Ach, die Bayern

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Ach, die Bayern

Von Stephan Wehowsky, 04.11.2014

"Bierfest" heisst der neueste Bildband von Michael von Graffenried. Er blickt tief in die Seele eines seltsamen Volkes.

Irgendwie hatte man sich an das Volk der Bayern gewöhnt. Die Zeiten, in denen Franz Josef Strauss mit seiner Kanzlerkandidatur den Rest der Republik in höchste Unruhe versetzte, sind schon lange vorbei. In der gegenwärtigen Grossen Koalition erscheinen die Abgesandten aus Bayern und ihr dortiger Chef Horst Seehofer nur noch wie eine Truppe harmloser Poltergeister.

© Michael von Graffenried
© Michael von Graffenried

Der Bildband von Michael von Graffenried löst dagegen heftige und unangenehme Gefühle aus. Man sieht viele Menschen, und das Wort „sympathisch“ käme einem dabei kaum in den Sinn. Es sind seltsame Gestalten, die sich zum „Bierfest“ versammeln, und was sie unter Feiern verstehen, erschliesst sich ebenso so wenig wie ihre Art von Humor.

Trübe Geschäftigkeit

Bei manchen Bildern hat man den Eindruck, dass bei den Bayern das Feiern mit einer Art von Trotz verbunden ist. Woher der Trotz kommt und wogegen er sich richtet, erschliesst sich nicht. Statt festlicher Stimmung schlägt einem nur der Eindruck trüber Geschäftigkeit entgegen.

Die Bayern treffen sich, trinken Bier, zeigen sich in Tracht, tanzen sogar mal eine Polka  – und das sieht ganz besonders deprimierend aus. Was treiben die im normalen Leben? Was reden sie untereinander?

© Michael von Graffenried
© Michael von Graffenried

Michael von Graffenried hat für diesen Bildband eine spezifische Beobachterperspektive gewählt. Er fotografierte mit einer speziellen Panoramakamera, die er sich vor den Bauch bindet und die er unbemerkt auslösen kann. Mit dieser Kamera, die er vor langer Zeit auf einem Flohmarkt in Paris erworben hat, sind schon viele Bilder entstanden, zum Beispiel in Algerien.

Kein freundlicher Akt

Als er mit ihr in Algerien fotografierte, hat er sich immer wieder die Frage gestellt, ob es ethisch erlaubt ist, von Menschen ohne ihr Wissen und ihr Einverständnis Fotos zu machen. Diese Frage trieb ihn so um, dass er extra wieder nach Algerien gereist ist, um den Menschen ihre Bilder „zurückzugeben“. Dazu diente eine Ausstellung in Varanasi, später in Algier, und in einem Dokumentarfilm liess Graffenried die Menschen ausführlich zu Wort kommen.

© Michael von Graffenried
© Michael von Graffenried

Man kann sich kaum vorstellen, dass ähnliche Gewissensbisse Michael von Graffenried diesmal umtreiben. Und käme er auf die Idee, diese Bilder in München auszustellen, würde das ganz gewiss nicht wie ein freundlicher Akt der Versöhnung aufgefasst. Aber diese Gefahr besteht ganz sicher nicht.

Wie hinter Glas

Die Menschen erscheinen wie hinter Glas. Wohl selten ist ein Fotograf so nah an Menschen herangegangen, um in seinen Bildern ein Maximum an Distanz zum Ausdruck zu bringen. Das ist geradezu unheimlich. Man sieht Menschen aus nächster Nähe, für die man nicht das mindeste Mass an Sympathie empfinden kann. Sie sind nur ein seltsames Volk.

Und dann diese unheimliche Dramaturgie dieses Bildbandes, der im Übrigen auf jedes erläuternde Wort verzichtet. Das Fest beginnt, die Menschen strömen hinzu, sie sind zum Teil festlich, zum Teil bunt in traditionelle Uniformen und Kleider gehüllt. Überhaupt das Bunte. Man sieht ordinärsten Plüsch, bunte Süsswaren und grelle Tücher, Jacken und Hüte. Die Bilder schreien geradezu.

© Michael von Graffenried
© Michael von Graffenried

In zahlreichen Aufnahmen hält Graffenried das Treiben fest, dem jeder Mittelpunkt fehlt. Man sieht die Festzelte, Karussells und Achterbahnen, und hier und da scheint auch so etwas wie eine offizielle Festversammlung stattzufinden. Aber ganz sicher ist man sich nicht. Denn die Menschen sind auf allen Bildern so beziehungslos – als träfen sich lauter Solitäre, die gar nicht wissen, was Geselligkeit ist.

© Michael von Graffenried
© Michael von Graffenried

Das ist schon deprimierend genug, aber gegen Ende des Bandes dreht sich das ohnehin amorphe Geschehen ins Unerträgliche. Da gibt es Bierleichen, Schlägereien, verkaterte Paare, Eingreifen von Polizei und privaten Sicherheitskräften – es ist zum Weglaufen.

Mit seinem letzten Bild treibt Graffenried den Sarkasmus auf die Spitze. Nachdem er das ganze Elend übermässigen Bierkonsums gezeigt hat, betritt man mit ihm wieder eine Festhalle, Trachtenmädchen stehen auf den Biertischen und winken mit und ohne Humpen dem Beobachter zu; es herrscht eine Bombenstimmung.

© Michael von Graffenried
© Michael von Graffenried

Michael von Graffenried hat einen auch formal sehr ungewöhnlichen Bildband vorgelegt. Seine Panoramaaufnahmen erfordern das Querformat, und alle Aufnahmen füllen die Doppelseiten. Oft schaut die Kamera von unten nach oben; manchmal ist sie fast auf Augenhöhe. Die Bauweise der Kamera und die Art ihrer Handhabung lassen kein akzentuiertes Spiel mit der Schärfe zu.

Überdruss

Meistens wirkt der Hintergrund schärfer als der Vordergrund, auch wenn der inhaltliche Fokus des Bildes eindeutig auf dem Vordergrund liegt. Dadurch entsteht ein ganz merkwürdiger Effekt. Das ganze Geschehen bekommt etwas Surreales. Und da die Bilder sich formal ganz ähnlich aneinanderreihen, entsteht ein Eindruck der Monotonie, wobei man die Augen vom Geschehen nicht abwenden kann. Der Betrachter gerät in die Rolle eines realen Besuchers, der rasch Überdruss empfindet, aber es nicht schafft, seine Blicke zu lösen und nach Hause zu gehen.

So ist dieser Bildband auch formal ein gewagtes Experiment. Aber es ist gelungen. Denn der Bildband bringt etwas authentisch zum Ausdruck, was sich alle Jahre wieder in München auf dem Oktoberfest abspielt - vor aller Augen und doch merkwürdig verborgen. Das Volk der Bayern bleibt bis heute in seinem Treiben und mit seinen Trieben voller Rätsel.

Mchael von Graffenried, Bierfest, Steidl Verlag, Göttingen 2014

Ich mag Graffenried sonst sehr, aber sich eine Kamera umhängen u im geheimen abdrücken schaut mir eher nach knipsen aus. Da ist wohl der Name, welcher Kunst erzeugen soll. Solche Bilder existieren wohl zuhauf auf bei vielen, die am 'Gaudi' schon teilnahmen.
Dass damit noch die Seele der Einheimischen offenbart werden soll, finde ich mehr als übertrieben. Nicht nur, dass die Münchner vermutlich bald in Unterzahl auf ihrer geliebten Wiesn sind, sondern auch dass sie ihre Seele kaum an einem einzigen Anlass dem Fremden offenbaren werden. Ich kann den Kommentar von Frau Dreier nur zu gut verstehen. Ich bin seit Jahren ein regelmässiger Besucher dieser tollen Stadt mit seinen sehr liebenswürdigen Besuchern. Nur zum Oktoberfest gehe ich nicht genau aus den Gründen, welche im Kommentar von Frau Dreier genannt werden. Es sieht für mich eher danach aus, als dass man den Münchnern IHR Fest gestohlen hat, um es erfolgreich im Ausland zu verkaufen. Sogar bei uns in Zürich gibt es eines, welches sich sogar zur Bezeichnung 'original' versteigt, kein Witz! Was an der Limmat wohl echt nach Bayern aussieht? Nur weil einer Lederhosen trägt mutiert er ja nicht autom zum original Bajuwaren, oder?
Noch etwas zur Seele der Bayern: mit etwas Respekt, Zeit u echtem Interesse und wenns grad passt, zeigt sie sich auch einem Eidgenossen. Und was da zum Vorschein kommt ist nicht sonderbar, eher eigen, stark verwuzelt u vor allem sehr sehr liebenswürdig u sensibel.
Also liebe Bayern: bleibts wie ihr schon immer ward....

keine Frage, das Oktoberfest ist eine Massenabfertigung, ich denke aber, ähnliche Fotos könnte von Graffenried auch auf manchen Open Airs in der Schweiz machen. Mit dem jeweiligen "Volk" hat das nicht allzu viel zu tun. Ich habe 2 Jahre Militärdienst in Oberbayern gemacht und habe heute noch viele Freunde, die Bayern sind und sich auf dem Oktoberfest nicht blicken lassen. Auf dem Internationalen Bergfilmfestival in Tegernsee habe ich vor drei Wochen das andere Bayern erlebt: aufgeschlossen für fremde Kulturen, liebenswürdig, gastfreundlich, humorvoll und bescheiden.

Ja das Oktoberfest ist degeniert, wie alles, was zu gross wird, hypertroph. Der wunderbare Film "Kehraus" von Gerhart Polt hat das vor vielen Fahren schon toll beschrieben, aber mit Distanz und Menschlichkeit zugleich, nicht nur intellektuell überheblich wie von Graffenried. Und dann: Oberbayern ist eine der schönsten Landschaften der Welt, mit freundlichen Leuten - "Habe die Ehre" - und saftigem Essen.

Vorweg zu mir.
Ich bin geborene Münchnerin, und gehe mittlerweile nicht mehr gerne auf das Oktoberfestes. Früher bin ich gerne auf die Wiesn gegangen, mit meinen Kindern, zum Karusellfahren, zum Hendlessen, was man halt so auf der Wiesen gemacht hat. Dieses Jahr war ich nicht mehr dort. Die Atmosphäre ist nicht meine, zu laut, zu oberflächlich ….

Meines Erachtesn trifft der Aufhänger Ihres Kommentares „Ach, die Bayern“ und die Schlussfolgerung, angeblich schaut dieser Bildband tief in die Seele eines seltsamen Volkes , den Sachverhalt nicht.

Wie viel „Bayern“ ist denn wirklich auf dem Oktoberfest.

Wissen Sie, wie viele Besucher aus anderen Bundesländern, aus anderen Ländern und sonst woher extra zum Oktoberfest kommen. Es gibt das sogenannte Italienerwochenende, da sind geschätzt mehrere 10.000 Italiener in München. www.muenchen.de/veranstaltungen/oktoberfest/oktoberfestnews/italienerwoc...
Wenn sie mal gesehen haben wie viele Berliner, Hamburger usw. schon in Trachtenkleidung in Berlin, in Hamburg usw. in den Flieger steigen, um extra nach München zu fliegen und auf die Wiesen zu gehen.
Dann kauft sich fast jeder Besucher, der von außerhalb (nicht Bayern) kommt, ein Trachtengewand. Das im Übrigen diesen Namen nicht verdient.
Ehrlichgesagt, ich verstehe das nicht. Es ist wohl wie verkleiden. Und sie werden von vielen Einheimischen ähnliches hören. Sie hätten gerne Ihre alte Wiesn wieder. Das Oktoberfest wurde national und international kommerzialisier, das liegt wohl im Trend der Zeit.
Ich würde es unter „Brot und Spiele“ einsortieren. Und sie können ähnliche Entwicklungen überall beobachten. Das Bild oder die Bilder in dem Bildband sind somit in meinen Augen kein Abbild eines seltsamen Volkes, sondern ein Abbild der Entwicklung unserer Gesellschaft zur Kommerzialisierung und dem extremen Drang sich zu amüsieren, ohne Sinn und Verstand.

Mit freundlichen Grüßen
m.dreier

Ich kann Ihre Meinung nur zu gut verstehen u meide daher diesen ins Ausland verkauften Klamauk, obwohl ich sonst seit Jahren regelmässig in Ihrer tollen Stadt zu Besuch weile (siehe dazu auch meinen Kommentar oben).

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