Das Post-Truth-Zeitalter hat mit dem Aufkommen neuer Mündlichkeit auf den Sozialen Plattformen zu tun. Diese stehen zur herkömmlichen Schriftkultur in einem Spannungsverhältnis, das schon die alten Griechen gekannt und auf den Begriff gebracht haben.
Wahrheit kommt in zwei Formen daher: mündlich und schriftlich. Welche überzeugt mehr? Die Frage führt direkt in das Athen Platons. In der ersten bekannten Demokratie der westlichen Welt musste man, um etwas durchzusetzen, andere davon überzeugen, dass ein bestimmtes Vorgehen das Beste für die Gemeinschaft war. Die Redekunst stand in hohem Ansehen. Aber sie offenbarte schon damals ihre Kehrseite, die manipulative Potenz – vor allem in Krisenzeiten. Athen kämpfte gegen Sparta, und der Peloponnesische Krieg (431–404 v. Chr.) erschütterte die politische Ordnung. Platon sah darin mehr als einen politischen Machtkonflikt: einen philosophischen Kampf um die Wahrheit.
Wahr ist, was der Fall ist
Zweieinhalb Jahrtausende später erscheint dieser Kampf in unserer sogenannten postfaktischen Welt erstaunlich aktuell. Und er bringt zwei antike Versionen von Meisterschaft der Rede auf die Bühne: die der Rhapsoden und der Sophisten.
Zunächst: Mit der Bezeichnung «postfaktisch» verbinden wir den Gegensatz zu einer Wahrheitsauffassung, wie sie Platons Schüler Aristoteles klassisch formulierte: Eine Aussage ist wahr, wenn sie den Tatsachen entspricht. Auf dem Mars gibt es Wasser. Das ist ein Faktum. Und die Aussage «Auf dem Mars gibt es Wasser» ist wahr, weil sie sagt, was der Fall ist.
Es ist zum Usus geworden, den Begriff des Postfaktischen als Keule gegen all jene zu schwingen, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen: Konfabulierer, Alternativfaktenbastler, Bullshitter. Doch der Begriff des Postfaktischen stellt nicht bloss die Frage nach der Wahrheit, sondern der Sprache selbst. Es gibt das gesprochene und das geschriebene Wort. Mit der Mündlichkeit verbindet sich ein anderes Verhältnis zur Wahrheit. Es führt in die Welt der Rede und Erzählung, die Welt der Rhapsoden.
Mündliche Kultur der Rhapsoden
Allem Erzählen wohnt ein Zauber inne. Im mündlichen Medium wird das Erzählte lebendig. Es hat eher evokativen als bloss beschreibenden Charakter. Es schliesst mit dem Zuhörer einen magischen Pakt.
Genau das taten die Rhapsoden. Sie waren professionelle Rezitatoren, die ihr Publikum mit der Kunst des Vortrags einzunehmen suchten. In einer Kultur, die wesentlich auf mündlicher Überlieferung beruhte, erfüllten sie eine wichtige Funktion. Sie hielten gemeinsames Wissen und kulturelle Erinnerung lebendig. Dabei kam es nicht nur darauf an, was sie erzählten, sondern wie sie es erzählten: in rezitierbaren rhythmischen Mustern und in Gestalten, deren Tugenden und Laster das Publikum wiedererkennen konnte – Achilles, Odysseus, Hektor und das ganze mythologische Heldenpersonal.
Antilogik der Sophisten
Rhapsoden evozieren eine Welt. Sophisten lassen eine Position als wahr erscheinen. Auch sie traten vor allem mündlich auf, als oft geschäftstüchtige Wanderlehrer in der Kunst der Rede. Ihre rhetorische Kultur prägte die politische Öffentlichkeit, gerade in der krisenhaften Atmosphäre des Krieges gegen Sparta.
Ein typisch sophistisches Manöver besteht in der sogenannten Antilogik: Zu jeder Position lässt sich eine Gegenposition entwickeln. Eine Wahrheit kann – wie ein Handschuh – umgestülpt werden, sodass sie als falsch erscheint.
Angenommen, der Bevölkerung eines Landes geht es wirtschaftlich besser als vor zwanzig Jahren. Die ökonomische Faktenlage bestätigt das. Und trotzdem herrscht eine gedrückte Stimmung unter den Bürgern. Das kann ein Politiker mit sophistischer Begabung ausschlachten. Er baut sich ein Argumentarium, das den Wählern im Wesentlichen suggeriert: Die Ökonomen sagen uns, dass es uns gut geht – hört nicht auf sie, «in Wahrheit» geht alles den Bach runter.
Das Wahre als das Verborgene
Hier geschieht etwas Entscheidendes. Es geht nicht mehr primär um den Gegensatz von «wahr» und «falsch», sondern von «wahr» und «verborgen». Dieser Gegensatz ist mehr als bloss eine Taktik der Verwirrung. Er verfolgt eine andere Dramaturgie der Wahrheit. Wahrheit erscheint als Enthüllung. Sie bringt ans Licht, was angeblich verborgen liegt.
Dieser Gegensatz lässt sich trefflich politisch instrumentalisieren. Man präsentiert die sichtbare politische Absicht des Gegners als blosse Fassade und enthüllt dahinter verborgene Machenschaften – etwa die des «tiefen Staates». Oder man legt die «wahren» Probleme frei – sie liegen in der unkontrollierten Immigration, in den globalen Eliten, in den Lügenmedien. Entscheidend ist nicht, ob diese Deutung sachlich zutrifft. Die rhetorische Kraft liegt in der entbergenden Geste: Die Fakten sagen X; aber «in Wahrheit» steckt dahinter Y.
Gefühlte Wahrheit
Die Enthüllung soll aber nicht nur überzeugen. Sie soll sich auch unmittelbar wahr anfühlen. Wahrheit hat einen emotionalen, viszeralen, ans Bauchgefühl appellierenden Charakter.
Im mündlichen Medium ist Sprache physisches Ereignis. Wörter erreichen uns über Klang und Metrum, nicht als Symbole auf Papier. Sie «packen» uns, sie «stecken an». «Wendet euer Ohr zu den Worten meines Mundes», fordert Psalm 78. Der Redner, der spontan zu seinen Zuhörern spricht, erweckt den Eindruck des Authentischen, des «Wahrhaftigen». Die Schrift löst das Wort gewissermassen aus der physischen Situation des Sprechens. Wer am Skript klebt, erscheint «unwahr». Aber als Stimme überzeugt die Wahrheit das «zoon politikon» das politische Lebewesen, das der Mensch gemäss Aristoteles ist.
Sophisten waren keine Faktenleugner. Für sie lautete die entscheidende Frage vielmehr, was sich mit Fakten rhetorisch erreichen lässt. Entscheidend war, wer im Kampf der Argumente und Worte siegte. Man kann in Sophisten so etwas wie Wort-Schwinger sehen. Für sie kam es darauf an, wer zuletzt im Sägemehl liegt. Das Schweigen des Gegners ist seine Niederlage. Allein, Schweigen bedeutet nicht, dass man Unrecht hat. Und im postfaktischen Klima liegt die Crux darin, dass jemand Unrecht hat und trotzdem weiterquasselt.
Plattform-Mündlichkeit
Rhapsoden und Sophisten hat es immer gegeben. Ihr Auftritt in neuer Gestalt dürfte damit zusammenhängen, dass die digitalen Technologien mit ihren Plattformen ein neues Mediotop geschaffen haben, das die Mündlichkeit begünstigt. Auf den Plattformen kann man sich direkt über Video an seine Zuhörer richten – «Plattform-Oralität». Die Algorithmen verwandeln das Schreibzeug in Sprechzeug, das Lesen ins Hören. Wer sich in dieser neuen «Agora» rhapsodisch und sophistisch zu bewegen weiss, kann sich wie ein Fisch im Wasser fühlen.
Mit der Mündlichkeit verändert sich auch die Bedingung dafür, was als wahr erscheint. Ein zeitgemässer Typus des Rhapsoden ist der Influencer. Auch er erzählt. Heute sind Instagram und TikTok seine Medien. Er füttert seine Follower mit Geschichten, in denen sie sich wiederfinden können. Doch anders als der antike Rhapsode bewahrt der moderne keine überlieferte Kultur. Vielmehr evoziert er, wasbegehrenswert erscheint. Er sagt: Europa liegt nur eine Schwimmstrecke weit von Afrika entfernt. Und schon stürzen sich Zehntausende ins Meerwasser.
Ein postschriftliches Zeitalter?
Platon stand an der Schwelle von der mündlichen zur schriftlichen Kultur. Und seine Haltung zur Schrift war ambivalent. Er kritisierte sie zwar, aber die Dialoge, die er Sokrates führen lässt, sind schriftlich überliefert. Nun stehen wir wiederum an einer ambivalenten Schwelle: von der schriftlichen zur postschriftlichen Kultur. Man könnte von einer neuen «platonischen» Auseinandersetzung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit sprechen.
Die Schrift verliert darin nicht ihre Bedeutung. Im Gegenteil: Wir werden weiterhin reden und schreiben. Womöglich werden wir gerade dank der neuen Medien besser verstehen, was das geschriebene Wort für unser Denken und unser Wahrheitsverständnis leistet. Das Geschriebene zwingt uns als individuelle Leser zur Distanz gegenüber dem Gesagten. Es ermöglicht uns, einen Satz aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, ihn kritisch zu wenden, nachzuprüfen. Die Schrift gibt dem Widerspruch Zeit. Wenn die digitale Welt die Bedingungen der Mündlichkeit zurückbringt, müssen wir neu entdecken, was die Schriftkultur uns ermöglicht hat.
Das verlangt jedoch eine Anstrengung: mehr lesen, mehr schreiben. Die Schrift erfanden Analphabeten – nun brauchen wir die «Re-Alphabetisierten», um sie zu bewahren. Wer weiss. Dieses Kapitel unserer Zukunft ist indes noch nicht geschrieben.