Wie im palästinensischen Küstenstreifen trifft Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon auch die Zivilbevölkerung. Attacken der israelischen Armee (IDF) haben bisher über 1'000 Menschen getötet und rund eine Million Menschen aus dem Süden des Landes und der Hauptstadt Beirut vertrieben. Und wie im Iran ist auch im Libanon kein Ende in Sicht.
«Der Krieg ist in den Libanon zurückgekehrt», berichtet der Nahost-Korrespondent der «New York Times» aus Beirut, «und auch das mäandernde Meeresufer der Hauptstadt ist neu zu einer Front geworden. Hier wird ein starker Kontrast sichtbar: Die Vertriebenen und Mittellosen sitzen in der Kälte, während andere ihr normales Leben führen – joggend, radfahrend – inmitten des blendenden Reichtums und des Luxus in unmittelbarer Nähe.»
Entlang der Corniche, so die «Times», stehen Zelte, dienen Autos als Notunterkünfte, sind Kleiderbündel über die Trottoirs verstreut: «Teenager, die nirgendwohin gehen können und keine Schule haben, lungern herum. Kleinkinder, hungrig und erschöpft, weinen und jammern. Familien rücken während kalten Nächten zusammen, entfachen kleine Feuer, die aber nur wenig gegen Wind und Regen helfen.» Es gebe keine Orte, um sich zu duschen oder Kleider zu wechseln und kaum genug zu essen – besonders schwierig für jene, die während des muslimischen Fastenmonats Ramadan gefastet hätten.
Fehlkalkulation der Hisbollah
Doch auch die Promenade mit ihren Apartmenthäusern, Luxushotels, chicen Restaurants und exklusiven Autohändlern ist in Beirut kein sicherer Ort. Am 12. März trafen israelische Luftangriffe im Quartier Ramlet al-Baida entlang der Corniche mehrere Autos und töteten acht Menschen. Tage zuvor hatte eine Attacke der IDF die Suite eines Vier-Sterne-Hotels getroffen. Der IDF zufolge galten die Angriffe Aktivisten der Hisbollah und deren iranischen Komplizen.
Was als legitime Verteidigung Israels gegen die jüngsten Raketenangriffe der vom Iran unterstützten Hisbollah begonnen hat, scheint sich zu einer grösseren militärischen Operation der IDF auszuweiten, die auch den Einsatz von Bodentruppen umfasst und im Libanon Befürchtungen weckt, Israel könnte erneut Teile des Landes besetzen. Maha Yahya, Direktorin der Denkfabrik «Carnegie Endowment’s Middle East Center» in Beirut, hält es seitens der Hisbollah für dumm, nach dem Start des Kriegs im Iran und der Tötung Ayatollah Ali Khameneis Israel mit Raketen beschossen und so den Libanon in einen neuen Krieg gezerrt zu haben.
Eine zornige Basis
Selbst an der loyalen Basis der islamischen Widerstandsorganisation werden zunehmend Kritik und Unmut laut. Schiitische Muslime, die im Süden des Landes und in den südlichen Vororten Beiruts unter israelischen Luft- Raketen- und Drohnenangriffen leiden, äussern sich zornig über das Vorgehen der Hisbollah. «Wir hatten nicht einmal Zeit, unsere Kleider anzuziehen und sind in Pyjamas geflohen. Ich hatte Frauen und Kinder dabei», sagt Ali, der anonym bleiben will und aus Marjeyoun im Süden des Landes nach Beirut geflohen ist.
Die öffentliche Wut ist eine Herausforderung für die Hisbollah, die im Libanon sowohl militärisch wie politisch aktiv ist. Die schiitische Gemeinschaft befinde sich in der Klemme und sehe sich mit den Folgen ihrer Politik konfrontiert, analysiert Politologe Filippo Diongi von der Universität Bristol, Autor eines Buches über die Hisbollah: «Sie (die Schiiten) sehen die Hisbollah als eine Organisation, die ihre Interessen und ihre Sicherheit repräsentiert hat. Jetzt aber realisieren sie auch, dass die Hisbollah sie in Konflikte hineinzieht, die für sie äusserst kostspielig sind.»
Eine diplomatische Lösung?
Ein nichtstaatlicher Akteur, so Diongi, brauche jedoch eine gewisse Legitimation, um zu überleben: «Falls diese fehlt, wird er nur zu einem Vertreter von Eigeninteressen.» Selbst die Hamas, der palästinensische Verbündete der Hisbollah, scheint kriegsmüde zu sein. Sie forderte Mitte Monat den Iran auf, Angriffe auf die Golf-Länder zu stoppen und zu versuchen, eine friedliche Lösung zu finden.
Anderseits ist Maha Yahya vom Carnegie Center überzeugt, dass Israel statt zu attackieren mit der libanesischen Regierung eine diplomatische Lösung hätte suchen können, um die Hisbollah weiter zu schwächen: «Es gab genügend Offerten, bevor all das begonnen hat.»
«Ein gefangenes Land»
Die Politologin glaubt, dass Israel im Libanon drei Ziele verfolgt: Erstens eine kollektive Bestrafung der schiitischen Gemeinschaft, was die Bomben auf die südlichen Vororte Beiruts und auf Wohnhäuser zeigten. Zweitens versuche Israel, ein Gefühl der Furcht und der Paranoia zu verbreiten, was dem jüdischen Staat gelinge, und drittens mache es den Anschein, dass Israel einen grossen Teil des Südlibanons besetzen wolle, wobei die Massenvertreibung von Menschen die Spannungen im Lande noch anheizen werde.
«Dieses Land», sagt Maha Yahya, «ist buchstäblich gefangen. Auf der einen Seite ist Israel, auf der andern der Iran.» Auf jeden Fall hat Israels Verteidigungsminister Israel Katz davor gewarnt, die Vertreibung der Schiiten aus dem Süden des Libanons könne noch länger dauern, bis die Sicherheit der Bewohner im Norden Israels sichergestellt sei. Zudem haben die IDF als Werkzeug psychologischer Kriegsführung über Beirut Flugblätter abwerfen lassen, auf denen stand: «Angesichts des beachtlichen Erfolgs in Gaza erscheint die Zeitung ‘Die Neue Realität’ nun auch im Libanon. Wohin steuert euer Land?»
Erschreckende Äusserungen Offizieller
«Sehr bald wird Dahiyeh (das Schiiten-Quartier im Süden Beiruts) Khan Younis (in Gaza) gleichen», warnt Israels Finanzminister Bezalel Smotrich. »Wir müssen im Südlibanon Territorium erobern, die Dörfer dort zerstören und das Gebiet für den Staat Israel annektieren», fordert Smotrichs Parteikollege Zvi Sukkot.
Währenddessen werfen medizinisches Personal und libanesische Offizielle der israelischen Armee vor, im Süden des Landes gezielt medizinische Einrichtungen und deren Personal ins Visier zu nehmen. So hat die IDF seit dem 2. März dem libanesischen Gesundheitsministerium zufolge 128 Krankenwagen und medizinische Installationen angegriffen und dabei 40 Menschen getötet und 107 Personen verwundet. Am 13. März tötete eine Attacke auf ein Gesundheitszentrum im Dorf Burj Qalaouiyah zwölf Menschen, verwundete eine Person und liess vier medizinische Fachkräfte unter Trümmern zurück.
Angriffe ohne Belege
Wie der Hamas in Gaza wirft Israel der Hisbollah vor, medizinische Einrichtungen für militärische Zwecke zu missbrauchen. Was das libanesische Gesundheitsministerium dementiert. Ähnliche Vorwürfe machte Israel 2024 während seiner militärischen Operation gegen die Hisbollah, ohne allerdings damals oder im jüngsten Fall Belege dafür zu liefern. An sich sind medizinisches Personal und Spitäler im Krieg durch das internationale Völkerrecht geschützt und Verstösse dagegen stellen Kriegsverbrechen dar.
Gemäss medizinischem Personal sollen Israels Attacken den Süden des Landes «unbewohnbar» machen. Sie stünden im Einklang mit anderen israelischen Angriffen auf die zivile Infrastruktur. Während des letzten Krieges im Libanon 2024 töteten die IDF gegen 240 medizinische Fachkräfte. «Der israelische Feind versucht, das Leben in unserer Gegend so weit es geht zu verunmöglichen und Leute in die Flucht zu jagen», sagt Abdullah Nour el-Din, Chef der mit der mit dem politischen Arm der Hisbollah affiliierten medizinischen Notfallorganisation «Islamic Health Association» (IHA).
Eine Flut von Notfällen
Auf jeden Fall sehen sich medizinische Einrichtungen im Süden des Libanons mit einer Flut von Notfällen konfrontiert. In den ersten 17 Tagen des Krieges registrierten sie über 1'000 Tote und 2’584 Verwundete. «Dieses Mal ist es härter (als 2024), sag Dr. Hassan Wazni, Chef des staatlichen Spitals in Nabatieh: «Die Bombardierungen scheinen erbitterter zu sei. Es werden weniger Verwundete und dafür mehr Tote eingeliefert.» Bei einem Luftangriff in der Umgebung des Spitals wurden auch zwei Angehörige seines Personals verwundet.
Ben Reiff, der stellvertretende Chefredaktor des linken israelischen Online-Magazins «+972» räumt ein, dass es Unterschiede zwischen Gaza und dem Libanon gibt. Israel kontrolliere nicht alle Grenzen des Nachbarlands, folglich könne die Bevölkerung nicht wie in Gaza eingesperrt werden. Auch könnten internationale Medien anders als aus dem Küstenstreifen aus dem Libanon über Israels Bodenoffensive berichten und so die Arbeit lokaler Medienschaffender unterstützen.
Ein düsteres Szenario
Doch der israelische Journalist skizziert ein düsteres Szenario: «Die letzten zweieinhalb Jahre in Gaza haben genügend Beweise geliefert, was Israel, betrunken von Straflosigkeit, im Libanon tun wird. Zuerst wird die Armee den südlichen Teil des Landes kontrollieren wollen, ähnlich viel Territorium – oder vielleicht noch mehr – als die ‘Sicherheitszone’, die Israel zwischen 1982 und 2000 besetzt hielt, nachdem es während des Bürgerkriegs in den Libanon eingedrungen war. Während die Luftwaffe Beirut aus der Luft dezimiert und eine von KI generierte Zielliste abarbeitet, werden die Truppen im Süden von Dorf zu Dorf vorrücken und alles zerstören, was sich ihnen in den Weg stellt, derweil Kampflugzeuge Wohngebiete mit Phosphor-Bomben eindecken.»
Doch viele Bewohner, so Ben Reiff würden sich weigern wegzuziehen, entweder weil sie nirgendwohin gehen könnten oder weil sie mit gutem Grund fürchteten, ihre Heimat nie wiedersehen zu können, wenn sie es täten. Israel werde alle Leute, die blieben, als Terroristen bezeichnen und Soldaten sowie Drohnen-Piloten erlauben, sie nach Sichtkontakt zu erschiessen: «Dank dem Erfolg des israelisch-amerikanischen Kreuzzugs, im Lauf der letzten Jahre die grundlegenden Pfeiler des Völkerrechts zu untergraben, werden Angriffe auf alle möglichen Anlagen ziviler Infrastruktur legitimiert werden mit der Behauptung, sie würden von der Hisbollah benutzt.»
«Eine längere Operation»
Jedenfalls teilten die IDF am Sonntag mit, Generalstabschef Eyal Zamir habe Pläne gutgeheissen, «gezielte Bodenoperationen und Angriffe» auf die Hisbollah fortzusetzen. Er habe auch festgestellt, dass dies «eine längere Operation» sein werde. So hat ein israelischer Luftangriff in der Nähe der Stadt Tyros bereits die 19 Kilometer von der Grenze entfernte Qasmiya-Brücke über den Litani-Fluss zerstört, die auch von Zivilisten benutzt wird.
Gleichentags teilte Verteidigungsminister Israel Katz mit, die IDF werde auf seinen Befehl und auf Befehl von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hin alle Brücken südlich des Litani-Flusses zerstören, welche die Hisbollah für «terroristische Aktivitäten» brauche, sowie die Zerstörung libanesischer Häuser in Dörfern entlang der Grenze intensivieren: «Dies nach dem Vorbild des Modells, das wir in Rafah und Beit Hanoun in Gaza angewandt haben». Beide palästinensischen Städte liegen weitgehend in Trümmern.
Quellen: «AP, BBC, + 972, The New York Times, The Washington Post, The Guardian, Haaretz