Abschied vom Homo globalis

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Abschied vom Homo globalis

Von Eduard Kaeser, 06.04.2017

Wir stehen heute vor der Globalisierung wie der Zauberlehrling vor dem Besen.

Kräfte sind geweckt worden, deren Wirkung und Reichweite wir zu wenig oder überhaupt nicht bedachten. Vor gut zehn Jahren konnte der amerikanische Journalist Thomas Friedmann in seinem Bestseller hinausposaunen: „Die Welt ist flach“ – eine Ökumene des wirtschaftlichen und kulturellen Austauschs, in der die nationalen Grenzen und die Handelshindernisse abgeschafft sein und ein friedlicher vernetzter Kommerz in allen menschlichen Geschäften herrschen würde. Das war schon damals ein flacher, technikfrommer Traum.

Die Liquidierung des Menschen

Wie es scheint, erwachen wir ziemlich brutal daraus. Gewiss, wir leben in einer Zeit der kulturellen Durchmischung, der technologischen „Disruptionen“, des globalisierten Marktes. Die Vision des globalen Dorfs ist nicht Wirklichkeit geworden, das resultierende Nahverhältnis der Kulturen zahlt sich nicht notwendig in einem besseren gegenseitigen Verständnis aus. Im Gegenteil. Mit der räumlichen Nähe kontrastiert die kulturelle Distanz, heute immer mehr: die Abschottung, Segregation, der Nächstenhass, wie ihn Hans Magnus Enzensberger unverblümt in seinem Essay über den anstehenden „molekularen“ Bürgerkrieg genannt hat.

Enzensbergers Charakterisierung ist insofern treffend, als sie die heutigen politischen Verhältnisse in ein eingängiges quasi-hydrodynamisches Bild fasst. Die Globalisierung hat einen flüssigen demographischen Aggregatszustand geschaffen, in dem die Menschen zu fast bindungslosen „Molekülen“ – also buchstäblich liquidiert – werden. Was wir jetzt beobachten, ist eine Reaktion auf diese Verflüssigung: lokale populistische und nationalistische „Embolien“ sozusagen.

Das Stammestier Mensch

Diese Reaktion wurde nicht mitbedacht. Die Globalisierer reiben sich die Augen: Man träumte von Integration und Eintracht, stattdessen stellt man Desintegration und Zwietracht fest. Sollte man überrascht, ja, schockiert sein angesichts dieses Backlash? Oder könnte es sein, dass die Verfechter des Globalismus einen fundamentalen Wesenszug des Menschen sträflich vernachlässigt haben: seine Stammesnatur?

In der Perspektive der technologischen und ökonomischen Weltverbesserer erscheinen die zahlreichen Gegenbewegungen zum Globalismus als „Anomalien“ eines unaufhaltsamen Menschheitsfortschritts, als Tribalismus. Was aber, wenn es sich hier um den Normalfall handelte? Genau dies hielt übrigens bereits Johann Gottfried Herder – einer der Inspiratoren der Nationalstaatsidee – dem Kosmopoliten Kant entgegen: Der Mensch ist „von Natur“ kein Weltbürger, er will heimische Provinz und Kultur. Er ist ein lokales Wesen.

Der „Homo globalis“ ist dagegen ein ökonomisches Konstrukt, noch am ehesten verkörpert durch die Gestalt des überall auf Konferenzen herumwieselnden „Homo davosiensis“: Angehöriger eines internationalen Söldnertums aus Managern, Finanzexperten, Beratern, die durch die Globalisierung zu Macht und Einfluss gekommen und in der Regel nicht einem Land verpflichtet sind. Um im Bild von Friedmann zu bleiben: Die Wirtschaftswelt mag ja zu einer Fläche planiert werden, aber Menschen brauchen eine dazu orthogonale Achse: die Vertikalität eines sinnvollen Lebens.

Die Tiefendimension des Lokalen

Diese Tiefe hat viel zu tun mit dem Lokalen. Wenn man zum Beispiel von der „France profonde“ spricht, meint man damit eine Dimension der Region und ihrer Geschichte, die den Humus menschlicher Existenz abgibt: ihr Gewachsensein. Darin liegt durchaus eine positive Bedeutung der Provinzialität. Sie hat nichts zu tun mit Patriotismus, Chauvinismus und Rückschritt, vielmehr drückt sie das Bedürfnis jedes Menschen nach „seinem“ Ort aus, nach einem Lebenssinn als Ortsinn in der Welt; eigentlich ein Bedürfnis nach Identität. Wie Jürgen Osterhammel, der bekannte Historiker der Globalisierung, schreibt: „Wo man ist, ist nicht bedeutungslos. Lokalität bleibt Schicksal. Welten trennen die freiwillig von den zwangsweise Mobilen. Die Behauptung, der geographische Raum sei durch den ‚Raum der Ströme’ ersetzt worden, kann an Zynismus grenzen.“

Wirklich prekär und gefährlich am Globalismus ist, dass er genau dieses Identitätsbedürfnis nicht nur nicht befriedigt, sondern die Orte aus der Weltkarte wäscht und durch Standorte ersetzt: durch wirtschaftliche Relais’ in einem unwirtlich gewordenen globalen Schaltkreis. Wie das Gertrude Stein in ihren unsterblichen Worten ausgedrückt hat: „There is no there, there.“ Der Ortsinn findet keine Orte mehr, dafür Trost in der Herdenwärme einer Ideologie des Ortes, die uns Populisten aufschwatzen.

Die einäugige Globalgeschichte

Die aufklärerisch gesinnten Gründerväter der USA prägten den Wappenspruch „E pluribus unum“ – aus vielen eines. Heute müsste es heissen: „E unum pluribus.“ Ist das Weltbürgertum eine schöne aufklärerische Illusion, der Mensch ein unverbesserliches Stammestier? Ja und nein. Wir sind Stammestiere, aber rationale, belehrbare. Abschied vom Homo globalis bedeutet also, das alte Ideal der Aufklärung von einem tribalistischen und weniger von einem rationalistischen Ansatz her neu zu befragen. Er bedeutet, dass wir die „andere“, dem technologischen und ökonomischen Fortschritt abgewandte Seite des Menschen in die globalpolitische Rechnung einbeziehen.

Die integrierende Kraft eines durch Wirtschaftswachstum gehobenen Lebensstandards ist das eine; der blinde und unreflektierte Glaube an diese Kraft ist das andere. Sie allein befreit nicht, auch wenn sie sich mit dem Epithet „liberal“ schmückt. Die Erzählungen der Globalisierer illuminieren immer nur jene Gebiete der Erde, in denen technologische und ökonomische Konvergenzen zu verzeichnen sind. Alle anderen lassen sie im Schatten einer Globalgeschichte liegen, und damit tauchen sie auch jenen Teil der Erdbevölkerung ins Dunkel, der buchstäblich auf der Strecke bleibt. Und dieser Teil, so scheint es, wird immer grösser.

Den Historikern dämmert es

Das merken jetzt auch die Historiker. Jeremy Adelman, Leiter des Global History Lab an der Princeton University, schrieb kürzlich in seinem Essay „What is global history now?“ (1) freimütig, dass er sich zu sehr auf eine einäugige historiographische Perspektive kapriziert habe: „Mehrere Jahre lang nahm ich den Internationalisierungsdrive von Princeton nicht zur Kenntnis, der globale Versorgungsketten des Wissens kreierte. Es fiel mir und anderen nie ein zu fragen: Was geschieht mit diesen lokalen Bürgerbewegungen von einer Dimension, die kleiner und weniger sexy ist? Wir sorgten uns nicht gross darum. Sie waren Requisiten des Provinzialismus, die still von der Bühne weggetragen wurden, wo wir die Erziehung des neuen Homo globalis probten.“

Homo localis

Ich möchte hier eine Gegenfigur zum „Homo globalis“ ins Spiel bringen: den „Homo localis. Es wäre falsch, ihn sich einfach als Krähwinkler vorzustellen. Man kann mit einem Ort, mit lokalen Traditionen und Sitten verbunden sein, ohne an sie gebunden zu werden. Es liesse sich sogar behaupten, dass die Seele des Menschseins in der Provinzialität liege. Verwechseln wir nur nicht Provinzialität mit Provinzialismus, also einer ideologischen Sklerose des Heimischen und Hiesigen. Hiesigkeit hat wenig mit Ortsansässigkeit, -verwurzelung oder überhaupt mit Herkunft zu tun. Hiesigkeit heisst, nicht zu verlernen, die Welt in der Perspektive des Ortes, in der Perspektive lokalen Lebens wahrzunehmen.

Vor fast zwanzig Jahren hat Martin Walser sogar Naturschönheit vom Lokalen her thematisiert: „Natur ist der Inbegriff des Lokalen; ich würde lieber sagen: des Hiesigen; also des überall Hiesigen. Hier darf ich mir von Nietzsche zurufen lassen: ‚Wir müssen wieder gute Nachbarn der nächsten Dinge werden und nicht so verächtlich wie bisher über sie hinweg nach Wolken und Nachtunholden blicken‘.“

Städte: Stätten des lokalen Lebens

Nachbarn, nächste Dinge – wir finden sie an unseren Wohnorten, die heute zusehends urbanisiert sind. Vielleicht ist es bloss Zufall, dass in letzter Zeit gerade aus Kreisen der Architekten und Urbanisten eine Kritik am Städtebau vernehmbar wird, die ebenfalls – wie ich sie interpretiere – um den Homo localis dreht. Jean Nouvel zum Beispiel hat kürzlich in „Le Monde“ Fraktur geredet. Dabei wirft Nouvel der bisherigen Stadtplanung vor, im Zeichen von Verdichtung und Funktionstrennung den Städten das urbane Leben ausgetrieben zu haben. Implizit kritisiert Nouvel an der Planung, zu wenig aus der Perspektive der lokalen Bewohner zu denken, zumal aus der Perspektive der interkulturellen Nachbarschaften, die in den metropolitanen Gegenden von heute unumgänglich sind. Der japanische Architekt Ryūe Nizhizawa plädiert kürzlich in der „Zeit“ für eine „lebenswerte Enge“ in den Städten: „Nachbarschaft wird sich zu einer Lebensform entwickeln. Also sollten Architekten nicht einfach Häuser entwerfen, sondern Atmosphären zum Leben.“

Das Paradox eines globalen Wir

Spätestens hier meldet sich der Einwand: Aber verlangt denn eine verflochtene Welt mit ihren akuten Problemen – Klima, Menschenrechte, Migration, Energieressourcen, gerechter Freihandel, Arme und Reiche – nicht eine globale Perspektive? Ist eine Verpflichtung auf ein globales Wir nicht unumgänglich, ja, ein Gebot der Stunde?

Gewiss. Aber das Paradox ist, dass dieses globale Wir ein Ideal ist, dem wir alle nur begrenzt nachleben können. Und zwar nicht einfach, weil wir provinziell, borniert oder von partikularen Interessen bestimmt sind, sondern weil wir – Menschen sind. Der Homo localis ist, mit anderen Worten, als anthropologische Konstante zu berücksichtigen. Wir kommen nicht als Weltbürger zur Welt und wir werden in der Spanne unseres Lebens auch nicht zu Weltbürgern.

Den Kosmoplitismus messen

Das ist kein resignativer Bescheid. Im Gegenteil. Ich ziehe hier eine mathematische Analogie bei: Den Grenzwert einer unendlichen Folge erreichen wir nicht durch endliche Schritte; zum Beispiel strebt die Folge 1/2, 2/3, 3/4, 4/5, ... gegen 1, aber wir können uns der 1 nur sukzessive annähern, wir erreichen sie nie. In diesem Sinne ist das globale Wir ein „Grenzwert“, dem jeder, auf seine Weise, nahekommen kann und soll. Der Grenzwert gibt unserem lokalen Leben ein über das Begrenzte hinausweisendes Ziel. Wir sollten unseren Kosmopolitismus an den Schritten weg vom Provinzialismus messen, nicht am Ziel.

(1) Jeremy Adelmann: What is global history now? Aeon, 2.3.2017; 

Kommentare

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Archery!
Respekt und ein grosses Kompliment!
Sie ein Schütze, Ihr Schreibzeug der Bogen, ihr Blatt als Pfeil, Bravo! Hoch verdichtete Konzentration, Pfeil trifft Ziel! Schiessen soll sein wie fliessendes Wasser. Ihre Wahrnehmungstechnik hochprofessionell. Danke für diesen Artikel. … cathari

Besten Dank Herr Kaeser für ihren hervorragenden Artikel. Es wird in Zukunft von immenser Wichtigkeit sein, wie wir den Spagat zwischen Provinzialität und Globalisierung schaffen. Hierbei kommt der Architektur und Städteplanung eine entscheidende Rolle zu. Zwei Beispiele in Zürich - Nord: Der Glattpark mit seinen englischen Namen von Plätzen und Strassen und einer wenig einladenden Architektur schafft wohl keine Nachbarschaft, in der man sich wohl fühlt. Hingegen ist das Hunziker - Areal ein Ort, wo Begegnungen Nachbarschaft herstellen. Nur wenn der Mensch ein Ort des Seins gefunden hat, wird es ihm möglich sein, sich mit der Welt soweit zu identifizieren, als dass er sie zumindest in sein Leben miteinschliesst.

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