Wer vertritt die Rechte des Kindes?

Günter Rager's picture

Wer vertritt die Rechte des Kindes?

Von Günter Rager, 30.05.2015

„Der Embryo ist ein Zellhaufen, der sich später entwickeln kann zu einem Menschen“. Das war die grundlegende Aussage von Bundesrat Berset zu Beginn der Sendung „Arena“ am 15. Mai 2015.

Dass der Embryo zu Beginn seines Lebens noch kein Mensch ist, scheint das Dogma vieler Befürworter der Präimplantationsdiagnostik (PID) zu sein.

Für dieses Dogma gibt es jedoch keine reale Grundlage. Ein Haufen bedeutet, dass die einzelnen Elemente in beliebiger Nachbarschaft liegen und ausgetauscht werden können. Im Gegensatz dazu bilden die Zellen des Embryos eine organische Einheit. Sie kommunizieren miteinander und teilen sich schon sehr früh die Aufgaben, die zu regionalen Differenzierungsunterschieden führen. Sie bilden ein hochkomplexes, aber einheitliches System von Interaktionen, wie molekular- und zellbiologische Untersuchungen gezeigt haben. Dieses komplexe System ist umgeben von einer schützenden Hülle, die die Einheit des Embryos gewährleistet. Entfernt man diese Hülle, dann zerstört man die Einheit des Embryos. Unter biologischen Gesichtspunkten gibt es also keinen Grund, den Embryo als einen Zellhaufen zu bezeichnen.

Unter logischen Gesichtspunkten beinhaltet dieses Dogma einen inneren Widerspruch. Wie soll aus einem Nicht-Menschen (Zellhaufen) ein Mensch werden, wenn nicht schon in der befruchteten Eizelle alle Potentialitäten vorhanden sind, die von sich aus die Entfaltung des Menschen herbei führen? Die Rede vom Zellhaufen ist also durch nichts begründet. Trotzdem wird sie zur Grundlage einer Gesetzgebung gemacht, welche das Töten von vielen Menschen erlaubt.

Die Verfassungsänderung, über die am 14. Juni abgestimmt wird, soll die Voraussetzungen schaffen für die Änderung des Fortpflanzungsmedizingesetzes, welches die Anwendung der PID regelt. Gemäß diesem Gesetz dürfen bis zu 12 Embryonen generiert werden. Ferner wird die Anwendung der PID nicht mehr auf Eltern eingeschränkt, bei denen die Gefahr einer schweren Erbkrankheit besteht, sondern steht grundsätzlich allen Eltern offen. Die vielberufene Einschränkung der Zahl der hergestellten Embryonen auf 12 durch den Ständerat ist dabei ethisch nicht mehr relevant, weil die bisher von der Verfassung (Art.119 2 c) festgelegte Verpflichtung außer Kraft gesetzt wird, nämlich alle entwickelten Embryonen einzupflanzen.

Was geschieht, wenn alle zwölf Embryonen gesund sind und nur einer oder zwei eingepflanzt werden? Auf diese Frage gab Herr Berset in der Arena keine Antwort. Darauf gibt es auch nur eine Antwort: Diese Embryonen, diese Kinder, werden schlussendlich getötet. Mit dem ideologischen Apriori, dass diese Embryonen noch keine Menschen sind, wäre das auch zugunsten höherer Werte zu ertragen, nicht aber, wenn es sich um Menschen handelt, die ein Recht auf Leben haben. Herr Berset argumentierte in der Arena, dass die Verfassungsänderung und die Änderung des Gesetzes keine Pflicht zur PID bedeute, sondern die Entscheidung den Eltern überlasse. Das klingt zunächst liberal. In Wirklichkeit wird damit das Töten der Embryonen vom Staat her erlaubt. Wäre es aber nicht die vornehmste Pflicht des Staates, das Leben der Menschen und damit auch der Embryonen zu schützen (Art. 10 der Verfassung)?

Die Geschichte der Gesetzgebung in der Fortpflanzungsmedizin ist eine Geschichte der Dammbrüche. Die Bedingung, dass „nur so viele menschliche Eizellen außerhalb des Körpers der Frau zu Embryonen entwickelt werden, als ihr sofort eingepflanzt werden können“ (Art.119 2 c), wurde in die Verfassung geschrieben, um die Zustimmung des Volkes zur In-vitro-Fertilisation zu erhalten. Mit strengen Leitplanken für das Einhalten dieser Bestimmung sollte das Fortpflanzungsmedizingesetz sorgen. Doch schon in der Arena vom 12.11.2004 (Debatte über die Forschung an embryonalen Stammzellen) wurde öffentlich und in der Gegenwart von Bundesrat Couchepin mitgeteilt, dass es in gynäkologisch-geburtshilflichen Kliniken üblich sei, bis zu sechs Embryonen zu entwickeln. Die Forschung an embryonalen Stammzellen sollte ebenfalls nur unter stark restriktiven Bedingungen erlaubt sein. Doch schon am Abend des Abstimmungstages, an dem das Volk der embryonalen Stammzellforschung zugestimmt hatte, verkündete Felix Gutzwiller weitere Schritte der „Liberalisierung“.

Im Vorfeld der jetzigen Debatte hat die nationale Ethikkommission bereits die Eizellen- und Embryonenspende sowie die Leihmutterschaft befürwortet, die bisher in der Verfassung (Art. 119 2 d; Fortpflanzungsmedizingesetz Art. 4) verboten sind. In der Parlamentsdebatte wurden weitere Vorstöße unternommen, wie z.B. die Erzeugung von Retterbabies zuzulassen. Zwar wird immer wieder betont, man wolle streng auf die Einhaltung der Gesetze achten, aber die schiefe Ebene (slippery slope) ist schon längst beschritten und ein Ende ist nicht abzusehen. Nur wenn der Embryo als Mensch anerkannt und sein Recht auf Leben geschützt wird, können wir wieder zu einer Gesellschaft werden, wie sie die Verfassung beschreibt und vorschreibt. Viele Interessen werden durch die geplante Verfassungsänderung und Gesetzgebung berücksichtigt. Die Interessen des Hauptbetroffenen, nämlich des Kindes, werden nicht beachtet. Es wäre höchste Zeit, dass der Staat auch die Rechte der wehrlosen Kinder vertritt. Dazu gehört in erster Linie das Recht auf Leben.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Vielen Dank Herr Rager. Dafür, dass Sie aussprechen, was man geren bagatellisiert und einfach wegwischt. Die Ethikkommissionen und die Politiker haben sich der Machbarkeit unterworfen. Und so wird es weitergehen: Was man kann, das macht man auch; die "Ethik" wird danach zurechtgebogen.
Wie ereifert man sich doch, über unsere "schrecklichen" Vorfahren zu urteilen, die damals der Degenarationslehre anhingen und daraus logischerweise für die Erhaltung gesunden Erbgutes eintraten. Damals wurde "unwertes Leben" zerstört, heute "wertes Leben". Später einmal werden andere über uns zu Gericht sitzen. Aber bis dann haben wir ja unsere Ideologie, unsere Bedürfnisse und unsere Geschäfte erfüllt und getätigt.
Für mich wieder einmal der Beweis, wie verlogen unsere Politiker sind.

Die Argumentation zum Thema "kein Zellhaufen" gilt nicht nur für Menschen, sondern auch zB für Zwiebeln, oder Kohl, oder Karotten. Allerdings nehme ich an, dass Herr Rager nicht darauf verzichtet, Gemüse zu essen?

Gewichtigere Gründe zum weiteren Runterrutschen auf dem schlüpfrigen Hang scheinen mir die Bedürfnisse des geborenen Kindes zu sein: ob und welche Spätfolgen es gibt, die sich womöglich auch erst über Generationen hinweg zeigen, ist noch unbekannt. Wir sind noch nicht da, wir können es nicht wissen.

und ein weiterer Aspekt ist: es kann ein Geschäft darauf gemacht werden, es WIRD ein Geschäft daraus gemacht werden, und Geschäfte rund um Kinderwunsch sind grösstenteils sehr unschön.

und zu guter Letzt: es gibt kein Recht auf ein Kind, und Menschen, die wissen, dass sie eine genetische Belastung haben, die sie nicht weiter geben wollen, könnten durchaus auch auf eigene Kinder verzichten. Es gibt mehr als genug Kinder auf der Welt, die die Unterstützung freundlicher Erwachsener gut brauchen können, auch wenn sie nur weitläufig und nicht eng miteinander verwandt sind!

En hervorragender Artikel. Ein herzliches Dankeschön an Herr Günter Rager. Alle die sich noch irgendwie christlich wähnen und am 14. Juni kein entschiedenes NEIN zur PID in die Urne legen, können sich, nach
meiner Meinung, ihr Christsein gründlich abschminken. Dies gilt insbe-sondere für die CVP, die das höhere "C" in ihrem Namen entwürdigt.
Besser wäre statt von der CVP künftig bestenfalls von der PVC (Partei-Volk-Christlich) zu sprechen.

Mensch oder Nichtmensch ist hier die Frage!
Um Gut und Böse unterscheiden zu können, hat Gott den Sündenfall inszeniert. (Katzen kennen so was nicht) Möglicherweise wird heutzutage ein zweiter Sündenfall in die Wege geleitet. Auch um eines Tages zu verstehen, zu lernen, dass jenseits der Physik, in anderen Dimensionen, Raum und Zeit zur gleichzeitigen Unendlichkeit werden. Da sich Geist mathematisch nicht formulieren lässt, keine physikalische Funktion, auch keine atomaren Quellen hat, sind Gedanken relativ frei. Sie bewegen sich dennoch innerhalb der Horizonte unserer Erkenntnisse. Der Schritt in die Vieldimensionalität blieb uns bis anhin weitgehend verborgen. Wir begannen Dinge zu tun, von denen wir nicht wissen was wir tun. Dadurch, dass Geist Komplexe vollinhaltlich ohne Zeitbedarf erfasst, sich Materie ordnend bedient und wir drein pfuschen, können wir weder die aktuellen noch die Langzeitfolgen wirklich abschätzen. Diese Feststellung bezieht sich weniger auf die machbare und funktionierende Selektion, sondern eher auf einen angestrebten Machbarkeitswahn. Einer der die Menschheit auf den Weg in die Ungewissheit führt. Mit dem Wort Selektion, Auswahl, Verwerfen machen wir eventuell unbewusst den Göttern in unserem Fall einem monotheistischen Gott die Schöpfungsaufgabe streitig. Der Zorn Gottes wird sich an den Resultaten manifestieren, ohne Blitze, oder einer Sintflut. I.N.R.I.—Dies ist meine Ansicht. .. cathari

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren