Seit Juni 2017 ist Konrad Bitterli Direktor des Kunst Museums Winterthur. Auf Ende Jahr tritt er zurück. Die letzte von ihm kuratierte Ausstellung in Winterthur ist mit der 1952 in Syrien geborenen, in London lebenden Mona Hatoum einer international prägenden Persönlichkeit gewidmet.
Die Ausstellung, welche den ganzen Erweiterungsbau des Kunst Museums Winterthur beim Stadthaus einnimmt, beginnt schon in den Impressionismus- und Sammlungsräumen im ersten Geschoss. Da erscheinen zwischen Werken von Monet, Van Gogh, Max Ernst, Hans Arp und anderen Grossen der Moderne Objekte und Skulpturen von Mona Hatoum. Es sind drei, und sie sind typisch für die Künstlerin: In einem an der Wand zwischen Malereien der klassischen Moderne befestigten Spiegel können sich Besucher und Besucherin selbst, zum Bild geworden, sehen, mitten zwischen Werken von Giorgio Morandi und Malereien anderer. Auf dem Spiegel ist zu lesen: «YOU ARE STILL HERE».
In einem anderen Sammlungsraum, mitten unter Surrealistischem, steht ein alter verglaster Apothekerschrank mit neun mundgeblasenen farbigen Objekten in der Form von explosiven Handgranaten. Und vor einer grossen impressionistischen Landschaft Claude Monets lädt eine Parkbank zum Sitzen ein, auf der zwei miteinander verflochtene Strohhüte liegen. Eigentlich ist es nur ein Hut, eben ein «Capello per due», wie der Werktitel besagt, ein Hut für zwei – die sich im Park ausruhen oder eben im Museum Kunst betrachten: Ein «Capello per due» für ein Liebespaar, für zwei ob all der Kunst müde gewordene Betagte? Ironie und Humor – allerdings dezent – hier, dort schon fast boshafter Sarkasmus in den kostbaren, im Schrank versorgten bunten Muranoglas-Objekten mit dem Titel «Still Life (medical cabinet)».
Doppeldeutigkeiten
Doppeldeutigkeiten – wie die tödlichen Handgranaten, die zu schönen «Nippes» werden – ziehen sich weiter durch die Ausstellung Mona Hatoums. Die Minimal-Art-Skulptur «Quarters» lebt von klaren und gefestigten Strukturen, als wär’s von Donald Judd. Doch eine andere Assoziation weist in eine ganz andere Richtung: Wir fühlen uns weniger an einen kunstgeschichtlichen Kontext erinnert als an die unmittelbare politische Realität – an Flüchtlingslager oder Notunterkünfte, denn die dreifach übereinander geschichteten Stahl-Elemente von «Quarters» entsprechen in ihrer Dimension genau den Notpritschen in Flüchtlings- oder Konzentrationslagern. Spielerischer – allerdings nur auf den ersten Blick – geht es in «Misbah» zu, was arabisch ist und Laterne bedeutet. Im abgedunkelten kleinen Raum lässt Mona Hatoum ein Schablonenband sich um die Lichtquelle drehen. Die aus dem Band ausgeschnittenen Formen zeigen niedliche Sterne, aber nicht nur: Da drehen sich auch Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag, bereit, dem Vordermann in den Rücken zu schiessen. Die gläsernen Handgranaten, «Quarters» und «Misbah» erfüllen die üblichen Kriterien von «Schönheit», und zugleich irritieren und beunruhigen sie Betrachter und Betrachterin.
Eine Welt in Wanken
Mona Hatoums Welt ist nicht in Ordnung, auch wenn es anfänglich so scheint, auch wenn die Künstlerin ihren Skulpturen perfekte Formen gibt und ihnen eine perfekte Verarbeitung angedeihen lässt – dem Rollstuhl aus poliertem Stahl zum Beispiel, der unbequem ist und sich wegen gezackter Griffe auch gar nicht schieben lässt, oder all den Haushalt-Utensilien, die, ins Riesenhafte vergrössert, zu gefährlichen und verletzenden Schneidewerkzeugen werden.
Die Welt Mona Hatoums gerät spürbar ins Wanken und wird für jene, die sie betreten, zum Feld der Unsicherheit und Gefährdung. Beispiel dafür ist eine Weltkarte aus dickem Glas. Sie ist in Einzelteile zerlegt, die als schwankendes Mobile von der Decke hängen. Ein anderes Beispiel ist die von Glasmurmeln gebildete grosse Weltkarte, welche die ganze Grundfläche eines Raumes in Anspruch nimmt. Wo Land ist, sind die Glaskügelchen, wo kein Land ist, sondern Meer, der nackte Boden. Wer diese «Welt» beträte, würde sie zerstören und gleich selber ausgleiten. Trügerisch: Die Glasmurmeln glänzen im von oben und durchs grosse Fenster einfallende Licht und werden zur scheinbar «schönen», aber höchst unsicheren Welt.
Weltkarten oder Globen bilden eine Art Konstante im Schaffen von Mona Hatoum. Einen Globus, dessen Kontinente rot leuchtende Neonröhren markieren, nennt die Künstlerin «Hot Spot» (das Wort wird auch im Sinn von Krisenherd oder Brennpunkt verwendet), ein anderer «Orbital»: Er wird von Armierungseisen gebildet, die von Betonstücken zusammengehalten werden; sie erinnern an Bilder von kriegerischen Zerstörungen.
Für eine mehrteilige neuere Arbeit – auch sie beruht auf Gegensätzen (aus roten Ölfässern spriessen Blumen), wirkt aber hoffnungsvoller – titelt die Künstlerin «Fossil Folly». «Fossil» steht für die Ölfässer. «Follies» (kleine Verrücktheiten) nennen die Engländer die ruinenartigen Architektur-Bruchstücke, die sie als Fixpunkte fürs Auge in die Parklandschaften setzen. Hier bezeichnen sie die aus den Ölfässern ausgeschnittenen und aufgerichteten Pflanzenmotive. Die Künstlerin setzt diese Pflanzenmotive ein als Gegensatz zu den Ölfässern, die für den umweltschädigenden Einsatz von Erdöl stehen.
Sensibles Erleben
Mona Hatoums Kunst ist voller Spuren des sensiblen Erlebens politischer und allgemein menschlicher, auch sozialer Realität. Dieses Erleben nährt als Hintergrund ihre Arbeiten, ohne zu konkreten politischen Statements der Künstlerin zu führen. «I’m never trying to make a direct political statement. There are issiues in my head, but they’re in the background; they’re not foregrounded in the work, and they’re not specific to my owen history», sagt Mona Hatoum. Im Vordergrund ihrer künstlerischen Tätigkeit stehen Formgebung und der spezifische Charakter sowie die Bedeutung der mit Bedacht gewählten Materialien und die Assoziationen, die mit unserer Erfahrung mit diesen Materialien verbunden sind.
Mona Hatoums Kunst lebt von konzisen und klaren Positionsbezügen und sucht immer wieder den Brückenschlag zur Realität ausserhalb der Welt der Kunst. Manche ihrer Werke zielen auf körperhafte Erfahrungen ab und lassen Besucherinnen und Besucher, die für solche Erfahrungen offen sind, die Wirkung gleichsam mit ihrem eigenen Körper spüren. Die Ausstellung ist nicht chronologisch aufgebaut. Vielmehr werden Besucherinnen und Besucher zum spontanen Parcours durch die Räume des Erweiterungsbaus des Kunst Museums Winterthur beim Stadthaus eingeladen. Die Künstlerin und der Kurator bespielen in «Routes of Dissonances» (so der Ausstellungstitel) die Räume locker und sparsam und mit Sinn für Ironisches. Sie geben dem Publikum die Freiheit, eigene Gedanken zu entwickeln und die Assoziationen gemäss eigenen Erfahrungen ausschweifen zu lassen.
Mona Hatoum wurde 1952 in einer palästinensischen Familie in Beirut geboren. Sie weilte 1975 in London, als der Bürgerkrieg in Libanon ausbrach, der eine Rückkehr nach Beirut verunmöglichte. Seit den 1980er Jahren tritt sie mit Skulpturen Videos und Performances an die Öffentlichkeit. Sie ist mit ihren Arbeiten in zahlreichen bedeutenden Museen zu Gast (u.a. Centre Pompidou Paris, Tate Moderne London, Menil Collection Houston). Sie erhielt international angesehene und teils hoch dotierte Preise wie zum Beispiel den Roswitha Haftmann-Preis (Zürich), den Käthe Kollwitz-Preis (Berlin), den Joan Miró-Preis (Spanien) und, in Japan, den Praemium Imperial. Mona Hatoum lebt in London und Berlin.
Kunst Museum Winterthur beim Stadthaus: Mona Hatoum – «Routes of Dissonane». Kuratiert von Konrad Bitterli. Bis 31. Januar.
Am 26. November wird Konrad Bitterli in einer Feier im Kunstmuseum Winterthur verabschiedet. Ihm folgt die 1974 in Lausanne geborene Carole Haensler nach. Sie leitet seit 2017 das Museo Civico Villa dei Cedri in Bellinzona und ist seit 2022 Präsidentin des Verbandes der Museen der Schweiz.