Peter Arnett, durch Einsätze für die AP im Vietnamkrieg und für CNN in Golfkriegen berühmt geworden, ist im Alter von 91 Jahren an Krebs gestorben. Nicht immer unumstritten, war er während Jahrzehnten einer der weltweit sichtbarsten Kriegsreporter.
Peter Arnett, 1934 in Riverton (Neuseeland) geboren, hat während 35 Jahren laut eigenem Bekunden über 17 Kriege in Asien, im Mittleren Osten, in Europa und in Südamerika berichtet – zuerst für die Nachrichtenagentur AP und später für den Nachrichtensender CNN und als freier Journalist.
Er hatte kurz nach der High School für die Lokalzeitung «Southland Times» zu arbeiten begonnen: «Ich hatte keine klare Vorstellung, wohin das Leben mich führen würde, aber ich erinnere mich an den ersten Tag, als ich als neuer Mitarbeiter die Redaktion betrat und mein kleines Pult vorfand und ich das ungemein schöne Gefühl hatte, meinen Platz gefunden zu haben.»
In Asien hängengeblieben
Doch Peter Arnett blieb nur ein paar Jahre bei der «Times» und in Neuseeland. Es zog ihn zu einem Blatt in London, aber auf der Schifffahrt dorthin stoppte er in Thailand und verliebte sich in Land und Region. Für die «Bangkok World» arbeitete er in Thailand und Laos, um in der Folge als Kriegsberichterstatter für die AP und Jahre später für das 1980 gegründete CNN zu arbeiten.
Für CNN interviewte er am 28. Januar 1991 in Bagdad während des Golfkriegs, der auf die Invasion Kuwaits durch den Irak folgte, Präsident Saddam Hussein. In seinen Memoiren «Live From The Battlefield» beschreibt Arnett detailliert, wie sein Gespräch mit dem irakischen Diktator ablief: «Er wirkte entspannt. Sein Schnurrbart war exakt getrimmt und sein dichtes schwarzes Haar gestylt. Er erinnerte mich an Bilder aus Hollywood-Filmen mit südamerikanischen Lovers.»
Interview mit Saddam Hussein
Saddam Hussein wollte wissen, weshalb Peter Arnett mit CNN-Kollege Bernie Shaw in Bagdad geblieben war, um vom Hotel «Al Rashid» aus direkt über Amerikas Krieg zu berichten, nachdem alle anderen westlichen Medienschaffenden die Hauptstadt zuvor verlassen hatten. «Ich habe ihm gesagt, das sei mein Beruf. Er lächelte breit. Das sei eine gefährliche Tätigkeit, meinte er, aber vielleicht müsse ich das nur ein letztes Mal tun. Ich erinnerte mich, dass er gesagt hatte, der Irak-Krieg sei die Mutter aller Schlachten.»
Peter Arnetts Kriegsberichterstattung aus dem Irak stiess in den USA auf heftige Kritik, nicht zuletzt sein Bericht über eine Fabrik, die irakischen Offiziellen zufolge Milchpulver herstellte, laut amerikanischen Regierungsvertretern aber eine Produktionsstätte des irakischen Militärs für Bio-Waffen war. Das Weisse Haus beschuldigte Arnett, ein «Überbringer irakischer Desinformation» zu sein, und der republikanische Abgeordnete Laurence Coughlin nannte ihn den «Joseph Goebbels von Saddam Husseins Hitler-ähnlichem Regime».
Interview mit Osama bin Laden
Nicht unumstritten blieb auch Peter Arnetts 90-minütiges Interview mit Al-Qaida-Führer Osama bin Laden, das er im März 1997 an einem geheimen Ort in den Bergen Afghanistans führte. Vier Jahre vor 9/11 drohte bin Laden, die USA mit Heiligem Krieg zu überziehen, und antwortete auf die Frage, was er denn plane: «Sie werden es, so Gott will, in den Medien sehen und hören.»
Peter Arnett war bereits 1975 einer der wenigen westlichen Medienschaffenden gewesen, die in Saigon blieben, als die südvietnamesische Hauptstadt vom Vietcong erobert wurde. Zuvor hatte er für die AP engagiert und kompetent über den Kriegsverlauf in Südostasien berichtet – unter anderem am 1. Juni 1969 in der «New York Times» über die Zerstörung des Dorfes Bokinh. «Während eines halben Tages hing das Schicksal dieses Weilers und zweier weiterer Dörfer südlich von Saigon in der Schwebe», schrieb er: «Würden sie leben oder sterben? Die Waagschale senkte sich, als ein amerikanischer Oberst, der für Zurückhaltung plädiert hatte, getötet wurde. Der Befehl wurde erteilt und Kampfbomber und Artillerie griffen ein.»
Kritik aus Washington DC
Das Ergebnis: 19 getötete Zivilisten, 59 Verwundete und 385 zerstörte Häuser: «Bokinh zeigte erneut, dass die Einheimischen als Schlüssel zu einem Sieg in Vietnam galten, sie aber zu einer sekundären Überlegung wurden, wenn es darum ging, sie entweder zu verschonen oder einen militärischen Sieg zu erringen.»
Wie später jene aus dem Irak blieb auch Peter Arnetts Berichterstattung aus Vietnam nicht ohne Echo in Washington DC. General William Westmoreland, Kommandant der US-Truppen in Vietnam, und Präsident Lyndon B. Johnson versuchten erfolglos, ihn abziehen zu lassen. Arnett misstraute der Propaganda vom «Licht am Ende des Tunnels» und berichtete wiederholt, wie amerikanische und südvietnamesische Truppen vom Feind überrannt wurden.
Seine Unerschrockenheit trug ihm 1966 den Pulitzer Preis für internationale Berichterstattung ein. Legendär etwa seine Depesche 1968 aus der zerbombten südvietnamesischen Stadt Ben Tre, in der er einen US-Major wie folgt zitierte: «Wir mussten die Stadt zerstören, um sie zu retten.»
Der spätere Karriereknick
Robert D. McFadden, während 63 Jahren Reporter der «New York Times», erinnert in seinem Nachruf daran, wie einfallsreich Peter Arnett sein konnte, wenn es darum ging, einen Bericht via Telex an die Zentrale zu übermitteln. Als 1960 Panzer in der laotischen Hauptstadt Vientiane den Weg zum Telegrafenbüro blockierten, schwamm Peter Arnett über den Mekong ans thailändische Ufer. «Ich hatte die mit der Maschine geschriebene AP-Story, meinen Pass und zwanzig 10 Dollarnoten zwischen meine Zähne gepresst», schrieb Arnett in seinen Memoiren: «Sie dachten ich sei verrückt, über den Fluss zu schwimmen, aber damals machte es für mich Sinn. Ich musste die Story (vom Staatsstreich in Laos) rausschicken, so schnell es ging.»
Peter Arnetts spätere Karriere verlief nicht mehr so glanzvoll wie zu Zeiten seiner Tätigkeit in Südostasien oder im Mittleren Osten. 1999 verliess er CNN, nachdem er über einen angeblichen Giftgasangriff auf amerikanische Deserteure in Laos während des Vietnamkrieges berichtet hatte, der dem Pentagon zufolge nie stattfand.
Von NBC entlassen
2003 wurde er vom US-Fernsehsender NBC trotz einer Entschuldigung entlassen, nachdem er am irakischen Staatsfernsehen gesagt hatte, der Kriegsplan der von den USA angeführten Koalition gegen den Irak sei ein Misserfolg (womit er nicht unrecht hatte). Im fraglichen Interview hatte er ferner gesagt, die irakische Moral sei stark, was für einige fast an Landesverrat grenzte: «Es ist klar, dass in den USA die Kritik an Präsident Bush in Sachen Kriegsführung zunimmt wie auch der Widerstand gegen den Krieg. So helfen unsere Berichte über zivile Verluste hier, über den Widerstand der irakischen Streitkräfte … jenen, die den Krieg ablehnen.»
Doch von seiner Entlassung erholte sich Peter Arnett nicht mehr richtig und zog sich 2007 als Reporter zurück, um noch einige Zeit an der Shantou Universität in China Journalismus zu unterrichten. Nach seinen 1994 publizierten 461-seitigen Memoiren «Live From The Battlefield» erschien 2015 noch das Buch «Saigon Has Fallen», die Erinnerungen an seine Zeit als AP-Reporter in Vietnam. Damals heiratete er auch Nina Nguyen, eine Vietnamesin, und hatte mit ihr zwei Kinder. Zwischenzeitlich geschieden und 2006 erneut verheiratet, blieb das Paar bis zu seinem Tod in New Port Beach (Kalifornien) zusammen.
Der Rat des Kollegen
«Peter Arnett war einer der grössten Kriegsberichterstatter seiner Generation – unerschrocken, furchtlos und ein begnadeter Schreiber und Geschichtenerzähler», zitiert John Rogers im Nachruf der AP Edith Lederer, eine frühere Kollegin des Verstorbenen: «Seine Berichte in Wort und Bild werden noch für Generationen aufstrebender Medienschaffender und Historiker beispielhaft sein.»
In einer Besprechung seiner Memoiren schrieb die «Los Angeles Times», Peter Arnetts Buch erinnere unmissverständlich daran, dass sich zwar die Technologie des Journalismus verändern möge, nicht aber was guten Journalismus ausmache: «Was wirklich zählt (…), sind Arnett zufolge Tatkraft, Geschick, Fantasie, Einfallsreichtum und schierer körperlicher Mut, alles Eigenschaften, die Arnett im Überfluss besitzt.»
Es sei, schreibt Arnett im Vorwort seiner Erinnerungen, für ihn stets eine Regel gewesen, nie etwas Gefährliches aus Spass zu unternehmen. Daran hat er sich offenbar gehalten, allen Kugeln, Bomben und Minen zum Trotz. Malcom Browne, Bürochef der AP in Saigon, hatte ihm einst geraten: «Lege dich unter Feuer flach hin; suche Deckung und bewege dich auf sie zu; komme keinem Übermittler oder Sanitäter zu nahe, denn das sind gesuchte Ziele; und wenn du einen Schuss hörst, steh’ nicht auf, um zu sehen, wo er hergekommen ist, denn der zweite Schuss könnte dich treffen.» Als Journalist ist Peter Arnett, mit wenigen Ausnahmen, stets aufrecht gestanden.
Quellen: AP, New York Times, Washington Post, «Live From the Battlefield»