«Das Konservative zu fassen misslingt selbst Konservativen», schreibt Roger de Weck ungefähr in der Mitte seines Buches über «Glanz und Elend der Konservativen». Dennoch bemüht sich der Autor und prominente Publizist in immer neuen Denkansätzen und historischen Bezügen, den komplexen Begriff konkreter verständlich zu machen. De Weck glaubt nicht an den unaufhaltsamen Niedergang der konservativen CDU/CSU in Deutschland und setzt damit einen Kontrapunkt zum gegenwärtigen Stimmungsbild in den Medien.
Der eigenen politischen Position des Autors kommt wohl eine leicht ironische Definition des früheren deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck sehr nahe, der sich als «linker, liberaler Konservativer» beschrieb, was de Weck mit offenkundiger Sympathie zitiert.
Edmund Burke – Ahnherr der Konservativen
Am greifbarsten wird der Begriff des Konservativen dort, wo de Weck ihn mit bestimmten politischen Persönlichkeiten verbindet, die weitreichende Entwicklungen durchgesetzt oder angestossen haben. Erwähnt werden in diesem Zusammenhang der Nationalist Charles de Gaulle, der Algerien in die Unabhängigkeit entliess, der konservative Republikaner Richard Nixon, der die diplomatischen Beziehungen zum kommunistischen China öffnete, der israelische Regierungschef Begin, der nach dem Sechstagekrieg Frieden mit dem früheren ägyptischen Gegner Sadat schloss, oder der konservative US-Präsident Reagan, der illegalen Migranten das Aufenthaltsrecht in Amerika verlieh und sich mit Gorbatschow über den Abbau atomarer Mittelstreckenwaffen in Europa einigte.
Diese Beispiele illustrieren zugleich, dass der Konservatismus sich einer gradlinigen Einordnung entzieht, denn die erwähnten Politiker agierten keineswegs ohne Widersprüche. Das gilt auch für Edmund Burke, den britischen Denker und Ahnherrn der Konservativen, der im 18. Jahrhundert mi seiner Schrift «Reflexionen über die Französische Revolution» revolutionäre Veränderungen bekämpfte, die meist überaus blutig verlaufen. Als Alternative plädierte er für behutsame, schrittweise Veränderungen einer friedlichen Evolution. Der Historiker Golo Mann, selbst ein Konservativer, bezeichnete Burkes Werk als «Grundbuch des Konservatismus».
Adenauers fundamentale Weichenstellungen
Zu den der grossen Konservativen der neueren Zeit rechnet de Weck Konrad Adenenauer, der als erster Bundeskanzler nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges für das demokratische Westdeutschland drei fundamentale Weichenstellungen durchgesetzt und politisch verankert hatte: die Westbindung der Bundesrepublik, zusammen mit Wirtschaftsminister Ludwig Erhard die soziale Marktwirtschaft, und die europäische Integration als Zielvorstellung. Diese drei grossen Perspektiven seien nach wie vor gültig, aber alle drei seien in Gefahr, meint de Weck. Die Gefahr sieht er in Deutschland vor allem von Seiten der rechtsradikalen AfD, die den Austritt Berlins aus der EU und aus dem Euro fordert und die weitere Unterstützung für die von Putin angegriffene Ukraine ablehnt.
Als neue und ergänzende Leitidee für Europas Zukunft plädiert de Weck für das Konzept der europäischen Souveränität. Darunter versteht er das immer engere Zusammenwachsen Europas zu einer einflussreichen Kraft auf der Weltbühne und als Gegengewicht zu den heute autoritär oder totalitär geführten Mächten Amerika, Russland und China. Hier fragt man sich, ob der Autor die einst von de Gaulle vertretene Idee eines «Europa der Vaterländer» ganz aus dem Blick verloren hat. In der gelebten Realität jedenfalls spielt dieser Begriff nach wie vor eine kardinale Rolle – man braucht sich nur die Reaktionen des Publikums bei einer internationalen Sportveranstaltung oder das sehr national geprägte Feilschen in Brüssel bei der Verteilung von EU-Geldern anzuschauen.
Beispiel Kohl: Von der Spottfigur zum «Kanzler der Einheit»
Die zurzeit besonders eklatant erkennbare Schwäche der deutschen Konservativen und der von CDU-Kanzler Friedrich Merz geführten Bundesregierung führt de Weck nicht zuletzt auf den Mangel eines überzeugenden sogenannten Narrativs, einer sinnstiftenden Geschichte zurück. Solche inspirierenden Erzählungen seien in der früheren Bundesrepublik die «Soziale Marktwirtschaft» als Gegenmodell zum real existierenden Sozialismus in der DDR gewesen, oder die deutsche Vereinigung, die unter Bundeskanzler Kohl vor über dreissig Jahren zur Realität wurde.
Gerade das Beispiel Helmut Kohl zeigt übrigens, dass politische Projekte mit eher diffusen Konturen unerwartet schnell mitreissende Aktualität gewinnen und zu einem überzeugenden Narrativ werden können. Auch Kohl hatte in den ersten Jahren seiner Kanzlerschaft erhebliche Mühe, ein überzeugendes Profil zu gewinnen. Von seinen Gegnern wurde er nimmermüde mit Spott und Häme eingedeckt.
Doch beim unerwarteten Fall der Berliner Mauer handelte er entschlossen und zielstrebig für die Vereinigung der beiden deutschen Nachkriegsstaaten. So ging er als «Kanzler der deutschen Einheit» in die Geschichte ein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch Bundeskanzler Merz eines Tages noch die Chance haben wird, sich zur starken Führungsfigur zu entwickeln und dass er diese Chance, ähnlich wie Kohl, tatkräftig nutzen wird – vielleicht im Zusammenhang mit dem festgefahrenen Ukraine-Krieg. Die Zukunft bleibt, wie man weiss, oder wissen sollte, immer unberechenbar.
Garant für «Mass und Mitte»
Zurzeit sprechen allerdings kaum konkrete Zeichen für eine Renaissance der Konservativen. In Deutschland sind sie verstrickt in eine reichlich abstrakte Debatte über die sogenannte Brandmauer gegen die rechtsextreme AfD und ihren linksradikalen Gegenpol, die Linke – die beide latentes oder offenes Verständnis für Putins Aggression gegenüber der Ukraine signalisieren. De Weck scheint zwar dem Brandmauer-Dogma (das in anderen Ländern wie Frankreich, Italien oder Schweden ungleich pragmatischer gehandhabt wird) zuzustimmen. Er geht aber nicht auf die praktische Frage ein, wie denn die Konservativen reagieren sollten, wenn die AfD durch demokratische Wahlen – wie möglicherweise demnächst im Bundesland Sachsen-Anhalt – eine Regierungsmehrheit zusammenbringt. Auch zu den komplexen Fragen der Migration oder zum Klimawandel, die gegenwärtig allen Regierungsparteien in Europa das Leben schwer machen, findet man in seinem Buch keine Rezepte für eine erfolgreiche konservative Politik.
Doch bei allem Wissen um die Defizite und Rückschläge konservativer Kräfte bleibt de Weck überzeugt, dass es für eine prosperierende demokratische Zukunft Europas «auf die herkömmlichen Mitte-rechts-Parteien ankommt». Er findet, dass namentlich die deutsche CDU/CSU vergleichsweise gut dasteht, um in diesem europäischen Schlüsselland «den Machtanspruch der AfD abzublocken». Sie habe bei der Gründung der Bundesrepublik das «Meisterstück» vollbracht, von Anfang an eine «feste Brücke zwischen dem katholischen und dem evangelischen Deutschland zu schlagen», was sich über lange Zeit hinweg als «Garant für Mass und Mitte» (eine Lieblingsformel des Autors) bewährt habe.
Die Fragezeichen von Fontanes «Stechlin»
Nun mag man einwenden, dass solche ökumenischen Brückenschläge im inzwischen stark säkularisierten Europa kaum mehr von zentraler Bedeutung für eine solide demokratische Zukunft Europas sind. Es sind andere Herausforderungen, wie das unter Trump brüchig gewordene Bündnis mit den USA, Putins expansiver Imperialismus, das aufstrebende China Xi Jinpings oder die von den Social Media befeuerten Anfälligkeiten für ideologische Rattenfänger, die als Gefährdungen für das demokratische Überleben im Vordergrund stehen.
De Weck ist zuversichtlich, dass es vornehmlich die ideologisch weniger fixierten Parteien der konservativen Mitte sind, die wesentlich zur Bewältigung dieser Herausforderungen beitragen werden. Das unterscheidet ihn jedenfalls auf konstruktive Weise von der wieder einmal auflebenden Tendenz, in allen möglichen aufgeregten Variationen den «Untergang des Abendlandes» (oder zumindest das Ende einer demokratischen Zukunft und das Verschwinden der bisher in Deutschland staatstragenden Parteien) an die Wand zu malen.
Ob der Autor von dieser optimistischen Prognose restlos überzeugt ist, darf man wiederum in Zweifel ziehen. Er selbst bekennt, dass er den grossen Preussen Theodor Fontane zu seinen Lieblingsschriftstellern zählt und insbesondere dessen Roman «Der Stechlin» bewundert. Wie heisst es doch über den alten konservativen Schlossherrn Dubslav von Stechlin? Er wird als solide und weise Persönlichkeit beschrieben, «weil er seinem ganzen Wesen nach und überhaupt hinter alles ein Fragezeichen machte».
Roger de Weck: Glanz und Elend der Konservativen. edition suhrkamp, Berlin 2026, 184 Seiten