Als Bach noch jung war …

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Als Bach noch jung war …

Von Annette Freitag, Erfurt - 05.05.2019

… da lebte er in Thüringen. Geburtsort war Eisenach, dann ging es weiter nach Ohrdruf, Weimar, Arnstadt, Köthen und erst dann nach Leipzig.

Das war im Jahre 1723 und Bach war inzwischen 38 Jahre alt. Bis zu seinem Tod war er in Leipzig 27 Jahre lang Thomaskantor. Aber geprägt haben ihn die Jahre in Thüringen. Kein Wunder also, dass Thüringen seinen berühmten Sohn alljährlich so um Ostern herum mit „Bachwochen“ ehrt, einem Festival, das an den verschiedenen Bach-Original-Schauplätzen stattfindet.

Karfreitagabend in Erfurt, der Landeshauptstadt Thüringens. Hier treffe ich Rudolf Lutz im gut versteckten, lauschigen Garten eines Hotels mitten in der Altstadt. Die lange Bahnfahrt von St. Gallen nach Erfurt hat er längst weggesteckt. Jetzt sitzt er bei einem Glas Weissburgunder und blättert in seinen Noten. Als künstlerischer Leiter der St. Galler Bachstiftung, als Dirigent und Organist ist er einer der fundiertesten Bach-Kenner der Schweiz. Zum zweiten Mal ist er nun als Pianist und Organist an den Thüringer Bachwochen dabei. Dort aufzutreten, wo auch Bach es schon tat, das sei schon speziell, sagt er. „Wenn man in Eisenach neben dem Taufstein steht, oder an all den anderen Orten, dann berührt einen das sehr … Aber am nächsten ist mir Bach immer noch, wenn ich mir eine Partitur vornehme …“ Untermalt wird unser Gespräch vom Gesang einer Amsel, hinzu kommt noch das Glockenspiel der Kirche nebenan … vielleicht eine Bach-Improvisation …? Der soundtrack für die nächsten Tage? Rudolf Lutz freut sich über die Klänge des Glockenspielers. „Es ist ein schönes Festival“, sagt er, „jugendlich und innovativ mit eigenen Ideen, junge Künstler treten auf, aber auch ganz renommierte, eine tolle Mischung.“

Während Lutz sich wieder auf seine Noten und das Konzert vom nächsten Tag konzentriert, reise ich am Abend weiter nach Weimar. Um 22 Uhr führt dort das Trio „Continuum“ in der Jakobskirche die Johannespassion auf. Verdichtet zu intensiver Kammermusik, wie es im Programmheft heisst. „Grüssen Sie Elina Albach von mir“, hatte mir Rudolf Lutz noch aufgetragen. „Sie war Studentin von mir an der Basler Schola Cantorum“, fügt er noch bei. Die junge Cembalistin tritt mit einem Tenor und einem Perkussionisten auf. Die Johannespassion in ganz neuer Besetzung, fremd, irritierend, spannend. Die Kirche ist vollbesetzt und jeder hat Text und Noten vor sich: hier wird das Publikum zum Chor, angeleitet und dirigiert vom Tenor. Erstaunlich, denke ich, wie gekonnt wir singen … wir, das Publikum. Alle sind integriert in den Abend, aktiv singend, und damit aktiv hörend.

Gegen Mitternacht, nach dem Konzert, ist es dunkel in Weimar. Dunkler, als wir es gewohnt sind. Die Strassenbeleuchtung ist warm und gedämpft, Leuchtreklame gibt es kaum. Hier darf die Nacht noch dunkel sein, hat die Stadt beschlossen. Und die Johannes-Passion klingt nach.

Gegründet nach dem Mauerfall

Am nächsten Tag besuche ich Christoph Drescher. Er leitet das Festival und hat sein Büro mitten auf der malerischen Krämerbrücke. Dort, wo sich täglich Tausende von Touristen aneinander vorbei bugsieren. Eine geschichtsträchtige und spannende Adresse: im Mittelalter war die Krämerbrücke Teil der „Via Regia“ und ist die längste durchgehend mit Häusern bebaute Brücke Europas. „Krämerläden“ hatten sich schon früh angesiedelt, denn die „Via Regia“ war einer der wichtigsten Handelswege zwischen Russland und Spanien. Heute haben sich die „Thüringer Bachwochen“ in einem der schmalen Fachwerkhäuser niedergelassen.

Christoph Drescher – initiativer Intendant der Bachwochen Foto © Marco Borggreve
Christoph Drescher – initiativer Intendant der Bachwochen Foto © Marco Borggreve

„Das Festival ist eine Gründung der frühen ‚Nach-Mauerfall-Zeit‘“, sagt Christoph Drescher. „Damit wurden zunächst viele Konzerte zusammengefasst, die ohnehin in der Region stattfanden – und ich rutschte in die Leitung hinein …“ Nicht ganz zufällig freilich, denn Drescher spielte als Schüler Cello, gründete bereits mit 16 das Landesjugendorchester und studierte in Hamburg Musikwissenschaft. „Zuhause bin ich ganz klassisch mit Bach sozialisiert worden, das gehört zu meiner DNA“, sagt er. „Ich fand es spannend, mit diesem Festival in Thüringen die Geschichte zu erzählen, dass Bach nicht irgendwann als Ufo in Leipzig gelandet ist, sondern dass es eine Geschichte davor gibt und die spielt in Thüringen, wo Bach mit seiner Familie die Hälfte seines Lebens verbracht hat.“ Thüringen habe damit einen Trumpf in der Hand, den es viel zu wenig ausspiele. Diese Nähe zu Bach sei schliesslich für die Künstler selbst genauso spannend wie für das Publikum. „Im Sommer führen wir auch noch eine Akademie durch, da kommen ganz junge Musiker aus aller Welt. 20, 21 Jahre sind sie alt und spielen Kantaten, die Bach komponiert hat, als er genau so jung war wie sie heute.“ Das seien prägende Eindrücke für die jungen Leute, sagt Drescher.

Am Nachmittag geht’s dann zur Schlosskirche in Gotha. „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“. Passionsmusik – aber nicht von Bach. Stattdessen von einem gewissen Gottfried Heinrich Stölzel. Ein Werk, das vor zehn Jahren in St. Petersburg wieder aufgetaucht ist, das aber Johann Sebastian Bach 1734 in der Thomaskirche aufgeführt hatte. Bach war offenbar ganz angetan von Stölzel, der das Werk genau für diese Schlosskirche in Gotha geschrieben hatte, wo es nun zum ersten Mal seit dem 18. Jahrhundert von der Rheinischen Kantorei wieder aufgeführt wurde. Die Kirche ist Teil des gigantischen Schlosses Friedenstein, dem grössten Schlossbau Deutschlands aus dem 17. Jahrhundert. Am Karfreitag des Jahres 1717 hat Bach höchstpersönlich hier ebenfalls ein Passionskonzert geleitet. Man glaubt, es noch zu spüren, wenn man in der Kirchenbank sitzt und bekommt Gänsehaut … vielleicht aber auch nur wegen der klammen Glieder, die man unweigerlich in der nicht heizbaren Kirche bekommt. Schön ist sie trotzdem.

Bach & Bauhaus

Abends dann Weimar, das dieses Jahr ganz im Zeichen von 100 Jahren Bauhaus steht. Bauhaus und Bach? „Es gibt Ideale, die Bach sehr nah waren“, hatte Drescher am Morgen gesagt. „Funktionalität, Struktur, Form und Handwerk. Das ist auch in der Musik spürbar. Wenn man Fugen, Kontrapunkt und die Zyklen anschaut, sieht man, dass da auch vieles mit Zahlen hinterlegt ist.“ „Bachs Werkzeugkasten“ heisst folglich das Abend-Programm im soeben eröffneten neuen Bauhaus-Museum. Ausgepackt wird der Werkzeugkasten vom St. Galler Rudolf Lutz, gemeinsam mit dem Musikhistoriker Anselm Hartinger.

Rudolf Lutz: auf Bachs Spuren unterwegs von St. Gallen nach Erfurt und Weimar
Rudolf Lutz: auf Bachs Spuren unterwegs von St. Gallen nach Erfurt und Weimar

Lutz improvisiert die musikalischen Beispiele auf dem Flügel, Hartringer begleitet ihn durchaus wissenschaftlich mit launigen Texten. „Die Idee, dass man Handwerk und Kunst zusammenbringt, ist ein wunderbarer Gedanke“, sagt Rudolf Lutz dazu. „Um das sogenannte Komponistenhandwerk zu erläutern, ist Bach doch ideal. Er kommt immer auf die Form zurück. Also obwohl man normalerweise einen Bauhaus-Sessel nicht mit einem Bach’schen Stück vergleichen würde, ist es doch vom grundsätzlichen Gedanken her faszinierend!“ Und so werfen sich Lutz und Hartinger Klänge und Worte zu, greifen sie auf und liefern eine höchst vergnügliche und zugleich lehrreiche Improvisation über Bach & Bauhaus. Das Publikum ist begeistert.

Am nächsten Tag, am Ostersonntag, wird Rudolf Lutz die Orgel der Predigerkirche in Erfurt spielen. Am Vormittag kann man ihm schon beim Proben zuhören. Es sind Improvisationen, auf die sich Lutz einstimmt, Tonbilder zu Bach, Luther und Faust. Ich sitze allein unten in der Kirchenbank, während von oben die Orgel den noch leeren Raum mit ihrem mächtigen Klang füllt. Ein paar Touristen spitzen die Ohren, machen Fotos und gehen weiter. Schade, denke ich, dass man nicht überall sein kann, denn wenn das Konzert beginnt, werde ich schon in Eisenach sein, dem Geburtsort von Bach.

Eindrückliche Schweizer Beteiligung

In der Eisenacher Georgenkirche hatte schon Martin Luther wortstark gepredigt und zur Reformation aufgerufen. Mitglieder des weitverzweigten Bach-Clans spielten hier während Jahrzehnten die Orgel und Johann Sebastian wurde hier am gleichen Taufstein getauft, der noch heute dem gleichen Zweck dient. „Gli Angeli Genève“, führen Bach-Kantaten auf.

„Gli Angeli Genève“ in Bachs Geburtsort Eisenach  Foto © Studio Beetz
„Gli Angeli Genève“ in Bachs Geburtsort Eisenach Foto © Studio Beetz

Das Genfer Ensemble gehört mittlerweile zu den Stammgästen der Thüringer Bachwochen. Für Stephan McLeod, Bariton und Leiter der „Angeli“, sind die Konzerte an den Bach-Orten etwas ganz Besonderes. Direkt neben dem Taufstein stehend, habe er fast nicht mehr singen können beim Gedanken, dass hier Bach getauft worden sei, erzählt er Intendant Christoph Drescher beim Zusammenpacken.

Abends dann Cello-Suiten in der Alten Synagoge in Erfurt. Ein historischer Ort, ein schicksalsschwerer Ort. Es ist die älteste noch erhaltene Synagoge Europas und sie ist über 900 Jahre alt. Hier in diesem alten Gemäuer sitzt Ursina Braun, eine junge Zürcherin und stimmt sich ein. (Bild: siehe oben) Ernst und ganz auf sich und auf Bach konzentriert spielt sie dann drei Cello-Suiten. In Salzburg hat sie studiert, in Leipzig wurde sie Preisträgerin des Bach-Wettbewerbs und sie komponiert darüber hinaus auch noch. Das Publikum ist fasziniert vom Spiel der jungen dunkelgelockten Cellistin. Und sie selbst, wie hat sie ihren Auftritt in diesem geheimnisvollen Synagogenraum erlebt? „Megaschön …!“ sagt sie ganz verklärt. „Es ist wahnsinnig stimmungsvoll hier. Am Nachmittag habe ich schon zwei Stunden hier gespielt. Ganz allein …“ Ihr Cello-Lehrer in Zürich habe sie für jede Unterrichtsstunde einen Bach-Satz vorbereiten lassen, erzählt sie. „So habe ich das extrem verinnerlicht. Bach ist mir sehr nahe.“ Und welche Rolle spielt nun hier der Ort für sie? „Also beim Spielen muss ich mich auf ganz anderes konzentrieren … aber hier zu sein, ist schon sehr berührend.“

Die nächste junge Musikerin ist anderntags die polnische Geigerin Maria Wloszczowska in der Kirche St. Bartholomäus in Dornheim. Erst angespannt, dann vom Applaus angespornt, macht auch sie Bach alle Ehre. In dieser idyllischen kleinen Kirche hat Johann Sebastian Bach seine erste Frau Maria Barbara geheiratet. Dies am 17.10.1707, einem Tag, der bei Bachs mathematischen Zahlentüfteleien, die auch in seine Musik einflossen, wohl kaum ein Zufallsdatum war …

Wie Bach zu Fuss unterwegs

Zu Fuss wandern wir Bach-Liebhaber anschliessend unter geschichts- und vor allem bachkundiger Führung durch die blühende thüringische Landschaft weiter nach Arnstadt, wo Bach im Alter von 18 Jahren als Organist angestellt wurde.

Arnstadt, hier begann Johann Sebastian Bach seine Laufbahn.  Foto © Annette Freitag
Arnstadt, hier begann Johann Sebastian Bach seine Laufbahn. Foto © Annette Freitag

Auch Bach war gut zu Fuss unterwegs damals, erklärt uns die Wanderführerin. Als ihm zu Fortbildungszwecken ein vierwöchiger Urlaub bewilligt wurde, marschierte Bach per pedes 400 km nach Lübeck, um sein grosses Vorbild, den Organisten und Komponisten Dietrich Buxtehude „zu behorchen“, wie er schrieb. Dies tat Bach so ausgiebig, dass sein Bildungsurlaub vier Monate statt vier Wochen dauerte. Auf Vorhaltungen seiner Vorgesetzten in Arnstadt rechtfertigte er sich damit, „er sey zu Lübeck geweßen umb daselbst ein und anderes in seiner Kunst zu begreiffen“. So ist es in den Arnstädter Annalen protokolliert.

Zur Stärkung noch ein Stück Thüringer Mohnkuchen – das muss sein –, dann geht es schon zum nächsten Konzert in die Bachkirche, auf deren Orgel der junge Johann Sebastian sein erstes Geld als festangestellter Organist verdiente. Diesmal wird aber nicht Orgel gespielt, diesmal sitzt der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard am Flügel.

Pierre-Laurent Aimard – eigenwilliger und furioser Bach-Interpret Foto © Jens Haentzschel
Pierre-Laurent Aimard – eigenwilliger und furioser Bach-Interpret Foto © Jens Haentzschel

Eigenwillig wie einst auch Bach, kombiniert Aimard die Goldbergvariationen mit Klavierstücken von Anton Webern und Karlheinz Stockhausen. Und wie Aimard dann nach dieser etwas sperrigen Einleitung die Goldbergvariationen spielt, ist phänomenal. Wie er mit Tempo und Rhythmus variiert und wie er zwischendurch rasant Gas gibt, das lässt die wohlbekannten Stücke völlig neu erscheinen. Manch einer, der anschliessend den Heimweg antritt, dürfte ziemlich durchgerüttelt sein. Nicht nur vom Kopfsteinpflaster, sondern auch von Bach, den er so noch nie gehört hat.

Sieben Konzerte von insgesamt 70 Konzerten, die an 15 verschiedenen Bach-Orten quer durch Thüringen stattfanden. Jedes Konzert war anders, jedes hatte mit Bach zu tun und jedes macht Lust aufs nächste. Es ist eine Abenteuerreise mit Suchtgefahr durch das Universum Bach. „Ich glaube, das Einzigartige an Bach ist, dass seine Musik so universell ist, dass sie immer wieder aufs Neue fasziniert, dass sie einem nie zu viel wird und dass sie die unheimliche Kraft hat, Ohren zu reinigen und die Basis für das zu sein, was musikalisch danach gekommen ist“, sagt Christoph Drescher. „Wie kein anderer hat Bach es geschafft, Massstäbe für die Musik zu setzen.“

Und dies auch schon, als Bach noch jung war …

Die nächsten „Thüringer Bachwochen“ finden vom 3.–26. April 2020 statt

www.thueringer-bachwochen.de

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