parmelin und sein Departement gefordert? Wie hat dieses 2025 reagiert, als die Landwirtschaft einen starken Umsatzeinbruch in der Weinbranche vermeldete: Bewilligung von zusätzlichen zehn Millionen Franken für die Absatzförderung von Wein. Trotz angespannter Finanzlage wurden vorgängig vom Parlament im gleichen Jahr bei den «ungebundenen Ausgaben» für die Landwirtschaft zusätzliche 1,2 Millionen Franken für das landwirtschaftliche Beratungswesen, eine Million Franken für das Forschungsinstitut für biologischen Landbau und 1,4 Millionen für den Herdenschutz bewilligt.
Der schweizerische Grenzschutz
Jetzt reklamiert der Bauer und SVP-Chef Marcel Dettling in den Medien, der fehlende Grenzschutz beim Käse trage wesentlich zur verschärften Krise bei (NZZ). Mit Verlaub: Sich im 21. Jahrhundert von Europa abzuriegeln ist keine zukunftsfähige und schon gar keine sinnvolle Lösung. Die EU, mit über 60 Prozent des Exportvolumens Hauptabnehmer unserer Industrieexporte und somit wichtige Einnahmequelle, zu brüskieren, passt zwar ins Leitbild der SVP, ist aber ideologische Kampfparole seit Blochers Zeiten – tatsächlich jedoch der wiederholt gescheiterte Versuch, rückwärtsblickend in die Zukunft schreiten zu wollen.
Die Schweiz und mit ihr der Bauernstand verdienen zukunftsfähigere Strategien und politische Ratgeber.