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Libanon

«Eine dreiste Bereitschaft, folgenlos Gräueltaten zu begehen»

7. August 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Volker Türk
Der Uno-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, spricht bei einer Pressekonferenz in Beirut (Bild vom 27. Juli 2026, Keystone/AP Photo, Hassan Ammar)

Drei Menschenrechtsorganisationen werfen der israelischen Armee (IDF) vor, im April im Libanon ein Kriegsverbrechen begangen zu haben, als die IDF gezielt eine Journalistin töteten und eine weitere Medienschaffende schwer verwundeten. Einen ähnlichen Vorwurf erhebt das libanesische Gesundheitspersonal: Seit März 2026 hat Israels Militär mindestens 135 im Gesundheitswesen Beschäftigte getötet. Doch von absichtlichen Attacken auf Zivilisten will die Armee, die KI zur Zielerfassung einsetzt, nichts wissen.

Die 42-jährige Amal Khalil, Journalistin der Beiruter Zeitung «Al-Akhbar», und die 21-jährige Zeinab Faraj, freischaffende Fotografin und Kamerafrau, waren am 11. April 2026 zum Dorf al-Tiri im Südlibanon unterwegs, als eine Rakete das Fahrzeug, das vor ihnen fuhr, traf und um 14:25 Uhr dessen Insassen tötete. Es waren Ali Nabil Bazzi, Bürgermeister des Dorfes Bint Jbeil, und Mohammed Hourani, ein Freund des Politikers. Beide Getöteten waren der israelischen Armee zufolge Kämpfer der schiitischen Hisbollah.

Amal Khalil rief den libanesischen Zivilschutz an und bat um Hilfe. Doch den Helfern gelang es lediglich, bis zum Dorfeingang zu kommen, wo ein Checkpoint sie stoppte, bis ihnen die israelische Armee die Erlaubnis zur Weiterfahrt erteilte. Während sie auf die Zivilschützer warteten, verliessen die beiden Frauen ihr Auto und suchten in einem Haus des Dorfes Schutz vor kreisenden israelischen Drohnen.  Um 15:31 Uhr rief ein Zivilschützer Amal Khalil an und riet ihr, das Dorf zu verlassen, da sie noch keine Erlaubnis des Militärs erhalten hätten, den Ort zu betreten.  Neun Minuten später traf eine Rakete Amal Khalil und Zeinab Faraj in ihrem Auto und verwundete sie.

Angriff auf die Retter

Die beiden Frauen krochen in ein nahes Gebäude und riefen weiterhin vergeblich um Hilfe. Um 16:25 Uhr traf eine israelische Bombe das Haus, in dem sie Schutz gesucht hatten, und begrub die Journalistin und die Fotografin unter den Trümmern. Um fünf Uhr nachmittags erlaubten die IDF dem libanesischen Roten Kreuz, ins Dorf zu gehen, und den Helfern gelang es, Zeinab Faraj zu evakuieren. Sie hatte einen Schädelbruch, eine zerquetschte Hand und schwere Verletzungen am rechten Bein und am Auge. Doch den Rettern gelang es nicht, auch Amal Khalil zu bergen, die unter Trümmern des Hauses gefangen war.

Noch als die Rettung im Gang war, griff ein israelischer Quadrocopter die libanesischen Helfer an und warf eine Blendgranate auf sie ab. Augenzeugen zufolge waren auch Schüsse zu hören. Die Attacke zwang die Retter zum Rückzug. Sie konnten lediglich Zeinab Faraj mitnehmen. Um 20:15 Uhr schliesslich erlaubten ihnen die Israelis erneut den Zugang zum Dorf, wo Amal Khalils Leiche um elf Uhr gefunden wurde. Eine Autopsie im nahen Spital in Tebnine ergab, dass die Journalistin mutmasslich um 19:00 Uhr gestorben war. Unter Umständen aber hätte Amal Khalil überlebt hätte, wenn sie früher hätte gerettet werden können.

Insgesamt drei Attacken

Inzwischen sind Human Rights Watch (HRW), Amnesty International (AI) und die libanesische NGO The Legal Agenda in Untersuchungen, die diese Woche bekannt wurden, zum Schluss gelangt, dass Israel mit der Tötung Amal Khalils ein Kriegsverbrechen begangen hat. «Die Indizien sind klar, dass das israelische Militär wusste oder hätte wissen müssen, dass Faraj und Khalil Zivilistinnen waren, sie trotzdem attackierte und Rettungskräfte während Stunden daran hinderte, ihnen zu helfen», sagt Ramzi Kaiss, der für HRW zum Libanon forscht. Amnesty fordert, der Angriff in al-Tiri gehöre als Kriegsverbrechen untersucht.

Zu einem ähnlichen Schluss ist vergangene Woche auch Volker Türk, der Uno-Hochkommissar für Menschenrechte, nach einem Besuch des Libanon gelangt: «Ich bin betroffen von den weit verbreiteten Schäden und dem verstärkten Leid, das ich gesehen habe», sagte Türk in einem Communiqué: «Das Trauma, der Frust und die Hoffnunjgslosigkeit sind greifbar – aber so ist auch die Forderung nach Gerechtigkeit.» Israel, so der Uno-Vertreter, mache sich im Libanon grossflächiger Verletzungen der Menschenrechte schuldig, die als Kriegsverbrechen klassifiziert werden könnten. 

Tödliche Arbeitsplätze

Die israelische Armee hat der «Washington Post» mitgeteilt, sie untersuche, vier Monate nach dem Vorfall, nach wie vor den Tod der Journalistin, doch das eigentliche Ziel der Attacke seien die beiden Männer im Auto vor ihr, beide Kämpfer der Hisbollah, gewesen: «Die IDF greift keine Medienschaffenden an und respektiert die Pressefreiheit und die wichtige Rolle, die Journalistinnen und Journalisten spielen.» Keine Erklärung der Armee gab es aber zum Umstand, dass der ersten Attacke auf das Auto der beiden Medienschaffenden noch zwei weitere Luftangriffe folgten.

Die drei Menschenrechtsorganisationen widersprechen der Darstellung der IDF. «Das israelische Militär sagt, es greife keine Medienschaffenden an, doch die Fakten und Belege zeigen, dass es das wiederholt getan hat», steht im Communiqué von AI: «Das wiederholte Töten von Medienschaffenden durch israelische Streitkräfte zeigt eine dreiste Bereitschaft, ohne Furcht vor Konsequenzen Gräueltaten zu begehen.» Dasselbe gelte auch seit drei Jahren für Angriffe auf Zivilisten im Libanon. Von den 27 Medienschaffenden, die laut der NGO «Committee to Protect Journalists» (CPJ) dieses Jahr getötet worden sind, stammen neun – einschliesslich Amal Khalil – aus dem Libanon und sieben aus Israel und den besetzten Gebieten.

Verbotene «double taps»

Ähnliche Vorwürfe an die Adresse Israels erheben im Libanon auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des nationalen Gesundheitswesens. Auch sie sind wiederholt Ziele israelischer Attacken geworden; der Libanon ist heute für Ärztinnen und Ärzte, für Hilfs- und Pflegepersonal zum einem der tödlichsten Arbeitsplätze weltweit geworden.

Seit dem 2. März dieses Jahres, als Israel nach Raketenbeschuss durch die Hisbollah in den Südlibanon eindrangt, haben die IDF mindestens 135 Angehörige des libanesischen Gesundheitspersonals getötet – in vielen Fällen durch sogenannte «double taps», zweite Angriffe nach einer ersten Attacke, auf welche die Retter reagiert hatten. Die israelische Armee argumentiert, die Hisbollah missbrauche Krankenwagen für Waffentransporte – eine Behauptung, der Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International widersprechen.

«Mentale Erschöpfung»

Ein Sanitäter, der noch lebt, ist Moustapha Hamza aus dem Dorf Kfar Roummane im Süden des Libanon. Er kann trotz eines Waffenstillstands nicht in sein Haus zurückkehren; als er es einmal versuchte, hinderte ihn eine Drohne daran, die eine Blendgranate abwarf und in seiner Nähe eine Bombe explodieren liess. 

Hamza arbeitet heute in einem Spital in Nabatieh und sagt, der heutige Krieg sei schlimmer als jener zwischen Israel und der Hisbollah vor zwei Jahren: «Die Bombardierungen durch die Israeli sind schlimmer. Ich habe grössere Ungerechtigkeit und entsetzlich zugerichtete Körper gesehen. Als sie die Menschen in Nabatieh bei lebendigem Leib verbrannt haben, war das ein schrecklicher Anblick. Ich habe Leichen gesehen, denen die Hälfte des Kopfes fehlte. Früher haben wir so etwas nur im Film gesehenen.» 

In Moustapha regte sich ein erstes Mal das Gefühl, er und seine Kollegen seien zu Zielen geworden: «Ich pflegte die Sanitäter zu sehen, die mit ihren Krankenwagen losfuhren und tot zurückkehrten. Das war psychologisch äusserst schwer zu ertragen; es kreiert mentale Erschöpfung.» 

Krankenwagen attackiert

Ähnlich äussert sich Mohammed Suleiman, Chef des Rettungswesens in Nabatieh, der drei Kriege erlebt hat. Früher sei ihnen bewusst gewesen, dass ihr Job gefährlich sei und sie getroffen werden könnten. Nie aber seien sie direkt zu Zielen geworden. «Dieser Krieg ist anders. Sie greifen uns direkt an», sagt der 44-Jährige. So wie zum Beispiel im Fall seines 16-jährigen Sohnes Joud, der im März zusammen mit einem Kollegen den Menschen in Nabatieh Essen bringen wollte. Die IDF tötete die beiden Jungen, obwohl sie als Sanitäter Uniformen trugen. 

Es gebe viele Rechtfertigungen seitens der Israeli, sagt Hassan Boussi, ein Sanitäter aus Tyros: «Die Realität aber ist folgende: Sie wollen nicht, dass Krankenwagen und Rettungskräfte operieren können.» Erst vergangene Woche hat beim Dorf Nabatieh al-Fawqa erneut eine Drohne einen Krankenwagen attackiert.

1'000 Ziele pro Tag

Währenddessen tötete eine Explosion Mitte Woche im Dorf Majdal Zoun zwei israelische Soldaten und verwundete vier Armeeangehörige schwer – die ersten Getöteten auf israelischer Seite seit dem Waffenstillstand vor fast zwei Monaten. Damit stieg die Zahl der seit dem 2. März getöteten Angehörigen der israelischen Armee im Libanon auf rund 40; auch drei Zivilisten, unter ihnen ein Söldner, sind getötet worden.  

Inzwischen ist auch publik, dass sie die israelische Armee in den ersten zwei Jahren der Kriege im Gaza und im Libanon dank einem digitalen Programm jeden Tag rund 1'000 mögliche Ziele identifiziert hat – 850'000 Ziele total. Das System stammt von Elbit Systems, Israels grösstem Waffenproduzenten, und ist zwischen dem 7. Oktober 2023 und bis Ende 2025 zum Einsatz gekommen. 

Der Hersteller präsentierte das digitale «Tzayad»-Armeeprogramm während einer Militärkonferenz in London. Die Firma beschrieb die Zahl der Menschen, Fahrzeuge und anderer Objekte, die in Echtzeit für mögliche Attacken auf dem Land-, See- und Luftweg in Frage kommen und zeigte dem Hersteller zufolge «die hohe Intensität der tödlichen Kriege, die Israel in den vergangenen drei Jahren geführt hat.»

Besorgniserregende Zahlen

Miki Edelstein, Reservegeneral der IDF und Vizepräsident von Elbit Systems. Beschrieb in London die generierten Ziele als «einen Feind, dessen wir uns zuvor nicht bewusst gewesen sind, der aus dem Untergrund oder durch ein Manöver auftaucht und den wir genau treffen wollen, auch wenn wir nicht genügend Munition haben, um das sofort zu tun.» 

Wes Bryant, früherer Berater des Pentagon in Sachen Zielerfassung und Spezialist für die Einschätzung von Kollateralschäden, nannte Elbits Zahl von 850’00 möglichen Zielen als Besorgnis erregend. Das bedeute, dass die IDF in Gaza bei einer Bevölkerung von 2,2 Millionen und einer Infrastruktur von 300'000 Gebäuden zu irgendeinem Zeitpunkt «bis zur Hälfte oder mehr der ganzen Bevölkerung und Infrastruktur» des Gebiets ins Visier genommen hätten.

Weniger menschliche Kontrolle

Ein Firmensprecher von Elbit Systems dementierte in der Folge, dass mit der Zahl 850'000 mögliche Ziele gemeint gewesen seien, auch wenn die Ziffer an der Konferenz auf einem Dia so genannt worden war. Die Zahl, erklärte er, widerspiegle die «aggregierte Systemaktivität und operationelle Daten, die das digitale Armeeprogramm der IDF auf allen Kriegsschauplätzen seit den 7. Oktober 2023» generiert habe: «Die Zahlen repräsentieren eher Systemaktivität und operationelle Daten als die Zahl feindlicher Ziele oder tatsächlicher Attacken.»

Sophia Goodfriend, die an der Cambridge University den Einfluss von Künstlicher Intelligenz (KI) auf die moderne Kriegsführung erforscht, glaubt, es wäre für Nachrichtendienste und Luftwaffen äusserst schwierig, pro Tag 1'000 mögliche Ziele ohne die Hilfe von KI zu überprüfen: «Für jede Armee wäre es schwierig, das zu tun, ohne die Überprüfung an andere automatisierte Systeme auszulagern, was Fragen der Verantwortlichkeit aufwirft und Besorgnis über das sinkende Ausmass menschlicher Kontrolle weckt.» 

Auf jeden Fall hat die israelische Armee auch das KI-Programm «Lavender» eingesetzt, welches einem Menschen erlaubt, ein potenzielles Ziel während nur 20 Sekunden zu überprüfen. Wobei es gemäss zwei Nachrichtenoffizieren der IDF zu Beginn des Krieges in Gaza offiziell erlaubt war, bis zu 15 oder 20 Zivilisten zu töten, wenn es darum ging, ein niederrangiges Mitglied der Hamas zu töten.

Quellen: The Guardian, The New York Times, The Washington Post, Al Jazeera, BBC, AP 

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