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Kulturgeschichte

An der Grenze

2. Oktober 2026
Carl Bossard
St. Urban
Das ehemalige Zisterzienserkloster St. Urban (Bild: Wikimedia)

Mein Grossvater überschritt Konfessionsgrenzen nicht gerne. Als ich kürzlich im ehemaligen Zisterzienserkloster St. Urban stand, musste ich an ihn denken. Denn auch hier verläuft eine Grenze – und sie erzählt eine erstaunliche Geschichte.

Grenzen haben mich immer beschäftigt. Vielleicht, weil sie zugleich trennen und locken. Sie markieren das Ende des Vertrauten – und den Beginn des Anderen. Mein Grossvater überschritt solche Grenzen nicht gerne. Er stammte aus Zug. Über Baar wäre es hinauf zum ehemaligen Zisterzienserkloster Kappel kein weiter Weg gewesen. Doch für ihn lag da eine Grenze, die man nicht einfach überschritt: die Konfessionsgrenze. Er blieb auf seiner Seite.

An ihn musste ich denken, als ich in St. Urban stand. Auch hier verläuft eine Grenze. Nicht sichtbar. Kein Schlagbaum, kein Grenzpfahl. Ein kleiner Bach, die Rot, trennt das luzernische St. Urban vom bernischen Land. Hier katholisch, dort reformiert. Doch Grenzen zeigen sich nicht nur auf Landkarten. Man hört die Kulturgrenze auch am Dialekt. Und hier liegt sie sogar in der Hand: bei den Jasskarten.

Karte Alte Eidgenossenschaft
St. Urban an der historischen Nahtstelle zwischen dem reformierten Bern und dem katholischen Luzern. (Bild: Karte der Alten Eidgenossenschaft, 1515, Ausschnitt. Historischer Atlas der Schweiz, S. 86. Idee: Kurt Messmer)

Als Bern 1528 die Reformation einführte, blieb St. Urban katholisch. Das Zisterzienserkloster war plötzlich Grenzkloster zum reformierten Bern. Ein kleiner Bach. Eine grosse Geschichte.

Wer heute St. Urban hört, denkt vielleicht zuerst an die psychiatrische Klinik. Mich zog es aus einem anderen Grund hierher: zur Klosterkirche und in die Bibliothek. Denn hinter der mächtigen Fassade und zwischen den alten Büchern verbirgt sich eine Geschichte, die weit über die Klostermauern hinausweist – eine Geschichte von Konfession, Bildung und Grenze.

Sprechende Architektur 

Die Kirche spricht eine unmissverständliche Sprache. Sie lässt keinen Zweifel daran, auf welcher Seite sie steht. Zwei Türme mit roten Kuppelhauben. Wappen. Goldene Inschrift. Eine mächtige Fassade. Gebaut wurde sie 1711 bis 1717 unter Abt Malachias Glutz von Blotzheim, einem selbstbewussten Solothurner Patrizier, nach Plänen des Vorarlberger Baumeisters Franz Beer.

Die Zisterzienser sprachen ursprünglich eine andere architektonische Sprache. Der Reformorden stand für Einfachheit, Zurückhaltung, Konzentration. Keine überbordende Ornamentik. Nichts sollte von der Liturgie ablenken.

Und dann diese Fassade. Sie steht unmittelbar an der Grenze zum reformierten Bern. Auf katholischer Seite entstand eine Kirche von demonstrativer Grösse. Fast wie ein Wachtposten. «Hier sind wir!» Der Glaube bekam eine Fassade.

Klosteranlage St. Urban
Die barocke Klosteranlage von St. Urban. Aquarellierte Kopie einer alten Ansicht aus dem späten 18. Jahrhundert, um 1830 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Ms. 230.4, fol. 86)

Doch wer durch die Fassade tritt, erlebt eine Überraschung. Der Prunk wird leise. Weiss. Licht. Stuck. Die hohen, farblos verglasten Fenster lassen das Licht in den Raum fliessen. Die Deckenfelder bleiben ohne Fresken, die Nischen leer. Selbst im barocken Raum ist die zisterziensische Zurückhaltung noch spürbar.

St. Urban innen
Innenansicht mit Blick zum Chor und auf die charakteristischen Wandpfeiler (Bild: Heinz Amstand)

Das fasziniert mich: aussen Monumentalität, innen Licht und Stille. Der Barock wird leise. Als hätte der alte Orden im repräsentativen Bau noch ein Wort mitzureden.

Auch das Chorgestühl erzählt eine Geschichte. Nach der Aufhebung des Klosters 1848 wurde es aus Geldnot verkauft und später aus Irland zurückgeholt. Heute steht es wieder an seinem alten Ort – als Eigentum der Gottfried-Keller-Stiftung.

Ort der Bildung

Und dann die Bibliothek! Hier stehen noch Bücher aus der Klosterzeit. Darunter Lehrbücher von Pater Nivard Krauer. St. Urban war nicht nur ein Ort des Gebets und der Repräsentation. Hier wurde auch gelehrt und über Unterricht nachgedacht. Ende des 18. Jahrhunderts entstand aus einer Musterschule und der sogenannten Normalschule ein Lehrerseminar. Krauer war eine treibende Kraft dieser frühen Volksschulreform. Er entwickelte Lehrmethoden und Lehrmittel und bildete Lehrer aus. Von hier gingen Impulse für einen systematischen Unterricht aus.

Ausgerechnet hier, an einer Konfessionsgrenze, entstand das erste Lehrerseminar der Schweiz. Das ist vielleicht das Überraschendste an der Geschichte von St. Urban: Bildung überschritt eine Grenze, an welcher der Glaube die Menschen trennte.

Die grosse Orgel wurde 1716 bis 1721 gebaut von Joseph Bossard aus Baar. Wieder führt eine Spur zu meinem Grossvater. Der Weg von Zug nach Kappel hätte über Baar geführt – ein Weg, den er wegen der Konfessionsgrenze nicht gehen wollte. Und nun stehe ich in St. Urban vor einer Orgel aus Baar.

St. Urban, Orgel
Blick auf die grosse Orgel, einen Wandpfeiler und die Empore (Bild: Heinz Amstad)

Manchmal überschreiten Dinge die Grenzen, welche Menschen nicht überschreiten wollen. Vielleicht ist das die Geschichte dieses Ortes. Grenzen können Menschen trennen. Über Jahre. Über Generationen. Sie können in Köpfen länger bestehen als auf Landkarten. Doch Grenzen sind nicht nur Trennlinien. An ihnen begegnen sich Dinge, Kulturen, Konfessionen, Sprachen, Menschen, Ideen. In St. Urban wurde die Grenze in Stein sichtbar. Zugleich gingen von diesem Grenzort Impulse für Bildung aus. Bücher wanderten. Das Chorgestühl kehrte zurück. Die Orgel stammt aus Baar.

Und ich denke wieder an meinen Grossvater. Er blieb auf seiner Seite der Grenze. Ich weiss nicht, ob Grenzen immer überschritten werden müssen. Aber man sollte wissen, wo sie verlaufen. Man sollte sie kennen.

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