In vielen Ländern sind Tausende kubanischer Ärzte im Einsatz. Das will Donald Trump nicht dulden. Er verlangt ultimativ, dass die Mediziner nach Hause geschickt werden. Dagegen wehrt sich die süditalienische Region Kalabrien. «Ohne kubanische Ärzte», sagt der Präsident der Region Kalabrien, «müssen Notfallstationen geschlossen werden.»
Seit den 60er-Jahren schickt Kuba medizinisches Personal ins Ausland, vor allem in wenig entwickelte Gebiete. Die Ärzte und Ärztinnen sowie das Pflegepersonal geniessen einen guten Ruf. Sie sind gut ausgebildet und haben weltweit Hunderttausende notleidende Menschen betreut – und ihnen zum Teil das Leben gerettet.
Der «Export» von Ärzten und Pflegepersonen erfolgt nicht nur aus altruistischen Gründen. Kuba lässt sich dafür bezahlen. Das kubanische medizinische Personal, das im Ausland arbeitet, ist für die abgeschnürte Karibikinsel eine wichtige Devisenquelle, denn die Kubaner und Kubanerinnen müssen einen Teil ihres Einkommens an den kubanischen Staat abliefern. Medizinische Dienstleistungen im Ausland gehören zu den wichtigsten Einnahmequellen Kubas.
Kuba abschnüren
Vor allem in Lateinamerika, aber auch in Afrika, Asien und im Nahen Osten sind die Kubaner im Einsatz. Doch das will Trump, der Kuba abschnüren und übernehmen will, unterbinden. Die USA erklären, mit dem Einsatz der Kubaner im Ausland werde die kubanische Regierung finanziert und am Leben erhalten.
Im Zuge der verschärften wirtschaftlichen Massnahmen gegen die Insel hat Trump deshalb die amerikanischen Botschafter in aller Welt angewiesen, die Regierungen zu nötigen, die Kubaner nach Hause zu beordern. Tun sie das nicht, müssen sie damit rechnen, dass ihnen die amerikanische Wirtschaftshilfe gestrichen wird. Der Druck wirkt: In den letzten Wochen haben mehrere Staaten angekündigt, das Programm, das den Einsatz kubanischer Ärzte vorsieht, teils sofort, teils schrittweise zu kündigen: Jamaika, Honduras, Guatemala, Guayana, die Bahamas, Antigua und Barbuda, St. Lucia, St. Vincent and the Grenadines und Dominica.
Schwer angeschlagenes Gesundheitswesen in Kalabrien
Im italienischen Gesundheitswesen fehlen Tausende Ärzte und 65’000 Pflegekräfte. Vor allem in Süditalien ist die Situation prekär. Viele italienische Ärzte arbeiten lieber im Norden, wo sie mehr verdienen. Oft geht es in den Regionen Kalabrien, Apulien und Basilicata Wochen, manchmal Monate, bis eine medizinische Versorgung erfolgt. Vor allem das kalabrische Gesundheitswesen ist schwer angeschlagen und belegt den letzten Platz unter den 20 italienischen Regionen.
Dr. Gongora Peña war einer der ersten kubanischen Ärzte in Kalabrien. «Als wir ankamen, sahen wir Warteschlangen mit Wartezeiten von bis zu zwölf Stunden», erklärt er der Römer Zeitung La Repubblica. «Ich hätte mir so etwas nie in einem sogenannten Land der Ersten Welt vorstellen können.»
Der Milliardäre in Trumps Diensten
Die ersten Kubaner sind vor vier Jahren ins Land gekommen. Inzwischen arbeiten über 300 Kubaner in den kalabrischen Spitälern. Sie seien «unverzichtbar», heisst es offiziell. Ohne sie müssten Notfallstationen und ganze Abteilungen in Spitälern geschlossen werden.
Das kümmert Trump wenig. Auch Tilman J. Fertitta, der amerikanische Botschafter in Italien, übt Druck aus. Fertitta ist ein Milliardär, Business- und TV-Mann, der auch im Sport-Geschäft mitmischt. Kürzlich legte er mit seiner 117 Meter langen Luxusjacht «Boardwalk» an der «Riva dei Sette Martiri» im östlichen Teil des historischen Zentrums von Venedig an, was zu Protesten führte. Immer wieder wird er in Rom vorstellig und verlangt den Rausschmiss der Kubaner.
Heftiger diplomatischer Konflikt
Doch im Gegensatz zu vielen anderen Ländern bleibt Italien (wie auch Mexiko) standhaft. «Die Kubaner bleiben», heisst es in Kalabrien. Nach einem kürzlich erschienenen Bericht in der Washington Post hat das Thema eine internationale Dimension erlangt und zu einem heftigen diplomatischen Konflikt zwischen Italien und den USA geführt.
Die Regierung Meloni steckt in einer Zwickmühle: Einerseits weiss die Regierungschefin, dass Kalabrien die Kubaner dringend braucht. Andererseits belastet die Affäre die bereits angeschlagenen Beziehungen zwischen ihr und Trump noch zusätzlich.
«Niemand kann die Kubaner ersetzen»
Roberto Occhiuto, der Präsident der Region Kalabrien, sagt, der Schutz der Gesundheit der Bürger Kalabriens habe «oberste Priorität». Ohne die Kubaner würden die regionalen Spitäler Gefahr laufen, schliessen zu müssen. Deshalb will er die Kubaner unbedingt behalten. «Ich habe dem US-Botschafter deutlich erklärt», sagt Occhiuto, «dass wir die Spitäler offen halten müssen und dass ich beabsichtige, dafür zu sorgen, dass die kubanischen Ärzte weiterhin arbeiten können.»
Occhiuto betont, dass er sich «sicher nicht aus politischer Sympathie» für die Kubaner einsetze. Im Gegenteil: Er ist ein führendes Mitglied der rechtsgerichteten Ex-Berlusconi-Partei «Forza Italia» und keineswegs ein Anhänger des kubanischen Regimes. Doch «es gibt zurzeit niemanden, der die Kubaner ersetzen könnte», schrieb er letzte Woche auf Instagram.
Umstrittene Einsätze
Derzeit arbeiten fast 20’000 kubanische Gesundheitsfachkräfte in 16 Ländern der westlichen Hemisphäre, in einigen davon stellen sie mehr als 20 Prozent des medizinischen Personals. Doch der Einsatz kubanischer Ärzte im Ausland ist nicht unumstritten. Kritisiert wird vor allem, dass die Kubaner einen Teil ihres Einkommens an den kubanischen Staat abliefern müssen. Wie viel die Kubaner dem Staat abgeben müssen, ist umstritten. Einige sprechen von 40, andere von 50, wieder andere von 60 Prozent.
Die «Interamerikanische Menschenrechtsorganisation» (IACHR) spricht von «Menschenhandel» und «Sklaven, die im Ausland eingesetzt» würden. Die Kubaner würden da und dort überwacht und müssten ihre Pässe abgeben. Kuba weist dies als anti-kubanische und Trumpsche Propaganda zurück. Gleichzeitig gibt es Berichte und Untersuchungen zu problematischen Arbeits- und Vertragsbedingungen. Ob diese Bedingungen rechtlich als Zwangsarbeit oder Menschenhandel einzustufen sind (wie dies die USA tun), ist Gegenstand internationaler Kontroversen und wird unterschiedlich bewertet.
Kalabresisch sprechende Kubaner
Kuba spricht von einer Win-win-win-Situation: Kalabrien erhalte gut ausgebildete Ärzte, die Kubaner würden in Italien mehr verdienen als in Kuba (trotz der Abgaben?) und der kubanische Staat erhalte Devisen.
Sicher ist: Die Kubaner werden in Kalabrien gern gesehen, bewegen sich frei und sind in der Gesellschaft integriert. Viele haben Beziehungen zu Kranken und Notleidenden aufgebaut, sagt Dr. Gongora Peña. Und: «Einige von uns haben sogar den örtlichen Dialekt gelernt.»