Die sich stauenden Fahrzeuge auf der Gotthard-Route sind der Normalfall. Daran aussergewöhnlich ist lediglich das Medieninteresse, als ginge es um eine jäh überraschende Jahrhundert-Katastrophe. Über Stauprognosen, Kolonnenlängen, Wartezeiten, Klagen der Genervten und Verbesserungs-Vorschläge wird in Hülle und Fülle und in Wort und Bild berichtet. Der Stau ein Gau.
Als wäre es ein Menschenrecht, jederzeit unbehelligt an jeden Ort reisen zu können. Eine Utopie. Es gehört zur Natur des Strassennetzes, nicht nur frei benutzt werden zu können, sondern auch unterhalten werden zu müssen. Zwangsläufig mit Absperrungen, Spurverengungen, Temporeduktionen und Umleitungen. Auch wegen der Unfälle, die unachtsame Fahrzeuglenker Tag für Tag verursachen. Von Erdrutschen und Lawinen nicht zu reden.
Ohne Staus, aus jedwelchen Gründen, kein Strassennetz. Und keines, das sich dem Verkehrsaufkommen sofort anzupassen vermag. Im Gegensatz zum öffentlichen Verkehr. Er kann zur Entlastung sofort Extrazüge und Extrabusse einsetzen. Extrastrassen für den Notfall gibt es nicht.
Patenzrezept Maut
Also dauerhaft bei der Gotthard-Autobahn die Spurenzahl vermehren? Eine jahrelanges Unterfangen. Mit baulich bedingten Engpässen. Zudem lehrt die Erfahrung, dass breitere Strassen nach kurzer Zeit für Mehrverkehr sorgen. Milliardenkosten für nichts.
Als Patentrezept stehen Mautgebühren hoch im Kurs. Vorzugsweise für Ausländer. Das würde die EU als Diskriminierung glatt verbieten. Deutschland versuchte trickreich die Umgehung, wurde von Brüssel zurückgepfiffen und sitzt nun wegen der aus Rechthaberei teuer getroffenen Vorbereitungen auf einem stattlichen Schuldenberg. Ein helvetisches Zweittrauma muss nicht sein.
Drohender Mautgraben
Wenn schon, sollte die Maut auch für Fahrzeuge mit schweizerischen Kennzeichen gelten. Das würde wegen der im Tessin Wohnhaften heikel. Ausnahmen wären unumgänglich. Ob die Gebühren ebenfalls den Nicht-Tessinern mit eigenem Feriendomizil im Südkanton erlassen werden müssten? Eine Diskussion in der Endlosschlaufe wäre garantiert. Samt der Frage, wie klug es staatspolitisch ist, neben dem Röstigraben noch einen Mautgraben auszuheben.
Abgesehen davon: Die verkehrssenkende Wirkung der Maut ist alles andere als gewiss. Die Benutzung des Brenners kostet für PKW in einer Richtung 12.50 Euro. Gleichwohl mühen sich jährlich 16 Millionen Fahrzeuge über den Pass. Sechs Millionen auf der Gotthard-Route.
Klagen klingen hohl
Wer sie wählt, weiss mit Sicherheit, was ihm blüht: Eine Schritt-Tempo- und Warte-Strapaze. Besonders stressig für die im Tessin Wohnhaften, die zwangsläufig oft in beiden Richtungen reisen. Den Touristen sind die Alternativ-Routen zumutbar. Wenn es dennoch der Gotthard sein muss, dann geschieht es vorgewarnt und freiwillig. Die Klagen klingen hohl.
Jene aus dem Kanton Uri entschieden ausgenommen. Der Ausweichverkehr über die Kantonsstrasse und durch enge Ortschaften ist eine bösartige Plage, die dringend aus der Welt gehört. Das Wohl der Einheimischen verdient höchste Priorität.
Menschlicher Ur-Reflex
Unter die Lupe genommen wird klar, wie wenig der wiederkehrende Mega-Stau ein Kapazitätsproblem ist, sondern eine Folge des Herdentriebs. Der Masse ist der Irrtum fremd. Wohin sie strömt, ist richtig. Ein menschlicher Ur-Reflex. Mit Psychologie müsste er übersteuert werden. Dann würden Ausbau und Maut zu Ladenhütern.
Automobilistische Einsicht und Vernunft wären zweifellos günstiger und schneller wirksam. Sofern sich der Verstand und der Glaube ans Menschenrecht auf freie Fahrt nicht gegenseitig ausbremsen. Ein frommer Wunsch. Darum ist selbst die langfristigste Prognose so sicher wie das Amen in der Kirche von Wassen: Super-Stau bleibt schicksalshaft das Synonym für Gotthard.